Der verhinderte Linkshänder

Porträt Christian Prokop steht als Trainer der Handball-Nationalmannschaft bei der Heim-WM enorm unter Druck

Am 4. Februar 2007 hatte es der Handball geschafft. In der Fußball-Bundesliga stand an jenem Sonntagabend das Spitzenspiel zwischen Bremen und Schalke an, doch das Interesse galt einem anderem Sportereignis: dem Endspiel der Handball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Polen in Köln. Im Bremer Weserstadion blieb dem Stadionsprecher gar nichts anderes übrig, als über die Handball-Zwischenstände zu informieren. Als Deutschland tatsächlich Handball-Weltmeister geworden war, schwoll der Beifall der Fußball-Anhänger zum Orkan.

Viel mehr kann eine Sportart hierzulande kaum erreichen. Mehr als 16 Millionen an den Fernsehgeräten hatten mitgefiebert – Quoten, die sonst nur der Fußball bei großen Turnieren erreicht. Zur Siegerehrung klebten sich alle Spieler schwarze Schnauzbärte an, um ihren Kult-Coach Heiner Brand zu würdigen.

Zu den 20.000 Anhängern im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer in Köln gehörte Christian Prokop. Er trainierte da gerade den TSV Hannover-Anderten, war noch keine 30 und saugte die Atmosphäre auf wie Bienen den Honig einer Blumenwiese. Geblieben sind ihm „unvergessene Bilder“, wie der nun amtierende Handball-Bundestrainer jüngst beim gemeinsamen Besuch mit Brand im ZDF-Sportstudio sagte. „Das war ganz eine ganz tolle Sache, die uns hoffentlich auch bevorsteht.“

Doch geht das, auf Knopfdruck, wenn dieser Tage Deutschland wieder eine Handball-WM ausrichtet, gemeinsam mit Dänemark? Die Leistungsdichte ist gestiegen, Partien verlaufen oft hochdramatisch, finale Entscheidungen der Rückraumkräfte, Torwartparaden oder Schiedsrichterpfiffe sind häufig das Zünglein an der Waage. Zunächst muss die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) die Gruppe mit Weltmeister Frankreich, Russland, Serbien, Brasilien und dem gemeinsamen Team Süd- und Nordkoreas überstehen. Es folgt eine zweigeteilte Hauptrunde, dann erst die Halbfinals in Hamburg, deren Erreichen Prokop als Ziel ausgegeben hat.

Die Messlatte nicht höher zu legen, wirkt eingedenk seiner Vorgeschichte verständlich. Dem vom Bundesligisten SC DHfK Leipzig abgeworbenen Trainer gelang es nicht, das Erbe Brands und dessen isländischen Nachfolgers Dagor Sigurdsson fortzuführen. Letzterer hatte 2016 die EM und Bronze bei den Olympischen Spielen gewonnen. Nach dem enttäuschenden neunten Platz bei der EM 2018 stand Prokop sofort im Zentrum der Kritik.

Die Missstimmung dröhnte während der Auszeiten bei Spielen über die Richtmikrofone an die Öffentlichkeit, die falsche Kaderplanung offenbarte sich in der Nachnominierung des Abwehrspezialisten Finn Lemke. Der als Julian Nagelsmann des Handballs gefeierte Überflieger war in Windeseile abgestürzt. DHB-Vizepräsident Bob Hanning setzte sich massiv dafür ein, dass das Präsidium hernach noch einmal Rückendeckung aussprach. Viele sprechen von einer zweiten – und letzten – Chance. Der seit Heiligabend 40 Jahre alte Prokop gibt rückblickend zu: „Ich musste nach und nach wieder Vertrauen bei den Spielern aufbauen.“ Er habe zu selten den Dialog gesucht und damit Teile der Mannschaft verloren. Jetzt käme es auf ein intaktes Gefüge an.

Über die „nicht leichte Zeit“ (Prokop) half ihm seine in Leipzig lebende Familie hinweg: Seine Lebenspartnerin heiratete er vor zwei Jahren, seine Tochter Anna ist fünf, Sohn Luca zwei Jahre alt. Er selbst stammt aus Köthen in Sachsen-Anhalt, galt früh als Handball-Talent. Dann riss bei einem B-Länderspiel 1999 der Meniskus im linken Knie, dazu sprengte ein Stück Knorpel ab. Als die Beschwerden nach seinem Comeback 2002 zurückkehrten, entschloss sich Prokop zu Brachialem: Unter Vollnarkose ließ er sich den Oberschenkel brechen, um die Belastungsachse seines linken Beines zu verändern. Dazu wollte er Linkshänder werden, rasierte sich und aß mit links. Vergebens: Noch vor seinem 25. Geburtstag war das Kapitel Leistungssport beendet.

Er machte den Trainerschein, studierte Sportwissenschaften, arbeitete in Hildesheim und Magdeburg im Nachwuchsbereich, trainierte in Braunschweig, Schwerin und Essen, ehe sein Stern in Leipzig aufging. Als er 2017 beim DHB einen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnete, wusste er um die Erwartungen: Deutschland sieht sich als natürliche Führungsmacht im Welthandball. Noch immer gilt die Bundesliga als beste Liga der Welt.

Doch als der Bundestrainer jüngst das Spitzenspiel zwischen dem THW Kiel und den Rhein-Neckar Löwen beobachtete, waren ein Norweger, zwei Schweden und ein Isländer die besten Werfer, einige deutsche Nationalspieler saßen lange auf der Bank. Abgesehen von den Torhütern Andreas Wolff und Silvio Heinevetter ist sein Team vor allem bei den Kreisläufern exquisit bestückt. Aber genau wie der Weltklasse-Linksaußen Uwe Gensheimer hängen sie am Ende der Verwertungskette, sind auf Rückraumkräfte angewiesen, die mit ruhiger Hand den Ball an die Adressaten bringen. Da bestehen Defizite gegenüber den anderen Top-Nationen.

Für den DHB steht die nächsten Tage viel auf dem Spiel: Der mit 750.000 Mitgliedern größte Handballverband der Welt will die Lücke zum Fußball verringern. Handball hat mehr Bindungskraft als Eishockey, Basketball oder Volleyball, weil die Verwurzelung tiefer ist. Es gibt viele kleine, teils ländlich geprägte Hochburgen wie Gummersbach und Großwallstadt, Hofweier oder Hüttenberg, die zeitweise sogar dem europäischen Vereinshandball den Stempel aufgedrückt haben. Doch die meisten dieser Klubs haben ihre beste Zeit hinter sich oder sind in der Versenkung verschwunden. Auch darum kämpft Prokop. Der Druck auf ihn ist enorm. Kann er mehr als nur ein beeindruckter Bewunderer sein, wenn am 27.1. im dänischen Herning das Finale steigt?

06:00 12.01.2019
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare