Der Vorher-Nachher-Effekt

Berlinale Die Berlinale selbst regeneriert sich jedes Jahr wunderhaft aufs Neue. Der Wettbewerb aber gleicht immer mehr einem Festival des gescheiterten Films

Es mag ja vom Prinzip her anders gedacht sein, aber der letzte Berlinaleabend hat es mal wieder bewiesen: So eine Preisvergabe ist absolut kein befriedigender Abschluss für ein Filmfestival. Und zwar ganz besonders dann, wenn die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären im Großen und Ganzen den vorher gehegten Erwartungen und öffentlichen Vorhersagen entspricht. Gerade in diesem Fall nämlich fühlt man sich als Berlinalebesucher sprichwörtlich mit der Erfüllung seiner eigenen Wünsche bestraft und muss sich fragen: Soll es das wirklich schon gewesen sein? Das bisschen Polit-Thriller, Männerdrama, Kindheitsimpressionen? Die paar Bilder aus arktischen Weiten, anatolischen Wäldern, rumänischen Jugendgefängnissen? Da muss doch noch irgendwas kommen!

Denn sicher, der türkische Beitrag „Honig“ („Bal“) von Semih Kaplanoglu ist ein ganz reizender Film, der mit großer atmosphärischer Dichte, wie man so sagt, die sinnlichen Eindrücke einer Kindheit zwischen Bergen und Wäldern wiedergibt. Eine als magisch empfundene Natur, die zärtliche Mutterbindung, der Ekel vor kalter Milch, die Angst vor dem Sprechen in der Schule und das dumpfe Bangen um den Vater, der nicht wiederkehrt, das alles schildert der Film wunderbar suggestiv und stimmungsvoll. Trotzdem kann man es auch niemandem verübeln, wenn er sich dabei herzlich langweilt. Und muss vielleicht sogar denjenigen recht geben, die ganz allgemein das Prinzip der langen, wortlosen Einstellung für überschätzt halten.

Braucht es eine plausible Handlung?

Denn nicht überall, wo die Kamera etwas lang und ungeschnitten in den Blick nimmt, entsteht ein überzeugendes Drama auf der Leinwand. Das gilt zum Beispiel für den russischen Beitrag „How I Ended This Summer“ von Aleksei Popogrebsky, von der Kritik meist hoch gelobt und gleich mit zwei Silbernen Bären bedacht, einem für das Darstellerduo, Grigori Dobrygin und Sergei Pukepalis, und einem für den Kameramann, Pavel Kostomarov. Ein zufällig unter den Tisch gefallenes Telegramm löst hier einen Konflikt aus, der sich zu guter Letzt zu einem fast tödlichen Zweikampf zuspitzt. Der Film spielt auf einer einsamen und schwer zugänglichen Wetterstation in der Arktis. Das allein muss als Erklärung dafür ausreichen, dass sich hier zwei Männer, die ansonsten keinerlei Anzeichen von Verrücktheit zeigen, äußerst irrational verhalten. Man kann es aber auch so sehen: Den Drehbuchschreibern ist einfach nichts Besseres eingefallen. Und die tollen Aufnahmen aus der sommerlichen Arktis wollte man eben trotzdem dem Publikum präsentieren – was braucht es da noch eine plausible Handlung?

Den verhältnismäßig souveränen Umgang mit Plausibilitätslücken konnte man dagegen bei Regisseursveteran Roman Polanski studieren, der mit „Ghostwriter“ einen zwar packenden, aber auch altmodischen Thriller im Berlinalewettbewerb präsentierte. Dass er der Silbernen Bären für die beste Regie erhielt, war irgendwie erwartet worden, und auch hier kam wieder die Dialektik des Vorher-Nachher-Effekts zum Einsatz: Was man sich als Solidaritätsgruß für einen festgesetzten Künstler vorstellte, geriet zu einer unangenehm berührenden Selbstrechtfertigung. Selbst wenn er gekonnt hätte, wäre er nicht gekommen, ließ Polanski ausrichten, schließlich sei er bereits das letzte Mal, als er einen Preis annehmen sollte, verhaftet worden.

Der rumänische Film kann mehr

Sicher, nicht alle Preise fühlen sich im Nachhinein unberechtigt an. Der Große Preis der Jury für den rumänischen Beitrag „If I Want o Whistle, I Whistle“ (gleichzeitig ausgezeichnet mit dem Alfred-Bauer-Preis für „Eröffnung neuer Perspektiven der Filmkunst“) zum Beispiel lenkt die Aufmerksamkeit durchaus verdientermaßen auf einen während des Festivals etwas untergegangenen Film. Das Jugendgefängnisdrama von Florin Serban besaß eine in diesem Jahrgang leider rare Eigenschaft: Intensität. Ob man wollte oder nicht, brachte er den Zuschauer damit zum Mitfiebern mit seiner Hauptfigur, dem 17-jährigen Silviu, den nur noch 19 Tage von der Entlassung trennen und der sich in dieser Zeitspanne nichts mehr zu schulden kommen lassen darf. Die erfahrenen Festivalgänger aber wissen, dass Serbans Werk innerhalb der „Neuen Rumänischen Welle“, die in den letzten Jahren international so viele Erfolge feiern konnte, eher zu den weniger innovativen zählt.

Die mangelnden Überraschungen bei der Preisvergabe verstärkten so auf ihre Weise das in jedem Berlinalebesucher schwelende Gefühl, mal wieder das Beste verpasst zu haben. Jene drei, vier Filme, die sich aus jedem Festivaljahrgang als diejenigen herauskristallisieren, die auch in 10 Jahren in Erinnerung sein werden, waren jedenfalls eher nicht im Wettbewerbsprogramm zu sehen. Stattdessen ließ sich für fast jeden der ausgewählten Filme die Funktion angeben, die er zu erfüllen hatte: Der Ostwest-Proporz, die obligatorischen „Slots“ fürs Asiatische, Skandinavische und, besonders wichtig, fürs iranische Kino, dazu ein paar große Namen mit kleineren Filmen, und: deutsche Förderware, in diesem Jahr beispielhaft vertreten von „Shahada“, einem Abschlussfilm aus der Baden-Württembergischen Filmakademie, der unter Muslimen mit verschiedenen Migrationshintergründen in Berlin spielt und aus lauter Szenen bestand, die in Fördergremien für wichtig und relevant und zeitgemäß empfunden werden, aber nur wenig mit dem zu tun haben, was im Kino funktioniert.

Die sympathisch Gescheiterten

Als ganzes gesehen ist die Berlinale ein aktiver Organismus, der sich jedes Jahr wunderhaft aufs Neue regeneriert. Allein der Wettbewerb aber gleicht immer mehr einem Festival des gescheiterten Films. Wobei man zugestehen muss, dass sich am „unteren Ende“ dieser Skala auch wieder interessante Filme finden. Solche, die auf sympathische Weise scheitern, wie etwa das hölzern geratene Allen-Ginsberg-Biopic „Howl“, das trotzdem mit seinem Appell für Lebensfreude, Toleranz und Selbstverwirklichung wärmte. Und solche, die auf unsympathische Weise scheitern wie Oskar Roehlers viel gescholtener „Jud Süss – Film ohne Gewissen“. Wobei gerade das Ungefällige, das geschmacklos Ausfransende, das überflüssig Hinzuerfundene an Roehlers Film ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen. Und wer weiß, vielleicht wird es am Ende doch dieses mehrheitlich als misslungenes Machwerk abgekanzelte Werk sein, von dem man in 10 oder gar 20 Jahren noch spricht. Nach dem Motto: Warst du damals dabei, als der Roehler ausgebuht wurde? Vielleicht wäre das dann doch noch ein befriedigender Abschluss.

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10:45 21.02.2010

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