Der überforderte Zuschauer

"Intermedium 2" - Internationales Medienkunstfestival in Karlsruhe Von "Medienkunst" wird viel erwartet, man weiß nur nicht genau, was

Am besten gefällt uns, wenn es richtig dicht und schnell wird, also nach Maschine klingt. Aber es gibt eben auch Phasen, da passiert sekundenlang gar nichts, einfach Stille. Oder es gibt eine Stimme, die sagt ›und dann war Stille‹ und danach ist auch wirklich Ruhe. Also ich würde mich so was als Komponist gar nicht trauen, aber wenn die Maschine das bringt, zufällig, dann ist das schön." Christoph Korn, Komponist und Dozent für Ästhetik und Improvisation in Frankfurt, hat die Volksliedmaschine miterfunden. Die Frage nach Erwartungen an das eigene Werk beantwortete er im kleinen Kreis eines Publikumsgesprächs. Beim Rundgang durch die Hallen des ZKM, beim Anhören, Ansehen und in Bewegung setzen von Installationen stellt sie sich noch öfter. Was ist eigentlich "intermediale Kunst", wie hat man sie sich vorzustellen, und was sagen die Künstler selbst dazu?
Die Initiative zum Medienkunst-Festival kam von der Hörspielabteilung des Bayrischen Rundfunks. Im Zweijahresrhythmus findet es an wechselnden Orten und mit jeweils neuen Partnern statt; es beteiligen sich die Hörspielabteilungen der ARD, freie Künstler, Experten. In diesem Jahr hatte man sich als Thema für all die Performances, Installationen und Diskussionen auf "Identitäten im 21. Jahrhundert" verlegt.
Im Vergleich zum Großteil der übrigen Installationen und Vorführungen erschien die Volksliedmaschine eher unaufwendig und unspektakulär. In dem ihr zugeteilten Raum gab es keine Bildschirme und Videoprojektoren, keinen PC, der Informationen vermittelt oder zum Interagieren auffordert. Hier gab es für die Dauer des Festivals etwas zu hören: Das Ergebnis eines Programms, das aus einer bestimmten Anzahl deutscher Volkslieder in ihrer schriftlichen, gesungenen und gesummten Version ein neues "Metavolkslied" erstellt. Wie das klingt, lässt sich nicht vorhersagen und variiert ständig. Mal spricht eine einzelne Stimme ganze Sätze, dann überlagern sich gesummte Melodie, gelesene Worte und Gesang, dann wiederum passiert eine Weile lang gar nichts.
Genau das wollten die Erschaffer: ein "Metavolkslied", das durch Unvorhersehbarkeit verfremdet und es damit möglich macht, das Volkslied neu und fern von altbekannten Assoziationen zu hören. Anscheinend aber wirft eine derartig radikale Offenheit die Beteiligten besonders deutlich auf ihre eigenen Erwartungen zurück - sei es, was die Vorstellungen der Komponisten über Charakteristik beziehungsweise Originalität maschineller Produktion angeht, seien es die Kriterien für Sendefähigkeit beim Rundfunk. Für den Hessischen Rundfunk, dessen Hörspielabteilung das Projekt in Auftrag gegeben hat, ist das Risiko maschineller Zufallsproduktionen offensichtlich zu groß: Unberechenbare, im schlimmsten Fall sogar stumme drei Minuten Volksliedmaschine senden? Das geht den Verantwortlichen zu weit. Also suchte man den Kompromiss, moderiert zumindest grundsätzlich an, testet Ausschnitte, bevor sie auf Sendung gehen, und verweist auf die Hörspielversion, die von Menschenhand ausgewählte und kombinierte Highlights bringen wird.
Die wenigsten Performances von intermedium 2 werden so aufwendig nachbearbeitet, bevor sie als Hörspiel gesendet werden. "Life" wie zu Anfangszeiten des Radios gingen sie ins Programm ein, die Herausforderung des "Intermedialen" ganz unterschiedlich annehmend. Auffällig selten wurden die Themen "Identität" und intermediale Kunst in Texten und Aussagen reflektiert. Vielmehr schien es so, als würde sich die Herausforderung "Intermedialität" für die meisten Organisatoren auf Methode und Form der Darstellung beziehen und sich darin erschöpfen. Das Gros der Ergebnisse, die das Festival präsentierte, bestach weder in der Idee noch in der Durchführung: O-Töne eines Schriftstellertreffens von 1964, dazu Musik und auf allen vier Wänden des Raumes dahinwandernde bearbeitete Bilder der Konvent-Teilnehmer (Konvent, Meinecke/Melian/Moufang); eine Mini-Radioshowserie, basierend auf der Idee, es gäbe "personal communication bubbles", die den urbanen Menschen ständig umgeben und jederzeit alle benötigten Informationen zur Verfügung stellen. Aus den harmlosen Pannen ergeben sich noch harmlosere Abenteuer, die akustisch mager inszeniert und visuell modisch-manga-hipp designet niemanden vom Hocker reißen (instant insider, Beusch/Cassani).
Eine gern eingesetzte Variante zum life-Hörspiel ist die life-Expertendiskussionsrunde: Journalisten und Autoren schwatzen über Pop beziehungsweise über ihre persönlichen Erfahrungen mit Popmusik in der Jugend und wie und warum man darüber (nicht) reden kann (Diskussion: Pop - Leben ohne Identität). Zwei Männer, die nebenbei auch Musiker beziehungsweise Moderatoren sind, legen abwechselnd alte Sun-Ra-Platten auf und fachsimpeln über Fremdeinflüsse, politische und prophetische Botschaften und avantgardistische Techniken (Theweleit/ Meinecke: Tonkopfduett). Ein Kurator, ein Autor/ eine Autorin und ein Literaturwissenschaftler wollen feststellen, ob Identität schlecht ist, weil sie (positive) Veränderung verhindert, oder gut ist, weil sie Zugehörigkeit stiftet, oder ob sie einfach Tradition ist, der man nicht entgehen kann (Diskussion mixed identities). Das alles war unterhaltsam, wirkte zugleich aber auch sehr beliebig. Die angekündigte politische Dimension wurde beinahe gar nicht vermittelt. Stattdessen transportierten viele Projekte eine naive Technikbegeisterung, die fraglos das Credo des Fortschritts reproduziert.
Nicht komplizierte Konzepte und großer Technikaufwand sind entscheidend für die Wirkung beim Publikum, das erwies sich immer wieder, sondern die Spannung, die im besten Fall Bühnenpräsenz erzeugt. Wie bei Frankensteins Netz, sicher einem der ambitioniertesten Projekte des Festivals. Das virtuelle Wesen Frankenstein wird von Besuchern der Website mit Daten (akustischen und visuellen) gefüttert, nimmt Kontakt zu seinen Ernährern auf und entwickelt sich zum wildwuchernden Ungeheuer. Die alte Geschichte vom Meister, der die Geister, die er rief, nicht mehr beherrschen kann - ins Zeitalter der Vernetzung übertragen auf die Datenmasse, deren Wildwuchs bald die ursprüngliche Intention, Informationen zugänglich zu machen, behindert. Die Performance wollte das Wesen im Kampf mit seinem Erschaffer Atau Tanaka zeigen, wobei den Kick wiederum die Vernetzung bringen sollte. Neben dem vorher eingespeisten Datenmaterial waren Voice-Künstler in Japan und Tokio life dazugeschaltet, die Texte zum Verhältnis Mensch-Maschine lasen, und eigentlich sollten auch die Website-Besucher teilnehmen dürfen. Letztere blieben dann doch ("aus Angst vor Hackern") außen vor, und der Kampf erschöpfte sich in einer linearen Entwicklung von langsam-leise zu schnell-laut und wieder zurück zum Ausgangsstadium der Bild- und Tonelemente.
Laut Ankündigung ein intermediales Kunstwerk par excellence, litt die Ausführung an verschiedenen Mängeln, technischer wie konzeptioneller Art. Aber die Spannung im Saal vor Beginn der Performance, die spezifische Stimmung, erzeugt von der schlechten Übertragungsqualität und der Nervosität der Künstler, machte den Unterschied deutlich zwischen einer glänzenden Vorstellung und einer eher lahmen Realität. So reflektierte Frankensteins Netz eher unfreiwillig die hohe Erwartungshaltung an intermediale Kunst, die sich immer wieder an den realen Gegebenheiten bricht. Übrigens nicht nur aufgrund von technischen Mängeln, sondern auch wegen des oft überschätzten Vermögens der Zuschauer, die komplexen Konzepte und Verbindungen zu erfassen.

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00:00 05.04.2002

Ausgabe 39/2020

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