Der Tod und seine Teufel

Viel Trauer, wenig Trost Ein Jahr nach dem Attentat auf die Schule "Nummer 1" im nordossetischen Beslan

Es war nie ein Geheimnis. Auch Kinder bleiben vom Krieg im Kaukasus nicht verschont. Doch was am 1. September 2004 im nordossetischen Beslan geschieht, übertrifft alles, was es bis dahin an Grausamkeiten gegeben hat. Ein Terrorkommando überfällt die Feier zur Einschulung der Erstklässler und nimmt mehr als 1.000 Geiseln. Zwei Tage später endet der Anschlag mit einem Inferno.

Die ersten Septembertage des Jahres 2004 brachten Bilder aus einer armen vergessenen Gegend in die Häuser des westlichen Europas, das sich für zivilisierter hält als jenen anderen Teil des Kontinents, der an seinem geographischen Rand nach Asien abgedrängt wird. Ein Vorgang, der einer Verbannung gleichkommt - mit dem sich Gewissen beruhigen und Sicherheiten herstellen lassen.

Es waren Bilder von Terror, Tod und Gewalt, und sie erschütterten die Grundfesten des Glaubens an Menschlichkeit. Sie brachen mit dem Tabu von der Unantastbarkeit eines Kindes. Es waren Bilder aus Beslan, einer bis dato unbekannten kleinen Stadt in einem unbekannten kleinen Land namens Nordossetien. Christlich und in zwei Hälften geteilt, von denen die eine zu Russland, die andere de jure zu Georgien gehört, aber de facto eine abgespaltene Republik ist. Es handelt sich um eine Gegend, in die sich einst die letzten Alanen, die Nachfahren der Skythen, vor den Mongolen zurückzogen. Im Europa der Völkerwanderungen und Schlachten waren die Alanen als wilde Krieger bekannt und daher nicht von allen gern gesehen. Doch im Laufe der Jahrhunderte schienen sie in den Bergen des Kaukasus vergessen. Nordossetien? - fragte man in jenen Tagen. Wo ist das?

Der Tod, der nach Beslan kam, ist auch ein Jahr nach dem Attentat nicht zu greifen. Er ist zu groß, um ihn mit den Händen zu halten. Seine Umstände sind zu grausam, um sie mit dem Verstand zu erfassen. Er drang an einem sonnigen Morgen, an einem Freudentag, inmitten der zum Himmel aufsteigenden Luftballons, in die Stadt vor und veränderte sie für immer. Er nahm sich jeden dritten Bewohner als Geisel, er brachte Leid in jede Familie und eine Lähmung des Entsetzens über ganz Russland.

Als er wieder ging, war die kommende Generation der Stadt Beslan zur Hälfte ausgelöscht. Und in den Höfen, den Gärten, auf den Straßen, wo sonst die Kinder spielten, herrschte eine gespenstische Stille. In Beslan hörte man auf, die Tage nach dem Kalender zu zählen. Die neue Zeit kannte nur noch ein Datum, jenen Tag, der auf Hunderten von Gräbern stand: 3. September 2004. Fortan wurde alles an diesem Tag gemessen, gab es nur ein Zuvor und ein Danach.

Zuvor, das waren die Tage, an denen die Kinder nach Hause kamen und man sie abends ins Bett bringen konnte. An denen sie am Tisch saßen, lachten, schimpften, weinten, Sorgen bereiteten und man ihnen dennoch eine glückliche Zukunft erträumen durfte, auch wenn für einen sicheren Frieden im Kaukasus die Zeit noch lange nicht gekommen schien. Aber man konnte darauf hoffen, auf eine neue Ehre für Ossetien, auf spätere Jahre, in denen ein Menschenleben ein Menschenleben und ein Rubel einen Rubel wert sein würde.

Danach aber, das sind Tage, die keine Bedeutung und kein Ziel mehr haben. An denen die Mütter die Gräber ihrer Kinder betrachten und sich nicht rühren. In denen Väter Rache herbei wünschen oder aus Hilflosigkeit und Scham über diese Hilflosigkeit den eigenen Tod. Das sind die Tage, an denen man die Lügen und das Schweigen ertragen muss - an denen die Wahrheit einem wieder und wieder aus den Händen gleitet. Die Nächte bringen keinen Schlaf und die Tage keine Ruhe. Der Platz der Toten am Tisch bleibt leer. Das Herz will nicht mehr im rechten Rhythmus schlagen, und die Hinterbliebenen streiten oft genug um Kompensationszahlungen für die Opfer. In seinem Gram lässt sich mancher zu Hass und Neid auf den Nachbarn verleiten, manch anderer hat aufgehört, am Leben teilzunehmen, und sich in eine dunkle Ecke seiner Wohnung verkrochen.

Der September vor einem Jahr, wie begann er doch gleich? Mit Sonne im sicheren Europa, einem spätsommerlichen Hochdruckgebiet über Deutschland, die Vögel sangen wohl, wie Vögel an solchen Tagen singen. Auch in Ossetien begann der Tag als Idyll, die Sonne schien auf die Gipfel der Berge, und ein leichter Schleier, mit dem sich der Herbst ankündigte, lag wie ein federleichtes Deckbett zwischen Erde und Himmel.

Der 1. September wurde überall in Russland als "Tag des Wissens" begangen, als Tag der Einschulung für die Erstklässler. In Beslan, wo das Leben bescheiden ist und ohne erfüllbare große Träume bleibt, war die Gelegenheit zu einer Feier willkommen. Außer den Eltern, Großeltern und Geschwistern wurden die Neuschüler auch von Nachbarn und entfernten Verwandten begleitet. Als die Terroristen die Turnhalle stürmten, sangen sie alle gerade das Lied "Kindheit, Kindheit, wohin bist du entschwunden?"


Zwei Tage später, am 3. September 2004, fällt Regen über Zentraleuropa, wo man sich gerade zum Mittagessen setzt, als die Nachricht vom großen Sterben in Ossetien kommt. Auf dem Fernsehbildschirm sieht man, wie Kinder um ihr Leben rennen und aus oval verzerrten Mündern unmenschliche Töne ausstoßen. Einige Kinder schaffen es nicht, sie sterben auf der panischen Flucht aus der Turnhalle.

Zur Vorsuppe gibt es ihren Tod in Echtzeit. Das Hauptgericht steht auf dem Tisch, da legt man die ersten Leichen in einer Reihe unter grauen Folien ab. Die Davongekommenen reißen Wasserflaschen aus Helfershänden und kippen den Inhalt zwischen die saugend verengten Lippen.

Die ersten Bilder des Sturms auf die Schule wackeln wie die Stimmen der Korrespondenten, die um Fassung ringen, das Unerklärliche nicht erklären können, für das Entsetzen keine Worte finden. Das müssen sie auch nicht, die Bilder sprechen für sich: Soldaten im Gefecht mit den Terroristen, bewaffnete Zivilisten schießen kräftig mit, die dünnen Ruten der MP-Stöße peitschen über den Platz vor der Schule - und dazwischen fallen Menschen zu Boden. Aus den Fernsehlautsprechern dringen Explosionen und Schreie, man meint, hier würde ein "Stirb langsam" für Wahnsinnige ausgestrahlt. Und eigentlich wäre es doch langsam Zeit für den mitteleuropäischen Mittagsschlaf.

Wagte sich ein CNN- oder ein BBC-Kameramann als erster in die ausgebrannte Turnhalle, um seine Kamera unter die Trümmer des Hallendachs zu halten und die grausame Botschaft nach außen tragen? Er habe unzählige, vielleicht Hunderte Leichen gesehen, die meisten Kinder grausam verstümmelt, zerrissen oder verbrannt, schrie ein Reporter. Und die Nachrichtensprecherin hoffte noch, er möge sich irren, die Erschütterung und der Stress seien ihm zu Kopf gestiegen. Erst einmal einen Werbeblock abrufen, und dann sehen wir weiter. Was nicht sein darf, kann nicht sein: Niemand vergreift sich an unschuldigen Kindern.

332 Tote zählt man in Beslan wenige Stunden später, davon 176 Kinder, von Bomben zerfetzt, von Flammenwerfern pulverisiert, von Trümmern erschlagen, von Terroristen erschossen. Oder im Kugelhagel gestorben. Oder unter dem herabstürzenden Dach der Turnhalle verbrannt.

Beslan, fast ein Jahr danach, ist eine Stadt, in der die Zeit eingefroren bleibt. Nach dem Schmerz um die Toten kam der Schmerz wegen der Lügen. Nicht nur die Kinder sind traumatisiert, auch die Erwachsenen gehen an ihrer Hilflosigkeit zugrunde. Nicht genug, dass sie ihre Kinder nicht retten konnten, sie müssen ertragen, dass es keine Antworten auf ihre Fragen gibt und niemanden, der die Verantwortung für die blutige Befreiung übernehmen will.

Beslans Frauen, die sich in einem "Komitee der Mütter" zusammengeschlossen haben, fordern immer wieder Aufklärung von der Regierung Nordossetiens, aber sie dürfen noch nicht einmal die Ergebnisse der Untersuchungskommission einsehen. Ihr Zorn über diese Infamie hat immerhin dazu geführt, dass der nordossetische Präsident zurücktreten musste.

Aus Angst vor neuem Terror haben die Mütter des Komitees private Ausbilder engagiert, die ihnen das Schießen beibringen. Als ihnen das im eigenen Land verboten wird, finden sie Wege, um nach Südossetien zu fahren, wo man sie mit offenen Armen empfängt und ihrem Bedürfnis, Sühne zu fordern und Rächerinnen zu werden, mit Wohlwollen begegnet. Auch wenn die meisten Mütter das Schießtraining als pure Selbstverteidigung betreiben, gibt es unter ihnen einige, die geschworen haben, die Schuldigen am Tod der Kinder eigenhändig zur Strecke zu bringen. So wie Semfira Denissowa, die bei dem Attentat ihren Sohn verlor und deren Mann vor zehn Jahren von den Inguschen erschossen wurde. Für sie ist allein das Nachbarvolk schuld am Tod ihrer Angehörigen, schuld an Verderben und Terror.

Nie wieder, sagt Semfira, wollen wir Opfer sein. Nie wieder wollen wir mit ansehen müssen, wie unsere Kinder vernichtet werden. Das nächste Mal schießen wir zuerst.

Sprachrohr des Mütterkomitees ist Susanna Dudijewa, deren Sohn Saur unter den Toten war. Ihre Sehnsucht nach der Wahrheit ist inzwischen so groß, dass sie Nurpashi Kulajew, dem einzigen Überlebenden des Terrorkommandos, die Unterstützung des Komitees angeboten hat, wenn er nur aussagt, was vor einem Jahr wirklich geschehen ist. Wer den Auftrag gab, woher die Waffen kamen, woher das Geld. Es ist eine seltsame Allianz, die dort im Gerichtssaal von Wladikawkas, der Hauptstadt Nordossetiens, geschmiedet wird: Eingesperrt in einen Käfig sitzt der junge Terrorist, dem das Böse nicht ins Gesicht geschrieben steht. Und im Saal sitzen die schwarzen Frauen, die am ersten Tag der Verhandlung nach seinem Tod rufen, und nun plötzlich mit Kulajew reden wie mit einem Kind, das es zu erziehen gilt. Tatsächlich haben sie mit dieser Taktik Erfolg. Kulajew hat unter den plötzlich sanften Augen der Mütter Dinge erzählt, die bisher in keinem seiner Verhörprotokolle standen.

Andere Frauen in Beslan wollen vom Komitee nichts wissen und sind verstummt, sie verbringen trostlose Tage an den Gräbern ihrer Männer und Kinder. Die Hinterbliebenen quält der Terror noch immer. Die meisten leiden unter schweren Depressionen und fühlen sich schuldig, überlebt zu haben. Wie die 23-jährige Viktoria, deren 16-jährige Schwester Christina in der Turnhalle ums Leben kam. Beide wollten an jenem Morgen gemeinsam zur Schulfeier gehen, hatten sich dann wegen einer Lappalie gestritten. Seither glaubt Viktoria, die andere im Stich gelassen und dem Tod preisgegeben zu haben. Sie sühnt ihre Schuld und sitzt stundenlang an Christinas Grab.

Auch von den Männern, denen ihre Kultur das Weinen und laute Klagen verbietet, fühlen sich viele als Versager. In ihrem Schmerz halten sie sich an Rachegedanken und wollen die Schuldigen am Tod ihrer Kinder bestrafen. Aber an wen sollen sie sich halten? An die Inguschen zuerst, dann die Amerikaner, die Regierung in Moskau und die Sondereinheiten, wird geantwortet, wenn man als Fremde überhaupt eine Antwort erhält. Und während die Männer darauf warten, dass die Schuldigen mit Namen genannt werden, gehen die Stärksten zugrunde, die sich keine Trauer mehr gönnen wollen.

Die meisten Kinder verlor die Familie des Baptistenpredigers Taimuraz Totijew - alle vier Söhne, bei seinem Bruder sind es zwei. Seither erhalten die Totijews Monat für Monat Beileidspost aus der ganzen Welt. Auch in Beslan selbst erfahren sie viel Anteilnahme. Sein größter Trost sei der feste Glaube, die Kinder eines Tages wiederzusehen. Von Rache wolle er, Taimuraz Totijew, deshalb nichts wissen. Der Schmerz sei es, der werde die Osseten wieder an die Wurzeln ihres Glaubens zurückführen und ihnen für die Zukunft inneren Frieden geben, ist er überzeugt.

Doch von innerem Frieden ist Beslan weiter entfernt denn je. Viele Eltern beschuldigen die Lehrer, damals nur ihr eigenes Leben gerettet und sich hinter den Kindern versteckt zu haben. Die Direktorin der "Schule Nummer 1" hat sogar die Stadt verlassen, als ihr unterstellt wird, etwas gewusst zu haben, möglicherweise eine Komplizin der Terroristen gewesen zu sein. Ein Behauptung, für die es keinerlei Beweise gibt. Sie stützt sich lediglich auf die Tatsache, dass die Frau die Geiselnahme körperlich unbeschadet überlebt hat. Es ist kein Zufall, wenn die Ohnmacht jede Scham in Stücke reißt.

Am 3. September 2004 zeigten sich die westlichen Länder wieder einmal überrascht vom Ausmaß der Gewalt im Kaukasus und vergaßen doch bei aller Bestürzung, wie sehr diese Gewalt längst alltäglich war und der Nährboden für einen unbändigen Fanatismus, der Moral, Menschlichkeit und Mitleid erstickt.

Beslan, so hieß es später, habe dem Terror eine neue Dimension gegeben, weil er sich an Kindern vergriff. Eine unsinnige Emotionalisierung. Wie oft hat man schon Kinder nicht geschont? Im Iran wurden Minderjährige über Minenfelder geschickt, um den Weg für die nachrückenden Soldaten frei zu machen. Im Sudan, in Uganda, in Liberia ließen Drogen, Angst und Drill Kinder zu hemmungslosen Killermaschinen werden. In Tschetschenien hat der Krieg seit 1994 25.000 Kinder auf dem Gewissen. Von den verstümmelten, traumatisierten, seelisch erfrorenen Mädchen und Jungen ganz zu schweigen. Aber wer will im selbstgerechten Mitteleuropa, unter den Großmeistern der Kinderliebe, schon davon hören, dass der Nordkaukasus längst kein Hort des Glücksseligkeit mehr ist - und die Unantastbarkeit von Kindern schon lange nichts mehr gilt?

Armut und Arbeitslosigkeit, ungelöste historische Konflikte, verantwortungslose korrupte Regierungen, Klein- und Großkriminelle, Menschenhändler, dazu selbst ernannte Freiheitskämpfer mit maßlosen Rambo-Manieren haben für eine Atmosphäre aus Angst und Hoffnungslosigkeit gesorgt. Fast jedes Leben ist ein Elend - und fast jedes Elend dauert ein Leben lang. Wer ehrlich ist, kommt zu nichts. Wer sich nicht einlassen will mit den Tätern, stirbt oft schneller als die anderen.

In Tschetschenien ist inzwischen eine ganze Generation mit dem Wissen um Folter, Entführung und Mord aufgewachsen. Kinder, die täglich an Leichen vorbeigehen. Kinder, deren Mütter oder Väter verschleppt wurden, deren Brüdern und Cousins man die Augen ausstach. Oder die ihre Körper mit Dynamit in die Luft sprengten. Seit mehr als einem Jahrzehnt brennen in Tschetschenien die Feuer der Hölle.

Entgegen der russischen Propaganda, die im Unabhängigkeitsstreben der Tschetschenen eine unberechenbare Gefahr für eine ganze Region sah, schien es den anderen kaukasischen Republiken lange Zeit zu gelingen, dem tschetschenischen Teufelskreis zu entkommen. Weder die Kabardino-Balkaren, noch die Adygier, noch die Inguschen oder die Dagestaner wollten dem tschetschenischen Paradigma folgen und einen Bürger- und Glaubenskrieg riskieren. Selbst als der Warlord Shamil Basajew, der sich inzwischen zum Urheber des Infernos von Beslan erklärt hat, mit seiner Privatarmee im Sommer des Jahres 1999 Dagestan überfiel, um den dortigen islamischen Glaubensbrüdern die "helfende Hand des Beistands zu reichen" (wie er mitteilen ließ), wurde daraus zunächst kein Krieg.

Erst als 33 Männer über 1.000 Geiseln in einer Beslaner Schule einpferchten und drei Tage später wimmernde Mütter und versteinerte Väter ihre Kinder in Erdlöcher legten, war es endgültig vorbei mit dem Glauben, man könne im Nordkaukasus Feuer dulden, einen Flächenbrand aber verhindern. Da war das Wort Tschetschene in aller Munde, kroch säbelrasselnd in die geschockten Seelen der entsetzt und aufgewühlt zuschauenden Mitteleuropäer.

Nicht vom Terror gegen Kinder, sondern von tschetschenischem Terror sprach Russlands Präsident Wladimir Putin, der sich nur zögerlich an die Krankenbetten der Überlebenden gewagt hatte und seither nie wieder in Nordossetien gesehen wurde. Europas Nachrichtensprecher mimikrierten brav jenen Ton des gebührenden Schauderns über die Apokalypse, aber leider reichte die Sendezeit nicht, um mehr als die Farben Schwarz und Weiß auf die Monitore zu holen.

Auch die amerikanische Regierung musste sich vorwerfen lassen, blind gewesen zu sein für das Unheil, das sich in und um Nordossetien zusammenbraute. Nur war es in Beslan nicht allein und schon gar nicht zuallererst Blindheit, die den Terroristen den Weg bis in die "Schule Nr. 1" ebnete, sondern eine gefährliche Melange aus Nachbarschaftskonflikten, unbeglichenen Rechnungen sowie einer bezahlten, ideologisch motivierten, aber auch kriminellen Mittäterschaft auf vielen Ebenen. Wo die Politik in Moskau und anderswo mit dem Finger auf die Tschetschenen als Urheber zeigte, deuteten die Osseten auf ihre Nachbarn, die Inguschen, und sahen im Terror nichts weiter als die Rache für einen Krieg, der vor zwölf Jahren zu Ende ging, aber in den Köpfen nie zu Ende war.

Seit die Inguschen in den fünfziger Jahren aus der Deportation zurückgekehrt sind und ihr Gebiet Prigorodny, welches Stalin den Osseten zuschlug, zurückfordern, gibt es Spannungen zwischen beiden Völkern. Sie eskalierten 1992 in einem bewaffneten Konflikt, der über 600 Menschenleben kostete und für ein fortwährendes Misstrauen sorgte. Prigorodny blieb der Zankapfel, an dem sich ethnischer und zivilisatorischer Zwist entzündete und Bitterkeiten aufrecht erhalten ließen.

Nordossetien hat anders als Inguschetien stets loyal zu Moskau gestanden. Ein Weg, der das Land stabil hielt, auch wenn auf dem Markt von Wladikawkas des öfteren Bomben hochgingen. Die Nähe zum Großen Bruder in Moskau brachte zwar keine wirtschaftliche Prosperität, verhinderte jedoch die schlimmste Armut und schuf ein Klima der Toleranz und des Ausgleichs, in dem auch Kunst, Kultur und Bildung gedeihen konnten.

Inguschetien dagegen driftete schon vor den neunziger Jahren in Armseligkeit und Verwahrlosung ab. Von den Folgen der Deportation, bei der mehr als ein Drittel der Inguschen ums Leben kamen, hatte sich dieses Volk nie wirklich erholt. Über Jahrzehnte hinweg ein Teil der autonomen tschetscheno-inguschischen Sowjetrepublik, fiel Inguschetien nach der Unabhängigkeitserklärung Tschetscheniens schmerzhaft auf die eigenen Füße und musste sich in den Wirrnissen des Kaukasus zurecht finden.

Im Jahre 2003 drängte die Regierung in Moskau den damaligen Präsidenten Ruslan Auschew aus dem Amt, weil er als zu Tschetschenen-freundlich galt. Er soll ein Vertrauter des im März 2005 unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen tschetschenischen Ex-Präsidenten Aslan Maschadow gewesen sein. Auschew sah sich durch Murat Ziazikow, einen General des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, ersetzt, dem es am Charisma des Vorgängers fehlte, um das Vertrauen seines Volkes zu finden. Ziazikow konnte wenig dagegen tun, dass die Ökonomie Inguschetiens fast nur noch als Schattenwirtschaft funktionierte und mit einer Politik kollaborierte, der ein luderhafter Geruch anhaftete.

Das wenige Öl, das in Inguschetien gefördert wird, reichte nie für ein signifikantes Bruttosozialprodukt - große Teile der Bevölkerung lebten vom Schmuggel und schlimmeren Vergehen. Seit 1994 musste ihre Republik den Flüchtlingsstrom aus Tschetschenien auffangen. Anfangs, Mitte der neunziger Jahre, 400.000 Menschen, mehr als Inguschetien selbst an Einwohnern zählt. Die Flüchtlingslager waren Zellen des menschlichen Leids, aber auch Brutstätten für Rache und Vergeltung. Deren Auflösung 1998 und die teilweise erzwungene Rückkehr Zehntausender entwurzelter Tschetschenen in ein Land, in dem sie ihres Lebens nicht sicher sein konnten, ließ viele endgültig heimatlos werden. Schlimmer noch: der erneute Exodus gab ihnen das Gefühl, nun endgültig nichts mehr verlieren zu können. Ein idealer Zustand für islamistische Terrorkommandos, um zu rekrutieren und sich Nachwuchs zu besorgen.

So waren der tschetschenische Krieg und der aufhaltsame Niedergang Inguschetiens zwei Wegweiser nach Beslan. Den dritten stellten jene auf, die schon immer vom Terror profitieren hatten: wirtschaftlich, politisch. Schon im September vor einem Jahr mutmaßten Überlebende und Hinterbliebene, die Wahrheit darüber, wer die Terroristen ausgerüstet und losgeschickt habe, werde vermutlich nie ganz zu erfahren sein.


Augenzeugen des Sturms auf die Schule stellten ohnehin die offizielle Version eines durch die Terroristen erzwungenen Angriffs in Frage. Sie bestritten, dass eine Explosion in der Turnhalle die Katastrophe ausgelöst habe, wie die russische und nordossetische Regierung behaupteten, um damit die überstürzte und viel zu riskante Befreiungsaktion am Vormittag des 3. September zu rechtfertigten. Sie bezweifelten die Versicherung, man habe im entscheidenden Moment nicht anders handeln können. Nachdem Sprengladungen in der Turnhalle explodiert seien und die Terroristen auf die im so ausgelösten Chaos Flüchtenden zu schießen begannen, hätten die Sondereinheiten das Feuer eröffnen müssen.

Nein, nicht die Rettung der Kinder, vor allem die Vernichtung der Terroristen sei das Ziel der Verantwortlichen im Krisenstab gewesen. So jedenfalls lautet das Fazit, das im "Komitee der Mütter" bis heute gezogen wird. Fotos, die im Umfeld der Schule vor, während und nach der Geiselnahme aufgenommen wurden, werden als Beweis für diese Theorie gezeigt. Wer sie betrachtet, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Einsatzkräfte draußen vor der Schule vorzugsweise mit Waffen ausgerüstet waren, wie sie gebraucht werden, um Panzer zu brechen und massive Gebäude in Schutt und Asche zu legen. Auf Fotos, die nach dem Sturm entstanden, sind zerfetzte Körper, Rümpfe, Arme, Köpfe und immer wieder vollkommen verkohlte Leichen zu sehen, die auf den Einsatz von Flammenwerfern schließen lassen. Grauenhafte Folgen einer Anti-Terror-Operation, die in anderen Staaten schwere politische Konsequenzen provoziert hätte.

32 Täter - 30 Männer und zwei Frauen - haben die Einsatzkräfte am 3. September vor einem Jahr erschossen, nur einer, Nurpashi Kulajew, überlebte. Von der Nationalität her waren Inguschen, Tschetschenen und ein Ossete beteiligt. Aber nur 20 der 33 Täter konnten zweifelsfrei identifiziert werden. Nur wer waren sie wirklich? 33 Kriminelle, mit Drogen vollgepumpt und für jede Bluttat billig zu haben? Dass noch andere beteiligt waren und entkommen sind, hält inzwischen auch die Untersuchungskommission in Wladikawkas für sehr wahrscheinlich. Einige hat man für ihr Handlangertum bereits bestraft: ein paar Polizisten etwa, die an den Straßensperren standen und ihre Köpfe zur Seite drehten, als am 1. September ein Lastwagen mit schwerbewaffneten Männern vorbeifuhr, was - wie Zeugen später bestätigt haben - klar erkennbar war. Doch was waren die Milizionäre anderes als kleine Fische, Commis des Verbrechens, die bestenfalls ahnten, wofür sie die Straße freigaben und wofür sie bestraft wurden.

Andere haben protzend die Schuld auf sich genommen. Der erwähnte Shamil Basajew, den die deutsche Presse gelegentlich gern mit dem Titel "Warlord" oder "Widerstandskämpfer" ausstattet, und die russische zum "Topterroristen" erklärt. Es muss verwundern, dass die russische Armee mit ihren Spezialeinheiten seit elf Jahren seiner nicht habhaft werden kann. Obwohl sich Basajew gerade wieder damit gebrüstet hat, in Kabardino-Balkarien zu kuren - aber vielleicht ist das nur eine der vielen Geschichten, die man sich im Kaukasus raunend und ungläubig erzählt. Wenn die Wahrheit eine Illusion ist, füllt man die Löcher eben mit Legenden.

Als der Tod sich seine Teufel schuf, als er den Wahnsinn des Hasses in die Köpfe der Täter von Beslan trieb, als er ihnen jede Menschlichkeit und jede Scham nahm, hatte er auf alle Fälle ein leichtes Spiel. Er setzte auf jene Überzeugungen, die seit Jahrhunderten Elend und Zerstörung über die Region bringen: Ehre. Männlichkeit. Hochmut. Er nahm die Dummheit, die Armut, den Fanatismus und das Geld hinzu, er konnte auf Gier und Skrupellosigkeit zählen. Er hangelte sich am Netz dunkler Beziehungen entlang, die Fäden der Korruption und des Hungers nach Macht und Öl hielten ihn sicher. Er nahm das Geld vom Westen und vom Osten und lockte damit jene, die für Geld auch Kinder töten.

Ein Lehrstück über verfehlte Politik, falsches Schweigen und falsche Freundschaften. Spätestens seit Beslan scheint es Zeit, dass europäische Getändel mit Russland zu überdenken und ein Ende der Schlacht um den Kaukasus sowie eine politische Basis zu verlangen, auf der sich - wenn schon kein Frieden - dann wenigstens Stabilität für diese Region aufbauen lässt. Ansonsten bleibt vom Attentat in Beslan nicht viel mehr als hilfloses Entsetzen über Dinge, die sich nicht ändern lassen.

Wie das bleierne Schicksal der Emma Betrosowa, deren Mann gleich am ersten Tag der Schulbesetzung von den Terroristen vor den Augen seiner Söhne erschossen wurde. Und deren Söhne beim Sturm auf die Schule umkamen. Und Emma? Verwitwet, kinderlos, kraftlos und Mitte 30, ist wieder bei ihren Eltern untergekrochen und lässt einen Tag wie den anderen an sich vorüberziehen.

Aber wer fragt danach?

In Beslan ist bis heute der Alltag ausgeblieben. Einem kalten Winter folgten ein sonniger Frühling und ein heißer, trockener Sommer. Die Kränze wurden von den Gräbern geräumt, auf dem Boden der Turnhalle lagen keine verlorenen Schuhe mehr, keine verbrannten Rucksäcke, keine angekohlten Bücher.

In vielen Kinderzimmern jedoch liegen die Spielsachen der toten Bewohner wie aufgebahrt auf den Betten, und manche Wohnungstür wird seither nicht mehr aufgeschlossen. Es gibt zuviel Trauer ohne Trost.

Die Lage der Inguschen in Ossetien hat sich durch den Anschlag extrem verschlechtert, die Verhandlungen um das Gebiet Prigorodny sind so festgefahren wie noch nie. Vor Beslan gab es inguschische Kinder, die in ossetische Schulen gingen. Kranke wurden in den ossetischen Hospitälern behandelt, Studenten studierten an der Universität von Wladikawkas. Das ist vorbei.

Misstrauen, Angst und Hass haben für lange Zeit die Nachbarschaft beider Völker vergiftet. Osseten fahren nicht mehr nach Inguschetien - Inguschen nicht mehr nach Ossetien. Auf beiden Seiten heißt es, man wäre bei den anderen seines Lebens nicht sicher. In ihrer Bitterkeit und ihrem Schmerz haben die Mütter von Beslan sogar gefordert, die Bahngleise zu verlegen, die am Friedhof für ihre Kinder vorbei führen. Der Anblick der Züge nach Inguschetien soll ihnen erspart bleiben.


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00:00 19.08.2005

Ausgabe 38/2021

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