Der Traum der Tropen

Romantiker In Rainer Simons Roman "Regenbogenboa" zerfließen die Grenzen zwischen Traum und Realität

Als Anna die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, flog sie sofort nach Ecuador. Von Tajol, einer kleinen Stadt am Rand des Urwalds, fuhr sie mit dem Bus bis zur Endstation. Von dort holten Sebastián und der Junge Riqui sie im Kleinlaster ihres Vaters ab. Mit ihr erlebt der Leser gleich zu Anfang des Romans, wie Gregor die letzten 35 Jahre gelebt hatte. Es war keine Flucht, die ihn aus Deutschland trieb, sondern "ein Zupacken, den eigenen Traum packen, die Freiheit packen", sagt Anna.

Gregor wurde in Deutschland während des Krieges geboren, hatte die russische Besatzung erlebt, wuchs in der DDR auf, wie auch der Autor. Er hatte die DDR verlassen, bevor die Mauer fiel. Später, "nach den großen Veränderungen", wollte er nicht mehr zurück nach Europa. "Jeder raffte, wo er konnte. Rückfall in die Barbarei der Gründerjahre. Europa war öder denn je. Ein einziger, langweiliger Selbstbedienungsladen", fand Gregor. Doch die Erinnerungen an Deutschland wurde er nicht los. Die Vergangenheit wird im Roman immer wieder eingeblendet und mit den Erlebnissen im Urwald Amazoniens verwoben. Auch die sind Vergangenheit; denn die Hauptfigur ist tot. Der Tote spricht durch seine Aufzeichnungen, die seine Tochter Anna liest.

Anna wohnt in seiner spartanischen Bambushütte, schläft in seinem Bett unter dem Moskitonetz, sieht das Bücherregal mit den Büchern, die Gregor (und den Autor?) begleitet hatten: Márquez, Allende, Cortázar, Alexander von Humboldt, Joseph Conrad. Anna greift nach einem der Bücher, es zerfällt ihr in der Hand zu Staub und sie erinnert sich, dass ihr Vater einmal gesagt hatte, "seit er hier sei, lese er nicht mehr, denn er sei nun selbst auf der Suche nach der verlorenen Zeit."

Doch der Leser liest noch, liest mit Anna die losen Blätter, die sie in einer Schatulle mit zurücknimmt. Die und ein Holztönnchen voller Asche sind alles, was von Gregor übrig bleibt. Auch er ist wie seine Bücher zu Staub zerfallen. Sie versucht, das Geschriebene in eine Ordnung zu bringen. "Doch das Geschriebene entzog sich mir auf seltsame Weise." So erging es auch manchen Usern. "Erschwerend kommt hinzu, dass auch viele andere Figuren aus Gregorios Geschichte heraustreten und unvermittelt zu Ich-Erzählern werden. So ist der unermüdliche Leser, der sich verzweifelt wünscht, irgendwie folgen zu können, froh, wenn es gelegentlich zurück in die deutsche Vor- und Nachkriegszeit geht", schrieb eine Rezensentin sichtlich genervt.

Rainer Simon erzählt nicht linear. Er wechselt die Erzählperspektiven und verwebt Gregors ungeordnete Aufzeichnungen mit Annas Bericht, der in einem apokalyptischen Traum endet. Anna landet nach einem Irrflug in Mexiko, sitzt dort in einem Hotel fest und ist nach dem Totalausfall aller Kommunikationsmittel von der Welt abgeschnitten. Traum und Realität vermischen sich. Die Einheit von Tag und Traum sei im Laufe des Zivilisationsprozesses verloren gegangen, schreibt Gregor/Rainer Simon: "Augen, Ohren, Geruch, Geschmack, die fühlende Haut - alles funktionierte isoliert, ich konnte zu wenige Dinge gleichzeitig tun, ohne sofort über sie nachdenken zu müssen...Wir verteidigen uns gegen unsere Natur, kraft und willens unserer Gedanken. Denn die unterscheiden uns von den Tieren." Und an anderer Stelle räsonniert Gregor, der Sog der Natur sei für uns Zivilisierte so schwer verkraftbar, weil wir nichts anderes mehr kennten als die rationale Welt. In der magisch-animistischen Welt der Stammeskulturen findet der Einzelne durch magische Praktiken und Drogen Anschluss an das große Ganze, das uns in der zivilisierten Welt abhanden gekommen ist. Wir können uns nicht mehr unmittelbar auf Natur beziehen. Seitdem die Ausbeutung der Natur durch die Industriegesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts begann, ist dieser Bruch irreparabel.

Heute ist auch der letzte Flecken Urwald von Öl-Pipelines durchzogen. Die Erdölkonzerne haben den Urwald in eine Mondlandschaft verwandelt und den Wilden die Zivilisation gebracht. "...es gab keine Verstecke mehr. Überallhin auf der Welt kam der Mensch: Jeder Ort war ihm zugänglich." Wellblechhütten, nur noch Reste von Urwald, den die Zivilisation aufgeschlitzt hat. Zuerst kamen die Missionare. Sie waren die Wegbereiter für das ausländische Kapital, haben den Verkäufern die Pforten des Urwalds geöffnet und neue Märkte gewonnen. Seitdem träumen die Indios von Musik aus dem Radio, von wasserdichten Uhren und Bettwäsche. Die Zeiten, da ein junger Indio nackt durch den Urwald zog, sind längst vorbei. "Sie waren auf dem Wege, Verhüllte zu werden wie wir, und allmählich würden die Kleider auch ihre Seelen verhüllen. Sie waren dabei, wie wir die Natur zu verlieren und ebenso zu degenerieren."

"Nur die Innenwelten widerstehen halbwegs noch." Die Innenwelten, das sind die Träume, die Erinnerungen, die Delirien, die durch bewusstseinserweiternde Mittel erzeugt werden. Gregor trinkt den Sud einer Kaktussäule, "damit die Geheimnisse der Natur an die Grenzen unseres Bewusstseins zurückkehren könnten, etwas an den Tag bringend, was unerkannt in uns ist. Damit wir selbst ein Stück mehr von unserer Natur erfahren könnten, indem wir uns ihr ergaben, ahnend dass auch wir ein Glied in einer unendlichen Kette und nichts anderes sind, und dass auch von uns etwas bleiben würde." Im Rausch ist die Distanz zur Natur aufhebbar. Rainer Simon ist ein Romantiker. Er sehnt sich nach der Natur, doch da dies seit der Moderne problematisch geworden und Natur-Naivität nicht mal mehr im fernen Ecuador möglich ist, bleiben ihm nur Traum und Halluzination.

Bei der Beschreibung der Träume im Roman kommt dem Autor Rainer Simon der Filmemacher zu Hilfe. Die flüchtigen Bilder des Films erzeugen wie die der Träume einen Geisteszustand des Halluzinierens und des Tagträumens. Simon war von 1968 bis 1990 Regisseur im DEFA-Spielfilmstudio in Babelsberg und einer der bedeutendsten Filmemacher der DDR. Sein letzter DEFA-Film, Die Besteigung des Chimborazo (1988), handelt von Alexander von Humboldt, der auch aus der deutschen Provinz kam. Bei den Dreharbeiten lernte Simon die Lebensweise und Kultur der ecuadorianischen Indios kennen. Seitdem ging er immer wieder nach Ecuador zurück und produzierte weitere Filme über und mit den Indios. Regenbogenboa ist sein erster Roman. Ein hoffnungsvoller Anfang, der nicht nur Südamerika-Fans Freude macht, wie eine Rezensentin schrieb, sondern alle begeistert - und nachdenklich macht -, die den Traum der Tropen geträumt haben oder immer noch träumen.

Rainer Simon: Regenbogenboa. Roman. Schwartzkopff Buchwerke, Berlin 2005,
312 S., 22,50 EUR


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00:00 02.03.2007

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