Der Ungebärdige

Nachruf Zum Tod des Filmemachers Egon Günther (1927 – 2017)
Der Ungebärdige
Egon Günther mit dem Deutschen Filmpreis 1999

Foto: Teutopress/Imago

Er war unberechenbar, wild, manchmal chaotisch, hatte Geschmack (auch wenn er sein Leben lang nur in schäbigem Jeans-Look umherlief.) Äußerlichkeiten bedeuteten ihm nichts, dafür achtete er bei den Handlungsorten seiner Filme streng auf absolute Stimmigkeit von Dekor, Farbe und Licht. Und Genauigkeit.

Vor allem anderen aber liebte Egon Günther seine Schauspieler: Er öffnete sie alle zu großer darstellerischer Direktheit, Wahrhaftigkeit, mit Zärtlichkeit, mit Ironie untersetzt, ohne dabei eine Prise Melancholie aufzugeben. Das überzeugt jeden Zuschauer, auch heute noch, nach so langer Zeit; die Hoch-Zeit von Günthers Filmarbeit lag in den 1970er/80er Jahren.

Seine Fabulierlust sorgte für lustvolle Überraschungen der unbequemen Art. Die Filme erzählten sozial genau und psychologisch von jedermann nachvollziehbar („wie du und ich“). Wie gehen Mann/Frau so miteinander um, dass ihr Miteinanderleben nicht nur erträglich, sondern wirklich gut, freundlich, einfühlsam, zärtlich bleibt? Was tun, wenn sich Widerstände, Irrtümer, Umwege oder Sackgassen auftun, die nur jeder selbst bewältigen kann? Günthers Filme – immer hervorragend fotografiert – schlagen dafür beherzigenswerte und modellhafte Beispiele vor, die gültig bleiben, über ihre DDR-Gebundenheit hinaus (und obgleich er gerade deswegen Schwierigkeiten mit den DDR-Oberen bekam).

Schon sein Debüt als Filmregisseur Lots Weib (1964) erregte Aufmerksamkeit – wegen der unkonventionellen Figurenführung: Eine junge Frau will unter allen Umständen von ihrem Mann, einem Offizier der DDR-Marine, geschieden werden. Ihr einziger Ausweg ist ein Diebstahl, den sie dann öffentlichkeitswirksam begeht.

Der Dritte (1972): oberflächlich gesehen ein Emanzipations- und Selbstfindungsfilm. Aber wie sich Jutta Hoffmann als Margit selbstbewusst-spitzbübisch auf den Weg macht, nach zwei herben Enttäuschungen nun endlich den richtigen Mann zu finden und für sich zu kriegen – das war ein Musterstück moderner Leichtigkeit mit Witz, Anspruch und voller Anspielungen auf DDR-Spezifisches der 1960er Jahre.

Glanzstück und Repräsentationsopus dann Lotte in Weimar (1975, nach Thomas Mann): Günther war glücklich, demütig und hilfsbereit, mit der berühmten Lilli Palmer drehen zu können und dennoch den Weltstar bruchlos und ohne Allüren in seinen Film einzufügen. Als er die DDR-Repressionen in der Arbeit nicht mehr aushalten konnte, wechselte er in die Bundesrepublik. Er behielt seinen Pass und sein Haus in Glienicke (für das er weiter die Miete zahlte und in dem er heimlich neue Drehbücher schrieb). Ihm gelang erfolgreich die Fortsetzung seiner Arbeit, unter anderem mit Heimatmuseum in drei Teilen (1986, nach Siegfried Lenz) und Morenga (1985, nach Uwe Timm).

Günthers Fantasie blieb uferlos und ungebärdig: Sie reichte vom Schlachtfeld in Verdun (Junge Frau von 1914, 1970) bis ins Erdölkombinat Schwedt (Wenn du groß bist, lieber Adam, 1965), aus der Schweiz der Reformationszeit (Ursula, 1977) bis Masuren; inmitten dieser Landschaften (die nie Staffage waren) Menschengeschichten zuhauf. Die DEFA-Direktion war entsetzt und wies ihn ab, als er einmal eine Gegenwartsgeschichte ohne Drehbuch nur als Improvisation machen wollte.

Von der DDR, die ihm im Alter retrospektiv zum unzureichenden Projektionsraum einer fernen Utopie wurde, nahm er auf bittere Weise Abschied: In Stein (1991, mit Rolf Ludwig), seinem letzten DEFA-Film und dem letzten Film der Firma DEFA überhaupt, zeigte er einen gealterten Theaterschauspieler zur Wendezeit, der still, traurig, nicht ohne Ironie, aber ohne Schmerz „beiseite geht“ und munteren jungen Leuten den Platz – und damit auch den Schauplatz deutscher Geschichte – überlässt. Er hat auch gut lesbare Romane geschrieben, seine Domäne aber blieb der Spielfilm.

Am 31. August ist Egon Günther in Potsdam gestorben.

06:00 21.09.2017

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