Der verdrängte Ursprung der Grünen

Medientagebuch "Ich wollte Bonn verändern, doch Bonn hat mich verändert": Kelly-Bastian, die Geschichte einer Hoffnung

Sie kann den Erfolg kaum fassen. Petra Kelly hält sich im Jubel um sie herum die Hände vor das Gesicht - ungläubig, fast staunend. Neben ihr, doch mit Abstand bleibt Ex-General Gert Bastian im Hintergrund. Es ist ihr Triumph, dass die Grünen 1982 erstmals in den Bundestag einziehen.

Ihre Abgeordnetenbüros müssen Kelly und Bastian acht Jahre später wieder räumen. Die Grünen verfehlen nach der Wiedervereinigung den Einzug ins Parlament. Der Traum ist aus. Der Traum, Liebe, Arbeit und Politik miteinander zu verbinden. Während Bastian Umzugskisten schleppt, telefoniert Kelly mit ihrer geliebten Oma. Sie spricht von Geldsorgen und davon, ein Buch zu schreiben.

Der Abgang von der Bonner Bühne ist eine Zäsur und führt beide in die politische Isolation. Plötzlich und unerwartet auf sich und ihre Liebesbeziehung zurückgeworfen, richten sich Kelly und Bastian schleichend zu Grunde. Sie können nicht mehr miteinander, aber auch nicht ohne einander leben. Am Ende ist das Scheitern auf ihren eingefallenen Gesichtern abzulesen. Und wenn Bastian erst Kelly und dann sich erschießt, wirkt er ausgebrannt und todtraurig.

Regisseur Andreas Kleinert hat für die ARD die tragische Liebesgeschichte als ein intensives Kammerspiel inszeniert, in dem die politischen Verhältnisse und Veränderungen den Ton der Beziehung vorgeben. Schon der Titel Kelly Bastian - Geschichte einer Hoffnung zeigte an, dass Kleinert deren konsequenten und letztlich scheiternden Kampf um eine Politik aus der Anti-AKW- und später der Friedensbewegung heraus als Symbol sieht für die Entwicklung der Grünen.

Der Film zeigte Kelly als eine nach außen starke pazifistische Aktivistin ohne inneren Halt, geplagt von panischer Furcht vor der Einsamkeit. Sie wollte die Welt nicht verbessern, sie wollte eine andere, auch ihr Geborgenheit spendende Welt. Mit ihrem bedingungslosen Engagement war Kelly so lange populär und das medienwirksame Idol der Partei, wie hinter dieser eine starke politische Basis, zuletzt die Friedensbewegung stand. Deren Niederlagen, wie 1984 beim nicht verhinderten Nato-Doppelbeschluss zur Raketenstationierung, sind auch die persönlichen Niederlagen der Petra Kelly.

Regisseur Kleinert zeigte sie mit Bastian bei einer Sitzblockade, die von der Polizei mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Hunden brutal aufgelöst wird. Weinend fällt Kelly später der Oma in die Arme, als sie von der Stationierung der Raketen erfährt. "Ich wollte Bonn verändern, doch Bonn hat mich verändert", sagt sie im Film. Die Leichtigkeit des Aufbruchs ist dahin. Kelly rennt gegen Mauern und trägt schwer daran, dass sie die Verhältnisse nicht zum Tanzen bringen kann.

Doch ihren pazifistischen und emanzipatorischen Idealen, für die sie angetreten war, blieb sie treu. Auch als sie merkte, dass die Grünen ihre außerparlamentarische Basis längst verloren hatten. Die Zeit der Partei könnte abgelaufen sein, sagte sie 1990. Regisseur Kleinert sieht bei Kelly eine Welt zusammenbrechen. Es war aber kein Anlass, sich auf die vorgegebenen Spielregeln etablierter Parteipolitik einzulassen. Für Kelly waren die Grünen immer nur ein Standbein gesellschaftlicher Opposition. Eine Haltung, die spätestens seit der Wiedervereinigung - an deren Jahrestag der Film zu sehen war - nur noch milde belächelt wird.

Ihr Gegenspieler war Joschka Fischer, der erste Minister der Grünen. Im Film trat Fischer nicht direkt, sondern als mächtige abwesende Figur auf. Regisseur Kleinert inszenierte eine Bonner Pressekonferenz aus dem Jahr 1985, auf der sich alles um die hessische Realpolitik und nichts mehr um Petra Kelly dreht. Alle Fragen der Journalisten kreisen um dieses Thema - zur Volkszählung will keiner etwas wissen. Kleinert brachte in dieser kurzen, präzisen Szene den Wandel der Partei auf den Punkt: Mitregieren wird wichtiger als fundamentale Opposition. "Ist Fischer überhaupt schon Mitglied bei uns?", reagiert Kelly unwirsch. Das Thema ist lästig, sie will politische Inhalte vertreten. Fünf Jahre später ist Kelly nur noch eine Randfigur bei den Grünen, die zu neuen Regierungsufern aufbrechen.

Der Film markierte hier einen Wendepunkt, den die heutige Realität bestätigt. Unter Fischers Regie sind die Grünen im Establishment angekommen. Sie zeigen sich als verlässlicher Regierungs- und Bündnispartner, politische Ziele stehen allein noch auf dem Papier. Die einstige Basis zeigt ihnen, wie zuletzt in Gorleben, die kalte Schulter. Die Hoffnung auf eine andere Form der Politik ist begraben und Geschichte. Das verkörpert keiner ausgeprägter als Fischer. Der Außenminister versuchte auf den Pressekonferenzen nach den Terroranschlägen in den USA neben Bundeskanzler Gerhard Schröder stehend staatsmännisch zu wirken, was ihm auf groteske Weise misslang. Er wirkte wie ein "Politandroide" (Klaus Theweleit), der selbst im Angesicht des Unfassbaren nicht mehr aus seiner neuen diplomatischen Haut kann. Auch ihn haben Bonn und Berlin verändert - doch Fischer hat überlebt und ist nicht daran zerbrochen.

Der Beifall der politischen Öffentlichkeit ist dem gewandelten Außenminister gewiss. Petra Kelly und Gert Bastian sind hingegen nur noch eine Randanekdote der Bonner Geschichte. Vergessen ist auch, dass beide gegen alle Konventionen und über den Altersunterschied hinweg sich haben hinreißen lassen von einem Gefühl des politischen Aufbruchs. Begeistert vom Mut des anderen fanden sie zueinander. Kelly und Bastian stehen für den verdrängten Ursprung der Grünen: Für eine Politik, die aus den Bürgerbewegungen kommend und von ihnen getragen direkte gesellschaftliche Relevanz entwickeln wollte. Kleinert machte dies zum Thema und hielt damit einer Partei, die sich heute so gerne erwachsen gibt, den Spiegel vor.

00:00 12.10.2001

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