Der volle Mund Echnatons

Rekonstruktion 3D-Drucker helfen heute Forschern aller Disziplinen. Nun sollen sie das Gesicht des großen Pharao retten

Echnaton, der große Pharao. Traurig, wie er da in der Werkstatt des Ägyptischen Museums in Berlin steht. Heftig zerstört ist sein Gesicht, über der einen Augenbraue fehlt ein Stück Schädel, die Lippen sind ganz verschwunden. Der Schmuck ging verloren, die Bemalungen und Vergoldungen sind dahin. Aber die hoheitsvolle Haltung ist ihm geblieben, gerade dafür schätzt ihn das Museum sehr. Für die Ausstellung Im Licht von Amarna zum 100. Jahrestag des Nofretete-Fundes am 6. Dezember 1912 wird die Echnaton-Büste jetzt restauriert. Nicht allein von einem Restauratorenteam. Echnaton bringt die Archäologie mit Experten des Universitätsklinikums Charité und des 3D-Labors am Mathematischen Institut der Technischen Universität Berlin (TU) zusammen. Erstmals.

Denn Veränderungen an dieser so bedeutenden wie kaputten Büste sind dringend nötig. Als der Ägyptologe Ludwig Borchardt die Pharaonenplastik 1912 in der ausgegrabenen Werkstatt des Bildhauers Thutmosis in Tell el-Amarna fand, war sie bereits schwer beschädigt. Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums, nimmt an, dass es politisch motivierter Vandalismus von Feinden Echnatons war, welche die Büste einst mit Meißeln fast zerschlugen. Dass das Abbild seiner Ehefrau Nofretete, das nicht nur am selben Ort, sondern direkt unter Echnatons Büste gefunden wurde, so wunderbar erhalten blieb, habe mit ihrer wesentlich geringeren Bedeutung zu tun, vermutet Seyfried. Sie war eben doch nur: die Ehefrau.

Ein Messingdübel im Kopf

Trotz dieses Ranges ist Nofretete heute der Höhepunkt der Berliner Ägyptischen Sammlung. Das Gesicht des Echnaton dagegen muss erst wiederhergestellt werden, um verstehen und sehen zu können, dass seine Büste ein mindestens ebenbürtiges Pendant ist. „Wir wollen die Schäden nicht wegrestaurieren, aber dem Gesicht doch seine natürliche Anatomie, seine Lippen und damit seine Würde zurückgeben“, sagt Restaurator Paul Hofmann. Wie heute bei Restaurierungen üblich, werden Hofmanns Ergänzungen reversibel sein, auch wenn es wenig Hoffnung gibt, dass die Original-Lippen in irgendeinem Archiv noch einmal auftauchen. Denn Echnaton war während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert, dann Teil der Beutekunst der Sowjetunion. 1958 wurde er zusammen mit 1,5 Millionen anderen Berliner Schätzen an die DDR zurückgegeben.

Damit Paul Hofmann seine Ergänzungen so originalgetreu wie möglich machen kann, wird er eine Kopie des Echnaton bekommen. An dieser Kopie kann er Varianten ausprobieren, bevor er sie am Original anbringt. „Das ist gerade bei den Lippen sehr hilfreich“, sagt Hofmann, denn die wird er allein nach den alten Fundfotos rekonstruieren müssen.

Zur Herstellung dieser Kopie wurde Echnaton kürzlich in einen Computertomografen des Siemens-Imagine-Science-Institute an der Charité geschoben. Dabei fanden die Mediziner einen großen Messingdübel im Kopf, den Restauratoren einst zur Stabilisierung eingesetzt hatten. Vergangene Woche folgte der nächste Schritt zur Herstellung der Kopie, wobei das Wort „herstellen“ etwas kurz fasst. Denn die Kopie wird im 3D-Labor der TU räumlich ausgedruckt.

Mathematische Skulpturen

„Visualisierungen werden immer wichtiger“, sagt der Mathematiker Hartmut Schwandt, der erstmals 2005 Geld aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) bekam. Seitdem arbeitet sein Labor für verschiedenste Wissenschaftler und Disziplinen – für Schiffstechniker und Geologen, Paläontologen und Maschinenbauer, Physiker, Architekten, Mediziner und Museumsleute. Das Kooperationsprojekt wurde durch den Europäischen Sozialfonds ESF gefördert und sollte den Architekturstudenten zeigen, wie sie mit dieser speziellen Software bei künftigen Projekten arbeiten können. „Man sieht eben andere Dinge, wenn man ein Objekt in der Hand hat“, sagt Schwandt. Deshalb kommen selbst Mathematiker zu ihm, um mathematische Modelle drucken zu lassen – wunderbar verknotete Skulpturen, die in den Vitrinen des Labors liegen und ihrerseits wie Kunstwerke aussehen.

Der 3D-Druck ist aber auch schon in der Industrie verbreitet. Auto- und Sportschuhhersteller, viele Designer arbeiten mit 3D-Visualisierungen. „Wir erfinden hier keine neuen Technologien“, sagt Laborleiter Schwandt. Sein Labor experimentiere und setze Ideen um. Neben Informatikern und Mathematikern beschäftigt das Labor deshalb einen Künstler und einen Architekten. Bildhauer Joachim Weinhold kümmert sich um die spezielle Beratung der unterschiedlichen Projektpartner.

Eng ist die Zusammenarbeit mit Architekturstudenten, die ihre Professoren direkt durch die von ihnen entworfenen Räume schicken können. Denn zum 3D-Labor gehört auch ein sogenanntes Cave – ein „Cave Automatic Virtual Environment“, was etwa „Höhle mit virtueller Umwelt“ bedeutet und eine begehbare Versuchsanordnung aus drei großen Wänden ist. Dort kann man mit Hilfe einer 3D-Brille, mehrerer Kameras und vieler Computerprogramme virtuell durch Körper jeder Art spazieren. Auch durch den Nasenraum des verstorbenen Eisbären Knut, dessen Schädel und Skelett das 3D-Labor visualisierte und druckte, um die Beweisführung über seinen Tod zu unterstützen. Die Resultate bestätigte die Untersuchungen des Leibniz Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, die zu dem Ergebnis kamen, dass Knut nicht an einem Gendefekt gelitten hatte.

Auch Mediziner kommen ins Labor. In einer gemeinsamen Studie mit der Charité wurde am Beispiel der Schulterfraktur etwa untersucht, ob 3D-Druck-Technologien für chirurgische Eingriffe nützlich sein können. Dazu wurde die verletzte Schulter im Computertomografen erst gescannt und dann Gelenkpfanne und abgebrochener Splitter gedruckt. Nach diesem Modell konnte die Operation genauer geplant und ihre Dauer um fünfzig Prozent verkürzt werden.

Wie der Gelenkpfanne ergeht es nun auch dem Pharao: Das Original der Echnatonbüste wurde vergangene Woche gescannt. Das Scannen im Museum dauerte drei Tage, denn das Objekt darf nicht berührt oder mit den kleinen Pünktchen beklebt werden, die zur Orientierung beim Vermessen nötig sind. Der stellvertretende Laborleiter Ben Jastram baute ein Gerüst um Echnaton herum, auf das er die Messpunkte klebte. Dazu benutzte er Geometriebaukästen aus dem Spielzeugladen.

Wolke aus Millionen Punkten

Jetzt besitzt das Labor eine Punktwolke aus annähernd acht Millionen Messpunkten, die das Objekt Echnaton mit einer Präzision von 0,05 Millimetern genau beschreibt. Diese Messpunkte werden derzeit zusammen mit den Daten aus dem Computertomografen umgerechnet und nachbearbeitet. Danach beginnt der dreidimensionale Druckprozess in fünf Einzelteilen aus einem Spezialgips. Der Drucker, den das Team des 3D-Labors um den Mathematiker Hartmut Schwandt verwendet, ist zu klein für den ganzen Echnaton. Das Drucken eines Einzelteils, das nicht größer als 25 mal 35 mal 20 Zentimeter sein wird, dauert 12 bis 15 Stunden. Danach werden die Teile zusammengeklebt und der Gips mit einem Epoxidharz gefestigt. Die Nähte der Einzelteile wird man später nicht mehr sehen, denn der Spezialgips lässt sich leicht verkleben und bearbeiten. Massiv wird der Echnaton aus dem Drucker nicht sein – das wäre zu teuer. 40 Kilogramm Gips kosten allein etwa 2.500 Euro. Der Pharao bleibt innen hohl, nur seine Haut wird etwa zwei Zentimeter dick.

Das 3D-Labor beschäftigt sich derweil schon mit defekten Herzklappen. Gemeinsam mit dem Deutschen Herzzentrum Berlin erforscht man die Herstellung von Herzklappenimitaten. Ein Jahr, schätzt Hartmut Schwandt, wird allein die Entwicklung des Materials dauern. Bis dahin hat Echnaton längst seinen Mund und seine Würde zurück.

Uta Baier schreibt für den Freitag über aktuelle Entwicklungen in der Kunstszene

12:00 06.07.2012

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