Der Wille zum Zwang

Medientagebuch "The Swan", "Big Boss" oder "Kämpf um Deine Frau": Wie das Fernsehen zur Besserungsanstalt verkommt

Im Fernsehen ist das Reformfieber ausgebrochen. Nach Castingwahn, Quizrevival und Dschungeltrash haben nun Formate den Siegeszug angetreten, deren gemeinsamer Nenner die "Verbesserung" ist. Es sind nicht soziale Neuerungen wie Hartz IV, die im Mittelpunkt dieser Reformfreude stehen. Es geht vielmehr um das Individuum und seine Träume von der schnellen Aufwertung der eigenen Lebenswelt. Wo die Gesellschaft versagt, will wenigstens das monadische Ich sich trotzig behaupten und in übersichtlichen, weil sendungskompatiblen Schritten verbessern, was noch in Reichweite ist. Ob die todschicke Renovierung des kleinbürgerlichen Esszimmers, das Frisieren des schrottreifen Wagens oder der chirurgische Beinbruch zwecks Zugewinns an Körperlänge - die Instantan-Optimierung grassiert auf allen Kanälen. Das Naheliegende wird umgeformt, wegtrainiert und aufgemotzt, was das Zeug hält. Am nächsten liegt dabei natürlich der eigene Körper, und deshalb herrscht auf dem Bildschirm neuerdings ein Sägen, Saugen und Schwitzen, dass einem die Sinne schwinden.

Das späteste Beispiel dieser Besserungswut läuft seit kurzem auf Pro 7 und heißt The Swan. Nach zig Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen in Großaufnahme wird die Schönheitsverordnung ganzheitlich. Denn in der Jury von The Swan - einer Kreuzung aus Castingshow und Silikonrevue - sitzen neben Chirurgen, Zahnarzt und Personal Trainer eine Psychologin und ein Motivationstrainer. Körper und Psyche sind gleichermaßen Opfer visueller und realer Verwurstung. Gleich zu Anfang verspricht uns die glucksende Verona Pooth "unglaublich herzzerreißende Szenen". Und in der Tat weinen beide Kandidatinnen am Ende der Sendung Rotz und Wasser, weil sie "glücklich, so glücklich" sind. Das ist der Moment, da sie sich erstmals nach drei Monaten "Swan-Quartier" selbst im Spiegel schauen dürfen, der Moment, da aus dem hässlichen Entlein, das gar nicht so hässlich war, ein geschminkter Schwan mit geschwellter Brust und funkelnder Abendrobe geworden ist. Und nach all der Liposuction und Aquagymnastik, nach Bleaching und Qi Gong, nach den Nasenstegbrüchen, Silikonschüben, Zahnfleischtransplantationen möchte man selbst eine Träne verdrücken, weil die ganze Sendung derart schlecht und der schöne Schwan so ein verdammt falscher Hase ist. Aber das wusste man schon vorher, und die Träne ist auch falsch.

Man hat nicht mehr viel und wuchert mit den Resten. Und begibt sich dabei, als Big-Brother-Laborratte, als Hasenschwan, freiwillig in Zwangsverhältnisse, die nur wegen der anwesenden Kamera nicht als unmenschlicher Hohn empfunden werden. Die Welt der Camps und Coaches ist momentan die Metapher, die das Nullmedium für das Leben nimmt. Das Versuchstier quält sich, im Krieg gegen sich selbst und die eigenen Schwächen, und wird von der Durchhalterhetorik irgendeines Coaches meist mit amerikanischem Akzent zu Höchstleistungen angestachelt. Du kannst es! Go! Was zählt, ist der kleine Triumph über das Mittelmaß.

Während amerikanische MTV-Formate wie Made (Wunsch-Erfüllung), Pimp My Ride (Auto-Tuning) oder sogar das unfassbare I want a famous face (Star-Schnitt) noch durch konsequentes Ausreizen der Effekte und teilweisen Charme wachzuhalten wissen, schlagen in den deutschen Versionen des Optimierungszwangs ausnahmslos Kleinmut, Piefigkeit und Tristesse durch. Mittvierziger mit Fettschürzen schleppen Mehlsäcke durch künstliche Landschaften und wähnen sich dabei im Kampf um ihre Frau. Halbseidene B-Prominente absolvieren fragwürdige IQ-Tests und versuchen damit, die Dolchstoßlegende des Pisa-Tests zu widerlegen. Der Big Boss schnauzt kurz ein paar Diplom-Kaufmänner an und lehrt sie so das wahre Leben. Unaufhörlich wird zur Selbstverbesserung angehalten. Und aufgepasst: Es sind eine Menge "Ordnungshüter" unterwegs! Mit dem Charme der Blockwarte kontrollieren sie unseren Besserungswillen, ständig, überall. Sie kontrollieren, ob der Messie die Tauben noch füttert, wessen Strom der Junkie anzapft und ob der Dönerspieß auch die korrekte Traufhöhe hat.

Das Fernsehen als Besserungsanstalt: Wohnraum, Körper und Ich sind nur noch variable Funktionen der Kamera, die uns Lektionen in Wellness erteilt, dass einem schlecht wird. Nein, schon nicht mehr Wellness, schon sind es pure Überlebenslektionen, die wir durchzappen müssen, denn die Zeiten sind hart. Jeder muss alles aus sich herausholen, Körper und Geist ausbeuten im Dienste des Egos, sich behaupten in Muskelaufbau und Psychomühle. Fun ist Stahlbad ist Fleischdusche. Die Felle treiben längst stromabwärts. Wie sagte doch Verona: "Silke musste immer für andere da sein. Sie wollte einmal nur für sich selbst da sein." Und schon ist sie wieder weg, die Silke, nämlich ausgeschieden. Falls ihre Pro 7-Mamille verrutscht, wird der RTL-Skandalreport nicht lange auf sich warten lassen. Dazwischen ein paar Verbraucherinformationen. Wir müssen ja schließlich auch leben.


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00:00 26.11.2004

Ausgabe 39/2020

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