Der Traum des Tiers

Poesie Pietro Marcello hat mit „Bella e perduta“ einen sagenhaft schönen Film über das heutige Italien gedreht
Lukas Stern | Ausgabe 28/2016

Um überhaupt von der Welt erzählen zu können, muss man die Perspektive auflösen – die Perspektive des Menschen. Vernunftgeleitet, scheinbar sicher auf dem Boden der Tatsachen stehend, mit ungetrübter Sicht auf die Dinge. Aber wer oder was kritisiert die menschliche Vernunft, wenn sich diese zur einzig kritischen Instanz emporempfunden hat? In Bella e perduta macht das ein Babybüffel, der sprechen kann. Wir sehen zwar nicht, wie er den Mund bewegt, aber wir hören ihn im Off. Wenn nicht mehr der Mensch allein von der Welt erzählt, sondern ein Büffel mitredet, dann, man kann es sich denken, wird es kompliziert.

Pietro Marcello hat mit Bella e perduta einen komplizierten Film gedreht, einen Film, der gerade weil er so kompliziert, zugleich wunderschön und fantastisch ist. Vertrackt ist dieser Film allein dadurch, dass er ganz unterschiedliche Erzählregister miteinander kombiniert. Was als Dokumentarfilm beginnt, gleitet mit der Zeit in eine fiktionale Erzählung ab.

Das hat einen Grund. Der Hirte Tommaso, der im Zentrum des Films steht, verstarb während der Dreharbeiten. Tommaso, den die, die ihn kannten, den Engel von Carditello nannten, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Hausmeister in einem heruntergekommenen Barockpalast zu sein. Der steht in der terra dei fuochi, im Feuerland, der Region rund um Neapel. Hier herrschen unauflösbar mafiöse Strukturen, Müll liegt überall oder wird zum Leidwesen der Natur verbrannt.

Es ist eine kaputte Gegend, in der Tommaso tagtäglich Plastikflaschen vom Gelände der historischen Ruine fegt. Bezahlt wird er nicht dafür. Er macht es freiwillig und mit dem eisernen Glauben, dass Kultur auch dort etwas wert sei, wo der Staat sie vernachlässigt. Noch vor seinem Tod hatte Tommaso einen Babybüffel vor dem Schlachter gerettet, jenen Büffel mit dem Namen Sarchiapone, dem nun, gewissermaßen an Tommasos statt, eine Stimme zuteil wird. Fortan also erzählt ein Tier die Geschichte, fortan ist es dessen Blick auf die politisch marode Lage der Region, für die sich Bella e perduta interessiert.

Narren als Autorität

Dabei könnte der Spagat von der menschlichen zur fiktiven Perspektive des Tiers eleganter nicht sein. Marcello weiß genau, dass mit dem Registerwechsel gewaltige Dissonanzen drohen. Aus diesem Grund tritt eine weitere fiktive Figur hinzu. Pulcinella (zu deutsch etwa: kleines Küken) ist eine Narrenfigur aus der Commedia dell’Arte, er trägt eine Maske mit spitzgebogener Nase. In der Schlüsselszene des Films, der Schaltzentrale, muss man sagen, reicht dieser Narr bei einem anderen Narren den Antrag ein, dem Büffel die Stimme zu gewähren, mit der er seine Geschichte erzählen kann. Es ist eine absurde, äußerst komische, aber ungeheuer kluge Szene, denn nicht nur wird hier mit einem Stempel ein für allemal beglaubigt, dass ab sofort ein Büffel sprechen wird, auch wird klar, dass eine solche Beglaubigung nur von einem Narren stammen kann, dass man die Welt der Narren braucht, den historischen und ästhetischen Rahmen, in dem sie leben, um sich einen sprechenden Büffel vorstellen zu können. Nur der Narr – und auf ihn verlässt sich Marcello – kann die Perspektive des Menschen auflösen und die des Büffels legitimieren. Wer das nicht glaubt, glaubt nicht an die Kunst.

Mit dieser Zuspitzung muss man leben können, sonst wird man mit Bella e perduta nicht zu Rande kommen. Marcello bedient sich nicht einfach einer Fiktion, um seinen Film zu Ende erzählen zu können, er stiftet sie, er lässt sie stiften, vor unseren Augen – genau deshalb muss man ihr Glauben schenken.

Das Schöne und zugleich das Politische an Bella e perduta ist, dass er den Verfall der süditalienischen Regionen, die Zerfressenheit von Natur und Kultur angesichts krimineller Machenschaften und politischer Verantwortungslosigkeit nicht einfach beklagt oder betrauert, sondern dagegen protestiert. Marcellos Film, und deswegen muss er so kompliziert sein, will nicht einfach nur Missstände abbilden, er will sie bekämpfen mit Poesie.

Um den Widerstand zu organisieren, um sich gegen den Zerfall zu stemmen, genügt es nicht, einen Film zu drehen, der mit sachlichem Ernst die miserable Lage Süditaliens aufdeckt und benennt. Vielmehr muss sich die Wirklichkeit mit der Fiktion verbünden, damit sich etwas anderes abzeichnet, so absurd das erscheinen mag. Es geht dabei, wie Jahrzehnte zuvor in den Filmen Pier Paolo Pasolinis, um die Entzauberung der Welt durch menschliche und gesellschaftliche Rationalisierungsprozesse. Wie könnte eine Alternative dazu aussehen? Der irrwitzige, aber vom Film plausibiliserte Vorschlag lautet: einen Büffel zu fragen.

Immerhin sind die Tiere länger auf der Welt als die Menschen. Wehmütig berichtet Sarchiapone von einem Traum, in dem den Menschen Flügel gewachsen waren und sie den Planeten verlassen hatten. Das ist keine Alternative, mit der wir Menschen leben könnten. Aber es ist, zumindest über die Zeit von Pietro Marcellos Film, eine Idee, mit der wir uns auf ungeheuer unmittelbare Art und Weise konfrontiert sehen. Denn was wir nicht mehr können – und das ist die erzählerische Leistung von Bella e perduta –, ist, uns zu trösten damit, dass der Büffel nur Fiktion sei.

Info

Bella e perduta Pietro Marcello Italien 2015, 87 Minuten

06:00 27.07.2016

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