Der Unbestechliche

Gesprächsband Reporterlegende Landolf Scherzer erzählt die Geschichten hinter den Geschichten
Der Unbestechliche
Der Schriftsteller Landolf Scherzer, der am 14. April 80 Jahre alt wurde

Foto: ari/IMAGO

Landolf Scherzer ist einer der wenigen Meister der literarischen Reportage in Deutschland. In einer Liga und mit einer ähnlich umfänglichen Liste von Buchtiteln vergleichbar mit dem 1942 geborenen Günter Wallraff. Landolf Scherzer war bis zur deutschen Einheit der Reporter-Star im Osten, Wallraff der Star seit Ganz unten im Westen. Beide waren für ihren unbestechlichen Wirklichkeitssinn berühmt und beide ähnlich auf ihrer Seite als Querulanten angegriffen. Der 1941 geborene Scherzer – gerade ist er 80 Jahre alt geworden – avancierte in seinen zwei Dutzend Reportagebänden zum Menschensammler.

Weltraum der Provinzen ist der Titel des gerade erschienenen Buches, das der Journalist und Buchautor Hans-Dieter Schütt mit Landolf Scherzer als Frucht intensiver Gespräche gemacht hat. Dabei ist der Reporter Scherzer nicht der Typ, der viel und lange über sich erzählt. Er will die Menschen sprechen lassen, die Details, die er an den Schauplätzen seiner Reisen gefunden hat. Um Scherzer noch einmal in sein Reporterleben zu verwickeln, macht sein Gesprächspartner das Richtige: Er geht die wichtigsten Bücher des Reporters durch und sammelt die Geschichten hinter den Geschichten ein, um das Bild ihres Autors zu entdecken. Schütt bohrt nach, bis ihre Gespräche philosophisch werden. So heißt es etwa: Abstand ist nötig, um Fragen zu stellen, aber Antworten bekommst du nur, wenn Nähe entsteht, oder: Im Weltraum der Provinzen gibt es eine unendliche Weite, oder: Wer nichts von Irrwegen weiß, erfährt auch nichts von Wegen.

Wunderbar ist es, in den Antworten Scherzers Widerspruchsgeist zu erleben. Drei große Territorien hat er für seine Erkundungen erobert: Mosambik, Russland, bereits als es noch Sowjetunion war, und Kuba, trotzdem nennt er sich einen Dorfschriftsteller. Er war in Afrika an Orten, wo eine Mutter und ihre drei Kinder an Hunger gestorben sind, in der Sowjetunion am Ort der Reaktorkastastrophe von Tschernobyl, in Asylunterkünften und hat den Rassismus der deutschen Nachbarn gehört. Übrigens hat er das verstrahlte Gebiet um Tschernobyl besucht, ohne am „Sarkophag“ gewesen zu sein. Er hat es abgelehnt, für die letzte Strecke und den Blick von einer Besichtigungsplattform 130 Euro an ein Tourismusunternehmen zu bezahlen.

So war der Reporter ausnahmsweise einmal nicht vor Ort. In den Gesprächen des Buches erzählt er von Verlockungen, an sensationelle Storys heranzukommen. Er bekennt die Versuchung, aber letztlich seinen Widerstand dagegen. Ihm reicht das Alltägliche, denn warum soll die angeblich sensationelle Story eines Securitate-Mannes interessanter sein als die Geschichte eines rumänischen Bauern? Vielleicht ist die, die ihm der Securitate-Mann verkaufen will, sogar eine erlogene. Es sind wichtige Sätze im Mediengeschäft von heute.

Landolf Scherzer hatte nach der Wende gelegentlich auszuhalten, dass man ihn für sein Buch Der Erste von 1988 über einen ersten Sekretär einer SED-Kreisleitung und auch für manch andere Sympathie mit sozialistischen Ideen als Roten angriff. Dies traf ihn zu Unrecht, ist er in seinen Reportagen doch Konflikten nie aus dem Weg gegangen. Nie hat er sich gescheut zu erzählen, wie wenig glanzvoll die viel gepriesene sozialistische Arbeit war. Deshalb auch brauchte manches seiner Bücher in der DDR lange, bevor es die Erlaubnis zum Druck erhielt. Und als es erschienen war, lag es schnell nicht mehr in den Buchhandlungen aus, seine Bücher waren Bückware.

Die DDR tat sich schwer

So war es mit Fänger & Gefangene: 2.386 Stunden vor Labrador und anderswo (1983), seiner Reportage über Hochseefischfang vor Kanada. Während nicht nur die Fischer, sondern auch viele Leser sagten: Ja, so ist es!, ließen die Chefs vom Fischkombinat Rostock Tausende Exemplare aufkaufen und einlagern. „Es ist zwar nie verboten worden“, sagt Scherzer auf Nachfrage, „aber nach der Wende fand man die Paletten, die Bücher waren stapelweise im Kombinat eingelagert worden.“ Nicht das einzige Beispiel, wie schwer sich die DDR mit Scherzers Reportagen tat. Im Gespräch bekräftigt er noch einmal das Ethos seines Schreibens: „Meine Arbeit besteht in der Komposition dieser Details. Ich kommentiere möglichst nicht.“

Wenn man Landolf Scherzer auf den fast 300 Seiten folgt, dann halten sie nicht nur sein Reporterleben fest, sondern bieten auch die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen. Anders wären die Leser seiner Bücher nicht der wirklichen Welt begegnet. „Unsere Hoffnung ist das Wirkliche“ – ein Satz des Dichters Volker Braun, als Motto dem Buch vorangestellt, ist auch Scherzers Credo. Voller Empathie, mit Blick für die Geschichte von unten und unbestechlicher Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Berührend sein Fazit: „Die Welt hat genug von mir, ich hab genug von der Welt. Das sag ich nicht bitter. Ich empfinde es als Vorteil, dass nicht nur die Energie, sondern auch die Eitelkeit abnimmt. Das heißt nicht, dass die Lust am Leben weniger wird.“

Möglich, dass die Konfession der Unbestechlichkeit seines Reporterdaseins eine aussterbende ist. Einmal fällt im Gespräch der Name Claas Relotius, dessen Hang zu Fake News der Betriebsunfall eines neuen, auf Sensationen geeichten Reporter-Typs war. Auch Scherzer hat nicht nur Erfolgsbücher verfasst. Aber dann sind es Ausnahmen in einem Ausnahmewerk.

Info

Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben Landolf Scherzer, Hans-Dieter Schütt Aufbau-Verlag 2021, 281 S., 22 €

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06:00 16.04.2021

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