Der Wasserbett-Effekt

Niederlande Vom französischen Calais weichen Transitmigranten auf Hoek van Holland aus, um die britische Küste zu erreichen
Tobias Müller | Ausgabe 30/2015

Wie klein so ein Grab aussehen kann, wenn es nicht eingefasst ist! Und keinen Grabstein hat. Wenn da nur ein aufgeworfener Sandhaufen ist mit einigen verdorrten Blumen, schnell gepflückt am Wegesrand, Der Tote ist schon seit vergangenem Herbst bestattet. Die Blumen muss jemand vor Tagen abgelegt haben, als die Identität des Begrabenen und seine Geschichte bekannt wurden, die zu diesem Friedhof führt. Ende Oktober 2014, als die Leiche am Strand von De Koog auf der niederländischen Nordseeinsel Texel angeschwemmt wurde, nannte man ihn den „Wetsuit-Mann“.

Das bezog sich auf den Neoprenanzug, den der Tote trug. Auffällig dünn für die Jahreszeit war der Anzug, trotzdem ging man von einem Taucher aus. Bis ein norwegischer Journalist recherchierte und herausfand, dass der „Wetsuit-Mann“ Mouaz la Balkhi hieß, 22 Jahre alt war und aus Syrien kam. Den Anzug, so fand man heraus, hatte Mouaz Anfang Oktober im französischen Calais gekauft. Dort, wo der Ärmelkanal nur 33 Kilometer bis zur englischen Küste misst, brach der junge Syrer zu der – wie er wohl hoffte – letzten Etappe seiner Flucht auf. „Ich kann England sehen“, schickte er eine SMS an einen Onkel auf der anderen Seite. Wenig später stieg er ins Wasser.

Die üblichen Alarmknöpfe

Dass Mouaz laBalkhi schwimmend die britische Insel zu erreichen suchte, gilt bei niederländischen Medien und Behörden als sicher – auch wenn das eine Schwester des Toten bestreitet und angibt: Ihr Bruder hätte davon gesprochen, vom Meer aus eine Fähre oder ein anderes Boot zu erreichen. Beide Varianten lassen erschaudern, während Fliegen um die Blumen auf dem Grab in der Fremde brummen, und die Vögel in den Bäumen trillern. Von Den Burg, dem Hauptdorf auf Texel, wo halb Nordrhein-Westfalen in seinem koffie verkeerd rührt, gibt es nun eine direkte Verbindung zu den Flüchtlingsdramen von Calais.

Doch ist Texel nicht der einzige Ort an der niederländischen Küste, für den das zutrifft. Etwa 150 Kilometer südlich, in der Nähe von Rotterdam, liegt der Hafen Hoek van Holland. Anfang Juni fand der britische Zoll in Harwich, dem Zielhafen der Fähren aus Hoek, 68 Migranten aus Afghanistan, China, Laos, Vietnam und Russland. Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass hier seit Beginn des Jahres bereits 160 Flüchtlinge festgenommen worden seien – in etwa so viel wie im gesamten Vorjahr. Offenbar weichen viele auf andere Routen aus, um die britische Küste zu erreichen, seit die Lage in Calais immer dramatischer wird. Mehr als 2.000 Menschen warten dort auf ihre Chance. Der Mythos leicht zugänglicher Arbeit auf der britischen Insel ist für Tausende von Transitmigranten am Kanal der Stoff, aus dem ihre letzte Hoffnung ist.

Als sich abzeichnete, dass Flüchtlinge nach Hoek van Holland ausweichen, wurden in den Niederlanden umgehend die üblichen Alarmknöpfe gedrückt. Geert Wilders’ rechtsnationale Freiheitspartei (PVV) verlangte, dass sofort die Grenzen zu schließen seien. Die Regierung müsse, sogenannte Hot Spots wie Häfen und Bahnhöfe strenger kontrollieren lassen. Die Medien überboten sich in Spekulationen, ob Hoek van Holland nun bald „das neue Calais“ sein werde. Also besuchte Klaas Dijkhoff, Staatssekretär für Justiz und Sicherheit, Anfang des Monats die Grenzschützer an der Küste und versprach mit allem Nachdruck, auf keinen Fall werde es Zustände wie in Calais geben. Vor dem Zaun des LKW-Terminals in Hoek van Holland stehend, ließ Dijkhoff wissen, man habe vor, schon bald mit dem britischen Immigration Service vor Ort zu kooperieren. Einen Tag später wurden hinter eben diesem Zaun drei Albaner aus einem Transporter gezogen.

Ein Blick auf jene Absperrung, die dem Staatssekretär als Kulisse diente, genügt, um die Zeichen der Zeit zu verstehen: Die Metallbarriere ist zwei Meter hoch und trägt ganz oben drei Reihen Stacheldraht. Bislang gehörte dieser Ort für die Topografie einer klandestinen Migration zur Peripherie. Das werde sich ändern, ist die Verkäuferin am Ticketschalter für Hafenrundfahrten überzeugt. Eigentlich dürfe sie nichts sagen zu diesem Thema. Alle seien auffallend nervös. Was dadurch bestätigt wird, dass ein Sprecher von Stena Line, der hier ansässigen Fährlinie, nur anonym Auskunft geben will: Er räumt ein, dass es hin und wieder Migranten an Bord der Schiffe gab. Auch wenn man damit inzwischen häufiger konfrontiert sei, müsse er den Vergleich mit Calais zurückweisen. Sicher, es seien schon Menschen über den Zaun geklettert, aber danach gleich festgehalten worden. In der Regel versuchten die Flüchtlinge, vorher in Container zu steigen.

Am Ende des Zauns liegt der Eingang zum LKW-Terminal von Stena. Sander Egging, ein niederländischer Fernfahrer, kommt gerade aus der Eincheckbaracke. Während er die Frachtzertifikate auf seinen Wagen klebt, erzählt er, dass in Calais gerade ein 18 Kilometer langer Parcours angelegt werde. Die Fahrer müssten dann nicht mehr anhalten, womit der Stop-and-Go-Verkehr entfiele, der Flüchtlingen die Möglichkeit biete, sich auf einem Fahrzeug zu verstecken. Dann zeigt er seinen verplombten Container: „Sehen Sie, nichts zu machen!“ Er werde ja auch – genauso wie die deutschen Fahrer – oft durchgewunken. Nicht so ergehe es Kollegen aus Bulgarien oder Polen, die stets kontrolliert würden. „Wenn, dann werden Migranten bei denen gefunden.“

Vom Deich aus lässt sich die Einfahrt der LKW beobachten. Zwar verstellen hohe Bäume den Blick auf das, was an der Kontrollstation genau geschieht, doch fahren auffällig viele Trucks zügig vorbei und schnurstracks auf die Fähre Stena Transit. Ein Anruf bei Alfred Ellwangen, dem Sprecher der Grenzpolizei, verschafft Gewissheit: „Wir kontrollieren jetzt mehr, basierend auf Informationen, die wir von staatlichen Behörden bekommen – vom Zoll, von der deutschen Polizei oder auch von Bürgern. Aber wir haben keine Kontrollquote von 100 Prozent.” Wie viel Prozent stattdessen, kann er nicht sagen, erzählt aber, dass in Hoek nun auch Spürhunde eingesetzt würden, um im Frachtraum versteckte Flüchtlinge zu finden. In Calais seien Hunde und Kohlendioxid-Scanner seit Jahren flächendeckend im Einsatz.

Unerträgliche Hitze

Dass sich Transitmigranten andere Routen suchen, wenn die Lage in Nordfrankreich zu heikel wird, kann nicht weiter verwundern. Experten sprechen von einem „Wasserbett-Effekt“. Neu ist aber, dass der sich über 300 Kilometer bis in die Niederlande auswirkt. Vor dem Bankrott der Reederei Transeuropa Ferries wurde auf den belgischen Hafen Ostende ausgewichen, später auf Zeebrugge. Im August 2014 wurden im Hafen der englischen Stadt Tilbury (Essex) 35 afghanische Sikhs in einem Container gefunden, der aus Zeebrügge kam. Einer von ihnen war bei der Überfahrt gestorben.

Zwei der Überlebenden traten nun Mitte Juni vor einem britischen Gericht als Zeugen gegen vier vermeintliche Schlepper auf. Sie berichteten von unerträglicher Hitze, Enge und Sauerstoffmangel im Container. Nachdem sie vergeblich versucht hätten, in Calais und Dunkerque auf einen Lastkraftwagen zu gelangen, habe ihr Mittelsmann sie ins belgische Städtchen Lokeren gelotst, wo sie ein Kleinbus abgeholt und zu einem Containerterminal gebracht habe.

In Zeebrügge ist die Orientierung schon für Ortsunkundige eine Herausforderung. Ein riesiges Areal, auf dem überall Kräne ihre Arme in den Himmel strecken und mehrere Verladeterminals existieren. Anders als in Calais, wo noch Lastkraftwagen mit Plane aufs Schiff fahren, gibt es nur Container. „Hier ist es gar nicht möglich, an Bord zu kommen“, glaubt Laurence Matei, ein rumänischer Fahrer, der sich mit Kollegen auf dem Parkplatz am Rand des Hafens die Zeit vertreibt. Einige kochen auf einem kleinen Feuer, andere unterhalten sich. Die Kontrollen, sagen sie, seien zuletzt sehr streng geworden: „Erst muss man mit den Dokumenten ins Büro, dann kommt jemand mit einem großen Scanner, dann ein Kontrolleur mit einem kleinen Scanner und schließlich die Polizei mit einem Spürhund. Und sie untersuchen jede Ladung.“

Der Wasserbett-Effekt macht sich auch anderweitig bemerkbar: Je schärfer in Häfen kontrolliert wird, desto mehr verlagert sich das Geschehen ins Landesinnere. Laurence Matei erzählt, neulich habe ihm auf einem LKW-Parkplatz in Luxemburg jemand Geld angeboten, falls er ein paar blinde Passagiere in seiner Fracht verstecke. Der Parkplatz liege an der Autobahn Richtung Belgien. Matei erklärt seine Ablehnung so: „Wir verdienen 1.900 Euro im Monat, doch gibt es Fahrer aus der Ukraine, die mit 800 Euro auskommen müssen …”

Jenseits der offensichtlichen Routen spielt sich ein erheblicher Teil der neuen Transitmigration im Verborgenen ab. Da ist zum Beispiel die Geschichte von den fünf Syrern und zwei Iranern, die Ende vergangener Woche von einem Truckfahrer entdeckt wurden, als er seine Ladung löschen wollte. Das Ganze spielte sich in einem kleinen Städtchen im Osten der Niederlande ab, nahe der deutschen Grenze und weitab von jeder Fähre. Augenscheinlich hatten die sieben Männer einen Transport in die falsche Richtung erwischt. Der LKW hatte ein irisches Kennzeichen.

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06:00 28.07.2015

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