Der Überfall

22. Juni 1941 Niemand und nichts ist vergessen

Wenn es ein Datum gibt, das im Gedächtnis aller Generationen der Russen für immer eingemeißelt bleiben wird, so ist das der 22. Juni 1941. An jenem Tag brach durch den Angriff des nazistischen Deutschland über das russische Volk der erbitterste, blutigste Krieg seiner Geschichte herein. Die sensible Haltung der Russen zu allem, was die Sicherheit des Landes berührt, ist bis heute entscheidend durch das Trauma der deutschen Invasion vor 60 Jahren geprägt. Es täte gut, wollte man sich im Westen öfter vergegenwärtigen, was es bedeutet, einen Krieg überstanden zu haben, in dem das Land beinahe untergegangen wäre - im wahrsten Sinne des Wortes untergegangen, da die Nazis vorhatten, die Ländereien im Osten für deutsche Siedler von den dort lebenden Menschen "frei" zu machen, die Sowjetunion zwischen 1941 und 1945 über 15 Prozent ihrer Bevölkerung verlor und fast der gesamte europäische, höherentwickelte Landesteil in eine trostlose Ruinenwüste verwandelt wurde. Nach einem solchen Aderlass erscheint keine Vorkehrung übertrieben, um die Wiederholung einer ähnlichen Katastrophe zu verhindern.

Es wäre unsinnig, die heutige Generation der Deutschen für etwas verantwortlich machen zu wollen, was noch vor ihrer Geburt geschah. Doch Geschichte lässt sich nicht umschreiben. Im Juni 1941 gab es im Westen Europas, vor allem in Deutschland, nur wenige, die begriffen, was wirklich geschah, was der deutsche Ostfeldzug an Leid, Todesqual und Entbehrungen für die Menschen im europäischen Osten brachte. Heute erinnert sich kaum noch jemand daran - es ist schon viel, wenn man sich der Tragödie des osteuropäischen Judentums besinnt. Doch Verdrängen und Vergessen erscheinen verhängnisvoll, wenn es 60 Jahre nach dem 22. Juni 1941 darum geht, ein neues Europa aufzubauen, das wirklich alle Europäer einschließen soll. Mit ehrlicher Erinnerung lässt sich jeder Wiederholung des Unglücks am besten vorbeugen. Dass man heute im Zentrum Berlins ein Holocaust-Mahnmal errichten will, ist richtig und gerecht, denn die Opfer des Nazismus bedürfen dieser Würdigung. Diese Feststellung bezieht sich allerdings auf alle Opfer des Nazismus. Es wäre auch richtig und gerecht, in Berlin ein Mahnmal für ermordete Russen zu errichten, denn auch deren Zahl übersteigt jede menschliche Vorstellungskraft. Der Platz für das Mahnmal wäre leicht zu finden - logischerweise sollte es im Tiergarten stehen, gegenüber dem Ehrenmal für die sowjetischen Sieger, die in Berlin den von Hitler-Deutschland begonnenen Krieg beendeten.

Ein deutscher Historiker bemerkte einmal, während die Russen mehr an 1941 dächten, erinnerten sich die Deutschen in der Regel an 1945, als der von ihnen entfesselte Krieg auf deutschen Boden zurückschlug. Zu beachten ist nur, dass es das "Jahr 1945" ohne das "Jahr 1941" so nicht gegeben hätte Es ist vielleicht die einzig verlässliche Lehre, die man aus der Geschichte ziehen kann: Wer das Schwert zieht, kommt durch das Schwert um. Im Nuklearzeitalter behält dieses Gesetz mit der apokalyptischen Prophezeiung "Wer als erster schießt, stirbt als zweiter" seine Gültigkeit. Und keine wie auch immer ausgeklügelten Raketenabwehrsysteme werden diese Gesetzmäßigkeit je entkräften.

Das deutsch-russische Verhältnis kannte in der Vergangenheit Perioden des Aufbruchs, aber auch der Zerstörung und Selbstzerstörung. Dennoch blieb die einzigartige Verbindung zwischen Russen und Deutschen immer die engste in Europa und riss nie ab. Der Hitler-Krieg hat vieles davon ausgelöscht. Die Realitäten jedoch zwangen und zwingen immer wieder zur Besinnung - Russland und Deutschland bleiben die größten Nationen Europas. Wie sie sich verstehen oder nicht, wie sie zusammenarbeiten oder sich bekämpfen, wie sie sich die Zukunft des Kontinents vorstellen, von all dem hängt viel ab. Die europäische Integration in allen Ehren, aber nichts wird Deutschland die Verantwortung abnehmen, die es als "Mitte Europas" und als europäische Großmacht trägt.

Das vergangene Jahr hat einen neuen, positiven Ton in die Beziehungen zwischen beiden Völkern gebracht. Der ins Leben gerufene Petersburger Dialog etwa wird 2002 in Weimar fortgesetzt und scheint ein vielversprechendes Zeichen, handelt es sich doch um eine längst fällige direkte Kontaktaufnahme zwischen der russischen und der deutschen Öffentlichkeit, die dem seit Jahren unseligen Trend entgegenwirkt, einander immer weniger zu verstehen. Ein großartiges Symbol war insofern auch der gemeinsame Kranz Wladimir Putins und Gerhard Schröders, den sie im April an einem Massengrab für Einwohner Leningrads niederlegten, die während der deutschen Blockade der Stadt zwischen 1941 und 1944 durch Hunger und Kälte, durch Granaten und Bomben umgekommen sind. Diese beeindruckende Geste ließ wissen, Erinnerung an gewesenes Unheil und Fürsorge für eine bessere Zukunft des Kontinents können Hand in Hand gehen.

Igor Maximytschew war 1990 letzter Gesandter der UdSSR in der DDR. Heute unter anderem: Vorsitzender des Wiss. Beirates des Deutsch-Russischen Museums in Berlin.

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00:00 22.06.2001

Ausgabe 42/2021

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