Der Vi-sa-Launebär

Film „Heute bin ich Samba“ gibt sich harmlos-dümmlich, „Bande de filles“ afrofuturistisch. Ein Ausflug ins französische Kino

Schon vor seinem regulären Start wurde das neue Werk des französischen Regieteams Éric Toledano und Olivier Nakache (Ziemlich beste Freunde) in Berlin gezeigt. Heute bin ich Samba lief beim traditionellen SPD-Filmabend, der während der Berlinale im Willy-Brandt-Haus stattfand. Erst diskutierte Sigmar Gabriel im Branchengespräch „cinema meets politics“ über TTIP und Filmförderung (Freitag 7/2015), dann leitete Hannelore Kraft über zum cineastischen Teil des Abends: „Was mag es bedeuten, seine Heimat zu verlassen?“, fragte die NRW-Ministerpräsidentin anlässlich der Arbeit über einen illegalen Einwanderer aus dem Senegal, der in Paris eine neue Heimat findet. Dann forderte sie das Publikum auf, „mehr durch die Augen der Menschen zu sehen, die zu uns kommen – durch die Augen von Samba“.

Erschreckend unbeholfen

Weil ich mir nicht sicher bin, wie das gehen soll, schaue ich einfach darauf, wie der Film auf Samba (Omar Sy) schaut. Er sieht einen gutmütigen und stets gut gelaunten Mann, ein großes Kind eigentlich, dessen Optimismus selbst dann unerschütterlich bleibt, wenn ihm das Schicksal beziehungsweise der Staatsapparat die Suppe verhagelt: Abschiebeknast und Arbeitssuche ohne Papiere werden hier ganz locker verhandelt. „Auch diesmal packt das Regie-Duo brisante gesellschaftliche Themen an und zeichnet mit unverkrampfter Leichtigkeit ein vielschichtiges Porträt des Einwanderungslandes Frankreich“, heißt es in der SPD-Ankündigung.

Heute bin ich Samba ist nach dem Riesenerfolg von Ziemlich beste Freunde, der von der Freundschaft zwischen einem querschnittsgelähmten Millionär und seinem schwarzen Pfleger erzählte, die zweite Zusammenarbeit von Toledano/Nakache mit dem Schauspieler Omar Sy – und hat keine andere Ambition, als an den Erfolg des Vorgängerfilms anzuknüpfen. Konsequent greifen die Regisseure wieder auf das bewährte Rezept des ungleichen Paars zurück und stellen dem illegalen Einwanderer Samba als love interest eine Businessfrau mit Burn-out (Charlotte Gainsbourg) zur Seite. Dazu kommt noch ein weiteres ungleiches Paar. Der sanfte Samba freundet sich mit einem quirligen Brasilianer an, der eigentlich Algerier ist, sich aber als Südamerikaner ausgibt, weil das bei den Frauen besser ankommt. Sowieso bringt der Film Solidarität mit seinen migrantischen Underdogfiguren vor allem darüber zum Ausdruck, dass er sie reihenweise herkunftsfranzösische Frauen bezirzen beziehungsweise flachlegen lässt.

Dass Heute bin ich Samba sich so hervorragend als Beiwerk zum SPD-Filmabend eignet, dass er sich so problemlos einspeisen lässt in parteipolitische Vereinnahmung, liegt nicht nur an der harmlos-dümmlichen Heiterkeit seines Plots – es liegt vor allem auch an seiner absoluten ästhetischen Irrelevanz. Nur ein einziges Mal wagt sich der Film ins Gebiet der Filmkunst vor, gleich in der ersten Einstellung, einer langen Plansequenz, die sich vom rauschenden Hochzeitsfest in einem schicken Hotel durch lange Flure und Gänge bis in die Hotelküche bewegt, wo sie bei drei schwarzen Männern an der Spüle haltmacht; ein einziges Mal zeichnet sich hier der Versuch ab, etwas – das Nebeneinander von frappanter Ungleichheit, eine segregierte Gesellschaft – rein filmisch und qua filmtechnischer Operation darzustellen.

Ansonsten regiert in formaler Hinsicht totale und erschreckende Unbeholfenheit: Hohle Dialoge werden in schematische Schuss-Gegenschuss-Folgen aufgelöst, alle Charaktere sind eindimensionale Strichmännchen, die in die Narration hinein- und aus ihr herausdriften, wie es den Drehbuchschreibern (ebenfalls Toledano und Nakache) beliebt.

Noch krasser tritt das Ärgernis von Heute bin ich Samba hervor, wenn man den Film mit einem anderen vergleicht, der am gleichen Tag in den hiesigen Kinos anläuft, ebenfalls unter afrikanischen Einwanderern in Paris spielt, aber alles anders macht: Bande de filles von Céline Sciamma über vier junge Mädchen aus der Vorstadt ist ein visuell überbordendes Coming-of-Age-Drama über fluide, selbstbestimmte (Geschlechts-)Identitäten und Körperbilder, eingefangen in selbstbewusst auftrumpfenden Cinemascope-Bildern voll leuchtender Farben und untermalt von den elektronischen Klängen des Technoproduzenten Para One.

Die brachialen Betonarchitekturen der Banlieues müssen hier einmal nicht als Chiffre für Verslummung und soziale Brennpunkthaftigkeit herhalten, sondern entbergen ein utopisches Potenzial – wie Teile eines im Weltall schwebenden Raumschiffs wirken die weißen Treppen und Wandelgänge, die weiten Freiflächen und organisch gekurvten Skatebahnen. Damit knüpft Bande de filles an jene popkulturelle, afroamerikanische Tradition an, die mit dem Namen Afrofuturismus belegt ist: ein Nachdenken über afrodiasporische Erfahrungen und Identitäten, das mit Aliens und Androiden operiert, eine Auseinandersetzung, die im Modus von Science-Fiction stattfindet. Tausendmal besser als jeder SPD-Filmabend.

Filme

Heute bin ich Samba Éric Toledano/Olivier Nakache Frankreich 2014, 118 Minuten

Bande de filles Céline Sciamma Frankreich 2014, 113 Minuten

11:53 25.02.2015
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare