Der Tod schreibt schwarze Zahlen

Was kommt nach dem Tod Wo die Menschen nicht mehr an den Himmel glauben, wird die Bestattungskultur zur bunten Verzweiflungstat

Zum Alpengruß-Marsch wird heißer Tee gereicht. Zum Almrosenwalzer Glühwein. Das Zimmer von Marion schmücken Blauer Enzian und Alpenveilchen. Weiße Blütenblätter täuschen eine Winterlandschaft vor, Kerzen brennen. Eine Skiausrüstung lehnt an der Wand. Nur der schlichte Sarg, der mitten im Zimmer steht, straft den Hüttenzauber Lügen. Die Skistöcke wurden beigelegt; heute werden sie Marion ein letztes Mal begleiten. Abstoßen wird sie sich damit nicht mehr. Festhalten muss sie sich jetzt nicht mehr. Sie ist an einem Tag in den Bergen ihrer Biografie davongefahren. Die Bergwacht kam zu spät. Marion Wächter wurde nur 36 Jahre alt.

An einem Tag wie diesem hat der Satz "Sie hätte es sich so gewünscht" Konjunktur. Es ist ein Abschied für immer, denn an ein Jenseits, inklusive Auferstehung, glaubt hier niemand. An einem Tag wie diesem gilt es, im Abschiednehmen die Erinnerungen so zu destillieren, dass das Nichts erträglich wird. Für das Abschiednehmen von Marion nahm man sich viel Zeit. Die halbe Stunde für 300 Euro. So viel verlangt der Humanistische Verband Berlin, der die Trauerfeier organisierte und dekorierte. Der Tod schreibt immer schwarze Zahlen und kann gelassen in die Zukunft sehen.

Dreieinhalb Millionen Menschen leben derzeit in Berlin. Jedes Jahr werden circa 30.000 Geburten registriert. Demgegenüber wird die Eintrittskarte ins Leben circa 34.000 Mal entwertet. Zwei Millionen Menschen in Berlin leben ohne Konfession, geben das Leben also nicht mehr in Gottes Hand, sondern in die der Familie oder der Freunde. Das Vermächtnis ist groß, die Verantwortung wiegt schwer. Kein Gott ist da, der Versäumnisse im gerechten Erinnern an den Verstorbenen abnehmen könnte oder das bisschen Wissen, was wir voneinander haben, im Gebet auffängt. Die Trauerfeier für Marion Wächter ist heutzutage schon Ausnahme. 70 Prozent aller weltlichen Bestattungen laufen ohne Trauerfeier ab. Wenn eine Zeremonie vorgesehen ist, unterliegt sie strengen zeitlichen Abläufen: zehn Minuten Rede, zehn Minuten Lyrik, zehn Minuten Ein- und Auszug der Trauernden. Die letzte Würdigung unterliegt einem strengen Stundenplan. Und sie ist, wie sollte es anders sein, eine Frage des Geldes.

Die Berliner Bestattungsunternehmen gingen in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem aus Fuhrunternehmen hervor. Beisetzungen fanden immer weniger auf Kirchhöfen statt; der Trend ging zu kommunalen Friedhöfen. Die Bestatter übernahmen zeremonielle Funktionen, und später verdrängte die Arbeiterbewegung die Kirchen aus dem Bestattungswesen mehr und mehr. In Friedrichsfelde wurde um 1900 der Armenfriedhof eröffnet, der auch als sozialistischer Friedhof bekannt wurde. Auf gewerkschaftlichen Leichenbegräbnissen wurden politische Reden gehalten, die ab 1907 eine polizeiliche Genehmigung brauchten. Die Bestattung August Bebels im Jahre 1913 war eine Kundgebung und ging in die Presse als "Sinfonie in Rot" ein. In der DDR drängte der staatliche Sozialismus vor allem in den Städten die christlichen Trauerrituale mehr und mehr zurück. Dörfer wurden zu Enklaven christlichen Glaubens. Aber heute läuten selbst dort zum Begräbnis nur noch selten Kirchenglocken, und der Pfarrer hat wenig zu tun.


Der Tod hat sich längst an der Gesellschaft vom Gerippe zum Unternehmen mit ausufernder Konfektionsgröße gemästet. Wird eine Halle für eine Zeremonie gemietet, kostet das circa 310 Euro. Kerzen und Blumenschmuck kosten extra. Für kleine Gruppen von vier bis sechs Trauernden ist ein zeremonieller Abschied Luxus. Trauer entspringt mehr und mehr einem zweckgebundenen Verständnis der Bestattungsunternehmen. Sie heißen Engel, Schwartz oder Sarg-Discount. Und heischen mit sensationell günstigen Angeboten um Aufmerksamkeit. Bei wie vielen Menschen hätte das Herz mehr gewollt, als die Geldbörse zuließ? Die Preise differieren von Bezirk zu Bezirk. Feuerbestattungen sind billiger als Sargbestattungen und überdies auch platzsparend. Bereits 75 Prozent aller Berliner Todesfälle werden eingeäschert. Tendenz steigend. Oder soll man sagen, der Trend geht zur Urne? Die ist schon für 100 Euro zu haben; wer es im Leben zu was gebracht hat, kann auch 900 Euro zahlen. Friedhofsverwalter und Bestatter beklagen die unterschiedlichen Preise der Krematorien, erleben sie doch mehr und mehr einen sogenannten Leichentourismus. Ist die Feuerbestattung in Spandau zu teuer, wird sich ein Krematorium im Wedding finden, das unser Dasein zu einem Häuflein von 1,7 Kilogramm Asche reduziert.


Hätte Marion Wächter es sich so gewünscht? Oder bezeichnen verwaiste Skiausrüstung, Volksmusik, Enzian und Alpenveilchen eine Selbstbespiegelung der Gefühle der Hinterbliebenen, sind Requisiten ihrer Ohnmacht? Es ist nicht leicht, in einer halben Stunde der Erinnerung einen Rahmen zu geben. Das Leben ist eine Chimäre. Wohin nur mit dem anderen Teil?

Eine neue Form der Beisetzung erlebt derzeit einen Aufschwung: Friedwälder. Hier wird die Asche in die Wurzeln der Bäume eingelassen. Also doch wieder der Wunsch, weiterzuleben. Für alle sichtbar in Buchen, Linden oder Eichen dem Himmel ein Stück näher. Selten kommt man zu Lebzeiten so hoch hinaus.

Seebestattungen haben immer noch einen Seltenheitswert. Der Wunsch, die letzte Ruhe auf dem Meeresgrund zu finden, ist eher Ausnahme. Die Bestattungsunternehmen stellen je nach Zahl der Angehörigen kleine und größere Schiffe zur Verfügung. Nicht immer gehen die Angehörigen mit an Bord. Eine Seebestattung in der Nordsee ab Lübeck/ Travemünde kostet 435 Euro. Am teuersten ist der Atlantik mit 1.915 Euro. Will man die Urne begleiten, zahlt man das Doppelte. An Land gebliebene Angehörige erhalten vom Kapitän einen Auszug aus dem Logbuch. Darin vermerkt finden sie die Koordinaten für den letzten Ankerplatz und können ihre Erinnerungen dorthin navigieren. Für diese Form der Bestattung muss das Bezirksamt Treptow/Köpenick jedes Mal den in Deutschland immer noch bestehenden Friedhofszwang aufheben, denn es herrscht die Vorschrift, dass Verstorbene nur auf dafür vorgesehenen Plätzen beerdigt werden dürfen. Hat der Verstorbene testamentarisch verfügt, dass Nordsee, Ostsee, Atlantik oder Mittelmeer letzter Hafen sein sollen, macht das Amt keine Schwierigkeiten.

In Nordrhein-Westfalen setzt sich die FDP für eine Aufhebung des Friedhofszwanges ein, und möglicherweise setzt sie sich damit auch durch. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele davon Gebrauch machen werden, die Asche ihrer Angehörigen nach Hause zu nehmen, liegt weit über 18 Prozent.


Manche Menschen würden gern in Begleitung ihres Vierbeiners den Friedhof besuchen. Aber Hunde sind auf Friedhöfen nicht erlaubt. Die Verwalter sind streng, haben sie es doch erlebt, dass Hunde auf Gräbern buddeln und es mit der Sauberkeit auch nicht so genau nehmen. Und dann das Bellen. Doch manch einer möchte, dass der Hund auch bei einer Beerdigung von Herrchen oder Frauchen dabei sein kann. Wieder andere wünschen sich, dass sie neben ihrem Hund die letzte Ruhe finden. Geht es um den vierbeinigen Gefährten, würde Geld keine Rolle spielen. Aber noch sind Hunde auf Friedhöfen nicht erlaubt.

Bestatter zu werden ist übrigens nicht schwer. Jeder kann sich dafür eine Gewerbegenehmigung einholen. Eine Ausbildung zum Bestatter hat der Bundestag vor einigen Jahren abgelehnt. Ab Herbst diesen Jahres wird erstmals eine dreijährige Ausbildung zum Bestattungsgehilfen angeboten. Dann muss man sich hocharbeiten.

Getrieben von der Suche nach Identität verleihen wir dem Verstorbenen oftmals zu spät eine Daseinsberechtigung, setzen uns mit seinem Leben auseinander, wenn es sich längst verflüchtigt hat. Dann fischen wir in der abgelegten Biografie wie nach Plankton. Zuweilen gelingt die Annäherung an eine Seele. Weltlichkeit schafft Freiräume. Bis auf den zeitlichen Ablauf, ist bei einer Trauerfeier erlaubt, was gefällt. In den Großstädten war es besonders die Schwulenszene, die als Katalysator für neue selbstbestimmte Formen der Trauer wirkte. Der Tod wurde bunt. Mittlerweile hat es sich auch durchgesetzt, Särge bemalen zu lassen. Manche sehen aus wie Konservendosen und lassen befürchten, dass sie einem zu guter Letzt noch die Biografie verderben. Drei Monate hat eine Frau um die Genehmigung gekämpft, ihren verstorbenen Mann in einem bemalten Sarg bestatten zu können. Solange lag der Gatte auf Eis. Es müsse doch erkennbar sein können, von wem man Abschied nimmt, so der Zuspruch des Bestatters. Kommt das Erkennen nicht ein bisschen spät, lag da nicht vorher vielleicht schon einiges auf Eis?

Einerseits die Individualität. Andererseits die Anonymität. Urnengemeinschaftsgräber wie auch die anonyme Rasenbestattung finden mehr und mehr Zuspruch. Familiengräber werden zu Relikten einer vergangenen Epoche. Das ärgert die Zunft der Steinmetze, die eine Tristesse auf Berliner Friedhöfen beklagen, was die Gestaltung der Grabmale betrifft. Immerhin könnten die Angehörigen Einfluss darauf nehmen. Sie wissen es nur nicht und machen von industriellen Schablonen Gebrauch. Das Ärgernis der Steinmetze entspringt sicher auch dünneren Auftragsbüchern. Kein Name, keine Kundschaft. Der Anteil an anonymen Bestattungen beträgt in Hamburg bereits 30 Prozent. Der letzte Wunsch nach Anonymität löst bei den Hinterbliebenen zumeist immer noch ein erstes Erschrecken aus. Man macht keine Umstände mehr. Es ist ja nicht zu leugnen: Nach ein paar Jahren, es ist auf Friedhöfen sichtbar, kommt die Verantwortung für eine Grabpflege in die Jahre und verkommt zur Nachlässigkeit. Anonymität im Tod ist wahrscheinlich die zur Vollendung gelangte Mimikry an das Leben. Warum einen Namen in Granit meißeln, wenn den Klingelknopf schon lange niemand mehr bediente? Wie war das mit dem Mann in Hamburg, dessen Weihnachtsbeleuchtung im Fenster immer noch blinkte, als die Schneeglöckchen schon verblühten? Spätestens als der Briefkasten vor Rechnungen überquoll, kam - wie man so sagt - jemandem etwas komisch vor. Da saß der Mann im Sessel, all seiner Physiognomie entledigt, all seiner Würde beraubt. Gestorben ist er lange vor dem ersten Schnee.

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00:00 22.11.2002

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