Der Teufel und Gottes Sohn

Hassprediger Pat Robertson Der Mordaufruf gegen Venezuelas Staatschef Hugo Chávez ist für die US-Regierung nicht kriminell, aber taktisch unklug

"Tötet den Präsidenten", ruft der Geistliche mit bebender Stimme. "Er ist Satan!" Die eben noch im Gebet versunkenen Gläubigen brechen in Jubel aus. Auf solche Worte haben sie gewartet. Dem heimlichen Beobachter indes graut es: Werden sich unter den Adepten des Hasspredigers willige Attentäter finden? Wird seine Saat aufgehen und blutige Früchte tragen? Es ist nur eine Frage der Zeit. Mit einem letzten Segen entlässt der Hirte die Gemeinde in den grauen Alltag. Seine Anhänger werden sich in der Masse verlieren, unerkannt und unbehelligt, gestärkt in ihrem Hass auf alle Andersgläubigen.

Die Szene ist nicht gestellt. Doch ihr Schauplatz ist weder Teheran noch Herat, kein Londoner Hinterhof und keine Kölner Moschee: Sie spielt im US-Bundesstaat Virginia. Um sie zu übersehen, müsste man die Augen absichtlich verschließen. Aber hier in Virginia Beach, 200 km südlich von Washington, ist man wachsam. Akribisch wird jedes Wort des Predigers mitgeschnitten, jede Bewegung, jede Geste mit der Kamera festgehalten: der Mann ist kein unbeschriebenes Blatt. So unauffällig er gekleidet sein mag - kein wallender Rauschebart, kein Turban, statt dessen glattrasierte Wangen, Seidenkrawatte und Maßanzug -, in Virginia kennen und erkennen ihn alle, vom schlichten Streifenpolizisten bis zum Gouverneur. Sein Name ist Pat Robertson und er ist einer der beliebtesten TV-Prediger der USA.

In den vergangenen Jahrzehnten stand er mehrfach im Rampenlicht der großen Politik. Während Reagans "Kreuzzug gegen das Reich des Bösen" war er als Präsidentenberater tätig; 1988 bewarb er sich selbst um das Amt des republikanischen Präsidentschaftskandidaten, unterlag jedoch gegen den "gemäßigteren" Bush senior. Die von Robertson mitbegründete Vereinigung Christian Coalition hat sich seither der ideologischen und vor allem finanziellen Unterstützung ultrarechter Kandidaten bei politischen Wahlen auf allen Ebenen verschrieben.

Um aufrechte (lies: rechte) Christen im ganzen Land zu erreichen, rief der rüstige Evangelist bereits 1960 das Christian Broadcasting Network ins Leben. Dank üppiger Spendengelder, speziell seitens der Rüstungsindustrie, ist CBN heute ein ansehnliches Medienimperium. Dreimal wöchentlich überträgt der Sender Robertsons frohe Botschaften in die amerikanischen Wohnzimmer. Dann brandmarkt der Prediger den Feminismus als Bedrohung, wettert gegen die "Abtreibungssünde", die Darwinsche "Irrlehre", lefties und Homosexuelle.

Und während sich im tristen, alten Europa Politiker aller Couleur zum abendlichen Ringelreihen um die Fahne der "Null-Toleranz" scharen, um "fundamentalistischen Hasspredigern", den Wegbereitern des Terrors, das Handwerk zu legen - gerne auch auf Kosten der Bürger- und Menschenrechte -, sucht Robertsons Lieblingsschaf George W. Bush im fidelen Amerika sein Seelenheil im Frühstücksfernsehen. Denn der Präsident, dessen Kopf in Gottes Namen gefordert wurde, sitzt nicht in Washington, sondern im fernen Caracas: "Hugo Chávez ist der neue Satan. Er ist eine schreckliche Gefahr für die USA".

Die ersten Reaktionen auf die Mordpredigt fielen erwartungsgemäß positiv aus: man schüttelte dem millionenschweren Gottesmann noch im Studio begeistert die Hand, schlug ihm beherzt auf die Schulter und gratulierte ihm zu seiner mutigen Stellungnahme für Freiheit und Demokratie.

Im Weißen Haus hielt sich der Enthusiasmus in Grenzen, zumindest vordergründig. Präsident Bush beließ es bei einem launigen "So etwas gehört sich nicht", womit er der offenen Mordhetze in etwa den Stellenwert des Nasebohrens zuwies. Sein Verteidigungsminister Rumsfeld und der Sprecher des US-Außenministeriums McCormick hingegen stellten unisono klar, Chávez umzubringen, wie es "der einfache Bürger Robertson unangebrachterweise" gefordert habe, gehöre momentan nicht zu den Zielen der US-Außenpolitik. Angesichts steigender Ölpreise und des Dauerbrenners Golfkrieg können die USA weder auf die venezolanischen Öllieferungen verzichten, noch einen Krisenherd in Südamerika entfachen. Daher bemüht sich die Bush-Regierung derzeit, das angespannte Klima zwischen Washington und Caracas zu entschärfen. Offene Gewaltandrohungen gegen Chávez - bis vor wenigen Monaten fester Bestandteil mancher Rundfunkansprache des US-Präsidenten - überlässt man lieber "privaten" Kommentatoren. Für Robertsons moralische Integrität garantiert unterdessen sein Gebetsbruder Ted Haggard, Präsident des amerikanischen Verbandes der Evangelikalen: "Ich kenne Pat seit Jahren, er ist ein guter Mensch."

Wie teuflisch dagegen besagter Hugo Chávez ist, kann jeder "einfache Bürger" mühelos einer Reportage in der aktuellen Ausgabe des Z-Magazine entnehmen. Michael Parenti berichtet dort von den Veränderungen in Venezuela: von erfolgreichen Alphabetisierungskampagnen in ländlichen Gegenden; von der progressiven Ausweitung der staatlichen Gesundheitsversorgung (dank kubanischer Hilfe); vom landesweiten Aufbau basisdemokratischer Strukturen; von staatlichen Preiskontrollen zur Entlastung der Armen.

Angesichts derartiger Teufeleien mag den Baronen des neokapitalistischen Absolutismus die bolivarische Revolution in der Tat "schrecklich gefährlich" erscheinen.

Wenn sich herausstellen sollte, dass Bush jr. Gottes Sohn ist, ist Chávez vielleicht wirklich der Teufel. Bis dahin aber scheinen Zweifel angebracht.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 02.09.2005

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare