Der Verweser

ZUM 80. GEBURTSTAG VON MARCEL REICH-RANICKI Botho Strauß' Band 'Das Partikular' ist ein Plädoyer für das Ungerichtete und Ziellose

Als die selig gewordene Gruppe 47 einst in Princeton residierte und wir uns zunächst selbständig rüttelnden Betten in einem Motel, an denen Münzautomaten angebracht waren, hingaben, ereignete sich zu Lesungen folgender Kanon: Hans Mayer, entschlossen und gescheit, stampfte ein und lobte hübsche Bockleiterprosa für ältere Herren; Joachim Kaiser, selbstbegeistert noch gescheiter, benützte den Kammerton A zum Beweis des angeglichenen Gegenteils; dann brach sich die Rede von Marcel Reich eine Bahn, verwarf alles, verkündete eine kurze Weltliteraturübersicht in kleinen Sätzen und relativierte gar nichts mehr. Es war ein Vergnügen.

Manchmal nannte eine helle Stimme aus dem Hintergrund, die Walter Höllerer gehörte, einziger, der Langgedichte wie ich schrieb, welche bis neulich geschmäht wurden, das ganze Verfahren eine wortreiche Täuschung, da es im Grunde nur den Markt bediene.

Nachts in einem Omnibus unterwegs nach New York, saß hinter uns, meiner damaligen Frau, eine Berliner Schauspielerin, und mir, das Ehepaar Reich. Einerseits waren wir entzückt, obwohl wir noch nie hier gewesen waren, monströse Autobahnkreuze und Viadukte, bekannt aus amerikanischen Filmen, wiederzuerkennen, andererseits hörten wir begierig dem überaus heftigen Gespräch der Reichs zu. Es klang, auf Polnisch, ähnlich Hassgesängen, konnte jedoch auch, wie wir inzwischen wissen, Liebesgeflüster gewesen sein. Schön war beides und beeindruckend in der Weise mathematischer Rösselsprünge.

Mein erstes Buch, über eine Generation her, hat Reich gelobt, das zweite, ein umfangreicher Roman, vernichtet. Er nannte mich, abschätzig gedacht, einen grünen Heinrich, was heutzutage fast ein wenig hold klingt. Bald musste sich der Kritiker, unaufhaltsam aufsteigend, in Sicherheit bringen, besprach nur noch gängige Ware, propagierte Trends, Kurzschlüsse, errichtete ein eigenes Imperium. Feuilleton und Literaturbörse dankten es ihm.

Immer häufiger lasen wir auf Reklameanzeigen seine Lobsprüche. Es gab sogar eine Zeit, dass Verdammungsurteile von ihm als verkaufsfördernd galten; eine einzigartige Karriere via Macht.

Weshalb benötigt Marcel Reich ums Nichtverrecken permanent Prestige und Erfolg? Ich denke, es hängt mit einer fortdauernden Ghettosituation zusammen. Zwar schmeichelt es ihm wahrscheinlich, dass vor seinen "Erinnerungen", ein erschütternd ellenlanger Schüleraufsatz, alle in die Knie gehen, andererseits muss er, wenigstens vorstellbar, dieses wohlfeile Gutgetümel zutiefst verachten.

Diktieren lässt er sich nichts mehr, seit er Übersetzer in der Warschauer ›Absonderung‹ hatte sein müssen; dabei kamen auch Todesurteile auf den Tisch. Nun behält die Übersicht er, das Heft in der Hand, die Uhr in der Tasche, die Stiefel parat oder am Fuß, wie er auf eine kaum nachahmliche Weise vielleicht sagen würde.

Seine Fehleinschätzungen der schöngeistigen Welt geraten bisweilen an den Rand der Verheerung. Zum Beispiel behudelte er Thomas Bernhard bis zum Schluss, obwohl dieser Autor nach dem Kalkwerk, vor allem in Theaterstücken, nur noch aschfahl rhetorisch besessen schrieb. Diese Methode gefiel vielen, wie stets Wiederholungen als Anlehnung.

Rück- nebst Vorausblicke für komplexe Manöver in Romanwerken jenseits der Seitenzahl prim 251, gar 257 scheut der Kritiker. Unteilbar sollen Urteile bleiben, genauso wie Auftritte in einem literarischen Singspiel, eine Schöpfung seiner. Dazu gesellen sich ein schwitzender Knecht, eine dröge Gegnerin, beide bestens eingespielt, mitunter auch ein chancenloser Gast.

Reich ist ebenfalls Herausgeber, Sammler, Widerkäuer und Grüß-Gott-August geworden, allerdings ohne Fehl; ein unablässiges Ereignis, weshalb wir nicht zu fürchten vermögen, er trete ungewöhnlicherweise daneben. Was aber täte das Onkelchen Witold Gombrowicz dazu sagen? Infantil würde es krähen, nächste Grenzen voll Lust und böser Achtsamkeit niederreißen, dem Rodiak den Rücken kehren und psalmodieren: Tadel sei die Alterssülze der Wehmut, lauwarmer Gin in Untertassen der Begeisterung.

Marcel Reich-Ranicki schwadroniert vortrefflich, was ich schätze, und betreibt ein Geschäft, in dem ich mich auskenne, sobald Dichtung und Wahrheit eins werden. Es ist ein unerbittlicher Kampf ums Überleben.

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