Der Terror der Freiheit

Integration vor der Integration Eine Reise nach Wroclaw, Krakau und Warschau zeigt die polnische Identität im Wandel

Niemand von uns, nicht einmal in seinen schwärzesten Visionen, wäre auf die Idee gekommen, nach Schlesien zu fahren". Glaubt man dem polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk, waren die ehemaligen deutschen Ostgebiete in den achtziger Jahren in Polen nicht sonderlich beliebt. Wer heute durch Niederschlesien nach Wroclaw, ins frühere Breslau, fährt, kann verstehen, was der 1960 geborene Stasiuk in seiner intellektuellen Autobiographie Wie ich Schriftsteller wurde schreibt. Beständig fragt man sich, wo der deutsche Mythos denn nun steckt. Monotone Ebenen bis zum Horizont, dazwischen verstecken sich in der Vormoderne versunkene Dörfer, in denen ein paar verrottete Plattenbauten in den weiten Himmel ragen. Die Radkappen westlicher Nobelkarossen säumen wie Meteore aus einer außerirdischen Zukunft die löchrigen Straßenränder. Niederschlesien ist ein trostloser Landstrich. Kein Wunder, dass sich Stasiuk und seine Kumpane lieber die Nächte in der Warschauer Gegenkultur um die Ohren schlugen.

Polen im Übergang. Nicht nur in Schlesien findet man immer noch die klassischen Insignien postsozialistischer Transformation. Jeden Morgen von sechs bis zwölf setzt in Warschau eine Völkerwanderung ans rechte Weichselufer ein. Tausende decken sich in dem bis auf den letzten Tribünenplatz mit Schwarzmarktständen belegten Sportstadion Dziesieciolecia preiswert mit allem ein, was sie in der Stadt teurer bezahlen müssten: Rasierklingen, Kaviar, Rasenmäher. Und doch hat sich auch dieser einstige Sowjetsatellit das bunte Gewand der westlichen Konsumkultur angelegt. So viele Rossmann, Obi-BauMarkt- und Deutsche Bank-Filialen findet man in Deutschland nicht, wie sie die polnischen Innenstädte möblieren. In der Shopping-Mall Galeria Dominikanska am Rande der Wroclawer Altstadt fühlt man sich minutenlang wie im Leipziger Hauptbahnhof. Während der Zugfahrt durch die grauen Vorstädte Warschaus taucht plötzlich am Firmament der Mercedes-Stern auf. Das schlagendste Beispiel für diese ästhetische Nivellierung findet man aber mitten in der Hauptstadt. Den himmelsstürmenden Kulturpalast, den Stalin den Polen in den fünfziger Jahren dafür schenkte, das sie sich in ihrer Hauptstadt für seine Armeen abschlachten ließen, fordert jetzt eine überdimensionale Filiale von H heraus. Und im Gebäude des Zentralkomitees von Polens einstiger Arbeiterpartei residiert die Warschauer Börse.

Integration vor der Integration also, wohin man schaut. Eine kulturelle Zäsur wird der 1. Mai für Polen kaum sein, so frappierend wie das einstige Ost-Land seinen westlichen Nachbarn inzwischen ähnelt. Längst ist es auch in den europäischen Kulturaustausch eingebunden. Vergangene Woche traf sich eine illustre Konferenz im Warschauer Königspalast, um über die leidige Frage eines Zentrums für Vertreibung zu diskutieren. 2000 war Krakau europäische Kulturhauptstadt und Polen Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Die offiziellen Kontakte ergänzen die privaten. Im vergangenen Jahr brachte der britische Violonist Nigel Kennedy eine CD osteuropäischer Musik mit der polnischen Band Kroke heraus. Seiner polnischen Freundin Agnieszka zuliebe will er sich jetzt in Polens alter Hauptstadt niederlassen. Genau dorthin brachte der polnische Filmemacher Andrzej Wajda eine andere Attraktion. Wenn man jetzt von der mythischen alten Königsburg, dem Wawel, auf die Weichsel herunter schaut, blickt man auf den sanft geschwungenen Flachbau eines Museums für japanische Kunst und Kultur.

Die negative Seite dieser Nivellierung kann man jeden Morgen am Kiosk kaufen. Fakt heißt Polens Bild-Zeitung. Und sie kommt auch aus dem Berliner Springer-Verlag. Unaufhaltsam klettert die Auflage des Boulevard-Blattes, das sich sogar eine "Intellektuellen-Beilage" leistet. Selbst die Spitzenstellung von Polens führender Tageszeitung, der legendären Gazeta Wyborcza, die aus der Solidarnosc-Bewegung hervorging, hat sie schon angekratzt. Auch sonst sind Polens Medien fest in deutscher Hand. 90 Prozent der bunten Publikumszeitschriften für Frau, Familie und Hund gehören den deutschen Verlagen Springer, Bauer und Gruner Und der süddeutschen Verlagsgruppe Passauer Neue Presse gehören die wichtigsten polnischen Regionalzeitungen.

Der Boom der Boulevard-Presse oder solcher Magazine wie Wprost, das im letzten Jahr mit einem Foto der deutschen Vertriebenen-Funktionärin Erika Steinbach in Nazi-Uniform schockte, erklärt sich aus dem polnischen Nachholbedürfnis an populärer Massenkommunikation. Aber muss gerade Polen der Kriegsschauplatz deutscher Monopolisten sein? Helena Luczywo, die stellvertretende Chefredakteurin der Gazeta Wyborcza, Weggefährtin von Lech Walesa, windet sich, wenn man sie darauf anspricht, dass sie als Anhängerin des freien Marktes und der NATO eigentlich nichts gegen diese Verflechtungen haben könnte. Der charismatischen Kettenraucherin, die mit dem Börsengang ihrer Zeitung über Nacht eine reiche Frau geworden ist, sieht man an, dass sie in dem Arbeiterblatt Robotnik angefangen hat. Vorsichtig verweist sie auf die deutsch-polnische Geschichte und beklagt die Einseitigkeit des entfesselten Marktterrors: "Democracy is hard to take, you know". Ihre Zeitung erfährt ihn gerade am eigenen Leib. Seit ein paar Monaten kauft ein Unbekannter Anteile der Gazeta auf.

Für andere bleibt die europäische Integration eine Chance für Polen. "Je mehr europäisches Recht in diesem Lande herrscht", sagt Jerzy Rasala, Journalist und Ghostwriter von Premierminister Leszek Miller beim Mittagessen mit einem Seitenhieb auf den polnischen Staatsapparat, "desto besser wird Polen regiert". Trotzdem sitzen die Ängste vor allzu viel Integration tief. Wenn es ein Trauma dieses "Volkes ohne Staat" gibt, der zeitweilig völlig von der europäischen Bildfläche verschwand, dann sind es Teilung und verweigerte Souveränität. Kein Wunder, dass Polens Selbstverständnis zwischen Euro-Enthusiasmus und Nationalstolz schwankt. Für jeden Intellektuellen, den man danach fragt, gehört Polen "längst zu Europa". Der EU-Beitritt erscheint ihnen nur wie die überfällige Anerkennung eines Bewusstseins, das der Kommunismus 40 Jahre in Festungshaft hielt. Am Grab des Jagiellonen-Königs Kasimir IV. in der Heiligkreuzkapelle in Krakaus Wawel wird man zum Betrachter einer ästhetischen Ost-West-Begegnung. Der Nürnberger Künstler Veit Stoß hat den Sarkophag aus Salzburger Marmor naturalistisch gestaltet, die Wände der Kapelle sind mit byzantinischen Fresken ausgemalt. "Hier wurde Mitteleuropa geboren", erklärt Agnieszka Sabor stolz dem deutschen Besucher. Die junge Historikerin der Krakauer Universität schreibt für die kleine, linksintellektuelle katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, dem legendären Oppositionsblatt der Krakauer Bischöfe. Die muss jetzt auch um Leser kämpfen.

Zur Pflicht gehört in Polen aber auch der Besuch der Rotunda Raclawicka in Wroclaw. Das täuschend lebensecht arrangierte Panorama-Bild jagt Schulklassen wie Touristen in dem riesigen Rundbau nationale Schauer über den Rücken. Das dem Frankenhausener Panorama von Werner Tübke vergleichbare Werk zeigt eine legendäre Schlacht. Bei dem kleinen Dorf errang der polnische Freiheitskämpfer Tadeusz Koniusczko, der später mit George Washington im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte, im April 1794 einen Sieg über die Russen, verlor aber den Krieg. Ein Jahr später wurde Polen zum dritten Mal geteilt.

Zwischen diesen Extremen verzweigt sich Polens kulturelle Identität nach 1989. Das Beispiel des polnischen Künstlers Piotr Uklanski, der kürzlich mit 100 Fotographien von Künstlern Aufsehen erregte, denen er eine Nazi-Uniform anzog, nährt den Verdacht, dass es eine polnische Kunst im engeren Sinne kaum mehr gibt. Sie bedient sich derselben Strategien der Provokation und Selbstinszenierung wie die globale Weltkunst. Malte Polens Nationalmaler Jan Matejko seine Schlacht bei Grunwald von 1878, eine Apotheose des Sieges der Polen über den Deutschen Orden, noch im Stil des romantischen Messianismus, wollen sich die Gegenwartskünstler ironisch bis poppig von der Last der Geschichte befreien.

Auf der anderen Seite rekonstruiert Polen seine Vergangenheit. Die vielen Klezmer-Lokale, in denen man im Krakauer Juden-Stadtteil Kasimiercz einen angenehmen Abend verbringen kann, sehen zwar stark nach touristentauglicher Folklore aus. Aber seit 1988 feiert man in dem einstigen sozialen Problembezirk ein weltweit beachtetes jüdisches Kulturfestival. Die einen fragen nach der jüdischen - junge Künstler aber neuerdings nach der deutschen Vergangenheit. Schriftsteller wie Olga Tokarczuk oder Stefan Chwin rufen das deutsche Erbe in Polen in Niederschlesien oder Gdansk in Erinnerung. Zbiginiwe Makariewicz birgt aus den Nachkriegs-Schuttbergen in Wroclaw Überreste des deutschen Alltags vor dem Krieg und integriert sie in seine Werke. Kunstbombe hat der Wroclawer Künstler Thomasz Bajer provokativ eine Plastik genannt, die an eine deutsche Weltkriegsbombe erinnert. "Rückwärts in die Zukunft" heißt die Parole dieser kulturellen Spurensucher.

Tief in die Geschichte greifen auch Polens Intellektuelle. Bei ihrer Suche nach Vorbildern für eine neue Identität Polens sind sie auf die Jagiellonen-Dynastie gestoßen. Deren Reich erstreckte sich zwischen 1370 bis 1520 von Böhmen über Ungarn und Polen bis nach Litauen. Könnte nicht ein Land, fragen sie sich, dessen Offiziere sich Jahrhunderte wie Türken kleideten und das sich die deutschen Worte Dach, Ziegel und Rathaus oder italienische Gemüsenamen in die eigene Sprache entlehnte, nicht ein Beispiel für eine neue europäische Multikultur abgeben?

Löst sich also die polnische Identität zu einem Zeitpunkt auf, wo sie sich gerade einmal 50 Jahre ungestört entfalten konnte? Einerseits wird man einem Land, das seine Identität über Jahrhunderte nur in der Kunst retten konnte, wohl mehr als anderen zutrauen, sich im Malstrom der westlichen Nivellierungskultur zu behaupten. US-Präsident Woodrow Wilson soll zu Beginn des Jahrhunderts von dem hartnäckigen Patriotismus des Komponisten Jan Paderewski, einem polnischen Exilanten in den USA, so beeindruckt gewesen sein, dass er bei den Versailler Friedensverhandlungen die Eigenstaatlichkeit Polens durchsetzte. Doch ganz verschwunden ist die Angst vor dem Verlust des Eigenen nicht. Von Monat zu Monat steigt die Zahl der Gegner eines EU-Beitritts. Und der Rechtspopulist Andrzej Lepper, den selbst die knallharten Marktradikalen vom Magazin Wprost einen "gefährlichen Nationalsozialisten" nennen, holt in den Meinungsumfragen für die nächste Parlamentswahl mit der Ankündigung auf, Polen werde das erste Land sein, das vormacht, wie man aus der EU wieder austritt.

Doch nicht nur der erfolgreiche Rechtsaußen liebäugelt damit, dem europäischen Mainstream den Rücken zu kehren. Der "bekloppte Linksradikale" Stasiuk hat sich längst aus Warschau zurückgezogen. 1986 zog er in den äußersten Südosten von Polen, in das Bergdorf Czarne in den Beskiden. Statt nach Paris oder London fährt er von dem Dreiländereck lieber nach Rumänien, in die Slowakei oder die Ukraine. Der ziellosen Stadtfluchten seiner Jugend erinnert er sich mit dem prophetischen Satz: "Die Melancholie der Peripherie umarmte uns wie die allerbeste Geliebte." Nach Schlesien wird er nach dem 1. Mai sicher wieder nicht fahren.


00:00 30.04.2004

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