Der Trommler und seine Trommlerfrau

Kehrseite Es waren einmal eine stille invalide Frau und ein flinker Trommler aus einem Begräbnisorchester, die lebten zusammen. ...

Es waren einmal eine stille invalide Frau und ein flinker Trommler aus einem Begräbnisorchester, die lebten zusammen.

Die Frau hatte einst mit ihrem Mann in Karaganda in der Kasachischen Sowjetrepublik gewohnt und fuhr mit dem Linienbus zur Arbeit. Da setzte an einem Bahnübergang plötzlich bei dem Bus der Motor aus, der Zug aber war schon zu nahe. Der Zug prallte auf den Bus und machte alles zu Brei und Schrott. Und die Trommlerin flog aus dem Bus heraus.

Während des Flugs schlug sie sich an dem Eisen eines Stiefels den Kopf auf, und die Knochen spießten heraus. Seitdem murmelte sie immerzu vor sich hin und las ein einziges Buch. "Die Bergbewohnerin" von Rassul Gamsatow nämlich, wo er die neuen Beziehungen zwischen den Menschen in der Republik Dagestan und den Kampf um ihre Frauengleichberechtigung beschreibt. Dieses Buch hatte sie gleich nach ihrer Verletzung im Krankenhauskiosk gekauft. Und sie trennte sich nie mehr von ihm.

Nach dem Unglück kehrten sich viele von der Frau ab, und der erste war ihr lieber Mann.

Der Trommler, der schlug sein Leben lang die Trommel. Wie er an der Front die Trommel geschlagen hatte, so schlug er auch nach dem Krieg die Trommel. Er war ein Trinker, und durch sein Trinken landete er schließlich in einem Begräbnisorchester, wo er mit Musik hinter den Särgen her ging.

Da kehrten sich auch von ihm viele ab.

So kam es, dass die beiden sich zusammentaten und fortan in einer Bretterhütte auf der Dostojewskistraße lebten. Im Winter zog es in der Hütte, aber der Ofen brannte hell. Im Sommer blühte in ihrem Garten der Faulbaum, und es atmete sich gut. Freilich konnte der Trommler das Trinken nicht lassen, und die Frau murmelte weiter vor sich hin.

Sie war eine schöne Frau - schwarzhaarig, schlank.

Er studierte, außer dass er die Trommel schlug, Fragen der Festigkeit der Gegenstände ringsum. Großen Kummer bereitete ihm, dass es gar keine festen Gegenstände auf der Welt gab. Nahm man einen vermeintlich festen Gegenstand, so fand sich in jedem Fall ein noch festerer, der den ersten zerstören konnte.

"Wenn es nicht so wäre, dann hättest du dir ja nicht den Kopf an dem Stiefeleisen aufgeschlagen", meinte er zu der Trommlerin. Und sie pflichtete ihm bei.

Da seine Suche nach dem Sinn der Festigkeit erfolglos blieb, trank der Trommler immer mehr. Und eines Tages ließ er sich in äußerster Verzweiflung zu einer Freveltat gegen das Allerheiligste hinreißen - er stieg auf die Trommel und sprang auf ihr herum. Einfach so, probehalber. Die Frau saß indessen auf dem Bett.

Sie saß still auf dem Bett und las in ihrem geliebten Buch. Leise tickte die Pendeluhr. Die Holzwände der Hütte waren sorgfältig geweißt. In der Ecke hing ein Waschbecken, darunter stand ein Eimer. Auf dem Fußboden lag eine Matte.

Der Trommler sprang und sprang. Klein und dick, wie er war, sprang und sprang er, bis die Trommel, sein Broterwerb, platzte. Das verdross ihn sehr, und er führte sich garstig auf. Er beschuldigte die Trommlerin, sie hätte ihm das Leben verpfuscht.

"Wenn du dumme Gans nicht wärst, würde ich jetzt im Bolschoi-Theater spielen. Prügeln könnte ich dich."

Die stille Frau erschrak sehr. Denn sie lebten jetzt schon lange zusammen, und noch nie hatte er so mit ihr gesprochen. Sie nahm ihr Buch und rannte hinaus.

Draußen aber war es Nacht, und die Laternen brannten schlecht, deshalb konnte nur davonlaufen, wer in größter Verzweiflung war. Der Trommler begriff das, und er schämte sich sehr. Stark behaart, wie er war, ging er zur Pumpe. Er zog sich aus, übergoss sich mit kaltem Wasser, ging ins Haus zurück und schlitzte das Federbett auf. Er wälzte sich in den Daunen, und dann machte er sich auf die Suche nach der Trommlerin. Er fand sie an der Rasenbank vor dem Haus. Sie zitterte vor Angst und sah in die rabenschwarze Finsternis.

"Wovor hast du denn Angst, du dumme Gans?" sagte der daunige Trommler. "Du brauchst keine Angst zu haben."

Die Trommlerin schwieg.

"Hab nur keine Angst, mein Herz", sagte der Trommler, der ein flinker Mann war. "Ich hab mich nicht mit Teer beschmiert, ich hab mich auch nicht mit Honig beschmiert. Ich hab mich mit Wasser übergossen, und du wirst es leicht haben, mich blank zu waschen. Möchtest du mich waschen?"

"Ja", antwortete die Frau. Sie stand auf und murmelte: "Ja, ich möchte es, ich möchte es, ich möchte es."

Und sie gingen ins Haus zurück. Der Trommler umarmte die Trommlerin. Sie wärmte Wasser in einem großen Kübel, goss es in einen Bottich und begann, den Trommler blank zu waschen. Er saß in dem Bottich und ließ Seifenblasen steigen, damit die Trommlerin nicht weinte, sondern lachte.

Jewgeni Popow, 1946 im sibirischen Krasnojarsk, einer Stadt am Jenissej, geboren, arbeitete nach dem Studium zunächst als Geologe. Zu Sowjet-Zeiten vom offiziellen literarischen Leben ausgeschlossen, lebt er heute mit seiner Familie als freier Schriftsteller in Moskau.


00:00 09.04.2004

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