Angela Grünert, Kairo
17.12.1999 | 00:00

Der weiße und der schwarze Faden

TEILEN UND VERZICHT Im Dezember begehen rund eine halbe Milliarde Muslime in aller Welt den Fastenmonat Ramadan

"... von jetzt an berührt eure Frauen unbedenklich und geht dem nach, was Gott euch als Zugeständnis für die Nächte der Fastenzeit bestimmt hat, und esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt! Danach vollzieht das Fasten bis zur Nacht..." Koran Sure 2,187

Wer es im Fastenmonat bis Viertel nach Fünf Uhr nicht geschafft hat, sein Ziel zu erreichen, verbringt mindestens noch die nächste Viertelstunde dort, wo er steckengeblieben ist. Die meisten Autofahrer auf Kairos überlasteten Straßen sind für diese Situation ausgerüstet und bereit, ihre mitgebrachte "Notration" zu teilen. Wer nichts dabei hat, muss nur die Fensterscheiben herunter kurbeln und wird alsdann von allen Seiten mit getrockneten Früchten, Saft in Plastiktüten und Süßigkeiten beworfen.

Wenn Kanononensalven iftar, das Fastenbrechen, signalisieren und der maghreb-Gebetsruf aus Mekka - auf den Fernsehschirmen in alle Welt übertragen - von den Lautsprechern der Moscheen erklingt, endet für die Gläubigen einer von insgesamt 30 Fastentagen, an denen ihnen auferlegt ist, sich von Sonnenaufgang bis -untergang dem Essen und Trinken, Rauchen und jeglicher Annäherung zwischen Mann und Frau zu enthalten.

Die Bewohner der Kairoer Elendsviertel haben sich schon gegen Mittag mit Sonderbussen auf den Weg ins noble Viertel Mohandessin gemacht. Vor den eleganten Boutiquen und Restaurants des Schehad-Boulevards sind Stände aufgebaut, die kostenlos Mahlzeiten an Bedürftige ausgeben. Der Besitzer eines Reisebüros hat auf offenem Feuer zwei Hammel braten lassen, die kurz vor iftar, sorgfältig zerlegt, auf großen Platten mit Reis zu Tischen getragen werden, vor denen Dutzende von Menschen Platz genommen haben. Die Speisen werden begeistert kommentiert, aber niemand rührt sie an, bis der maghreb-Ruf ertönt. Einige Straßenzüge weiter hat ein Juwelier einen Vier-Sterne-Koch beauftragt, drei verschiedene Sorten gehaltvolle Suppen zuzubereiten, die von livrierten Kellnern in Porzellanschalen geschöpft werden. Vor der Dependance einer internationalen Fastfood-Kette werden an diesem Abend für alle Hamburger, Chicken wings und Pommes ausgegeben, dazu Fladenbrot und Wasser aus Tonkrügen.

Im Monat Ramadan können die Armen von den Speisen kosten, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen. Doch um satt zu werden, muss man nicht nach Mohandessin kommen. Auch in den traditionellen Vierteln, vor Moscheen, auf öffentlichen Plätzen, vor Geschäften und Privathäusern ist reichlich, wenn auch in bescheideneren Kompositionen für Speis' und Trank gesorgt. Wer immer etwas erübrigen kann, gibt den Armen, spricht sich mit seinen Nachbarn ab, legt gegebenenfalls zusammen und stiftet in diesem Monat wenigstens eine Mahlzeit. Wer kein Geld hat, kann seine Dienste anbieten, beim Aufbau der Stände, der Speisenausgabe oder bei Aufräumen danach.

Das Fasten im Ramadan gilt als die vierte, der insgesamt fünf "Säulen des Islam". Zu den verbindlichen Pflichten eines jeden Moslems gehören das Glaubensbekenntnis, die fünf Gebete des Tages, Almosengabe und schließlich das Fasten und die Wallfahrt nach Mekka. Mystische Strömungen im Islam vergleichen das Fasten mit einer "geistigen Reise", auf deren Stationen sich der Mensch in den Grundprinzipien des Islam, der Hingabe an Gott, Moral und Humanität übt. Auf dieser Reise sollen Disziplin, Gemeinschafts- und Gerechtigkeitssinn erworben werden, Eigenschaften und Voraussetzungen für eine weit bedeutendere Reise, der Wallfahrt nach Mekka. In diesem Kontext wird die "geistige Reise" als Vorbereitung auf die "konkrete Reise ins Haus Gottes" betrachtet, von der aus religiöser Perspektive der Pilger im Einklang mit Geist und Körper zurückkehren wird.

Ramadanfasten ist im Koran und in den hadith, den Worten und Taten des Propheten, überliefert und hatte ursprünglich neben dem Gemeinschaftsgedanken in Abgrenzung von Andersgläubigen auch zum Ziel, die Grenzen zwischen Arm und Reich aufzuheben. Während des Fastens sollen die Reichen den Hunger der Armen sinnlich erfahren. Was durch das Fasten gespart würde, soll den Armen zugute kommen, die am Fastenbrechen beteiligt werden müssen. Heute hat die Idee der sozialen Umverteilung durch Verzicht Veränderungen erfahren. Statt von weniger zu leben, geben die Menschen Unsummen für die üppigen Mahlzeiten nach Sonnenuntergang aus. Das Bewirten der Armen jedoch, die wohltätigen Abgaben und der Gemeinschaftsgedanke bilden nach wie vor zentrale Elemente des Fastenmonats und der an schließenden Festtage.

Auch auf der politischen Ebene wird das traditionelle Konzept des Ramadan genutzt. So stellen die Ministerien für sozial Benachteiligte Sonderrationen an Nahrungsmitteln zur Verfügung, die in Palästina und im Sudan beispielsweise vom World Food Programm gestiftet oder in Jordanien aus den Erlösen von Stiftungen und Gala-Diners des königlichen Hofes finanziert werden und so zur Imageförderung der Regierungen beitragen. Spendengelder der arabischen Ölstaaten wiederum erreichen über religiös-fundamentalistisch orientierte Gruppierungen wie Hizbollah, Muslimbrüderschaft, Hamas oder Islami Dschihad Leib und Seele der notleidenden Bevölkerung und stärken so das Engagement für Oppositionsbewegungen. Yasir Arafat verbringt sein Fastenbrechen mit Waisenkindern, deren Eltern als Guerillakämpfer umgekommen sind und verkündet in der letzten Ramadan-Woche Amnestien für politisch Verurteilte. Darunter nicht selten Gefangene, die eher auf Druck der israelischen denn palästinensischen Regierung inhaftiert wurden.

In Stammesgesellschaften wie Saudi Arabien, Jordanien oder Jemen, wo einzelne Stämme oder Stammeskonföderationen durch Abgeordnete im Parlament vertreten sind, haben Machthaber oftmals diplomatische Balanceakte zu leisten, um ihre Gunst ausgewogen zu verteilen und den Einladungen zum Fastenbrechen in die Stammesbezirke gerecht zu werden. In Ländern mit mehreren Religionsgemeinschaften, wie zum Beispiel Palästina, Syrien, Ägypten werden zu Ramadan bewusst Gemeinsamkeit und Toleranz demonstriert, wenn Christen beispielsweise Muslime zum Fastenbrechen in ihre Kirchen einladen.

Während für Muslime im öffentlichen Leben Ramadan viele gesellschaftliche Verpflichtungen mit sich bringt, ist der Arbeits alltag für den Großteil der Bevölkerung auf ein Minimum reduziert. Die Menschen sind geschwächt vom Fasten und müde von den durchfeierten Nächten. Die Unfallquote steigt, die Produktionsleistung sinkt und zieht oftmals über Monate Instabilitäten des Marktes mit sich. Wirtschaftsexperten fordern daher immer wieder, Arbeitstätigkeiten in dieser Zeit zu reduzieren und stärker zu kontrollieren. Darauf ausgerichtete Bemü hungen des früheren tunesichen Präsidenten Habib Bourguiba, der die Bekämpfung der Unterentwicklung des Landes als "Heiligen Krieg" deklarierte, für den die tunesische Bevölkerung vom Fasten freigestellt sei, sind gescheitert. In Tunesien und vielen anderen islamischen Ländern öffnen die Behörden und Ministerien erst gegen Mittag und schließen bereits wenige Stunden später. Auch in den meisten Universitäten werden die Prüfungen auf die Zeit nach Ramadan verschoben

Futur, das Fastenbrechen, ist eine wenig ausschweifende Mahlzeit, nach zehn Minuten haben die Menschen sich satt genug gegessen, in den Familien wird jetzt Tee gereicht. Die streng Gläubigen verrichten ihr Gebet, die nicht ganz so Orthodoxen entspannen noch ein bisschen vor dem Fernseher. Die glitzernden Abendroben der populären Schlagersänger und Quiz-Sendungen, deren Auflösungen sich über den ganzen Monat erstrecken, bestimmen das Tagesgespräch. Wenn gegen halb sieben Uhr Ascha, das fünfte Gebet des Tages, verklungen ist, gibt es in Kairo und vielen andern Städten der islamischen Welt kaum noch jemanden, der zu Hause bleibt. Die Männer treffen sich in Kaffeehäusern zu Kartenspiel und Wasserpfeife. Familien schlendern über die mit bunten Laternen geschmückten Plätze und drängen sich in den engen, überfüllten Gassen des Khan al-Khalili-Bazhars. Bootsbesitzer rufen die freien Plätze für Rundfahrten auf dem Nil aus, auf den Bänken der Strandpromenade sitzen die Liebespaare. Verlobte, deren Hochzeit auf die Zeit nach Ramadan angesetzt ist, und die zu ihren ersten Treffen oftmals von der Familie einen Bruder als Begleitschutz mitgesandt bekommen. Unter den hochgewachsenen, weitverzweigten Gummibäumen und Platanen spielt aber auch so manch geheim gehaltene Romanze, die nicht selten auf dem Uni-Campus ihren Anfang genommen hat und von vorbeifahrenden Polizeisteifen auf "statthaftes Benehmen" kontrolliert wird.

Die letzten Tage im Ramadan sind von wachsender Nervosität geprägt. Die Frauen verbringen die Abende mit Einkäufen, denn zu id, dem dreitägigen Fest zum Abschluss des Fastenmonats, trägt man aus Tradition neue Kleider. Diese Tage sind mit verkaufsoffenen Samstagen vor Weihnachten zu vergleichen, die Preise steigen ins Unermessliche, und der Einkaufsstress beeinflusst die feierliche Atmosphäre. Viele Geschäfte schließen erst in den frühen Morgenstunden, wenn die masaherati mit ihren Trommeln durch die Straßen ziehen und die Schlafenden wecken, damit sie noch einmal eine Mahlzeit, das suhur zu sich nehmen. Ein letztes Glas Tee, noch eine Zigarette, die Abschiedsberührungen der Liebenden, bevor die Sonne aufgeht und ein neuer Fastentag beginnt.