Der Wald ist das Tier

Check-In London-Heathrow Die neue Parität in der Ära der "Neuen Kriege"

Das Fenster der Verwundbarkeit ist weit aufgestoßen, vermutlich weiter als je zuvor. Wir fühlen es. Wir sollen es fühlen - die Kämpfer haben im Leib ihres Feindes eingecheckt. Und wir sollten uns fragen: Wenn die Anschläge auf die Transatlantik-Flüge zwischen Großbritannien und den USA tatsächlich geplant waren - womit haben wir es dann zu tun? Mit einem maßlosen Verbrechen? Der Planung eines Vergeltungsschlages? Mit einer Kriegserklärung? Und wenn: Gegen wen? Aber diese Frage stellt sich kaum mehr, seit das Wort selbst zunehmend seinen zynischen Sinn verliert, da die meisten Kriege inzwischen wie selbstverständlich ohne "Erklärung" stattfinden.

Seit er geführt wird, der "Krieg gegen den Terror", verhält es sich mit ihm wie mit einer Self-Fulfilling Prophecy. Dieser globale Feldzug reproduziert nicht nur unablässig seine Ziele selbst, ihm scheint auch viel daran gelegen, sie zu potenzieren. Die verhinderten Attentäter von London bezeugen das und können kaum Erstaunen auslösen, denn der "Krieg gegen den Terror" wird vorzugsweise nicht gegen Terroristen, sondern gegen Staaten und Kulturen, gegen Zivilisationen und Zivilisten geführt. Und verliert zusehends jedes Maß. Ganze Gesellschaften sehen sich zügelloser Zerstörung und Selbstzerstörung ausgeliefert. Allein im Juli starben mehr als 1.800 Iraker bei Anschlägen, so viele wie nie zuvor in einem Monat seit dem US-Einmarsch im April 2003. Vom Libanon bleibt kaum mehr als ein Scherbenhaufen, wenn es 70 Prozent seiner Brücken nicht mehr gibt. Und im Gaza-Streifen - hat man da inzwischen verstanden, dass und wie verweigerte Unterwerfung bestraft wird?

Nach dem 11. September 2001 waren die "Neuen Kriege" schnell ausgerufen und galten als angemessene Antwort auf die neuen Bedrohungen - al Qaida, die Taliban, die Jihadisten, den fundamentalistischen Terror. Der Gegner aber, mit dem man es zu tun haben wollte, war mehr als ein Feindbild. Die Frage, weshalb es ihn gab, warum ihn Wut und Verzweiflung antrieben, wurde nur gestellt, falls es die "Neuen Kriege" nicht unnötig aufhielt. So blieben auch die Waffen dieses Gegners unterschätzt. Es wurde nicht begriffen, wie sehr er seine eigene Verwundbarkeit nicht als Risiko, sondern als Chance empfand - und mit der kalkulierten Selbstvernichtung seine wirksamste Waffe einzusetzen verstand.

Die atomare Bedrohung im bipolaren Zeitalter war insofern beherrschbar, als die Parität der Arsenale die Parität der gegenseitigen Vernichtung einschloss. Daraus erwuchs Abschreckung. Atomwaffen einzusetzen, hieß den eigenen Tod heraufbeschwören. Aber die Zeiten sind vorbei. Und eigentlich sollte es sich längst herumgesprochen haben. Die hochgerüsteten Kampfmaschinen in H. G. Wells Krieg der Welten gaben schon 1898 ihren Geist auf, weil ein Virus sie befiel. Und Herakles dämmerte, als er den Wald durchschritt, gerüstet zum Kampf gegen den Terror der Hydra, dass "der Wald das Tier war, lange schon war der Wald, den zu durchschreiten er geglaubt hatte, das Tier gewesen" (Heiner Müller, Zement). Aber Wahrheiten brauchen eben ihre Zeit.

Gotteskrieger schrecken die eigenen Leichen nicht. Im Gegenteil, darin besteht ihr ideeller Vorteil, um sich materieller Nachteile zu erwehren - die neue Parität im Zeitalter der "Neuen Kriege". Ein dominantes Weltsystem, das staatsterroristische Methoden nicht scheut, um zu bleiben, was und wie es ist, hat sich mit dem passenden Mob versorgt. Kein ebenbürtiger, umso mehr ein angemessener Gegner, dessen relative Unverwundbarkeit auf die hochgradige Verwundbarkeit hoch entwickelter Gesellschaften wie in Nordamerika und Westeuropa trifft. Er wird von der dort betriebenen Politik zwar bekämpft, aber nicht besiegt. Die dabei waltende Schizophrenie sei nur mit einem Beispiel angedeutet: Der Westen maßt sich an, "Schurkenstaaten" nach Belieben zu definieren und zu den größten Gefahrenherden weltweit zu erklären - und ist selbst der größte Waffenproduzent und -spediteur weltweit.

Es muss daher auch die Frage erlaubt sein, ob die derzeitige Bundesregierung fähig und willens ist, Deutschland vor terroristischen Anschlägen zu schützen, oder nicht eher das Gegenteil bewirkt. Muss Kanzlerin Merkel mit den gleichen kurzschlüssigen Argumenten die israelische Invasion im Libanon begründen wie Condoleezza Rice? Muss Außenminister Steinmeier George Bushs neuen Pudel geben, wo doch alle Welt weiß, dass der mit seinem Schoßhund Blair überaus glücklich ist? Hätten nicht Augenmaß und ein Anflug von Gerechtigkeitssinn genügt, den bornierten Boykott der EU gegen die Hamas-Regierung zu verhindern oder wenigstens abzulehnen, um den Palästinensern zu signalisieren: Auch euer Lebenswille und eure Wahlentscheidung verdienen es, respektiert zu werden? Ein Peace Keeping ohne UN-Mandat, nur als Ausdruck einer souveränen Außenpolitik und einer Terror-Abwehr, die nicht kalte Systeme, sondern den Menschen meint.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 18.08.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare