Der Teflon-Mann

Nichts bleibt haften Günther Jauch im Spiegel der Medien

Unseren täglichen Jauch gib uns heute, bat das Volk, und ihm ward wohlgetan: Drei Mal pro Woche Wer wird Millionär?. Mittwochs stern TV. Manchmal noch zusätzlich Sportmoderationen oder eine abendfüllende Sondereinlage wie Typisch Mann - typisch Frau, Die 5-Millionen-SKL-Show, Der große IQ-Test. Dieses Jauch-TV ist zu einer Kategorie mit eigenen Maßstäben geworden, zu einer Art Subunternehmen des Wirtssenders RTL.

Das Publikum sieht´s gern. Günther Jauch erzielt Umfrageergebnisse der Superlative. Er sei der beliebteste Moderator, wenn nicht sogar der beliebteste Deutsche, obendrein sexy, sagt man, und schlau sowieso. Ein ganzes Volk ist seinem Charme erlegen; seine auch im 50. Lebensjahr anhaltend jungenhafte Ausstrahlung stimmt die grimmigsten Kritiker milde. Die Zeit hätschelt ihn als jemanden, der "im Privatfernsehen glaubwürdig geblieben ist". Der Tagesspiegel findet, dass Jauch "Vertrauen schafft und die Herzen wärmt".

Niemand scheint sich mehr daran erinnern zu wollen, dass sich die Presse nicht immer so handzahm verhielt. 1982 bezog Günther Jauch als Handlungsträger der ARD-Showreihe Rätselflug sogar tüchtig Schimpf und Schelte, weil er, so die Neue Zürcher Zeitung, "ebenso schamlos wie rüpelhaft in die Ruhe einer buddhistischen Klosteranlage" eindrang. Als "frech, rücksichtslos, anmaßend und dumm" empfand auch der Schweizer Tagesanzeiger den Sendboten deutscher Fernsehunterhaltung.

Jugendsünden halt, Schwamm drüber. Jauch zog seine Lehren, tat sich durch gute Arbeit hervor und konnte Anfang 1989 dem Spiegel, seinem bekannt bescheidenen Naturell entsprechend, mitteilen: "Ich weiß, dass ich gut bin." Eingedenk dieser Selbsterkenntnis musste Jauch als narzisstische Kränkung empfinden, was er nur wenig später wiederum im Spiegel so beschrieb: "Die [gemeint ist die ARD] haben mir eine Moderation angeboten. Kurz vor der Sendung frag´ ich: Das bleibt doch dabei? Ja, ja, sagt der Bayerische Rundfunk. Dabei hatte der Westdeutsche Rundfunk einen anderen Moderator vorgesehen und der SFB einen dritten. Schließlich sitzen zehn ARD-Koordinatoren mit ihrem Obstmesserchen vor dem Gordischen Knoten, und jeder säbelt daran herum. Und am Ende haben die sich wirklich auf den SFB-Mann geeinigt, und ich bin raus." Raus hieß fristlose Kündigung durch den Bayerischen Rundfunk, weil Jauch den Sender öffentlich bös kritisiert hatte. Was damals zunächst sehr mutig wirkte und zu Jauchs Profilierung beitrug, sich in Anbetracht des nur wenige Wochen später vollzogenen Wechsels zu RTL jedoch ganz anders darstellt.

Welch eine Genugtuung für den einst schmählich Abgewiesenen, dass inzwischen ARD-Gewaltige wie Jobst Plog (NDR) und Fritz Pleitgen (WDR) um seine Gunst buhlen. Da wird er beim Verhandeln manches Mal dieses spitzbübische Lächeln aufgesetzt haben, das die von ihm kujonierten Quizkandidaten kennen und viele wohl auch fürchten. Vor dem für 2007 geplanten Arbeitsantritt bei der ARD als Nachfolger Sabine Christiansens musste allerdings zunächst speziell Einigung über Jauchs vielfache Werbeaktivitäten erzielt werden. Eine Tätigkeit, der er 1989 ein energisches "Niemals!" entgegengeschleudert hatte. Zwei Jahre später erlag er der Versuchung. Allerdings sollte der Mietauftritt eigentlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Jauch wirkte in einem 20-minütigen, für den internen Gebrauch vorgesehenen Werbefilm der Vertriebsfirma Amway mit und schwärmte, so die Süddeutsche Zeitung damals, "in für ihn manchmal recht verwunderlichen Sätzen von den segensreichen Produkten dieser Firma und lobt die unternehmerischen Chancen, die sein Auftraggeber jedem Menschen eröffnet, der nach Selbständigkeit und finanzieller Unabhängigkeit strebt".

Der Direktvertrieb Amway stand zu dieser Zeit in schlechtem Ruf, betrieb seine Geschäfte nach dem Schneeballsystem und versuchte seine Subunternehmer auch ideologisch zu binden. "Ein System, das zum Alptraum werden kann, wenn man es nicht rechtzeitig erkennt", schreibt Uwe Sonnabend, der seine Erfahrungen mit Amway in dem Buch Der geliehene Traum verarbeitete. Die Zeitschrift Öko-Test befand 1993: "Der Kult ging so weit, daß einige Amway-Mitarbeiter sogar Gottesdienste abhielten, Trauungen und Kindersegnungen in der Amway-Gemeinde vornahmen." Im selben Text heißt es: "Trotz vieler kritischer Berichte über das Unternehmen konnte sich offenbar selbst TV-Saubermann Günther Jauch der faszinierenden Amway-Propaganda nicht entziehen. Er ließ sich vor den Werbekarren der Firma spannen und verbreitete vor der Kamera fleißig das Märchen von der verheißungsvollen Zukunft."

Der in Rechtfertigungszwang geratene Sünder setzte den erprobten entwaffnend treuherzigen Blick auf und gab in der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll, er habe recherchiert, "dass die Firma Amway noch niemanden richtig reingelegt, also betrogen hätte." Wenig herzlich, wie die Süddeutsche damals den Kasus kommentierte: Jauch habe sich geoutet als "einer, der die Schwelle von den Edlen Tropfen in Nuss zum faulen Brackwasser der Korrumpierbarkeit fast schon überschritten hätte (...)". Doch Jauch erwies sich als Teflon-Mann - nichts blieb haften. Heute zählt er zu den glaubwürdigsten Werbeträgern, was er weidlich nutzt. Die nicht geringen Nebeneinnahmen kommen nach Jauchs Bekunden wohltätigen Zwecken zugute. Solche Mitteilungen bekommen dem Image, was wiederum den Marktwert erhöht.

Jauchs nächste Verhaltensauffälligkeit ist heute bekannt als "Born-Affäre", und abermals kam er glimpflich davon. Mehr als erstaunlich, vertieft man sich noch einmal in die Einzelheiten. Das von Jauch moderierte, zeitweilig auch geleitete Magazin stern TV hatte über Jahre hinweg manipuliertes Material des freien TV-Produzenten Michael Born angekauft. Nach anfänglich seriöser Tätigkeit war Born - eigener Aussage zufolge auf Drängen seiner Auftraggeber - dazu übergegangen, spektakuläre Beiträge herzustellen, indem er Berichte fingierte und bei Filmaufnahmen Komparsen einsetzte. Als Born einen deutschen Ableger des US-Geheimbunds Ku-Klux-Klan erfand und sich die Staatsanwaltschaft für die rechtsradikalen Zipfelmützenträger interessierte, flog der Fälscher auf.

Born wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Strafmaß resultierte aus der Summe der Vergehen: Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass, Urkundenfälschung etc. Den angeblichen Betrug wertete das Gericht dagegen gering. Born hatte stern TV nur Rohmaterial geliefert, die eigentlichen Beiträge entstanden dort. Ein zeitweiliger stern tv-Mitarbeiter trat sogar für einen der Filme vor die Kamera. Dennoch wollte niemand die Fälschungen bemerkt haben. Nicht einmal im gerichtsnotorischen Film über ein angebliches Bombenattentat in Bethlehem, bei dem die gefilmten Personen die lautstarke Explosion kühl ignorieren. Kein Wunder - der Knall war nachträglich hinzugemischt worden. Für Günther Jauch kein Grund für kritische Fragen, denn: "Dort unten kracht es sehr oft, dort haben sich die Leute schon daran gewöhnt." Dieser bei der Einvernahme vor Gericht getätigten Aussage mangelte es doch sehr am "unverwechselbaren Charme" und an der "rhetorischen Eloquenz", die Jauch attestiert wurden, als er 2002 einen Grimme-Preis erhielt. Pikant: Jauch, der sich hier so kundig über die Verhältnisse im Nahen Osten äußerte, hatte 1989 seinem damaligen Arbeitgeber, dem Bayerischen Rundfunk, öffentlich journalistische Mängel vorgeworfen. Seine früheren Kollegen dürften sich die Hände gerieben haben.

Doch schon kurz nach der "Born-Affäre" hatte Jauch sein öffentliches Image wieder im Griff. Spätestens mit Übernahme der weltweit erfolgreichen Quizsendung Wer wird Millionär? gelangte der Show-Profi, so die FAZ, "in ein Reich jenseits von Gut und Böse", in dem ihm niemand mehr etwas anhaben konnte. Jauch prüft genau, in welchem Umfeld er auftritt, auch trennt er sein öffentliches Wirken sorgsam von seiner Tätigkeit als Fernsehproduzent. Kaum ein Zuschauer verbindet Sendetitel wie Der große Haustier-Test oder Die Uri Geller Show mit dem Namen Jauch. Als Gesellschafter der Herstellungsfirma I U zeichnet er für diese Formate ebenso verantwortlich wie für die stern TV Reportage, deren Beiträge selten der Sparte Qualitätsjournalismus zuzuschlagen sind.

Zwar muss Jauch, wie er selbst sagt, für seinen Lebensunterhalt nicht mehr arbeiten. Sollte ihm aber an der Zukunft seines von RTL und Vox gut beschäftigten Unternehmens liegen - und laut Brancheninsidern spricht einiges dafür - wird er sich seine Verbindungen zur RTL-Gruppe trotz des kaum noch abwendbaren ARD-Engagements warm halten. Denn ein Auftragsvolumen in annähernd gleicher Höhe kann ihm die vielgestaltige ARD auf absehbare Zeit kaum garantieren. Ohnedies hat man bereits manchen Purzelbaum geschlagen, um Jauch zu einem wöchentlichen Abstecher ins öffentlich-rechtliche Fernsehen zu locken. Das Nachsehen haben Journalisten wie der WDR-Mann Frank Plasberg (Hart aber fair), der auf eine weniger schillernde Berufsbiografie zurückblickt. Offenbar muss er erst im Privatfernsehen von sich reden machen, ehe ihm die Aufmerksamkeit der ARD-Potentaten zuteil wird.


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00:00 24.11.2006

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