Der Umwelt-Teufel sitzt in der Hardware

Elektronik-Müll Laut "Worldwatch" wachsen die Computer-Müllberge ins Unermessliche, die Umweltkrise scheint programmiert

Dass der Personal Computer die Menschen vereinsamt, ist eine psychologische Binsenweisheit. Ein amerikanischer Geistlicher geht sogar so weit zu behaupten, dass sich die Menschheit durch die Anbindung ans Internet bösen Mächten ausliefere. Reverend Jim Peasboro aus Savannah ist davon überzeugt, dass jeder nach 1985 gebaute PC genügend Speicherkapazität besitzt, um einen bösen Geist beherbergen zu können.
Ob der Teufel nun in der Festplatte sitzt oder nicht - was bewiesenermaßen in den Maschinen steckt, ist nicht weniger gefährlich. Neben Bits und Bytes finden sich dort in der Regel Blei, Quecksilber, Cadmium und eine Menge weiterer Schadstoffe. Nach neuesten Erkenntnissen von Worldwatch hat sich das bisher jedoch kaum bis zum Benutzer herumgesprochen: Viele alte Geräte landen noch immer im normalen Hausmüll. Mit ihm gelangen die ausgedienten Geräte auf die Mülldeponie, wo sie vor sich hinrosten. Dabei können frei werdende Schwermetalle ins Grundwasser gelangen. Findet der Rechner den Weg in die Verbrennungsanlage, so kann giftiges Dioxin entstehen.
"Die kurze Lebensdauer und die steigende Zahl elektronischer Geräte fachen die wachsende Müllkrise weiter an", berichtet das Worldwatch-Institut in seiner neuen Umweltstudie. Allein in der Europäischen Union fielen 1998 sechs Millionen Tonnen Elektronikschrott an. In Deutschland sind es rund zwei Millionen Computer, inklusive Druckern, Tastaturen und Monitoren, die jedes Jahr ausgemustert werden. Dabei sind viele dieser Geräte noch immer voll funktionsfähig oder könnten kostengünstig repariert werden. Die Jagd nach den Megabytes und die Niedrigpreise für Neugeräte fördern bei den Verbrauchern den Wunsch nach immer neueren Technologien. In zehn Jahren, so schätzen Fachleute, wird mit zwölf Millionen Tonnen etwa doppelt so viel Elektroschrott anfallen wie noch vor vier Jahren.
Bislang befindet sich eine der größten Mülldeponien für Elektronik noch in den deutschen Haushalten selbst. Im Zuge der immer schneller werdenden Entwicklung der Kommunikationselektronik kaufen sich viele Verbraucher neue Geräte, ohne die alten entsorgt zu haben. So entsteht im heimischen Keller nicht selten ein Sammellager für Elektronikschrott. Sollten sich die Besitzer eines Tages dazu entschließen, den Elektronikschrott auf einer Müllkippe zu entsorgen, würde sich die Müllkrise merklich verschärfen.

Verwertung durch Kreislaufwirtschaft
"Gäbe es vernünftige Rücknahmesysteme sowie Beratungs- und Serviceangebote der Kommunen, würden die Leute ihre alten Geräte sicher nicht einfach in die Mülltonne entsorgen", vermutet Matthias Teller von der Kreislauf- und Verwertungsagentur (KVA) in Berlin. Bisher haben sich 20 Unternehmen, Projekte sowie Initiativen zusammengeschlossen, die in der KVA organisiert sind. Hier versucht man dem PC-Recycling nachzuhelfen. In den verschiedenen Projekten will man Strategien zur Nachhaltigkeit in der Informations- und Kommunikationstechnik entwickeln. "Dabei sollen die Produkte nicht nur in die Kreislaufwirtschaft gebracht werden, um sie zu zerlegen und dann wieder zu nutzen, sondern die Produkte sollen länger genutzt werden. Darüber hinaus müssen die Produkte so hergestellt werden, dass sie weniger Material und Energie verbrauchen", so Teller. Nur so sei eine Umweltkrise größeren Ausmaßes zu verhindern.

Rücknahmesysteme

Niederlande Seit 1.Januar 99 für Großgeräte, seit 1.Januar 2000 für Kleingeräte. Sammlung über Kommunen oder Händler (Alt gegen Neu), Verwertung über Hersteller, pro Gerätetyp einheitliche Gebühr auf Neugeräte (vergleichbares System für IT- Geräte)
Schweden Seit 1. Juli 2001 Sammlung über Kommunen, Verwertung über Hersteller, Gebühr auf Neugeräte
Belgien Seit 1. Juli 2001 Sammlung über Kommunen oder Händler (Alt gegen Neu), Verwertung über Hersteller, pro Gerätetyp einheitliche Gebühr auf Neugeräte
Japan Seit 1. April 2001 Kühl- und Klimageräte, Fernsehgeräte und Waschmaschinen müssen von Herstellern zurückgenommen werden. Finanzierung erfolgt durch die Verbraucher über einen Entsorgungskostenbeitrag zum Zeitpunkt der Rückgabe. Die Entsorgung übernehmen die Hersteller, die sich zu diesem Zweck in verschiedenen Gruppierungen zusammengeschlossen haben.

Quelle: Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie e. V.



Einige Unternehmen besitzen hauseigene Wiedervermarktungswerke für ihre Altgeräte wie zum Beispiel das Wiedervermarktungs- und Recyclingwerk der Fujitsu-Siemens Computers GmbH in Paderborn. Ein Dschungel aus Kabeln, Schrauben, Zangen und anderen Gerätschaften prägen das Bild der Arbeitshalle. Täglich werden hier Monitore zurück in ihren Rohzustand versetzt und dabei nach brauchbaren Einzelteilen untersucht. Schnell und fachmännisch schrauben rund 30 Mitarbeiter die Bildschirme auseinander, trennen Kabel und sortieren die noch funktionsfähigen Teile aus. Sorgfältig werden die Gehäuse mit einem Schaber von Aufklebern befreit, denn jeder Kunststoff, der in den Schredder kommt, muss frei von anderen Stoffen sein. Die europaweit einzige Schredder-Maschine erkennt, sortiert und zermahlt die verschiedenen Kunststoffe, die dann als Rohstoffe wiederverwertet werden können. Neben ausgedienten Personal Computern werden auch Kassengeräte und Geldautomaten in Paderborn auseinandergebaut, wobei angestrebt wird, so wenig wie möglich wegzuwerfen. Rund 90 Prozent aller angelieferten Geräte werden wiederverwertet. Das ist sehr viel, denn selbst nach einer Demontage werden normalerweise alle Plastikteile verbrannt. Seit über zehn Jahren betreibt Fujitsu-Siemens ihr Wiedervermarktungs- und Recyclingcenter und hat somit den Weg in die Kreislaufwirtschaft gefunden.
"Doch nicht jedes Unternehmen kann sich ein eigenes Verwertungszentrum leisten, schon gar nicht kleine und mittelständische Firmen", erklärt Otmar Frey, Leiter für Umweltschutzpolitik beim Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) in Frankfurt. Die Kosten für geplante umweltverträgliche Verwertung des Elektroschrotts in Deutschland bezifferte die Industrie auf jährlich 350 und 500 Millionen Euro.

EU- Richtlinien verabschiedet
Zur Rücknahme alter Elektronikgeräte sind Hersteller und Handel bislang nicht gezwungen. Seit 1990 wird national und international über gesetzliche Maßnahmen zur Rücknahme und zum Recycling von Altgeräten diskutiert. Die Diskussionen zwischen EU-Politikern und Lobbyisten aus Umweltschutz und Industrie um ein Elektronikschrott-Recyclingabkommen könnten bald ein Ende gefunden haben.
Nach der grundsätzlichen Zustimmung des EU-Ministerrats vom Dezember 2001 zur Richtlinie über die Rücknahme von alten Elektrogeräten durch die Industrie hat das Europäische Parlament die Vorlage in zweiter Lesung am 10. April in Straßburg genehmigt. Dem Beispiel der EU-Vorschriften für Autos folgend soll das neue Gesetz auch die Hersteller von Computern, Radios, Waschmaschinen, Fernsehern und anderen Elektro-Geräten verpflichten, Altgeräte kostenlos einzusammeln und zu entsorgen. Bislang kamen die Verbraucher für die Entsorgung auf. Kritik an einzelnen Punkten der Richtlinie äußerte der Zentralverband für Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Er warnt vor untragbaren Belastungen für die Branche.
Für die Verbraucher sieht der vom Umweltausschuss des Parlaments eingebrachte Entwurf ein Wegwerfverbot vor. Demnach gehören Elektro- und Elektronikgeräte nicht mehr in den Hausmüll, sondern müssen abgegeben werden. Die EU-Staaten sollen bis Ende 2005 verpflichtet werden, pro Einwohner mindestens sechs Kilo Elektroschrott pro Jahr einzusammeln. Zur Umsetzung der Richtlinie sollen die EU-Länder kommunale oder regionale Sammelstellen einrichten. Sehr giftige Substanzen wie Blei, Quecksilber, Chrom oder Cadmium will das Europaparlament ab 2006 ganz aus Elektrogeräten vertreiben.
Auf heftige Kritik bei der Wirtschaft stößt die anvisierte "Kollektivhaftung" der Industrie für sogenannte "Waisenprodukte". Dabei handelt es sich um Altgeräte, deren Hersteller nicht mehr existent oder auffindbar sind. "Damit könnten Trittbrettfahrer, die große Mengen an Billiggeräten auf den Markt werfen und dann verschwinden, auf Kosten der Markenhersteller entsorgen", kritisiert Frey. Dieser zweifellos negative Effekt soll mit dem aktuellen Parlamentsbeschluss jedoch verhindert werden. Hersteller sollen bereits bei der Produktion die Entsorgung berücksichtigen und finanziell absichern. Lediglich beim "historischen" Elektroschrott, also Geräten, die schon auf dem Markt waren, bevor die Richtlinie in Kraft trat, sollen die Kosten zwischen den Herstellern nach ihrem jeweiligen Marktanteil aufgeteilt werden.
Auch gegen die kostenlose Abholung will sich die Industrie wehren. Parlament und Rat wollen jetzt die endgültige Entscheidung darüber, wer die Kosten für den Transport vom letzten Besitzer bis zur Sammelstelle übernehmen muss, den Mitgliedstaaten überlassen. Damit würden aber unterschiedliche Bedingungen und somit Wettbewerbsverzerrungen geschaffen, warnt der Bundesverband für Informations- und Telekommunikation (Bitkom). Strittig zwischen Parlament und Rat ist ebenso die obligatorische Sammelquote für den Elektroschrott. Das Parlament fordert sechs Kilo pro Kopf und Jahr. Der Ministerrat will sich dagegen mit vier Kilo zufrieden geben, obwohl jeder EU-Bürger laut EU-Kommission jährlich 14 Kilo Elektroschrott produziert - mit steigender Tendenz.
Aber nicht nur in EU-Ländern ist der Elektroschrott zum Problem geworden. In vielen anderen Ländern gibt es bisher gar keine klaren Gesetzesregelungen, die sich mit dem Recycling von Elektronikschrott befassen. Laut Worldwatch-Studie haben auch die USA und Asien mit dem "Sorgenkind Elektroschrott" zu kämpfen. In Santa Clara im Silicon Valley in Kalifornien gebe es inzwischen mehr Giftmülldeponien als in jeder anderen Region der USA. Worldwatch fordert die Industrie auf, umweltverträglichere Chips mit weniger Chemikalien und Computer mit mehr wiederverwertbaren Komponenten herzustellen.

Indien: Mit Äxten durch den Gerätemüll
Schon seit längerem werfen Öko-Aktivisten den USA vor, den ungehemmten Export von Elektroschrott zuzulassen. Dabei erreicht der Müll auch Länder wie zum Beispiel Indien, die der Recycling-Aufgabe nicht gewachsen sind. Vertreter der Industrie weisen diese Vorwürfe entschieden zurück. Der Export von solchen Abfällen wurde zwar schon 1989 durch die Basler Konvention verboten, allerdings ratifizierte die USA das Vertragswerk nicht.
In Indien, außerhalb Neu Delhis, Bangalores und Karachi, gibt es in der Tat unzählige Müllhalden, auf denen Berge von Elektroschrott ruhen. Ob hier ein Großteil des Elektronikmülls aus den USA stammt, ist nicht immer nachzuvollziehen. Offiziell sind diese Müllhalden als Recyclingfirmen ausgeschildert. Hier arbeiten zum Teil Hunderte von Menschen. Männer, Frauen und Kinder kämpfen sich mit Hämmern, Äxten und selbstgebauten Werkzeugen durch die Geräte. Ohne sich selbst oder die Umwelt zu schützen, arbeiten sie dort über Jahre hinweg. In einigen Gegenden rund um die Elektroschrottkippen wird bereits das Trinkwasser gefiltert.
"Das ist ein Alptraum unseres Cyber-Zeitalters", meint Jim Puckett, Sprecher der Umweltschutzgruppe Basel Action Network aus Basel. Denn was in Asien als "Recycling" gehandelt werde, sei nichts anderes als eine Entsorgung auf Kosten der Umwelt. Die Müllberge wachsen seit 20 Jahren ständig - in den USA auf mittlerweile mehr als sieben Millionen Tonnen pro Jahr, wie die zuständigen Behörden schätzen. "In all diesen Jahren hat die Industrie das Problem vor sich hergeschoben", kritisiert Ted Smith, Sprecher einer Umweltschutzgruppe, die sich mit den "Verschmutzern des Silicon Valley" befasst. Um eine internationale Umweltkrise abzuwenden, müssen nicht nur in der EU, sondern auch in den USA und Asien die Zuständigkeiten geklärt werden, um eine entsprechende Gesetzgebung zu verabschieden.

www.worldwatch.org


00:00 19.07.2002

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