Der Weg des Mondes

Syrien Geschichten- und Märchenerzähler sind rar geworden in Damaskus

Für das Gespräch vor der Kamera hat sich der junge Syrer extra umgezogen. Er trägt ein T-Shirt mit der britischen Flagge und zögert noch immer, ob er überhaupt mit uns reden soll. "Ihr hört ja nicht wirklich zu, für euch sind wir Araber doch alle Terroristen, die Israel hassen, Hisbollah unterstützen und Selbstmordattentate der Palästinenser bejubeln. Ihr habt uns auf die ›Achse des Bösen‹ verlegt und denkt auch noch, das ist in Ordnung. Auf die Idee, uns damit zu beleidigen, kommt ihr sicher nicht. Warum auch? Ihr gebt den Ton an ..."

Der junge Mann zieht hastig an seiner Zigarette und beginnt nach einer Weile dann doch, von sich, seinem Leben in Syrien, seinen Träumen und Hoffnungen zu erzählen.

Wir hören zu, beinahe eine ganze Stunde lang.

Heute ist Beirut zerstört, und Ehud Olmert bereitet die Welt schon einmal darauf vor, dass Israel in einem Krieg gegen Syrien nicht so "zurückhaltend" sein werde wie im Libanon.

Ein Derwisch in Ekstase

Das winzige Café in der Altstadt von Damaskus ist brechend voll. Der Kellner trägt tiefschwarzen Kaffee und Tee durch den Raum und legt immer wieder Kohle in die Glut, um die Wasserpfeifen anzuheizen. Ich bin gespannt, wann er sich die Hosennaht verbrennt. Man kann auch draußen sitzen, auf der engen Altstadtgasse am Fuße einer ausgetretenen, steilen Treppe, in der Nachbarschaft von Schmuckläden, teuren Kunst- und Teppichhändlern, aber dies hätte einen Nachteil - der Geschichten-Erzähler wäre nicht zu hören. Der nimmt gerade in einem prächtigen Lehnstuhl auf einem Podest Platz, rückt sich den Fes zurecht, fuchtelt mit einem eisernen Schwert, trinkt noch einen Tee und schlägt dann sein dickes Buch an der Stelle auf, die gestern sein Finale ergab. Er liest nicht; er erzählt, parodiert, kommentiert und kommuniziert mit seinen Zuhörern. Die spornen ihn an, schlagen sich lachend auf die Schenkel und entlassen dicken Qualm aus ihren Wasserpfeifen. Ab und zu haut der Geschichtenerzähler mit seinem Schwert auf ein eisernes Tischchen, dann ist der ganze Saal aus dem Häuschen.

Ein faszinierendes Spektakel, auch wenn man nichts versteht. Die Geschichtenerzähler sind eine uralte Institution. Früher schon, wenn sich die Herren ihre Zeit zwischen den letzten Abend-Gebeten im Café vertrieben, fesselten sie ihre Zuhörer nicht nur mit den Geheimnissen des Orients, auch durch die hohe Kunst, Geschichten in den Augenblick zu tragen und kräftig über die Politik her zu ziehen.

An meinem Tisch sitzt eine italienische Schönheit mit Wasserpfeife und hat ein kleines Aufnahmegerät dabei. Als der alte Herr gerade wieder von dröhnendem Lachen unterbrochen wird, erzählt sie mir schnell, es seien Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die er seit Tagen vortrage. Sie komme jeden Abend, bis er mit seiner Reihe fertig sei, dann werde sie alles übersetzen. Sie studiere ein paar Semester Orientalistik in Damaskus, an der Quelle sozusagen. Dann entschwindet sie wieder, um sich ganz der Märchenwelt des Erzählers zu überlassen.

Plötzlich ist alles vorbei, der Kellner geht mit einem Tablett umher, auf das bald kein Schein mehr passt, und schon ist er durch die Tür, der geheimnisvolle Chronist, auf dem Weg ins nächste Restaurant - er soll der einzige und letzte seiner Art in Damaskus sein.

Die Altstadt genießt an diesem Abend das Leben in vollen Zügen. Die Restaurants sind voll, hier und da kann man einen wunderbaren Wein aus dem Libanon kosten. Sinnlich füllige Damen mit und ohne Schleier verbreiten weiße Wasserpfeifenkringel, ein Derwisch tanzt sich in Ekstase. In einer Diskothek im Christen-Viertel feiern ein paar Schweden Geburtstag, auf dass eine üppige Bauchtänzerin den Helden des Tages lustvoll ins neue Lebensjahr schaukeln kann.

Zwischen der Omayyaden-Moschee und den Resten des Stadttores, durch das der Weg ins Gewühl des Basars führt, hat Andrej seine Kamera aufgebaut und verfolgt den Weg des Mondes. Ich lehne an einem alten Mercedes und beobachte, wie mein Kollege von immer mehr Männern umringt wird, die auch einmal in den Mond sehen wollen. Sie warten artig in der Schlange, bis sie dran sind. Ich höre sie lachen. Andrej will von jedem einen Dollar kassieren, und sie finden das sehr komisch. Sie schütteln ihm die Hand und sagen "Thank you" und "Welcome to Syria". Andrej winkt mich an die Kamera; und ich kann gerade noch sehen, wie der Mond nach rechts aus dem Bild verschwindet.

Wenig später hallen nur noch hier und da einsame Schritte durch die Nacht, die nicht sehr lang ist in der Fastenzeit. Mumtaz, unser Führer, dirigiert uns durch die holprigen Gassen der Altstadt. Er klopft an eine Tür, und ein junger Mann lädt uns zum Tee: "Welcome to Syria!", sagt auch er und fügt hinzu. "Mein Vater ist sofort fertig." Dann steht er vor uns, der Ramadan-Trommler in seinem traditionellen Aufzug, weißes Hemd in weiter Hose, gebändigt von einem breiten Stoffgürtel, schmuckvoll wie die Weste darüber, Fes und Trommel. Er verneigt sich, die rechte Hand auf der Brust. Wir folgen ihm hinaus in die Nacht, als es noch nicht drei Uhr ist. Doch die Rufe und der Rhythmus des Trommlers holen die Gläubigen unbarmherzig aus dem Schlaf. Bis Sonnenaufgang bleibt eine Frist zum Kochen und Essen, damit sie keiner versäumt, wird nicht nur getrommelt, auch geklingelt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit geht es von Tür zu Tür und manchmal geräuschlos an einer Hauswand vorbei - Nicht-Muslime sollen von Aufruhr und Trommelei verschont bleiben.

Der alte Herr ist gut zu Fuß. Wir mühen uns, ihm auf den Fersen zu bleiben. Bald bin ich völlig orientierungslos, aber dann stehen wir wieder vor seinem Haus, er verschwindet wie eine Fata Morgana. Von irgendwo ruft ein Muezzin zum ersten Gebet.

Welcome to Israel!

Ein halbes Jahr später bin ich wieder in Damaskus, zum Nationalfeiertag. Das ganze Land scheint auf dem Weg nach Quneitra, wie jedes Jahr, um die besetzten Golanhöhen einzuklagen. Es ist noch kühl, und der Himmel entscheidet sich gerade für das Blau des Tages. Mit jedem Kilometer wird der Verkehr dichter, bis gar nichts mehr geht. Wir stecken im Stau mit Kleinbus und Pick Up, die syrische Fahnen in allen Größen gehisst haben. Mumtaz flucht und versucht erfolglos, sich den Weg frei zu hupen.

Wo einst das Zentrum von Quneitra gewesen sein muss, ertönt Musik, laut und vom Wind zerrissen; ich ertappe mich plötzlich dabei, mit den anderen im Gleichschritt zu marschieren. Ich krieche unter Transparenten durch, die den Präsidenten hochleben lassen; ein kleiner Junge - er kann nicht älter als acht sein - trägt stolz das auf Pappe gemalte Bekenntnis zum Märtyrertod fürs Vaterland vor sich her. Mich, die Europäerin, treffen ausnahmslos freundliche Blicke: Welcome to Syria! Welcome to Quneitra!

Bald scheint das Fahnenmeer uferlos, ich klettere auf eine Ruine und erahne das Feindesland am Horizont. Später stehen wir am Schlagbaum und mich fröstelt. Der höfliche Posten gestattet uns nicht, ihn zu filmen, dafür dürfen wir die Kamera lange auf die Parole am Wachhäuschen halten: "Our occupied Golan is Syrian Land", steht dort trotzig blau auf weiß, während drüben weiß-blau die israelische Flagge weht, neben dem Willkommensgruß "Welcome to Israel" und der UN-Flagge - zum dritten Mal weiß und blau.

Im Sechs-Tage-Krieg von 1967 wurde der Golan von den Israelis eingenommen und Quneitra völlig zerstört. Im nächsten Krieg, sechs Jahre später, gelang es den Syrern beinahe, sich das Land zurückzuerobern. Aber eben nur beinahe. Die UNO übernahm die Kontrolle über eine entmilitarisierte Zone, und die Israelis erklärten 1982 den Golan zu ihrem Territorium. Ich blicke lange durch den Stacheldraht und höre auf den Wind.

Inzwischen ist Volksfest in Quneitra. Picknick vor verschorften Trümmern. Großfamilien entladen ihre Kleinbusse, wo Kinder über eingestürzte Dächer rutschen. Im Windschatten verbrannter Wände qualmen die Grills. Jugendliche turnen in den Ruinen der Kirche, von der das riesige Porträt von Präsident Bashar al-Assad bestimmt bis nach Israel leuchtet. Ich beobachte Männer beim Beten; vielleicht war es einmal ihr Haus, vor dessen toten Stümpfen sie ihre Teppiche ausgelegt haben.

Ansonsten herrscht fast ausgelassene Stimmung, als sei dies keine vomKrieg versenkte Stadt, sondern ein Erlebnispark. Immer wieder bieten uns Familien einen Platz in ihrer Mitte an, während auf den schmalen Straßen Autos entlang stauben, um die Fahnen knattern zu lassen. Junge Männer treten aufs Gaspedal ihrer Motorräder, bis die sich heulend aufbäumen, einige tragen Stirnbänder in den Farben Palästinas. "Und wenn das in Gewalt umschlägt?" frage ich Freund Mumtaz. Der lacht: "Das sind doch nur Kinder, die sich wichtig machen. Wird es ernst, laufen die schnell weg."

Im Shouting Valley, einige Kilometer nordwestlich von Quneitra, bläst uns der Wind fast nach Israel. Drüben leben Menschen, die ihre Siedlungen nicht verlassen wollten. Mit den Jahren sind sie israelische Staatsbürger geworden oder "ausländische Syrer" geblieben. Von Berg zu Berg, über das Tal hinweg, das deshalb Shouting Valley heißt, schallen patriotische Rufe. Und ganz unten bewachen ein paar gepanzerte Fahrzeuge der Israelis den Stacheldraht.

Mumtaz erzählt, früher seien immer wieder Menschen hierher gepilgert, um nach drüben zu rufen, wie es denn dem Onkel gehe und ob die Großmutter noch lebe. Früher sei das am Freitag ein regelrechtes Ritual gewesen, inzwischen aber würden die "Friday-Callers" immer weniger. Das Handy strenge weniger an als die Schreierei mit dem Megaphon.

Eine Fuhre Sand

In meinem Hotel hat mir der junge Kellner eine Rose aus einem riesigen Strauß in der Lobby geklaut. Die Blüte ist dunkelrot, groß wie ein Tennisball. "Das sind die Rosen von Damaskus", sagt er und wird beinahe genau so rot. In meinem Zimmer wartet eine Flasche Wein vom Golan auf mich, ein Geschenk des Hotels, weil ich Geburtstag habe. "Happy Birthday, Madame, and welcome to Syria".

Ich steige ins Restaurant aufs Dach, wo es zwischen Korbmöbeln und üppigen Pflanzen nach Orient duftet. Hier sitze ich gern und sehe zu, wie die Stadt ihre Lichter anknipst und sich die Damen und Herren zum Kartenspielen niederlassen. Ahmad, mein Begleiter, hat einen kleinen exklusiven Laden an der Treppe, die zum Café des Geschichtenerzählers führt. Pausenlos erliegen dort Damen aller Altersklassen und aller Nationalitäten seinem Verkaufscharme. Ahmads Vater war ein angesehener Geschäftsmann in der Damaszener Altstadt - als er starb, übernahm der Sohn, damals erst 16, die Verantwortung für eine große Familie, obwohl er gern studiert hätte. Er träumt von der großen Liebe und der großen Welt, aber nie von Emigration.

Ahmad bittet mich zum Essen in eines dieser versteckten geheimnisvollen Restaurants, die man in den Winkeln der Altstadt nie wieder findet. Wasser plätschert in einem von Mosaiken eingefassten Brunnen, und Ahmad verspricht, bei meinem nächsten Besuch hier eine Fuhre Sand ausschütten zu lassen, damit ich mich wie am Strand von Latakia fühlen werde.

Wenige Tage später besuche ich noch einmal den Geschichtenerzähler, er erkennt mich wieder, und wir lassen uns zusammen fotografieren. Oben an der Treppe steht Ahmad und winkt, bis ich zwischen den alten Häusern davon gestolpert bin. Ich habe ihm versprochen wiederzukommen. Dann will er mit mir nach Beirut fahren.

Auf dem Weg zum Flughafen erinnere ich mich an den palästinensischen Eisenbahner im Zug von Amman nach Damaskus: "Wir Araber, wir lieben Gäste. Das wissen alle, die schon mal hier waren. Einmal sind junge Engländer im Zug mitgefahren, Studenten, die hatten nicht viel Geld, wir haben sie eingeladen, damit sie weiterkamen. Später haben sie darüber im Internet geschrieben, über uns, wie freundlich wir zu ihnen waren - die Araber, die Syrer, die immer als Terroristen bezeichnet werden. Wir freuen uns, wenn Menschen aus der ganzen Welt zu uns kommen, um sich zu überzeugen, dass wir den Frieden genau so wollen wie sie. Und wenn uns die Israelis besuchen wollen - bitte schön. Sie können zwar nicht erwarten, dass wir sie mit Blumen empfangen, aber wir werden sie genau so willkommen heißen."

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00:00 22.09.2006

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