Der verfolgte Sieger

Zum Tod von Stefan Heym Ein Jahrhundert hat viele Generationen. Aber nur wenige Menschen bündeln in ihrer Person so ziemlich alles, was wesentlich in ihm ist. Stefan Heym ...

Ein Jahrhundert hat viele Generationen. Aber nur wenige Menschen bündeln in ihrer Person so ziemlich alles, was wesentlich in ihm ist. Stefan Heym war einer dieser wenigen. Er war Gestalter und Verfolgter, Chronist des Widersprüchlichen, Anreger von Entwicklungen, Bewahrer von Werten und lebender Beweis dafür, dass dieses Jahrhundert nicht zwangsläufig Katastrophen produzierte. Stefan Heym polarisierte. Ruhend in sich selbst und seiner selbst sicher, stritt er mit der Macht und stand am Ende immer auf der Seite der Sieger. Dort angekommen, wo die Weichen sichtbar wurden, mit denen ein Land regiert wird, fing er nicht an zu buhlen und zu streben, sondern trat wieder zurück. Er lebte nach einem Satz, den er am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz verkündete: "Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut". Dem setzte er sich nie aus. Nicht als amerikanischer Besatzungssoldat in Deutschland, nicht nach der Wende 1989, nicht als er für die PDS als Alterspräsident in den Bundestag eingezogen war. Und anders als andere trat er nicht nach, wenn der einstige Gegner am Boden lag.

Deutscher, Jude, Amerikaner und dennoch auf keiner Seite, sondern dort, wo er die Zukunft ortete. Als verfolgter Jude aus Nazi-Deutschland emigriert, marschierte er auf Seiten der Amerikaner gegen den Faschismus, bewahrte die sozialistischen Ideale des frühen Jahrhunderts und lebte doch ganz im Bewusstsein unteilbarer Menschheitsgeschichte. Nicht so sehr als Visionär, eher als unermüdlicher Entwickler. Einer, der politisch-gesellschaftliche Strukturen der vergangenen Jahrhunderte entblößte, um sie mit den bunten Kleidern seiner Zeit zu behängen und die Ergebnisse als erhellende Analyse in den Kontext all dessen zu stellen, was schon einmal durchlebt wurde. "Diener im Haus des Wissens", wie er selber sagte, der "versuche, die Gestalt der Dinge darzustellen und ihren Lauf zu verzeichnen". Phraseologie beeindruckte ihn zu keiner Zeit, nicht unter den Nazis, nicht bei den Amerikanern, nicht in der DDR. Und auch die Bundesrepublik analysierte er mit dem kühlen Instrumentarium der Anatomie. Nachzulesen in seiner Rede zur Eröffnung des 13. Deutschen Bundestages. Von den Kollegen der anderen Parteien unter "ferner liefen" abgelegt. Die bornierten Rituale dieser Republik verboten Beifall. Selbst für einen, den die andere, die untergegangene Republik mit Nichtachtung gestraft und weitgehend zum Schweigen gezwungen hatte. Eines hat dieser Mann nämlich nie vermocht, sich den Beifall der Regierenden zu sichern. Er betrachtete eine Perspektive von unten nach oben für Literaten wie Chronisten als gleichermaßen ergiebig. Er besah sich die verletzlichen Stellen derer, die das Sagen hatten und versuchte zu heilen, indem er garantiert Schmerz verursachte. Er hielt sich nur dann für erfolgreich, wenn tatsächlich aufgeschrien wurde. Das sei der Sinn von Literatur, meinte er. Sehr spät erst und wie im Vorwort zu Immer sind die Weiber weg beschrieben, als Geschenk an seine Frau, kommen auch jüdisch-philosophische und humorvolle Geschichten zum Tragen.

"Das Wort hat sein eigenes Leben. Es läßt sich nicht greifen, halten, zügeln, es ist doppeldeutig, es verbirgt und enthüllt, beides; und hinter jeder Zeile lauert Gefahr", schreibt er im König David Bericht. Diese Gefahr hat er nie gescheut. Der aus den USA in die DDR rückkehrende überzeugte Sozialist will künftig mit den "Augen der Vernunft" leben, träumt vom Sieg des besseren Ichs in jedem Individuum. Begrüßt den anderen Ansatz dieses Staates, der ihm die Wurzeln des Faschismus gründlich zu kappen schien. Vorurteilslos stürzt er sich in das Abenteuer DDR, glaubt sogar, dass der Schriftsteller sich "zurücknehmen muss, solange, bis ein neues System sich stabilisiert haben würde". Er schreibt eine tägliche Kolumne Offen gesagt. Aber offen gesagt wird nichts und so sehr er sich auch zurücknimmt, die unsichere neue Macht mit dem Sicherheitsbedürfnis einer verfolgten Jungfrau ist nie zufrieden. Auch kleine Abweichungen von der Sprachregelung sind nicht gern gesehen und bald ist das, was er in einen sozialistischen Staat projizierte, bis zu Unkenntlichkeit verzeichnet. Heyms Kolumne wird gestrichen, seine literarische und politische Kraft aber gewinnt in dem Maße wie er sich an den Verhältnissen reibt. Der Roman über den "17. Juni" 1953 wird in der DDR erst 1989 erscheinen, aber der Punkt ist markiert, von dem aus sein Weg in die Systemkritik führt.

Am endlichen Ideal macht er keine Abstriche, der Weg dorthin aber führt für ihn nicht mehr über die DDR. Er lässt sich dennoch nicht aus dem Land ekeln und trägt den Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, die auferlegten Geldstrafen wegen Manuskriptschmuggels gen Bundesrepublik mit gelassener Würde.

Von nun an zerlegte er den DDR-Alltag in historische Bilder, Lasalle, Ahasver und natürlich der König David Bericht. Die Kluft, die zwischen Wort und Tat, zwischen Ideal und Wirklichkeit klaffte, war historisch oft beschrieben, nur für die DDR durfte sie nicht gelten. Seine hintergründigen Parabeln aber rückten das Land auch dann noch in die Kritik, wenn der Autor in scheinbar überwundenen Jahrhunderten schwelgte. Sie weisen die DDR als ein Land unter vielen aus, das mit Vorsätzen, wohlklingenden Worten und rigorosen Maßnahmen um Machtsicherung rang.

Dass dieser Mann nach der Wende nicht mit wehenden Schößen im bundesrepublikanischen Kulturbetrieb verschwand, dass er sich selbst und seinen Maßstäben die Treue hielt, hat er seinem links verorteten inneren Kompass zu verdanken. Die Worthülsen der Neuen Republik verfingen so wenig, wie die der alten. Er hatte seine Lektion Demokratie in einer Zeit gelernt, als darunter nicht Beliebiges verstanden wurde. Direkt, zupackend und produktiv entstanden in den letzten zehn Jahren Bücher wie Filz, Radek, Pargfrider. Und er hinterlässt noch mehr: Die Erinnerung an einen stolzen, selbstbewussten, ein wenig eigenbrötlerischen kritischen Menschen, der die Gewissheit ausstellte, dass Wahrheit und Lüge nicht der Grenzziehung zwischen Ost und West folgen. Stefan Heym starb am vergangenen Wochenende während einer Reise durch Israel.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 42/2021

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