Der Tränensammler

Filmfestival Wenn man es nicht besser wüsste: Trotz Finanzkrise präsentiert sich Dubai auf seinem Filmfestival großzügig. Und zu sehen gab es bemerkenswert viele Filme von Frauen

Am Anfang war das Internationale Filmfestival in Dubai (DIFF), dann kam die Wirtschaftskrise. Vielleicht war deshalb es auf dem sechsten DIFF von letzterer nichts zu spüren. Im "Beverly Hills" Dubais, dem Viertel Jumeirah in der Nähe des Sieben-Sterne-Hotels Burj al Arab war die Welt zwischen dem 9. und 16. Dezember tatsächlich in Ordnung. Dort liefen laufend Stars aus Hollywood, Bollywood und aus den arabischen Ländern über den langen roten Teppich und winkten begeistert ihren jubelnden Fans zu. Sie wurden auch von den ganz in langen, schwarzen Schleiern verhüllten jungen Frauen begrüßt, die lächelnd in bestimmten Abständen neben den wunderschön dekorierten, exotischen weißen Blumensträußen als „Festival-Damen“ standen. Den islamischen Landessitten entsprechend waren ausschließlich ihre Gesichter zu sehen. Dass sie, freilich gegen dieselben Sitten, ihre sehr stark geschminkten Antlitze, besonders zumeist grellrot gemalten Lippen in der Öffentlichkeit zeigten, störte niemanden; ein faszinierendes, widersprüchliches Bild, das zugleich die gesellschaftliche Situation des Wüstenstaates widerspiegelt.

Die Festival-Macher in Dubai wollen gerade solche Gegensätze miteinander verbinden: Bridging Cultures, Meeting Minds, lautete das Motto des DIFFs, auf dem mehr als 170 Filme aus 55 Ländern gezeigt wurden, darunter 29 Weltpremieren. Vor allem die 60 „arabischen“ Filme bewiesen, dass sich die Filmindustrie aus diesen Ländern nicht nur auf familientaugliche Unterhaltung beschränkt, sondern auch unabhängiges und zeitkritisches Kino bietet.


Auf dem DIFF war also alles in Ordnung. Dennoch tauchten Nicole Kidman, Penélope Cruz und weitere Stars des Eröffnungsfilms Nine von Hollywood-Regisseur Rob Marshall nicht auf. Die Superstars aus Bollywood wie Amitabh Bachchan, die großen Namen aus den arabischen Ländern wie die Ikone des ägyptischen Kinos, Omar Sharif, und die Diva der israelischen Filmwelt, Hiam Abbass, machten sich dagegen persönlich auf den Weg in das arabische Emirat. Hiam Abbass war in zwei Debütfilme von den Nachwuchsregisseurinnen Dima El-Horr und Cherien Dabis zu bewundern: Every Day is a Holiday und Amreeka. Abbass, die zuletzt im Film Lemon Tree von Eran Riklis mit ihrer dialogarmen Rolle zu sehen war, in der sie Mimik und Körpersprache exzellent einsetzte, fasziniert den Zuschauer diesmal durch ihren meisterhaften Umgang mit der Sprache. In Every Day is a Holiday spielt sie die Rolle einer Frau, die im Libanon mit einem Bus auf dem Weg zum Gefängnis ist, um für ihren Mann eine Pistole hineinzuschmuggeln. Mit beeindruckenden Bildern zeigt Dima El-Horr nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Umstände in dem vom Krieg zerstörten Land, sondern auch die zerrissene innere Welt dreier unterschiedlicher Frauen.

Die Anzahl der Frauen, die vor und hinter der Kamera mitgewirkt haben, war in Dubai in diesem Jahr beträchtlich hoch. Mehr als 20 Filmemacherinnen bekamen die Gelegenheit, ihre Spiel- und Dokumentarfilme zu zeigen.Die Protagonistinnen des kanadisch-kuwaitischen Beitrags Amreeka sind ebenfalls zwei Frauen. Neben Hiam Abbass glänzt die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin Nisreen Faour als selbstbewusste Frau, die mit ihrem Sohn nach Amerika emigriert, um für ihn eine sichere und geordnete Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach dem 11. September zu bewerkstelligen: Kulturschock und große Enttäuschungen sind die ersten bitteren Erlebnisse dieser allein stehenden Mutter aus Palästina. Nisreen Faour erhielt für diese Rolle den Muhr-Arab-Preis als beste Schauspielerin erhalten.

„Palästina“ war das politisch brisante Thema, das viele Filmemacher nicht nur aus den arabischen, sondern auch aus den westlichen Ländern inspirierte. Der Beitrag Zindeeq des 1950 in Nazareth geborenen Filmemachers Michel Khleifi wurde schließlich zum Favoriten der fünfköpfigen Jury, die ausschließlich aus Männern bestand. Der hervorragend erzählte, politisch anmutende Thriller über einen nach Frankreich immigrierten und „westlich“ orientierten palästinensischen Regisseur, der nichts mit seiner Heimat zu tun haben will, ist spannendes Erzählkino voller Geheimnisse auf beachtlichem ästhetischem Niveau.

Besucherfreundliche Preise

Ästhetisch gesehen gilt das Gleiche für den iranischen Beitrag, der den Spezial-Preis der Jury in der Sektion Muhr-AsiaAfrica-Feature gewann: Keshtzarhaye Sepid (The White Meadows) des 1972 in Shiraz geborenen Mohammad Rasoulof. Der iranische Schauspieler Hasan Pourshirazi, auch als bester Schauspieler ausgezeichnet, verkörpert die Hauptfigur der Geschichte, Rahmat. Er reist stets mit einem kleinen Boot von einer Insel zur nächsten auf dem salzigen See Uromieh im Norden Irans, um die Tränen der Einwohner zu sammeln. Was er mit den Tränen macht, bleibt ein Rätsel, über dessen Mysterien niemand Bescheid weißt. Um die untrennbare Verquickung der Mystik mit dem Aberglauben darzustellen, lässt Rasoulof seine hoffnungslosen Protagonisten, sich in die faszinierende „weiße“ Landschaft aus Salzwiesen und -felsen wie Schatten hin und her bewegen, um am Schluss im Tod zu enden. Man kann den Film, wenn man will, als einen leisen und poetischen Protest gegen die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Umstände im heutigen Iran verstehen, die seit ewigen Zeiten den Menschen zu schaffen machen.

Aus dieser Perspektive diskutierte das Publikum nach der Filmvorführung im Kinosaal der teueren Shopping Mall Jumeirah. Die meisten Plätze waren von ganz, halb oder gar nicht Verschleierten oder Mädchen mit tiefen V-Ausschnitten und kurzen Röcken besetzt. Die liberale Politik von filmliebenden Scheichs macht es möglich, auch in finanzieller Hinsicht: Trotz der Wirtschaftskrise kostete der Eintritt umgerechnet drei Euro, was für dortige Verhältnisse sehr preiswert ist.


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16:30 22.12.2009

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