Der Umweg zu sich selbst

Debattenkultur In einem Band mit Texten des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase empfehlen sich vor allem die alten Reden
Fabian Tietke | Ausgabe 46/2014 1
Der Umweg zu sich selbst
Wolfgang Kohlhaase mit seinem Ehrenbär der 60. Berlinale

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Spätestens seit dem Ehrenbären auf der Berlinale 2010 ist Wolfgang Kohlhaase so bekannt, wie ein Drehbuchautor das sein kann. Vor 1989 wirkte er an zentralen Filmen der DEFA mit wie denen von Konrad Wolf (Ich war neunzehn, Solo Sunny) und an allen wichtigen Gerhard Kleins (Berlin – Ecke Schönhauser, Der Fall Gleiwitz). Nach 1989 fand Kohlhaases Kunst, Komplexität erzählbar zu machen in klugen, glaubhaften Dialogen, wenig Betätigung (Sommer vorm Balkon).

Neben Drehbüchern hat Kohlhaase Prosa geschrieben und Erzählungsbände herausgegeben. Die Texte jedoch, die der Filmhistoriker Günter Agde nun zu dem Band Um die Ecke in die Welt versammelt hat, wären ohne den Band wohl in den Tiefen der Filmgeschichte verborgen geblieben. Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte mit Werkstattgesprächen und Selbstzeugnissen, Debattenbeiträgen auf Tagungen und zu der kulturpolitischen Gemengelage sowie kurzen Texten über Kollegen und Kolleginnen. Am meisten überraschen dabei die Debattenbeiträge. Wer würde heute schon Reden auf Kongressen des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden lesen? Es lässt sich daraus allerdings viel lernen – über die Filmkultur der DDR ebenso wie für die Gegenwart von Filmförderung und Verleihkultur.

Christ in Rom

So widmet sich Kohlhaase 1972 dem Verhältnis von Kino und Fernsehen, von Filmkunst und Kommerz. Er kritisiert die Orientierung des Verleihwesens der DDR am finanziellen Gewinn auf Kosten des Anspruchs („Man hat entdeckt, dass sich mit Mist Geld machen lässt. Das wussten wir ganz am Anfang, und diesen Zustand wollten wir ändern“) und beklagt – geschickterweise mit Bezug auf den sakrosankten sowjetischen Film –, dass Filmkunst zunehmend marginalisiert wird: „Zu einigen hervorragenden sowjetischen Filmen trifft man sich im Augenblick in Stadtrandkinos wie die frühen Christen in den Katakomben Roms.“

Drei Jahre später konstatiert Kohlhaase einen „Klassenkampf im Kino“ zwischen den Alternativen „Erziehung oder Manipulation des Gefühls, Prägung oder Deformation von Lebensvorstellungen“ – Erstgenannte verkörpert durch das Autorenkino, Letztgenannte durch den Unterhaltungsfilm, oft aus den nichtsozialistischen Ländern, meist aus Amerika. So verkürzt diese Opposition schon immer war, so richtig scheint die pragmatische Folgerung, dass die Filmproduktion der DDR gut daran tue, nicht erst zu versuchen, das westliche Kino an Spektakel zu überbieten, sondern einen anderen Weg einzuschlagen.

Die Deutsche Demokratische Republik war schließlich nicht das heutige China, das für den Versuch, mit Hollywood zu konkurrieren, die nötigen Ressourcen hat. Wie wenig der westliche Film Kohlhaase beeindruckt haben muss, zeigt das Register, in dem kein einziger großer Name dieser Sphäre auftaucht. Als Alternative schlägt Kohlhaase vor, Filme zu machen, „die von uns selbst handeln“. Was er damit meinte, war wohl ein Film mit Bezug zur gesellschaftlichen Realität – bis heute nicht der schlechteste Rat für ein gutes Kino mit mäßigen finanziellen Mitteln.

Nicht nur diese Invektiven empfehlen sich neuerlicher Betrachtung. 1965 antwortet Kohlhaase in einer Umfrage der Filmwissenschaftlichen Mitteilungen auf die Frage, was es hinsichtlich der Filmkritik zu verbessern gälte: „Eine Filmkritik, die die Position unseres Films im In- und Ausland ohne Wunschdenken untersucht und sich zu Detailfragen [...] mit Sachkenntnis äußert.“ Auch so etwas würde man dem deutschen Film unserer Tage wünschen.

Um die Ecke in die Welt. Über Filme und Freunde Wolfgang Kohlhaase, Günter Agde (Hrsg.) Neues Leben 2014, 336 S., 19,99 €

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