Der Tod im Inselgarten

Spanischer Bürgerkrieg II Eine andere Geschichte der "deutschen" Urlaubsinsel Mallorca

Harry Graf Kessler war 65 Jahre alt und bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, als er im November 1933 seinen neuen Wohnsitz am Rande von Palma bezog. Der Verleger, Kunstmäzen und Ex-Diplomat hatte Mallorca zum ersten Mal 1926 besucht und sich in dieses "wirkliche Paradies" verliebt. In den sieben Jahren hatte sich das Gesicht der mallorquinischen Hauptstadt allerdings stark verändert. Zwar bestand auch schon 1926 eine Kolonie von Auslandsdeutschen in Palma, doch nun war die Stadt zu Kesslers Entsetzen geradezu "überflutet von Deutschen". Seiner Schwester schrieb der "Rote Graf" am Tag seiner Ankunft: "Die Hälfte der Geschäfte ist in deutscher Hand. Diese Deutschen gehören zur Unterschicht, ziemlich unangenehme Typen. Es sind keine Juden. Ich glaube, die meisten von ihnen sind Nazis. Das ist eine richtige deutsche Invasion."

Kessler selbst gehörte zu den deutschen Hitler-Gegnern, die es auf die Balearen-Insel verschlagen hatte. Eine besonders illustre Gruppe von Exilanten hatte sich in dem kleinen Fischerdorf Cala Ratjada niedergelassen. Der in Deutschland wegen "Landesverrats" angeklagte Pazifist Heinz Kraschutzki und der Ullstein-Journalist Conrad Alfred Liesegang wohnten schon seit 1932 im "Inselgarten" Mallorca. Ein Jahr später flüchteten sich dann unter anderem die Schriftsteller Karl Otten, Herbert Schlüter, Erich Arendt und Franz Blei, der Journalist Arthur Seehof und die Maler Heinrich Maria Davringhausen und Arthur Segal in das entlegene Dorf. Abends traf man sich in der Wikiki-Bar, die von Al Capones ehemaligem Mitarbeiter Hugo Baruch alias "Jack Bilbo" geführt wurde.

Doch in Cala Ratjada lebten auch Nazis, die in engem Kontakt mit dem Gestapo-Agenten Kurt von Behr in Palma die Emigranten ausspionierten. Gemeinsam erstellten Falangisten und Nazis schwarze Listen und bereiteten den Sturz der Volksfrontregierung vor.

Am 19. Juli 1936, zwei Tage nach dem Ausbruch des Aufstandes in Spanisch-Marrokko, schlugen die katholischen Faschisten auch auf Mallorca zu. Am frühen Morgen brachten Soldaten und Falangisten unter dem Befehl General Godeds auf allen wichtigen Straßen Palmas Artillerie in Stellung, setzten die republikanischen Politiker ab und begannen mit Verhaftungen.

Zwei Tage zuvor hatte Goded dem Gouverneur von Mallorca noch seine Treue zur Republik geschworen, jetzt drohte er allen, die sich ihm widersetzten, mit sofortiger Hinrichtung. Goded war überzeugt, dass der Aufstand auch in Barcelona geglückt war und flog noch am selben Tag dorthin. Zu seinem Pech war es den Arbeitern in der katalanischen Hauptstadt jedoch geglückt, die rebellierenden Militärs zu besiegen. Goded wurde sofort nach seiner Landung verhaftet und im August hingerichtet.

Der bewaffnete Widerstand der in ihrer Mehrheit erzkatholischen und apolitischen Mallorquiner hielt sich in Grenzen. Es waren meist republiktreue Carabiñeros, die sich den Putschisten in den Orten Sóller, Sa Pobla und Manacor bewaffnet entgegenstellten. In dem Dorf Binissalem nahm ein einziger Polizist ganz allein den Kampf gegen die Falangisten auf. Mit Gnade konnte keiner dieser Polizisten rechnen, denn auch wer sich den Falangisten ergab, wurde sofort ermordet.

In das Visier der Falangisten gerieten nicht nur alle Linken, Gewerkschaftler, Lehrer und die von der katholischen Kirche fanatisch gehassten Freimaurer. Jeder Mallorquiner, der nicht regelmäßig zur Messe ging oder es gewagt hatte, die Alphabetisierungskurse in den linken "Volkshäusern" zu besuchen, erregte den Argwohn der Falangisten. Hinzu kam, dass im Laufe der politischen Säuberungen private Rechnungen beglichen und Geschäftskonkurrenten aus dem Weg geräumt wurden.

"Don Enrique" Kraschutzki wurde schon wenige Tage nach Beginn des Aufstandes von der Guardia Civil verhaftet. Wahrscheinlich war der bei seinen Arbeitern äußerst beliebte Unternehmer nicht nur von den Nazis, sondern auch von Geschäftskonkurrenten angezeigt worden. Wie viele andere, die nicht sogleich an einer Friedhofsmauer erschossen und in Massengräbern verscharrt worden waren, kam Kraschutzki zunächst in das berüchtigte Gefängnis Casa Mir in Palma. Monatelang wurden dort jeden zweiten Tag zehn Gefangene ermordet.

In der Casa Mir erlebte Kraschutzki die republikanischen Bombenangriffe auf Palma im Juli 1936. "Wenn eine Bombe auf die Casa Mir gefallen wäre", erinnert er sich in seinen nur auf katalanisch verfügbaren Erinnerungen, "dann wäre allerdings von uns nicht viel übrig geblieben. Die Leute sprangen auf, schrieen, jubelten, rannten umher, jeder rief den anderen zu: ›Hast Du gehört? Unsere Leute leben auch noch! Da, schon wieder eine Bombe! Großartig!‹. Sonderbare Menschen das, die sich freuen, wenn Bomben auf sie fallen? Nein, es war die ganz natürliche Reaktion von Menschen, die täglich beschimpft und gedemütigt werden und dann plötzlich erfahren, dass sie in der Welt noch Freunde haben."

Auf die Bombardements folgte am 16. August 1936 die Landung republikanischer Truppen. Noch bevor die Republikaner Mallorca erreicht hatten, zerrten die Faschisten in einer Nacht 200 ihnen verdächtige Bewohner des Dorfs Manacor aus ihren Betten und ermordeten sie. Während Kriegsschiffe und Transporter in der Bucht von Cala Ratjada lagen und die Stellungen der Faschisten mit Brandbomben belegten, wurden Karl Otten und andere Emigranten tagtäglich bedroht. Bewaffnete drangen in ihre Häuser ein. Mit vorgehaltener Waffe wurden Emigranten von halbwüchsigen Falangisten aufgefordert "Heil Hitler!" zu rufen. In Deutschland hatten sie es nicht getan, auf Mallorca mussten sie es nun aus Angst um ihr Leben tun.

Die katalanischen Landungstruppen standen unter dem Befehl Kapitän Alberto Bayos, einem späteren Ausbilder von Fidel Castro und Ché Guevara. Die Landung der Republikaner in der Bucht von Porto Cristo stieß zunächst auf keinen nennenswerten Widerstand. Die unerfahrenen Milizen befiel eine trügerische Sicherheit. Ein interner Bericht der Republikaner beklagte später: "In der Nähe des Hafens befanden sich zwei Cafés, in denen die Milizionäre tranken, ohne den Befehl zu bekommen, in das Gefecht zu gehen." So sympathisch dieses unprofessionelle, antiautoritäre Verhalten erscheinen mochte, so tödlich war es auch. Den Falangisten gelang es, italienische Luftunterstützung zu erhalten und die Republikaner vernichtend zu schlagen. Wer es nicht mehr auf eines der rettenden Schiffe schaffte, wurde auf der Stelle ermordet.

Die Fotografin Lore Krüger, deren Eltern auf Mallorca im Exil lebten, schaffte es, in das militärische Sperrgebiet von Porto Cristo zu gelangen. Noch heute stehen ihr die Bilder der Ermordeten vor Augen. "Über dem ganzen Ort lag ein Blutgeruch,", erinnert sie sich in einem Interview. "Da lagen Leichen in den Straßen. Francos Leute hatten sie mit Benzin übergossen und verbrannt. Aber nur zum Teil verbrannt. Da sah ich einen Menschen, dessen Kopf völlig verbrannt war. Aber die Füße waren noch intakt. Da lag der arme junge Kerl. Schrecklich war das."

Bevor die Faschisten Wind davon bekamen, dass Lore Krüger Fotos der Ermordeten gemacht hatte, befand sie sich schon auf einem englischen Kriegsschiff Richtung Frankreich, wo die Bilder veröffentlicht wurden. Auch Karl Otten, Franz Blei und Kesslers Sekretär Albert Vigoleis Thelen gelang schließlich mit Hilfe der Briten die Flucht (Kessler selbst hatte die Insel schon vor Kriegsausbruch verlassen).

Jene Emigranten, die kein Visum für ein Drittland besaßen, befanden sich nun in einer tödlichen Falle. Die Todesschwadronen der Falangisten durchkämmten die gesamte Insel. Bis zu 5.000 Menschen fielen ihrem Terror zum Opfer. Selbst vor schwangeren Frauen machten sie nicht Halt. Den Familien wurde der Tod von "verschwundenen" Angehörigen nie offiziell bestätigt, sogar Trauer zu tragen war ihnen verboten.

Monseñor Miralles, der Bischof von Palma, schwieg zum mörderischen "Kreuzzug" Francos, an dem sich sogar mancher Pastor aktiv beteiligte. Während der gesamten Zeit der Franco-Diktatur konnten sich die Falangisten der Unterstützung durch die katholische Kirche in Spanien - und vor allem der des Opus Dei - stets gewiss sein.

Ab Herbst 1936 wurde Mallorca für die deutsche Legion Condor zu einem wichtigen Stützpunkt. Von dort aus starteten Hitlers Piloten, um Barcelona und andere Hafenstädte Kataloniens mit Brand- und Sprengbomben zu belegen. Heinz Kraschutzki traf eine Gruppe von Condor-Piloten, als man ihn per Schiff in ein weiteres Gefängnis seiner insgesamt neun Jahre währenden Haftzeit brachte. "Diese jungen Menschen", so erinnert er sich, "hatten nicht das geringste Gefühl dafür, dass es doch nicht etwas ganz Normales ist, in ein fremdes Land zu gehen, das Deutschland nichts zu Leide getan hat, und dort Bomben auf Städte zu werfen."

Palma wimmelte schon bald von Condor-Polizisten und Gestapo-Agenten. Im Juni 1940 forderten die Deutschen von Franco, die Insel müsse "judenrein" werden. Der Diktator ließ es zwar nicht zu, dass man Mallorquiner jüdischer Herkunft deportierte, doch hatte er überhaupt nichts dagegen, die jüdischen Emigranten auszuweisen.

Lore Krügers Eltern, die 1933 aus Magdeburg nach Palma geflohenen Juden Ernst und Irene Heinemann, besaßen kein Visum für ein anderes Asylland. In dieser ausweglosen Situation nahmen sie sich in ihrem kleinen Haus in El Terreno, wo sie zurückgezogen gewohnt hatten, das Leben. Obwohl sie als deutsche Juden unter falangistischer Herrschaft besonders gefährdet waren, hatte das mutige Ehepaar die kleinen Kinder eines ermordeten mallorquinischen "Roten" monatelang betreut.

Keine Gedenktafel auf der "deutschen" Insel Mallorca erinnert an die Heinemanns, die dort Hitlers Judenhass zum Opfer fielen. Auch in Cala Ratjada, heute eine Hochburg deutscher Touristen, hat sich nie eine deutsche Stelle für das Gedenken Heinz Kraschutzkis und der anderen Exilanten eingesetzt. Stattdessen gibt es eine "Spanische Allee" in Berlin, die den Terror-Piloten der Legion Condor bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Der Bürgerkrieg auf Mallorca

14. April 1931: Ausrufung der Zweiten Republik. In Palma de Mallorca bleiben die Republikaner in der Minderheit

16. Februar 1936: Sieg der Volksfront, Mallorca bleibt entgegen dem Trend im übrigen Land weiterhin rechts

17. Juli 1936: Ausbruch des Aufstands in Mellila, Spanisch-Marokko

19. Juli 1936: General Goded putscht in Palma de Mallorca, Sieg der Faschisten auf Ibiza und Formentera. Menorca bleibt republikanisch

20. Juli 1936: Beginn vereinzelter Widerstandsaktionen mallorquinischer Republikaner

21.-31. Juli 1936: Erste Verhaftungswelle, die Republikaner bombardieren mallorquinische Städte

29. Juli 1936: Verhaftung Heinz Kraschutzkis in Cala Ratjada

16. August 1936: Landung der katalanischen Truppen unter Kapitän Alberto Bayo

3. September 1936: Rückzug der letzten Truppen Kapitän Bayos, die Massenmorde durch die Falangisten nehmen zu

24. Februar 1937: Öffentliche Hinrichtung Emilio Darders, Bürgermeister von Palma de Mallorca

April 1937: Ende der Massenmorde

1938: George Bernanos´ Mallorca-Reportage Die großen Friedhöfe unter dem Mond erscheint in Frankreich

00:00 07.07.2006

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