Der Weg ist das Ziel

Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg Was vor 50 Jahre als "Kultur- und Dokumentarfilmwoche" begann, setzt heute noch die Tradition des Qualitätsfilms "off Hollywood" fort

Meine Lieblingsfigur auf diesem Festival war Elling - Elling, das Muttersöhnchen, wie der Titelheld des norwegischen Films gleich zu Beginn freimütig bekennt; Elling, der es zwar begrüßt, dass der norwegische Staat Einrichtungen unterhält, in denen Menschen in ihrer "hektischen Lebensphase" betreut werden, der es selbst aber vorgezogen hätte, nach dem Tod seiner Mutter in Ruhe gelassen zu werden und nicht in Gesprächsgruppen genötigt werden wollte, über die vierzigjährige Zweisamkeit mit ihr zu reden. So blumig-antiquiert wie ironisch-treffsicher kommentiert Elling sich selbst aus dem Off, während vor der Kamera ein schmächtiger, nicht mehr junger Mann agiert, der ganz wesentliche Dinge des Alltags nun erst erlernen muss: Telefonieren zum Beispiel (das hatte bislang ausschließlich die Mutter getan); Einkaufen; in die Kneipe gehen und eventuell sogar mit Fremden ins Gespräch kommen - ohne Vermittlung durch den norwegischen Staat. Ellings Begabung zur distanzierten Selbstbetrachtung stellt zwar pointierend die komischen Seiten seiner "Störungen" heraus, macht sie aber nicht lächerlich, sondern wiedererkennbar. Die Welt ist eben sehr verschieden: Während die einen alleine auf Skiern den Südpol überqueren, fällt es den anderen schon schwer, quer durch die Kneipe aufs Klo zu gehen ohne von Schwindel und Angst übermannt zu werden.

In ihrer Weltfremdheit kann man sich Elling und seine Mutter im übrigen gut als Anhänger jenes Filmgenres vorstellen, dem einst das Mannheimer Festival gewidmet war: dem Kulturfilm. Dieses inzwischen ausgestorbene Genre der Natur- und Bildungsreportagen, für die Namen wie Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann stehen, habe sich durch eine "Haltung rückwärtsgewandter Innerlichkeit und Abwendung von jeglicher Aktualität" ausgezeichnet. Titel wie Türme ragen in die Ewigkeit (ein Dokumentarfilm der Kirchen) oder Dresden - unvergessliche Stadt bezeugen, dass die klassischen Themenkreise des Kulturfilms heute abseits von jeder öffentlichen Aufmerksamkeit allenfalls noch in Volkshochschulen behandelt werden. 1952 aber richtete die Stadt Mannheim ihre erste "Kultur- und Dokumentarfilmwoche" als zentrales Ereignis aus. In diesem Jahr feierte man nun das 50. Jubiläum dieser Veranstaltung, die sich mittlerweile zum internationalen Filmfestival mit Schwerpunkt Neuentdeckungen im Spielfilmbereich gewandelt hat. Reichlich Anlass also, auf die eigene Geschichte zurück zu blicken.

Festivalleiter Dr. Michael Koetz hat eigens dafür eine Dokumentation in Buchform und als Film erstellt. Von vielen illusteren Gästen ist da die Rede, von Josef von Sternberg und Fritz Lang, von Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder und vielen weiteren mehr. Man sieht überfüllte Auditorien, in denen sich die Menschen um Berühmtheiten drängen und bei Diskussionen angespannt geraucht wird - der Film an sich, so der unmittelbare Eindruck, wurde damals ungeheuer wichtig genommen. Die wesentlichen Linien der Diskussionen scheinen sich allerdings seither kaum verändert zu haben. Wo die deutschen Autorenfilmer der sechziger Jahre ihren ästhetischen Feind im Kino "mit Ruth Leuwerik" erblickten, wird auf den Diskussionen zu den aktuellen Filmen in Mannheim stets Hollywood als der Goliath beschworen, dem man als David entgegentreten müsse. Künstlerischer Anspruch gegen kommerzielle Interessen, die Realität des Sozialen gegen die Illusions- und Verkitschungsstrategien, das sind damals wie heute die angeführten Argumente.

Anknüpfungspunkte hätte es also einige gegeben, und obwohl das Mannheimer Festival in einer eigenen Reihe "Damals und Heute" acht namhafte europäische Regisseure eingeladen hatte, jeweils zu einem Frühwerk und einem aktuellen Film Stellung zu beziehen, wollten die Gespräche nicht so recht in Gang kommen. Mit "mangelndem Realismus" erneuerte Volker Schlöndorff die Vorwürfe an den deutschen Film von damals eigentlich nur, ohne diese eigentümliche Kontinuität historisch zu reflektieren. Krzysztof Zanussi zog das traurige Resümee, dass der europäische Film in den letzten zwanzig Jahren vollkommen an Bedeutung und ästhetischer Ausstrahlungskraft verloren hätte. Den Grund für diese Entwicklung erblickte er in der mangelnden Moralität der heutigen europäischen Regisseure, sie würden zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden und wüssten kaum mehr, was sie selbst eigentlich vom Verhalten ihrer Figuren hielten. Vielleicht waren Zanussis Thesen ja zu plakativ, um abwägende Meinungsäußerungen herauszufordern - auf jeden Fall fühlte sich kaum jemand zum Widerspruch provoziert.

So engagiert der Blick zurück gewagt wurde - ein schwieriges Unterfangen, weil Festivals immer auf die Gegenwart und das jetzige Ereignis fixiert sind - so wenig brisante Debatten ergaben sich daraus. Aus den Diskussionen ließ sich jedoch herauslesen, dass das Mannheimer Festival unterschwellig die Tradition des verlachten Kulturfilms weiterführt: nicht im Genre, sondern im Anspruch - man will Filme mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" entdecken; der Autorenfilm der sechziger und siebziger Jahre, der den Kulturfilm als "Ideal" ablöste, ist heute durch die sogenannten Independents ersetzt - "off Hollywood".

Aber "off Hollywood" ist es wie "off Broadway" - auch der Widerspruch orientiert sich am großen Vorbild, auch die ästhetische Revolte ist auf das Bekämpfte fixiert. Und noch immer geht ein Traum in Erfüllung, wenn ein Low-Budget-Film sich als so neu und frisch und originell erweist, dass ihn Hollywood für das 100-fache Budget gleich noch mal macht.

Beim diesjährigen Hauptpreisträger des Festivals, Kamilla ist unterwegs aus Dänemark, kann man sich das durchaus vorstellen. Kamilla und Hendrik wollen in Las Vegas heiraten, kurz vor dem Traualtar rennt Kamilla davon und steigt bei einem Unbekannten aufs Motorrad. Dieser Jack, so legt die Geschichte nah, ist vielleicht ein Selbstmordattentäter, aber ganz genau erfahren wir das nicht. Auch Kamilla kümmert das nicht wirklich, sorglos lässt sie sich eine Weile von ihm mitnehmen. Kamilla unterwegs ist ein Roadmovie mit Krimielementen und Anspielungen auf die Filme der Schwarzen Serie, die wacklige Handkamera und das stotternde Sprechen suggerieren die Spontaneität der Dogma-Filme, raffinierte Farbfilter und Zeitraffersequenzen sich ballender und auflösender Wolken stehen hier für die cineastische Ambition. Als Erzählung bietet der Film jedoch ein gutes Beispiel für Zanussis Klage: Weder Regisseur noch Drehbuchautor scheinen zu wissen, wie sie das Verhalten ihrer Figuren bewerten sollen, was man davon zu halten hätte. Das verleiht dem Film den Zug des Selbstverliebten, der seinem Erfolg in Mannheim jedoch keinen Abbruch tat.

Auch im koreanischen Beitrag Chung Chun - Beim ersten Mal fühlt man sich zu Beginn in einen asiatischen Aufguss von American Pie versetzt: Ein junger Student fällt seiner Lehrerin ohnmächtig vor die Füße, seinem besten Freund wird von einer Schönen so zugesetzt, dass er kaum länger widerstehen kann. Was als Komödie über die üblichen "lustigen" sexuellen Verwirrungen Heranwachsender beginnt, endet allerdings als berührende Tragödie über die Liebe und die Opfer, die sie unter der Jugend fordert. Seine Helden und ihren emotionalen Reichtum so ernst zu nehmen, hätte sich kaum ein amerikanischer Film getraut.

Wo die Jury in diesem Jahr einige der marktgängigsten Filme auszeichnete, ging der Publikumspreis erstaunlicherweise an einen Dokumentarfilm: In Absolut Warhola macht sich Dokumentarist Stanislaw Mucha in die Ostslowakei auf, in das Dorf, aus dem die Eltern von Andy Warhol stammen. Denn so überraschend es für viele sein mag: Warhol war Ruthene, und in der dem Dorf Mikova nächstgelegenen Kleinstadt Medzilaborce gibt es deshalb sogar ein Warhol-Museum. Dort regnet es zwar durchs Dach, aber der zuständige Kurator verwendet sein Geld ausschließlich auf den Neuerwerb von Warhol-Werken, die in die Gegend passen, wie das Leninporträt zum Beispiel, oder das Absolut-Wodka-Bild. Neffen, Tanten und Cousins des Künstlers hat Mucha aufgetrieben und sich mit ihnen bei einem Gläschen zusammengesetzt. Außerdem geistert ein Double durch den Ort, das aber von den wenigsten erkannt wird. Über Pop-Art im herkömmlichen Sinne erfahren wir hier nichts, über andere Formen der "Pop-Art" um so mehr, denn der Weg ist das Ziel in dieser Dokumentation.

Der Charme von Absolut Warhola ist dem von Elling dabei nicht unähnlich: Selbstironisch im Ton und doch ganz ungebrochen solidarisch mit den Abseitsstehenden und Ausgeschlossenen. In beiden Filmen bilden sich auf ganz unterschiedliche Weise Gemeinschaften von Beschädigten und anderweitig Minderbemittelten - die "Bremer Stadtmusikanten" scheinen eine typische Erzählform zu sein im "Off Hollywood"-Kino.

Wie Elling ist auch Absolut Warhola ein Film, der seine Zuschauer einnimmt - allerdings nicht für Warhol, sondern für die Gegend, aus der er kommt. Ohne entlarven oder entblößen zu wollen, mit der reinen Lust an der Begegnung entdeckt Mucha bei seiner Suche nach Warhols Ursprüngen mit Begeisterung die Alltagspraktiken der marginalisierten Ränder Europas. Auf seine Weise ist Absolut Warhola so die vielversprechende Neuauflage des "Kulturfilms"; ein Expeditionsfilm, der so aktuell und spontan verfährt, dass keine Zeit für falsche Innerlichkeit bleibt.

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00:00 23.11.2001

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