Sylvio Hoffmann
Ausgabe 0917 | 15.03.2017 | 06:00

Der Tod lauert im Kühlschrank

Irak Den Osten Mossuls musste der IS schon räumen. Es blieben Minen und Blindgänger. Ein Fotoreporter hat für den „Freitag“ ein Räumkommando begleitet

Der Tod lauert im Kühlschrank

Himmelfahrtskommando am Rand von Mossul

Foto: Sylvio Hoffmann/Lumen

Ein Peschmerga-Kämpfer balanciert eine Sprengfalle vorsichtig aus einem Haus im Osten Mossuls. Mit konzentriertem Blick hockt er über der Konstruktion wie über einem Modellbauset. Der Spezialist für Minenentschärfung wirkt nicht eben perfekt ausgestattet, um seine Arbeit zu erledigen: eine simple Kneifzange, etwas Isolierband und ein Feuerzeug stehen zur Verfügung. Zwei Soldaten assistieren, auch bei ihnen sind Anspannung und Angst zu spüren. Ein falscher Handgriff, und man wird in den Tod gerissen. Endlich, ist es geschafft und der Sprengkörper entschärft. Minuten haben Stunden gedauert.

Seit Beginn ihrer Operationen zur Einnahme Mossuls vor einem halben Jahr hat die irakische Armee samt ihren Verbündeten erst die Vororte, dann die meisten östlichen Viertel von Mossul eingenommen. Nun haben vor gut einer Woche die wohl entscheidenden Gefechte begonnen, um den IS-Verbänden auch den Westteil der Millionenstadt zu nehmen.

Im Osten jedoch sind die Kämpfe weitgehend vorbei. Dort müssen Häuser wiederaufgebaut, Stromleitungen erneuert, Wasserrohre repariert, Straßen vom Schutt befreit werden. Bevor all das stattfinden kann, sind die Entschärfungskommandos gefragt. Denn die IS-Milizionäre haben vor ihrem Abzug nicht selten Sprengfallen platziert und Minen versteckt. Unter Umständen kann das Öffnen eines Küchenschranks oder eines Schubfachs in einer verlassenen Wohnung tödliche Folgen haben.

Der eine Handgriff

Die Angreifer wollen bis Ende März wieder das gesamte Stadtgebiet von Mossul unter ihre Kontrolle gebracht haben, so dass die verbleibenden IS-Kontingente in eine aussichtslose Situation geraten, kapitulieren oder sich zurückziehen müssen. Auch der Tigris soll dann an mehreren Stellen überquert sein, was darauf hinweist, dass bis dahin mit verlustreichen Wochen zu rechnen ist – oder mit einem „Abnutzungskampf“, wie es die Kommandeure der Nationalarmee formulieren. Mit genauen Zahlen über gefallene Soldaten hält sich das Verteidigungsministerium in Bagdad zurück, doch kursieren Gerüchte, wonach die Verluste der Anti-IS-Koalition am Boden seit September 2016 bei bis zu 3.000 Mann liegen. Wie einer der Peschmerga-Kommandeure, der Kurde Bahrin Jasin, erklärt, seien es immer wieder Sprengfallen, die viele Opfer fordern.

Foto: Sylvio Hoffmann/ Lumen

„An manchen Stellen sterben mehr Kämpfer durch einen dieser heimtückischen Hinterhalte als im Gefecht“, meint der noch junge Mann mit gesenktem Blick. Gleich zu Beginn der Kampfhandlungen habe er einen seiner besten Männer verloren: Dr. Said Kürükaya, ein in der Osttürkei geborener Kurde, der viele Jahre in Deutschland, in Hamburg, gelebt und dort eine Wäscherei betrieben habe. Nach dem Aufstieg des IS wollte er seinen kurdischen Landsleuten im Irak und in Syrien zu Hilfe kommen. Es war ein Tag wie jeder andere Anfang November, als der Minenspezialist Kürükaya und seine Einheit nach Baschika an der Peripherie von Mossul aufbrachen. Seine damaligen Begleiter erzählen, bis dahin habe Kürükaya schon Dutzende Sprengkörper entschärft. Doch bei diesem letzen Einsatz war es der eine Handgriff, um einen Zünder herauszuschrauben, der ihm zum Verhängnis werden sollte – diesmal gab es eine Detonation. Sofort wurde der Schwerverletzte in ein Hospital nach Erbil gebracht, schließlich mit einer Maschine der Bundeswehr in ein Militärkrankenhaus bei Koblenz geflogen. Dort erlag er Tage später, am 30. November 2016, seinen Verletzungen. Kürükaya wird für seinen Mut von vielen bewundert, erfährt man aus Gesprächen. Nicht nur im Nordirak. Er gilt als Märtyrer, als „Sahid“, wie die Kurden sagen. Wochen nach seinem Tod wehen über den Militärbasen in Frontnähe noch immer Fahnen mit seinem Konterfei. Peschmerga-Kämpfer tragen Schals mit den kurdischen Nationalfarben Grün, Rot und Gelb – auch sie zeigen das Gesicht des Toten.

Dass Dr. Said Kürükaya nicht in Vergessenheit gerät, daran glaubt auch sein Bruder Selim. Wir fahren mit ihm und einem Kamerateam des kurdischen Fernsehsenders Rudawan Kürükayas letzten Einsatzort. Und treffen auf ein Bild der totalen Verwüstung. Fast alles erinnert an den Osten Aleppos, nachdem dort Ende Dezember die letzten islamistischen Verbände abziehen mussten.

Foto: Sylvio Hoffmann/ Lumen

Schulen und Geschäfte sind ausnahmslos geschlossen, öffentliche Einrichtungen und die Infrastruktur zerstört oder zumindest beschädigt. Schwer vorstellbar, dass hier auch nur Reste von medizinischer Versorgung geblieben sind. „Meine Tochter wird bald sterben. Niemand hilft uns, die irakische Armee hilft uns nicht, und die Kurden halten uns für Terroristen, helfen Sie uns“, fleht ein Mann mittleren Alters, der von sich sagt, er sei ein sunnitischer Araber und heiße Mohammed. Ärzte gebe es nur in den Militärlazaretten. Und die seien allein für die Soldaten da, schlecht ausgerüstet und oft überfordert, bedürftige Zivilisten würden abgewiesen.

Beißender Gestank

Während Mohammed wieder weinend an seine Tochter erinnert, nähert sich ein weiterer junger Mann. Er möchte seinen Namen nicht nennen, da er mehrere Jahre für die US-Armee im Irak als Übersetzer gearbeitet habe. Er wolle am liebsten in den Vereinigten Staaten in seinem erlernten Beruf des Elektroingenieurs arbeiten. Dass dieser Traum in Erfüllung geht, daran könne er nicht mehr glauben.

Plötzlich verdunkelt sich der Himmel über uns, schuld sind die schwarzen Wolken über den brennenden Ölquellen von Kajara. Beißender Gestank kriecht in die Ritzen der Häuser, ihre leeren Flure, durch zerbrochene Fensterscheiben und Türen. Irgendwann gelingt es einem Tross von Feuerleuten, einige Brandherde zu löschen, doch es lodern immer wieder neue auf. Schließlich wird versucht, durch mit Stahlplatten verstärkte Bulldozer dieses Inferno einzudämmen. Es sind apokalyptische Szenen. Nur ein paar Feuerwehrmänner verfügen über Sauerstoffmasken.

„Selbst wenn die großen Brände gelöscht sind, unter der Oberfläche lodern schon die nächsten. Wer auch immer die Ölquellen in Brand gesetzt hat – der wusste, was er tat“, sagt der Kommandeur einer Löschstaffel. Die Vermutung liegt nahe, dass IS-Milizionäre den Kampf durch Sabotage fortsetzen. In ähnlich hoffnungsloser Lage setzte beim Golfkrieg Anfang 1991 die Armee Saddam Husseins gleichfalls Ölquellen in Brand. Die Botschaft: Wir zerstören, was ihr erobern wollt. Und wir bleiben, wo ihr euch sicher fühlt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/17.