Der weiße Fleck

Argentinien Der Chef des Nationalmuseums vergleicht die Ureinwohner mit Neandertalern. Die Feier zum 200. Geburtstag des Staates wird nicht dazu genutzt, die Indigena zu würdigen

Sie tragen Hüte, gewebte Röcke und vor allem die regenbogenfarbene Whipala, die Flagge der amerikanischen Indigena. Seit dem Frühsommer demonstrieren sie mit Lärm, Fackeln und Musik fast jede Woche in der Innenstadt von Buenos Aires. Ansonsten sieht man im argentinischen Alltag kaum noch Ureinwohner – weil es fast keine mehr gibt. Nur 1,6 Prozent der 40 Millionen Argentinier sind indigener Abstammung, eine sehr viel geringere Quote als in jedem anderen Land auf dem Subkontinent. Nur der Nachbarstaat Uruguay hat gemessen an der Gesamtbevölkerung weniger originäre Bürger.

Die Indigenen wollen mit ihren Umzügen daran erinnern, warum nur so wenige von ihnen übrig blieben. Unter dem Motto El otro Bicentenario (Die andere Zweihundertjahrfeier) erinnern sie an die andere, dunkle Seite der Geburt, Genese und Staatsgründung Argentiniens. Im umfangreichen offiziellen Kulturangebot zum 200. Geburtstag der Nation kommen sie so gut wie nicht vor – und das hat viel mit der Vergangenheitspolitik, noch mehr dem historischen Gedächtnis der Argentinier zu tun.

Wer das Nationalmuseum in Buenos Aires betritt, kommt zuerst in einen Raum mit drei riesigen Bildern, die Situationen während der Schlachten in den „Indianerkriegen“, wie sie offiziell heißen, des 19. Jahrhunderts darstellen. Reminiszenzen aus der Sicht der Sieger. Eines der Motive kennt jeder einheimische Besucher, ist es doch auf dem 100-Peso-Schein abgebildet. Das Gemälde zeigt eine Gruppe von Soldaten zu Pferde mit General Julio Argentino Roca im Zentrum. Links daneben warten gefangene Indigena. Einer Informationstafel ist zu entnehmen, es handle sich um „ein historisches Paradigma“: die Eroberung des Rio Negro nämlich, die ein „Triumph der Zivilisation über die Barbarei“ gewesen sei, welche auf diesem Abbild des damaligen Geschehens offenkundig „die Indios“ verkörpern. Das Gemälde ist zur Erinnerung an jenes denkwürdige Ereignis seinerzeit von General Roca selbst in Auftrag gegeben und ins historische Nationalmuseum gebracht worden. Dessen Aufbau hat Roca, der nach dem Ende der gegen die Ureinwohner geführten Feldzüge im Jahr 1880 Präsident wurde, selbst veranlasst.

Dass der General an der Eroberung des Rio Negro gar nicht mitwirkte, das Bild genau genommen als historische Fälschung ausfiel, konnte dem militärischen Stolz des Obristen offenbar nichts anhaben. Neben dem Gemälde sind auf einer Tafel die Namen aller Kombattanten in den Diensten des Generals akribisch dokumentiert – nur die Indianer bleiben eine anonyme Masse, ein weißer Fleck.

Verwundern kann ein solch selektives Geschichtsbild kaum, die 1810 Spanien abgetrotzte Unabhängigkeit gilt bis heute als Geburtsstunde der Nation, als ruhmreicher historischer Moment. Der entstehende Staat umfasste riesige Regionen, die durch weiße Siedler kaum erschlossen waren. Es handelte sich um potenzielles Weideland. Später sollte es über Generationen hinweg für eine intensive Fleisch- und Agrarproduktion in Gebrauch sein. Aber im frühen 19. Jahrhundert waren diese Gebiete noch Lebensraum der Ureinwohner, die mit der Staatsgründung von 1810 faktisch zu „Räubern des Landes“ erklärt wurden, deren Existenzrecht wenig galt.

Ergeben, fliehen oder sterben

Fast 70 Jahre bleibt es bei wenig koordinierten Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und der indigenen Guerilla. Dann wird 1877 Julio Roca Kriegsminister und beschließt, einen organisierten Krieg gegen die Urbevölkerung zu führen. Sie müsse „um jeden Preis und restlos ausgelöscht werden“, schreibt 1881 eine Wissenschaftskommission in Buenos Aires, denn aufgrund einer „intellektuellen Unterlegenheit“ sei sie nicht „zivilisationsfähig“. Um seinem Vernichtungswillen die nötigen finanziellen Ressourcen zu verschaffen, teilt Roca die gesamte Pampa in Parzellen zu 10.000 Hektar auf und verkauft sie noch vor ihrer Eroberung und Erschließung für 400 Pesos fuertes (Silberpesos) pro Titel. Damit ist das Fundament für spätere Latifundien gelegt, worauf viele Familien bis heute ihren Wohlstand gründen.

Die Einnahmen ermöglichen es, ein 6.000 Mann starkes Heer zu rekrutieren. Rocas gut organisierte Militäroperation zur „ethnischen Säuberung“ – die Campaña al desierto (Feldzug in die Wüste) – gerät zum großen Triumphzug. Allein durch diesen Vormarsch verlieren die Indigenen zwischen Juli 1878 und Januar 1879 550.000 Quadratkilometer Land, fallen 1.314 ihrer Krieger und sechs Anführer. Elftausend werden gefangen genommen – die Männer den Rest ihres Lebens auf der Insel Choele-Choel interniert, die Frauen in Buenos Aires als Hausangestellte versklavt. Die Familien zu trennen und das für immer, heißt, sie aussterben zu lassen. Viele Indigena flüchten vor diesem schleichenden Genozid über die Grenze und kommen bis nach Chile. Wie viele der Ureinwohner genau bei den Feldzügen des Julio Argentino Roca ums Leben kommen, interessiert nicht weiter und ist deshalb für die Geschichtsschreibung der Sieger auch nie beziffert worden. Am Ende bleiben einige versprengte Gruppen in Patagonien oder den nördlichen Bergen übrig. „Die Indianer hatten drei Alternativen“, schreiben die Autoren des Kompendiums Historia de la Argentina, „sich zu ergeben, zu fliehen oder zu sterben“.

Wirtschaftlich ist die Eroberung der Pampa ein Erfolg. Außenhandel und Wohlstand wachsen schnell, Argentinien wird im Zeitraum zwischen 1880 und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu einem der zehn reichsten Länder der Erde. Buenos Aires steigt zu einer modernen, teils mondänen Weltmetropole auf. Außerdem kann Land vergeben werden, das Einwanderer dazu einlädt, ihr Glück zu versuchen: Allein zwischen 1880 und 1886 immigrieren, nicht zuletzt aus Europa, fast eine halbe Million Menschen nach Argentinien.

Nur wenige Nachfahren der damaligen Einwanderer fragen sich heute, warum man im späten 19. Jahrhundert für die Eroberung von „desierto“ – von „leerem Raum“ – ein Heer brauchte. Das gibt Anlass zu Missverständnissen. Ein Blogger mit dem Nickname M Paris bedankt sich in einem Diskussionsblog inständig bei den Indianerkämpfern, „bei all den Männern und Frauen, die so viel opferten für ihr Vaterland“.

So sehen im Jahr des Bicentenario nicht wenige Argentinier ihre postkoloniale Geschichte: Als Errungenschaft ihrer Vorfahren. Dieser common sense ist auch Juan José Cresto zu danken, dem Direktor des historischen Nationalmuseums und Präsidenten der Wissenschaftsakademie der Sprache. Mit einem Aufsatz für die Tageszeitung La Nación bringt er seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass die Indigenen ihren damaligen Eroberern nicht dankbar seien. Die hätten ihnen schließlich eine neue Kultur zugänglich gemacht und mit den Campañas einen Gefallen getan. Cresto will weder sich noch seinen Lesern den Hinweis ersparen, dass „für den Neandertaler die modernen Menschen ja auch keine gewaltsamen Konquistadoren“ gewesen seien.

Crestos Artikel löste bei linken Parteien und den Indigenen-Verbänden Empörung aus. Der Autor hatte damit einen großen Kontrahenten, den Historiker und Journalisten Osvaldo Bayer, treffen wollen, der in einer Publikation General Julio Roca als verantwortlich für einen Genozid an den argentinischen Indianern bezeichnet hatte. Bayer war stets ein Historiker und damit Spurenforscher, der die Heroisierungsrituale ambivalenter Nationalhelden mit Abscheu quittierte. Mitte der sechziger Jahre schlug er vor, die nach dem deutschen Eroberer Friedrich Rauch benannte Stadt Rauch in Arbolito umzutaufen und ihr so den Namen des Kaziken zu geben, der Rauch getötet hatte.

Juan Enrique Rauch, 1963 Innenminister der damaligen Regierung in Buenos Aires und Urenkel des badischen Generals, erklärte Bayer umgehend zur unerwünschten Person und setzt ihn für 62 Tage in Haft. Nach der Publikation seines Buches Patagonia Rebelde musste Osvaldo Bayer 1972 sogar das Land verlassen und nach Deutschland fliehen, wo er noch heute einen zweiten Wohnsitz hat.

Keine Nebenstraße

Inzwischen ist Osvaldo Bayer ein alter Mann. Die Universidad Buenos Aires hatte ihn jüngst zum Eröffnungsredner der Catedra Che Guevara erkoren. Der Veteran der kritischen Wissenschaften wirkte grau und zerbrechlich, als er durch ein Spalier aus Transparenten und roten Sternen in den Korridoren der Philosophischen Fakultät kam. Sein Vortrag war gespickt von Beispielen für sein altes Lamento: Wie die Sieger der „Indianerkriege“ weiterleben in der Topografie eines Landes, wie sie in den Namen von Städten, Bahntrassen, Straßen und Plätzen und natürlich von Monumenten verewigt und geehrt werden. An die Ureinwohner Argentiniens hingegen erinnert in der Hauptstadt keine Nebenstraße. Für Osvaldo Bayer ist all das ein Zeugnis für grenzenlose kulturelle Arroganz und einen profunden Geschichtsrevisionismus. „Geschichte wird immer von den Jägern geschrieben, die die Löwen jagen, niemals von den Löwen.“ Der Satz stammt aus dem Buch der Umarmungen des urugayischen Schriftstellers Eduardo Galeano – Bayer hätte ihn genauso gut formulieren können.

Schon im August 2008 schlug die Abgeordnete Cecilia Merchán im Nationalkongress vor, das Porträt des Generals Julio Roca und das Campaña-Gemälde auf dem 100-Peso-Schein durch ein Bild der Unabhängigkeitskämpferin Juana Azurduy zu ersetzen. Es sei nicht gut, auf dieser wichtigen Banknote „einen Mann abzubilden, der Tausende Indigena ermordet hat, um ihnen Patagonien zu rauben“. Die Eingabe wurde als reine Polemik verstanden und – selbstverständlich – von der Mehrheit abgelehnt.

Friederike Rüll ist freie Autorin und bereist gelegentlich Argentinien

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12:30 20.12.2010

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