Der Uhrmacher

Kehrseite II Der Raum, den er durchmisst, ist winzig, besteht aus einem Kabuff hinten, wo er arbeitet und aus dem Verkaufsbereich nach vorne heraus. Dort stehen ...

Der Raum, den er durchmisst, ist winzig, besteht aus einem Kabuff hinten, wo er arbeitet und aus dem Verkaufsbereich nach vorne heraus. Dort stehen zwei Vitrinen rechtwinklig zueinander und bilden den Tresen.

In seine gut sitzenden dunklen Haare mischt sich allenfalls eine Spur Grau. Sie glänzen leicht, als sei Pomade darin. Meist hält er eine Zigarette in den Händen, deren Asche schon so lang ist, dass sie gleich hinunterfallen muss, sie fällt aber nicht.

Das einzig Unruhige sind seine Augen, die ein wenig zu flackern scheinen. Das erste Mal habe ich ihm einen kleinen kubischen Wecker gebracht, den ich auf einem Trödelmarkt erstanden hatte. Er hatte ein lapislazuliblaues Metallgehäuse und ein schönes altes Zifferblatt und war für seine Größe ungewöhnlich schwer. Sicherlich war er annähernd einhundert Jahre alt. Natürlich funktionierte er nicht.

Ich suchte also einen Uhrmacher, der mir das Stück reparierte. Ein Schaufenster, das mein Vertrauen erweckte, einfache Schrift, kein großer Schnickschnack, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als verlassenes Geschäft. Kaum 100 Meter weiter fand ich sein Geschäft und von außen hatten Leuchtschrift und Schaufenster diesen leicht protzigen sechziger Jahre Schick. Es schien mir alles zu groß, zu silbrig, zu aufgesetzt, das Holz war zu dunkel poliert, mit anderen Worten: alles strahlte einen unechten Glanz aus. Da ich jedoch keine Lust mehr hatte weiterzusuchen, trat ich ein.

Als ich an die Reihe kam, erklärte mir der Geschäftsinhaber, dass dieser Wecker ein besonderes Laufwerk habe, da man ihn in zwei Richtungen aufziehen könne, eine zur Zeit seiner Anfertigung durchaus häufige, heute aber sehr seltene Technik und natürlich mechanisch viel anspruchsvoller. Er verheimlichte mir nicht, dass eine Reparatur, wenn sie überhaupt möglich sei, nicht billig sein würde.

Ohne großes Aufhebens nahm er den Wecker mit in sein Kabuff und zum ersten Mal sah ich, wie er die Lupe in sein Auge steckte. Auf einem orangefarbenen Glasaschenbecher verbrannte eine Zigarette, die einen feinen Rauchfaden in die Luft steigen ließ. Er wandte mir den Blick zu und nahm im selben Moment die Lupe vom Auge.

"Ich denke, das könnte zu reparieren sein," sagte er, "aber ich kann nicht garantieren, dass sie dann auf die Minute genau geht."

Ich ließ den Wecker reparieren, was mich ein kleines Vermögen kostete und verschenkte ihn gleich an eine Frau, in die ich unglücklich verliebt war.

Den Wecker habe ich seither nicht mehr gesehen, aber abgesehen davon, dass er wirklich schön und selten war, hat er einen ganz anderen Platz in meinem Gedächtnis bekommen. Er war das erste Stück, das ich meinem Uhrmacher brachte. Fortan ging ich immer zu diesem Uhrmacher, wenn eine meiner Uhren ihren Dienst versagte. Ich kannte ihn nicht persönlich, wie er mich nicht, aber ich schenkte ihm unbedingtes Vertrauen, welches nicht nur seinem handwerklichen Geschick zu verdanken war. Vielleicht war es die Art, wie er mit Dingen umging, die mir dieses Vertrauen einflößte. Dahinter schien etwas auf, das nicht zu ergründen war, im Nachhinein könnte es so etwas wie eine Krankheit, eine Einsamkeit, eine Hemmung sein.

Er war immer korrekt. Es schien keine Schwankungen in seiner Stimmung zu geben, weder Sympathie noch Antipathie. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er Notiz von mir nahm, mich wiedererkannte. Zugegeben, zum Uhrmacher geht man nicht oft, aber einmal im halben Jahr brachte ich ihm doch eine Uhr, meine erste Uhr, die ich mir für die Arbeit gekauft hatte, genauso wie die, die meine ehemalige spanische Freundin mir vor sehr langer Zeit geschenkt hatte und die ich in einer vergessenen Kiste wiederentdeckt hatte. Ich brachte ihm grobe mechanische Armbanduhren, die ich auf dem Russenmarkt gekauft hatte, genauso wie meine japanische Quarzuhr und die alte Junghans mit dem Krokoarmband, die ich vom Trödelmarkt hatte. Es mag den Anschein haben, ich sei ein besonderer Liebhaber von Uhren, aber dem ist überhaupt nicht so. Ich behandle sie schlecht, ohne große Sorgfalt, kümmere mich nicht und lasse von den fünf Armbanduhren, die ich besitze, immer vier in einer Ecke liegen, die fünfte trage ich solange bis sie kaputt ist. Dann bringe ich sie zum Uhrmacher.

Er bringt sie alle zum Laufen, ob Quarz oder Mechanik, Automatik oder Zahnrad, Leder- oder Metallarmband (denn selbstverständlich repariert er auch die Armbänder). Es ist, als könnte er die Zeit, die doch irgendwann auf einer dieser Uhren zum Stillstand gekommen ist, den Ort, der dadurch vergessen wurde, mit seiner Tätigkeit wiederbeleben, als geriete alles wieder in Fluss und die Orte erstünden wieder, in dem Moment, wo Federn und Rädchen im Inneren der Uhren erneut und präzise ineinander griffen.

Vielleicht war es auch das, dass ich ihn insgeheim für einen Zauberer hielt, für einen der aus Mechanik Sinn machte, aus Übertragung von Kräften ein Spiel der Seelen.

Zuletzt kam ich mit einer Plastikuhr. Ich schämte mich fast. Das Gehäuse aus Plastik, das Glas ebenso und nach wenigen Wochen bereits zerkratzt, das Armband billiges Leder. Aber die Uhr ging auf die Sekunde - eine Funkuhr, bis sie eben nicht mehr ging, weil wahrscheinlich die Batterie aufgebraucht war. Ich wartete, bis ich in die Gegend kam, wo er sein Geschäft hatte und lebte solange in sehr ungenauer Zeit. Es war mir egal. Nur kurz war ich versucht, in irgendein Geschäft zu treten, um mir die Batterie wechseln zu lassen oder mir gar in einem Supermarkt die Batterie nachzukaufen, um sie selbst einzulegen. Ich verwarf den Gedanken schnell, auch weil ich meinen Uhrmacher bitten wollte, mir das zerkratzte Deckglas zu wechseln.

Es war ein schöner sonniger Spätsommertag, einer der wenigen in diesem Jahr, und als ich in die Straße einbog erfüllte mich eine leichte Vorfreude. Ich freute mich auf den kleinen Laden, den immer gleichen Uhrmacher. Obwohl ich inzwischen schon oft dort war, muss ich mich jedes Mal vergewissern, am richtigen Geschäft Halt zu machen, weil es auch das aufgegebene Geschäft immer noch gibt, mit dem Schild Uhrmacher darüber.

Doch diesmal entdeckte ich das leerstehende Geschäft nicht, es musste neu vermietet worden sein. So sind die Zeichen.

Am Geschäft meines Uhrmachers waren die Schilder ebenfalls abgeschraubt, die Schaufenster entleert. Nur ein kleiner Zettel hing dort: Der Geschäftsinhaber ist verstorben. Amtsgericht Neukölln ... usw. gez. Rechtsanwalt ...

Ich war von einer unermesslichen, nicht sprechenden Traurigkeit erfüllt.

Ich war zu spät. Mit einer Plastikuhr.

Ich hätte nichts ändern können. So oder so. Vielleicht aber doch.

Vielleicht hätte ich genauer hinschauen müssen, früher kommen.

Peter Berning, Jahrgang 1962, arbeitet als Arzt und Dichter. Er lebt in Berlin.


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00:00 27.05.2005

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