Der unsichtbare Bruder

Entdeckung Der Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Ernst Jünger ist nur in einem Punkt interessant: Er erinnert an Gershoms Bruder Werner, der als Kommunist im KZ getötet wurde

Das deutsche Feuilleton steht Kopf – und verliert ihn ganz nebenbei: Einige wenige Briefe und eine Postkarte, die Gershom Scholem und Ernst Jünger in den siebziger und achtziger Jahren austauschten, wurden veröffentlicht. Die kleine Korrespondenz, auf Grund ihrer Belanglosigkeit nicht in die Scholem-Briefedition aufgenommen, wurde der Öffentlichkeit bereits vor einigen Jahren vorgestellt, wie 2004 der Freitag berichtete – einem Publikum allerdings, das zu Recht keinen Grund für einen Aufschrei gegeben sah.

Ganz anders die Kommentare, die während der letzten Wochen zu lesen waren: Von einer Annäherung Jüngers an das Judentum wird gesprochen (Die Welt), vom berührenden Ton „der Gelassenheit und Freiheit des Alters“ und einer „empfindlichen Lücke“, die jetzt geschlossen wird (FAZ), mehr noch: „eine prächtige Entdeckung“, die Scholem und Jünger als verwandte „Verächter des liberalen Kulturrelativismus“ darstellt, zwischen denen die Verständigung „auf eine zugleich distanzierte und ebenbürtige Weise so gut“ funktionierte (Die Zeit).

Vielleicht ist dieser sporadische Austausch weniger Zeilen – man scheut sich, das Wort „Korrespondenz“ zu gebrauchen – tatsächlich bedeutsam. Doch wenn ja, dann liegt seine Bedeutung woanders, in der kurzen Lebensgeschichte nämlich, die er zum Inhalt hat und die zwei alte Männer, die sich der eigenen Größe ebenso wie der Unvereinbarkeit ihrer Ideen und Biographien nur allzu bewusst waren, zu diesem Kontakt veranlasste. Was sie „elektrisiert“ (Die Zeit) und darüber hinaus emotional berührt, ist nicht etwa die Existenz des jeweils anderen, sondern die Erinnerungen an den – hierzulande wie in Israel – längst vergessenen Werner Scholem.

Ironische Sympathie: Werner Scholem war Jüngers Gegenpol

Wer aber war dieser Bruder und Klassenkamerad, an dessen „intelligente Physiognomie“ sich Jünger zu erinnern glaubte und mit dem ihn angeblich das Verhältnis einer „ironischen Sympathie“ verband? Nur wenige Monate drückten die 18-Jährigen gemeinsam die Schulbank in einer Privatschule in Hannover, wo sie wie andere aufmuckende Söhne aus bürgerlichen Elternhäusern eine letzte Chance erhielten, ihre schwierigen Schulkarrieren zu beenden. Jünger, eben erst zurückgekehrt von seinem kurzen Abenteuer in der Fremdenlegion, beschäftigte sich in diesen Monaten mit Nietzsches „Übermenschen“, währenddessen Werner Scholem das Hannoversche Proletariat vorzog und hier eine erste Bühne für sein sozialdemokratisches Engagement fand.

Über- und Untermenschen: Jüngers Gegenpol war nicht Gershom, sondern Werner Scholem, der es (anders als sein Bruder) vorzog, in Deutschland Karriere zu machen, was ihm (anders als seinem Schulkameraden) keine Ehrungen sondern den Tod einbrachte. Jüngers letzte Erinnerung an Werner Scholem ist die Mobilmachung, als jener mit Ironie die Kampfbegeisterung des „deutschen Jünglings“ Jünger kommentierte, der zusammen mit allen anderen in die Kasernen zog, wo ihn nicht zuletzt auch die Erlösung durch das Notabitur erwartete. Werner Scholem aber verweigerte entgegen der Linie der SPD den Krieg solange er konnte.

Nachdem er schließlich doch an die Front geschickt und verwundet nach Berlin zurückgekehrt war, demonstrierte er am Geburtstag des Kaisers – und das in Uniform – gegen den verhassten Krieg und bewies aufs Neue, dass er und nicht sein jüngerer Bruder das enfant terrible der Familie Scholem war. Als er des Landesverrats angeklagt wurde, bezahlte auch Gerhard-Gershom den Preis für Werners offensives Revoluzzertum und wurde vom Vater vor die Tür gesetzt.

Sein Bruder, der innerhalb weniger Jahre in die Führungsriege der KPD aufstieg, bis er 1926 als erklärter Antistalinist ausgeschlossen wurde, der trotz seines Rückzuges aus der Politik 1933 inhaftiert und der Spionage bezichtigt, aus Mangel an Beweisen aber freigesprochen (für seine angebliche „Schuld“ gibt es auch keinerlei Beweise), in „Schutzhaft“ genommen und nach fünf Jahren in Konzentrationslagern kaltblütig erschossen wurde – dieser ehemalige deutsche Politiker wäre hierzulande längst vergessen, hätte Gershom Scholem ihm nicht seine Autobiographie gewidmet und seine Erinnerungen an ihn aufgeschrieben.

Der Mann aus den Träumen

Diese gescheiterte und vergessene deutsche Existenz war es, die Emotionen in Ernst Jünger auslöste und selbst den beinahe 100-Jährigen, 20 Jahre nach der Korrespondenz mit Scholem, noch immer nicht losließ: „Warum“, so notierte er am 4. Juli 1995 in sein Tagebuch, „erschien mir am Morgen Werner Scholem – seine Präsenz ging über das Traumhafte hinaus.“ Warum verfolgte der tote Kommunist seinen ehemaligen Schulkameraden, mit dem er nur wenige Monate in derselben Klasse verbracht hatte, bis in dessen Träume? Warum spielte Werner Scholem für Ernst Jünger überhaupt eine Rolle?

Vielleicht war es am Ende nicht mehr als die Sentimentalität eines alten Mannes? Oder diente er etwa nur als Ausrede, deren sich Jünger bediente, um mit Gershom Scholem in Kontakt zu treten und diesen Aufrecht zu erhalten ? Schließlich beginnt und endet jede seiner Kontaktaufnahmen mit Werner Scholem. Aber wozu hätte er, der große Jünger,  überhaupt einer Ausrede bedurft? Und warum interessierte er sich so gar nicht für sein israelisches Gegenüber, sondern schob stattdessen immer wieder das Bild des jungen Mannes mit der „intelligenten Physiognomie“, dessen tragisches Schicksal ihn auf so eigenartige Weise berührte, über das nicht stattfindende Gespräch mit Gershom Scholem?

„Bei der sicheren Lagebeurteilung, die ich ihm zutraute, nahm ich an“, schrieb Jünger, nachdem er von Werners Tod im KZ erfahren hatte, im April 1975 an Gershom Scholem, „daß er, wie offenbar andere seiner Verwandten, den letzten Zug nach draußen nicht verpasst hätte.“ Auf diese Bemerkung, die Ignoranz und Unwissen demonstriert, reagierte Scholem prompt und verärgert, hatte er selbst Deutschland doch bereits 1923 verlassen: „Sie sind überrascht, daß er nicht rechtzeitig weggegangen ist, ‹wie offenbar andere seiner Verwandten›. So war das nicht. Er wurde unter den ersten in der Nacht des Reichtagsbrands verhaftet. [...] Mein Bruder, der radikale Sozialist, war überzeugt, daß ihm als Veteran des Weltkrieges nichts passieren könne. Das ist jetzt schwer vorzustellen, aber diese Vorstellungen waren weit verbreitet. Jeder, der damals mit Familienangehörigen in Deutschland korrespondiert hat, weiß davon ein trauriges Lied zu singen.“

Wieso verändert Jünger Gershom Scholems Wortlaut?

Scholem, der sich intensiv um Walter Benjamins Rettung bemüht hatte, versuchte auch wiederholt seinen Bruder aus dem Konzentrationslager zu befreien. Den ersten Satz dieser bitteren Reaktion übernahm Ernst Jünger 1995 in sein Tagebuch, das noch zu Lebzeiten publiziert wurde. Scholem, der in seiner Autobiographie auf die kurze Korrespondenz mit Jünger als einem „der besten Schriftsteller der deutschen Rechten“ verwiesen hatte, war längst tot. Und obwohl ihm die Briefe höchst wahrscheinlich vorlagen, veränderte Jünger den Wortlaut von Scholems ärgerlicher Reaktion, die doch nur seinen eigenen Kommentar zitierte.

Heißt es im Original: „Sie sind überrascht, daß er nicht rechtzeitig weggegangen ist, ‹wie offenbar andere seiner Verwandten›“, so zitierte Jünger den Satz wie folgt: „Sie sind überrascht, daß er nicht rechtzeitig emigriert ist wie ich und andere seiner Verwandten.“ Damit nicht genug – Jüngers Tagebucheintrag endet mit folgendem, höchst fragwürdigen Satz: „Werner war Politiker in Berlin und Gershom Professor für Kabbalistik in Jerusalem. Die Eltern waren deutschnational.“

Vielleicht bezog Jünger sich hier auf Scholems Autobiographie, die er womöglich gelesen hatte, und in der dieser seinen Vater als deutschen Patrioten beschreibt und seinen ältesten Bruder Reinhold zitiert, der sich anlässlich seines 80. Geburtstages noch immer als „deutschnational“ bezeichnete. Dass seine Eltern, zumal seine intelligente und ihm sehr verbundene Mutter Betty, von einem Vertreter der deutschen Rechten zu Deutschnationalen erklärt wurden, hätte Gershom Scholem vermutlich nicht auf sich sitzen lassen.


Werner Scholem, der Gershom Zeit seines Lebens sehr nahe stand, ist in der Diskussion der vergangenen Wochen als einer beschrieben worden, dessen Welt der Ernst Jüngers nicht fremder hätte sein können. Dabei verachtete er das sogenannte „assimilierte Judentum“ noch mehr als sein jüngerer Bruder, dem nun aus seiner Ablehnung der jüdischen Assimilation eine Übereinstimmung mit Ernst Jünger unterstellt wird (Die Welt). Aber anders als Jünger wollte Werner Scholem mit dem wachsenden Nationalismus der „Boches“, wie er seine Landsmänner während des Krieges zu nennen pflegte, nichts zu schaffen haben. Die Lösung und Erlösung lag seiner Meinung nach im Internationalismus der kommunistischen Revolution. Davon konnte er seinen Bruder Gershom zwar nicht überzeugen, die große Skepsis gegenüber dem Nationalismus teilten die Brüder aber, war Gershom Scholem doch ein Verfechter des Kulturzionismus und scharfer Kritiker der nationalstaatlichen Lösung in Palästina.

Ihn in eine gemeinsame, national-romantische Ecke mit Ernst Jünger zu drängen, wie es in Folge der Veröffentlichung des sporadischen Briefaustausches geschehen ist, zeugt deshalb von einer groben Unkenntnis der Seite Gershom Scholems. In seinem Archiv, in tausenden, teilweise unveröffentlichten Brief- und Tagebuchseiten, fände man zahlreiche Belege für seine Dialogkunst und Bereitschaft zur Auseinandersetzung, für seine Neugier und Empathie. Nichts davon findet sich in den Zeilen an Ernst Jünger, die lediglich von der Erinnerung an einen zu Unrecht Vergessenen zehren.

Briefwechsel 1975-1981Ernst Jünger, Gershom Scholem. In: "Sinn und Form", Heft 3/09, S. 293-302; hrsg. von der Akademie der Künste, Berlin; 9

15:00 25.07.2009

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