Der Tiger springt

Der Vietnam-Krieg (III) 1969 - 1975 Die Vereinigten Staaten wollen ihr Gesicht nicht verlieren

Am 30. April 2005 jährt sich zum 30. Mal das Ende des Vietnam-Krieges. Die ersten beiden Teile der deshalb im Freitag (Ausgaben 10/05 und 12/05) publizierten Textfolge galten den Jahren von der Teilung Vietnams 1955 bis zur legendären Tet-Offensive der Nationalen Befreiungsfront (FLN) Anfang 1968. Zu diesem Zeitpunkt bombardierte die US-Luftwaffe bereits das vierte Jahr über die Demokratische Republik Vietnam im Norden. Zugleich führten mehr als 600.000 GIs in Südvietnam einen Dschungelkrieg, der nicht zu gewinnen war. Ein Ausweg schien sich mit den Verhandlungen anzubieten, die ab Mai 1968 in Paris zwischen den USA und Südvietnam auf der einen, Nordvietnam und der FLN auf der anderen Seite geführt wurden.

"Den Krieg beenden und den Frieden gewinnen", lautet im Sommer 1968 die zweideutige Wahlkampfparole des Republikaners Richard Nixon. Auf den Punkt gebracht heißt das: die eigenen Truppen aus Indochina abziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Bald nach seiner Vereidigung trifft sich der neue Präsident mit dem südvietnamesischen Staatschef General Van Thieu auf der Hawaii-Insel Midway, um den Verbündeten darüber ins Bild zu setzen, wie die USA "den Frieden (zu) gewinnen" trachten. Die Rede ist von einer "Vietnamisierung des Krieges", gemeint ist die "Vietnamisierung" des Krieges am Bodens, während der Himmel amerikanisch bleibt. Bewirkt wird eine "Vietnamisierung der Särge".

Noch auf Midway verkündet Nixon den sofortigen Abzug von 50.000 GIs, denen weitere große Verbände folgen, so dass ab 1970 die Hauptlast des Krieges auf den Schultern der südvietnamesischen Nationalarmee (ARVN) liegt. Deren Oberkommando hält offiziell eine Million Mann unter Waffen - gemessen an der Bevölkerungszahl jeder 18. Bürger Südvietnams - und befehligt von der Ausrüstung her die modernsten Streitkräfte Südostasiens. Doch der Abzug der US-Armee - im April 1972 stehen von einst 600.000 noch 50.000 GIs im Land - zehrt an der moralischen Substanz. Was bleibt, ist ein Koloss auf tönernen Füßen. Allein 1971 desertieren in einem Jahr über 10.000 südvietnamesische Soldaten. Gegen Ende der Krieges, im Frühjahr 1975, wird ein solcher Aderlass die Monatsquote sein.

Als Präsident Van Thieu der "Vietnamisierung" zustimmt, kontrolliert die Nationale Befreiungsfront (FLN) bereits 40 Prozent des südvietnamesischen Territoriums - das Mekong-Delta ebenso wie den größten Teil des Zentralen Hochlandes und die Grenzprovinz Quáng Tri am 17. Breitengrad. Im Juli 1969 wird in Cam Lo nur einige Kilometer südlich dieser Demarkationslinie offiziell die "Provisorische Regierung der Republik Südvietnam" ausgerufen, deren Präsident Nguyen Huu To aus der bürgerlichen Oberschicht Saigons stammt. Dabei ist für die Proklamation von Cam Lo weniger ausschlaggebend, den mittlerweile dritten Staat auf vietnamesischem Territorium zu bilden, sondern eher das Motiv entscheidend, der FLN bei den Pariser Verhandlungen mehr Gewicht zu verschaffen.

Immer wieder versucht die US-Luftwaffe in diesen Jahren, den Ho-Chi-Minh-Pfad soweit zu zerstören, dass mit dem ausbleibenden Nachschub aus dem Norden die Kampfeinheiten im Süden paralysiert werden. Doch gelingt es nie, dessen Verbindungssystem ernsthaft zu erschüttern. Das Netz aus fünf Längsachsen und 21 Querverbindungen erreicht bis 1975 eine Gesamtlänge von 15.500 Kilometern - 3.100 Kilometer davon, die ohne den natürlichen Schutz von Baumkronen sind, erhalten zu beiden Seiten der Piste meterhohe Bambusgerüste, die mit großblätterigen Pflanzen überdacht werden, sich wie ein Tunnel durchfahren lassen und Schutz vor Luftangriffen bieten. Der Weg von Nord nach Süd ist Ziel und Waffe zugleich. Ein Weg wie ein Fluss, der unablässig strömt und sich nicht aufhalten lässt. Geeignet, die Amerikaner begreifen zu lassen, weshalb dieser Krieg nicht zu gewinnen ist.

Über Nacht ein Schlachthaus

Im April 1970 eskaliert der Vietnam-Krieg noch einmal und mehr denn je zum Krieg in Indochina. 40.000 südvietnamesische und 31.000 US-Soldaten marschieren in den Südosten Kambodschas ein. Kurz zuvor, am 18. März 1970, hat der dortige Armeeoberbefehlshaber, General Lon Nol, den Prinzen Norodom Sihanouk vom Thron geputscht, um die bis dahin mit Geschick und Glück bewahrte Neutralität Kambodschas gegenüber den Kombattanten im benachbarten Vietnam zugunsten der USA aufzugeben.

Gegen die südöstlichen Grenzprovinzen Svay Rieng und Prey Veng werden massive Luftangriffe geflogen, um im sogenannten "Papageienschnabel" vermutete Ausläufer des Ho-Chi-Minh-Pfades zu unterbrechen und Kommandozentralen der FLN zu zerschlagen - aber die Operation stößt ins Leere. Als wohl folgenschwerste Konsequenz dieses Überfalls entsteht eine Zweckallianz zwischen dem um seinen Staat gebrachten Norodom Sihanouk und den Guerillaverbänden der Khmer Rouge, die bis zum April 1970 über keine nennenswerte Kampfkraft verfügen. Nun aber verleiht ihnen der Widerstand gegen die Invasion und die Kollaborateure in Phnom Penh über Nacht die Aura unerschrockener Patrioten. Mit dem Segen des nationalen Übervaters Sihanouk erlangen sie eine geradezu dämonische Autorität. Die Dschungelkrieger der seinerzeit weitgehend unbekannten Khieu Samphan und Saloth Sar, der sich später Pol Pot nennt, schmieden eine Nationale Einheitsfront (FUNK) und verfügen als ultramaoistische Dogmatiker mit der Führung in Peking über einen generösen ideologischen Paten. Der sorgt für Waffen und hält den kapriziösen Emigranten Sihanouk unter Kontrolle. Chinas Premier Tschou Enlai lässt eine mondäne Exilresidenz für den Prinzen herrichten, der seiner Entourage zuflüstert: "Sie alle werden mich ausspucken wie einen Kirschkern, wenn ich nicht mehr gebraucht werde". Er soll Recht behalten.

In Kambodscha wird derweil aus den versprengten Trupps der Khmer Rouge innerhalb weniger Monate eine schlagkräftige Guerilla-Armee, die Zehntausende, größtenteils minderjährige Bauernsoldaten rekrutiert und ab 1974 den Belagerungsring um die kambodschanische Hauptstadt immer enger zieht. Als Phnom Penh am 17. April 1975 erobert wird, gerät das Volk der Khmer unter das Schreckensregime einer gigantischen, das ganze Land vereinnahmenden Volkskommune, deren Henkern bis zum Sturz der Pol-Pot-Diktatur Anfang 1979 anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fallen. Das Vorspiel zu diesem Genozid findet 1970 statt, als eine "amerikanische Überreaktion", wie es Henry Kissinger später in seinen Memoiren schreibt, Kambodschas Souveränität zerbricht und aus einer Insel der Seligen über Nacht ein Schlachthaus macht. Die Amerikaner bomben Pol Pot nach Phnom Penh.

Im Mai 1970 kommt es in den Vereinigten Staaten an mehreren Universitäten zu leidenschaftlichen Protesten gegen den Einmarsch in Kambodscha. Als in Ohio die Nationalgarde eingreift, werden auf dem Campus der Kent-State-University vier Studenten erschossen. Richard Nixon muss sich die Frage gefallen lassen, ob er wie in Vietnam nun im eigenen Land einen "Body Count" getöteter Feinde zu veranstalten gedenkt. Der Vietnam-Krieg polarisiert die US-Gesellschaft wie noch nie seit Beginn des militärischen Engagements. Nixon begreift, es ist höchste Zeit, die seit 1968 laufenden Vietnam-Gespräche in Paris zu beschleunigen. Nur gibt es an der Avenue Kleber ein entscheidendes Hindernis: die Unterhändler der FLN und Nordvietnams bestehen nicht nur auf dem völligen Rückzug der Amerikaner, sondern gleichfalls auf einer Demission der Regierung Van Thieu in Saigon. Die US-Delegation mit ihrem Mentor Henry Kissinger, Nixons Sicherheitsberater, im Hintergrund betrachtet dies als Aufforderung zur Kapitulation und lehnt kategorisch ab. Aber noch gibt es die parallel zu den offiziellen Gesprächen installierte zweite Verhandlungsebene - die Kontakte zwischen dem nordvietnamesischen Politbüro-Mitglied Le Doc Tho und Kissinger.

Als deren Treffen gleichfalls einen toten Punkt erreichen, verschärft Nixon im April 1972 die Gangart, lässt den Norden wieder bombardieren und die Häfen am Golf von Tonking verminen. Kurz vor Weihnachten 1972 starten amerikanische B-52-Geschwader noch einmal in Richtung Hanoi und Haiphong. Die Air Force verliert in nur einer Woche mehr als 30 Maschinen. In Hanoi werden trotz einer fast flächendeckenden Evakuierung mehr als 1.300 Menschen getötet.

Schließlich treffen sich Kissinger und Le Duc Tho am 10. und 11. Januar 1973 wieder in Paris und schaffen den Durchbruch. Am 27. Januar 1973 liegt das Vietnam-Abkommen allen vier Delegationen zur Unterschrift vor und besagt: Ab sofort gilt eine Waffenruhe, die südvietnamesische Regierung und Präsident Van Thieu bleiben im Amt, die nordvietnamesischen und FLN-Stellungen im Süden unangetastet. Die USA verpflichten sich zum vollständigen Truppenabzug. Nord- und Südvietnam bilden einen "Rat der Nationalen Versöhnung"*.

Präsident Nixon gibt kurz zuvor dem südvietnamesischen Staatschef zu verstehen, entweder er stimmt zu und erhält weiterhin amerikanische Militär- und Wirtschaftshilfe, oder er lehnt ab und verliert beides - Nguyen Van Thieu hat keine Wahl.

Die letzte Offensive

Im April 1973 wird mit einem elegischen Zeremoniell in Saigon die letzte US-Kampfeinheit verabschiedet. Abgesehen von etwa 1.000 Militärberatern im Defence Attaché´s Office und der US-Botschaft, stehen nach einem Jahrhundert der französischen Kolonisierung, japanischen Besetzung und amerikanischen Intervention keine fremden Truppen mehr in Vietnam.

Die Regierung Thieu versichert mit stoischem Trotz, sollte es zum Schwur kommen, würden zumindest die B-52-Geschwader zurückkehren und zu ihren Gunsten eingreifen. Doch Demoralisierung und Verfall lassen sich von derartigen Beschwörungen kaum aufhalten. Zusehends wird offenbar, der südvietnamesische Staat verfügt über keine belastbare Ökonomie und zehrt vom Schrott des Krieges. Man lebt in parasitärer Weise von den Subventionen des Großen Bruders, der seit 1965 pro Jahr allein eine Milliarde Dollar Wirtschaftshilfe in die Venen eines süchtigen Gesellschaftskörpers gespritzt hat. Als am 23. Januar 1974 mit dem Tet-Fest das "Jahr des Wasserbüffels" dem "Jahr des Tigers" weicht, haben die buddhistischen Astrologen ihre große Zeit. Sie prophezeien "gewaltige Entscheidungen", keiner werde die aufhalten.

Ein gutes Jahr später springt der Tiger. Anfang März 1975 beginnen die nordvietnamesische Armee und die FLN ihre letzte Offensive, benannt nach Ho Chi Minh, dem 1969 verstorbenen Präsidenten und Staatsgründer. Zuerst kapitulieren die Besatzungen der Militärbasen Kontum und Pleiku, am 24. März 1975 fällt die Kaiserstadt Hue. Wieder - wie schon einmal während der Tet-Offensive von 1968 - wird die blau-rote Fahne der Befreiungsfront mit dem gelben Stern über der Zitadelle aufgezogen, diesmal endgültig. Keine 48 Stunden später wird über Da Nang, dem einst größten amerikanischen Stützpunkt auf vietnamesischem Boden, weiß geflaggt. Die südvietnamesische Armee steht vor dem Kollaps, ihre Kampfmoral ist erloschen. Am 31. März teilt das Oberkommando in Saigon mit, zwei Drittel der Einheiten befänden sich "auf der Flucht". Man versuche, auf der Linie Saigon-Bien Hoa eine Verteidigungslinie aufzubauen. In den Tagen danach wird davon nichts mehr zu hören sein.

Im Zentrums Saigons spielen sich den ganzen April über apokalyptische Szenen ab. Tausende von Bittstellern harren vor der US-Botschaft aus und hoffen, auf eines der im Südchinesischen Meer ankernden US-Schiffe geflogen zu werden. Offiziere, Regierungsbeamte, Angestellte der US-Dienststellen, die Drahtzieher des Rauschgiftmarktes, Großfamilien aus der Chinesen-Stadt Cholon - Boat People, für die es keine Arche Noah mehr zu geben scheint. Präsident Van Thieu tritt am 25. April zurück, um die Staatsgeschäfte für die verschwindsüchtige Republik Vietnam an General Duong Van Minh zu übergeben und sich in die USA ausfliegen zu lassen, als die nordvietnamesische Panzerspitze kurz vor dem Flughafen Tan Son Nhut steht. Am 30. April 1975 gegen 11.30 Uhr durchbricht der Panzer mit der Nummer 843 - ein sowjetischer T-54 - das Gitterportal des Präsidenten-Palastes. Wenig später unterschreibt Van Minh die bedingungslose Kapitulation. "Es haben diejenigen gesiegt, die es verdient haben", sagt der General drei Tage zuvor auf seiner letzten Pressekonferenz.

Der Vietnam-Krieg ist nach 35 Jahren vorbei. Mehr als 58.000 Amerikaner und 1,1 Millionen Vietnamesen sind gefallen. Dazu kommen über zwei Millionen getötete Zivilisten - die Opfer des Bombenkrieges und des Einsatzes von Giftstoffen wie Agent Orange - sowie 30.000 Vermisste**. Auf einen Quadratmeter Boden im Großraum Hanoi sind seit 1964 im Durchschnitt drei US-Bomben gefallen. Es wird dafür nie einen Cent Entschädigung geben. Kein US-Politiker, kein US-Militär (mit Ausnahme des Leutnants Calley, der wegen des Son-My-Massakers verurteilt wird) muss sich für diese Aggression - für diesen unerklärten Krieg - je vor einem Gericht verantworten.

(*) Dieser Rat kommt nie zustande.

(**) Diese Zahlen hat die vietnamesische Regierung 1999 - fast 25 Jahre nach Kriegsende - bekannt gegeben.



Watergate und Ping-Pong-Diplomatie - die Jahre 1969-1975

1969 - Im Januar wird Richard Nixon als 37. Präsident der USA vereidigt. Neil Armstrong betritt als erster Mensch den Mond. Im August kommt es zu militärischen Zusammenstößen zwischen sowjetischen und chinesischen Truppen am Grenzfluss Ussuri.

1970 - BRD-Kanzler Brandt unterschreibt die "Ostverträge", die zu einer Normalisierung gegenüber der UdSSR und Polen führen. Ein Jahr später folgt als Teil der West-Ost-Entspannung das Viermächteabkommen über Berlin (West).

1971 - In der DDR wird Walter Ulbricht als SED-Parteichef von Erich Honecker abgelöst. Premier Tschou Enlai empfängt in Peking eine US-Tischtennis-Equipe. Die "Ping-Pong-Diplomatie" führt ein Jahr später zur Peking-Visite von Richard Nixon, der als erster US-Präsident die Volksrepublik besucht.

1972 - Richard Nixon und Leonid Breschnew unterzeichnen mit dem SALT-I-Vertrag das erste Abkommen zur Begrenzung der atomaren Rüstung. In Washington brechen Wahlhelfer Nixons in das Watergate-Hotel, das Hauptquartier der Demokraten, ein. Die Affäre erschüttert Nixons Präsidentschaft.

1973 - Anfang Oktober beginnt der vierte israelisch-arabische Krieg, bei dem sich nach Anfangserfolgen Syriens und Ägyptens die israelische Armee in den 1967 besetzten Gebieten behauptet. Erstmals setzt eine Mehrheit der OPEC-Länder Erdöl als Waffe ein und verhängt gegen die Israel unterstützenden Staaten des Westens ein teilweises Embargo.

1974 - Rücktritt von Kanzler Brandt ("Guillaume-Affäre"). Die "Revolution der Nelken" stürzt in Portugal das Caetano-Regime und führt zur Unabhängigkeit der letzten Kolonien (Guinea-Bissau, Moçambique, Angola) in Afrika. Gerald Ford wird Nachfolger des wegen der Watergate-Affäre zurückgetretenen Richard Nixon.

1975 - Die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte durch 33 europäische Staaten, die USA und Kanada in Helsinki wird zum vorläufigen Höhepunkt der Entspannungspolitik.

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00:00 08.04.2005

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