Der Unersetzliche

Ungewöhnlicher Lebensweg Zuerst floh er vor den Nazis, später vor dem Militär - mit 90 Jahren engagiert sich Ernesto Koch unermüdlich für sozialpolitische Projekte in seiner Exilheimat Uruguay

Schwer zu sagen, wem eigentlich als erstem zu gratulieren ist - dem Jubilar oder denen, die ihn so liebenswert zu würdigen wissen. Ernesto Kroch, dem deutschen Uruguayo, der dieser Tage 90 geworden ist, oder den Leuten von der Bonner Informationsstelle Lateinamerika, die ihm aus diesem Anlass das jüngste Schwerpunktheft ihrer Zeitschrift ila gewidmet haben: Der eine ist außerhalb Uruguays ohne die andern, diese sind in ihren monatlichen Berichten und Analysen zu südamerikanischen Zuständen ohne ihn schwer vorstellbar. Sie gehören seit langem zusammen, was weniger den alten Mann in Montevideo, wohl aber seine jüngeren Freunde in Westdeutschland erstaunt.

Vor fünf Jahren, ebenfalls aus Anlass eines runden Geburtstags, hat Gert Eisenbürger, der leitende Redakteur der ila, auf die Verblüffung "der in Deutschland nach 1968 Sozialisierten" verwiesen, plötzlich auf einen aus der ver- oder missachteten Elterngeneration zu stoßen, der sich genauso wenig wie sie damit abfinden will, "dass die Welt so ist, wie sie ist". Obwohl Ernesto sehr realistisch sei, keineswegs zur Euphorie neige oder sich irgendwelchen Illusionen hingebe, bestehe er immer darauf, dass politische Veränderung möglich sei. Er spreche dieselbe Sprache wie sie, stelle sich ähnliche Fragen und lasse sich durch politische Rückschläge nicht unterkriegen. Andererseits sei er weder naiv noch parteigläubig. "Kritisch betrachtet er unser Verhältnis zur politischen Macht, in deren Erringung wir keine Perspektive sehen". Allenfalls die Divergenzen in dieser Frage wären als Indiz für die Kluft zwischen den Generationen zu verstehen, dafür, dass Krochs Biografie mit den Hoffnungen und Illusionen der kommunistischen Weltbewegung verbunden ist, die Eisenbürger und mit ihm viele Lateinamerika-Bewegte der mittleren Jahrgänge nur in Entartung und Niedergang wahrgenommen haben.

Vermutlich schätzen die 18 Autoren und Autorinnen des ila-Dossiers den bescheidenen, verlässlichen, vertrauensvollen, jedem Jubilieren eher abholden Jubilar auch deshalb so sehr, weil er die Erinnerung an Leid, Not und Verfolgung zwar gegenwärtig hält, den Zugewinn an Freundschaften und Erfahrungen jedoch für viel bedeutsamer ansieht. In Breslau geboren und aufgewachsen, im Schoß einer kleinbürgerlichen Familie, die sein frühes Bedürfnis nach Verständigung und gemeinschaftlichem Tun nicht unterband, wurde Kroch im Herbst 1934, mit 17 Jahren, von der Gestapo verhaftet und wegen Widerstandstätigkeit anderthalb Jahre lang inhaftiert, anschließend ins KZ Lichtenburg überstellt. Nach seiner Freilassung im Januar 1937 gelangte er über Jugoslawien und Frankreich nach Uruguay, mit einem ungültigen Visum, das ihm der paraguayische Konsul in Zagreb angedreht hatte. Die Einladung, nach Palästina zu emigrieren, lehnte er ab; er konnte zionistischen Ideen nichts abgewinnen, was er mit der liberalen Einstellung seiner Eltern begründet und damit, dass er von den Nazis nicht aus rassistischen Gründen, sondern aufgrund seiner politischen Gegnerschaft misshandelt worden sei. Im übrigen habe er während seiner Maschinenbaulehre in einer Breslauer Lokomotivenfabrik von den Arbeitskollegen nie eine antisemitische Äußerung oder gar Diskriminierung erfahren.

Anzunehmen, dass es für einen jungen Facharbeiter (der gleich am zweiten Tag nach seiner Ankunft eine Stelle fand) und überzeugten Gewerkschafter leicht war, sich in Uruguay zu integrieren. Trotzdem wollte er bei Kriegsende 1945 nach Deutschland zurückkehren, seiner politischen Gesinnung wegen in die sowjetisch besetzte Zone, stellte ein entsprechendes Ansuchen, wurde aber als "Westemigrant" und ehemaliges Mitglied der (antistalinistischen) Kommunistischen Jugend Opposition nicht einmal einer Antwort für würdig befunden. Zur Rückkehr kam es erst 36 Jahre später, und diesmal wurde sie von den Verhältnissen im Exilland erzwungen: Kroch war nach dem Militärputsch vom Juni 1973 im Untergrund tätig, vor allem für die verbotene Metallarbeitergewerkschaft. Als 1981 seine Verbindungsfrau zum Finanzsekretariat der Gewerkschaft verhaftet wurde, entzog er sich der Festnahme durch Flucht in das Land, aus dem er einst verjagt worden war. Vier Jahre lang arbeitete er in Frankfurt/Main als Sprachlehrer, Übersetzer und Publizist, ehrenamtlich in der Solidaritätsbewegung für Uruguay und die anderen Länder des Cono Sur, ehe er das zweite Exil wieder gegen das erste eintauschte.

Zusammen mit seiner Frau Eva Weil, die schon als Kind nach Montevideo emigriert war, lebt er heute in einem kleinen Haus im Stadtteil Malvín, in sozialpolitische Projekte verstrickt wie eh und je, zuversichtlich und unermüdlich, auch wenn er beteuert, längst begriffen zu haben, "dass ich nicht unsterblich bin. Ich mache mir auch nicht vor, ich hätte noch die gleiche körperliche und geistige Kapazität wie früher. Doch wenn einem das Leben so viel gegeben hat, bescheidet man sich mit dem Rest. Ich glaube, dass ich nicht ganz umsonst gelebt habe. Etwas von einem bleibt wohl immer. Von mir vielleicht ein Stahlgerüst, das mit der Zeit gewiss verrostet, vorher aber seinen Dienst für diese oder jene nützliche Produktion geleistet haben wird. Oder ein paar Worte, die Widerhall bei diesem oder jenem gefunden haben und über andere weiterwirken. Vielleicht auch etwas von meiner Art und meinem Beispiel bei den Kindern. Schwer zu sagen, was wirklich bleibt."

Auch die Beiträge in der ila vermögen darauf keine eindeutige Antwort zu geben. Aber ihre Lektüre lässt vermuten, dass die verschiedenen Etappen und Sphären von Krochs öffentlichem Wirken nie mit sprunghaften Veränderungen in seinem Wesen oder seiner Lebensauffassung einhergegangen sind. Ernesto Kroch brauchte sich anscheinend nicht zu wandeln, nur treu zu bleiben, sich und seinen Idealen und seinem respektvoll-unverblümten Auftreten, das ihn schon als Halbwüchsigen, im deutsch-jüdischen Wanderbund Kameraden, ausgezeichnet hatte, der ehemaligen Mitstreiterin Eva Pollak zufolge, und das sein Gefährte in der Nachbarschaftsvereinigung Comité Andresito, Mario Medeora, in einem Satz resümiert: "Für ihn ist der andere wichtiger."

Besonders lesenswert ist in diesem Zusammenhang Rubén Prietos Hinweis auf Krochs Bemühen, die Bewohner der sogenannten "conventillos" (abgewohnte und lichtarme Mietskasernen mit Einzimmerwohnungen für vielköpfige Familien) anzuleiten, für bessere Wohnverhältnisse und gegen drohende Räumungen zu kämpfen. Schauplatz der Initiative war das zentrumsnahe Barrio Sur; dass sie, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, wider alle Prophezeiungen Erfolg hatte, liegt daran, dass Ernesto Kroch schier unerschöpfliche Geduld aufbrachte, er war standfest und frei von Widersprüchen und fühlte, "dass die Gegenwart reich an Möglichkeiten war. Mit der Zeit", schreibt Prieto, "wuchs die Anerkennung ihm gegenüber, die wir heute als Dankbarkeit zum Ausdruck bringen möchten." Dankbarkeit für seinen Einsatz als Gewerkschafter, als Metallarbeiter, als Retter des linken Kulturinstituts Casa Bertolt Brecht, als Debattenredner, politischer Essayist und Vermittler zwischen hier und dort.

Vor allem auch für seine Erzählungen und literarischen Chroniken, die er Anfang der achtziger Jahre zu schreiben begann, angeregt durch den Aufenthalt in Deutschland und die Wiederbegegnung mit der Muttersprache. Aber ausschlaggebend war die drängende Verpflichtung, in Europa Interesse für die kleine Republik östlich des Río Uruguay zu wecken. Von den drei auf Deutsch veröffentlichten Büchern ist zur Zeit bloß die Autobiografie Heimat im Exil. Exil in der Heimat erhältlich, die allein durch ihre unangestrengte Offenheit in Herzensangelegenheiten besticht. Das Motto des bislang letzten Erzählbandes, der unter dem Titel El camino a Sisikon nur auf Spanisch vorliegt, würde auch gut zu Krochs Lebenserinnerungen passen: "Das Gewöhnliche bringt uns zusammen, das Fremde bereichert uns." Wir brauchten beides, dazu noch Mut, Verstand und ein Quentchen Authentizität. Um zu leben, schreibt Ernesto Kroch. Para nada más que vivir. "Um einfach nur zu leben."

Diese Einsicht zum Beispiel wird von dir bleiben, Ernesto. Deine Gabe, Sternstunden der Menschheit noch in der Niederlage zu entdecken (in der blutig zerschlagenen und trotzdem erhebenden Kundgebung gegen den Militärputsch in Montevideo, am 9. Juli 1973 um fünf Uhr nachmittags). Der Ruch der Vertrautheit zwischen dir und deinen Freunden von der ila, die seit dreißig Jahren verschwiegene Meldungen aus Lateinamerika weitergeben. Und die Behauptung deines Anarchistenfreundes Prieto, dass Brecht in den letzten beiden Versen des berühmten, bei euch im Süden viel verbreiteten Gedichts an dich gedacht hat: "Aber es gibt Menschen, die kämpfen ein Leben lang:/ Das sind die Unersetzlichen."

Ernesto Kroch: Heimat im Exil - Exil in der Heimat. Autobiografie. Verlag Assoziation A, Berlin 2004

00:00 16.02.2007

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