Der Wille zur Macht

Linke Superhelden Podemos-Führer Pablo Iglesias hat das politische System Spaniens ins 21. Jahrhundert katapultiert
Bernardo de Miguel | Ausgabe 21/2016 9
Der Wille zur Macht
Pablo Iglesias spricht oft von „denen oben“ und „denen unten“
Illustration: der Freitag

Schon als Achtjähriger hat Pablo Iglesias, Jahrgang 1978, seine Eltern auf Demos begleitet. In Soria war das, der kastilischen Provinzhauptstadt, in der er aufwuchs. Es ging gegen Spaniens NATO-Präsenz, einer der letzten großen Kämpfe der spanischen Linken. Einer von vielen, die sie verlor.

Als stolzer Abkömmling einer seit Generationen unbeirrt linken Familie will Iglesias eines ganz anders machen als seine Vorfahren: Er will siegen, um mit der Resignation der spanischen Linken zu brechen. Deshalb hat Iglesias Podemos geschaffen – als politische Bewegung quer zu den traditionellen Links-Rechts-Fronten. Er hat mit dieser Strategie beeindruckt, sich aber auch Vorwürfe eingehandelt – ihm gehe es weit mehr um persönliche Macht als um einen Wandel für Spanien.

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Authentisch, links, unangepasst: Wir porträtieren fünf Köpfe, die sich gegen das Polit-Establishment gestellt haben und damit ziemlich erfolgreich sind. Es geht eben doch anders. Teil fünf: Pablo Iglesias

„Wäre ich in Frankreich, würde ich versuchen, Marine Le Pen die Stimmen abzujagen“, erklärte Iglesias bei einem ersten öffentlichen Auftritt in Brüssel, nachdem er im Mai 2014 ins EU-Parlament gewählt worden war. Seither spricht er oft von „denen oben“ und „denen unten“. Ein besseres Bild für die Rebellion, an deren Spitze er steht, wäre freilich „die von draußen gegen die von drinnen“. Dieser Ansatz verbindet ihn mit so unterschiedlichen Anti-Establishment-Gestalten wie Beppe Grillo von der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien oder Donald Trump in den USA.

Iglesias zelebriert natürlich lieber die Nähe zum griechischen Premier Alexis Tsipras, der mit Syriza schon das geschafft hat, was Podemos anstrebt: dem stetigen Machtwechsel zwischen Konservativen und Sozialdemokraten ein Ende zu setzen und selbst zu regieren. Für das nötige Feindbild sorgt dabei Angela Merkel als Gesicht der Austeritätspolitik, mit der die Südländer der Eurozone laut Iglesias maßlos bestraft werden.

Vor wenigen Jahren noch war der charismatische Kopf der neuen spanischen Linken ein unbekannter junger Universitätslehrer. Inzwischen wurde er zum Symbol für eine neue Phase der spanischen Demokratie. Sein Erscheinen auf der politischen Bühne im Januar 2014 markiert einen Wendepunkt im Land.

Stanley-Kubrick-Verehrer

Mit seiner Lehre in Politikwissenschaft und Soziologie an der Madrider Universidad Complutense fiel der seinerzeit erst 30-jährige Iglesias dadurch auf, dass er junge Leute begeistern konnte und seine Vorlesungen abseits der üblichen Muster hielt. Jede seiner Stunden, erinnert sich ein Student, begann er mit einem Video oder einem Song, um so das jeweilige Thema zu entwickeln. Aus seinen Überzeugungen machte er nie einen Hehl, doch sagen seine Studenten, dass er innerhalb der Seminarräume weitaus mehr von kritischer Debatte hielt als von Parolen. Auf den Korridoren der Complutense verwandelte sich der Professor in einen Aktivisten und trainierte bereits für die politischen Schlachten, die ihn weit weg führen würden vom universitären Betrieb.

Als Stanley-Kubrick-Verehrer und Fernsehserien-Fan (eines seiner Bücher trägt den Titel Politische Lehren aus Game of Thrones) erkannte Iglesias während eines Stipendienaufenthalts in Kalifornien das enorme Potenzial audiovisueller Medien in den Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. 2010 gelang es ihm, seine beiden Leidenschaften zu vereinen, als Moderator einer Debattensendung namens La Tuerka. Das vermeintliche Nischenprogramm, gestartet auf einem Amateurkanal, verzeichnete bald sensationelle Quoten. Iglesias nutzte das kleine Format, um sein – durch sorgsam einstudierte Natürlichkeit geprägtes – Auftreten vor der Kamera zu verfeinern. Als er dann bei den großen Sendern auftrat, stellte er Debatte für Debatte unter Beweis, dass er nicht nur seinen Widersachern glänzend Paroli bieten konnte, sondern auch dort die Zuschauerzahlen explodieren ließ. „Iglesias’ Geheimnis“, so erklärt eine Fernsehredakteurin, „ist, dass er jede seiner Äußerungen haarklein plant, während seine Rivalen oft nur improvisieren.“

Im privaten Umgang flößt Iglesias Vertrauen ein, er ist offen, freundlich und hat keine Scheu vor Nähe. Innerhalb seiner eigenen Partei kultiviert er die Loyalität, doch sind auch Freundschaften mit politischen Gegnern möglich, wie er das sowohl in Brüssel als auch im spanischen Abgeordnetenhaus unter Beweis gestellt hat. Sein öffentliches Image dagegen ist das des Zornigen. „Ich gehe zurück in mein Land, damit Leute wie Sie in Spanien nicht an der Regierung bleiben“, ließ er bei seiner letzten Rede im EU-Parlament die politischen Gegner wissen. Für Wutausbrüche bei Parlamentsdebatten wird er selbst aus den eigenen Reihen kritisiert. Doch ist sich der zum Politiker gewandelte Professor des Eindrucks wohl bewusst, den er in solchen Momenten bei seinen Wählern hinterlässt.

Das Medienphänomen Pablo Iglesias zeigt ein freundliches Gesicht mit knallharter Sprache. „Ich mag dich, aber du bist ein Fiesling“, konterte er im Juli 2014 die Vorhaltungen eines Debattengegners, ohne sein Enfant-terrible-Lächeln abzusetzen. Er kann mühelos von charmant auf gnadenlos umschalten. „Ich bin mit drei Frauen aufgewachsen, ich glaube, das hat mir zu einer gewissen Subtilität verholfen“, sagte er kürzlich in einem Interview und fügte hinzu, er halte Frauen für „mitfühlender, großzügiger und weniger egoistisch“. Als einziger Sohn eines Gewerbeinspektors und einer Arbeitsrechtlerin verbrachte Iglesias den Großteil seiner Kindheit in Soria. Früh trennten sich seine Eltern, so wuchs er bei der Großmutter, einer Tante und einer Großtante auf.

In Madrid studierte er Jura und promovierte 2008 in Politikwissenschaft. Noch heute lebt er in Vallecas, einem der ärmsten Viertel der spanischen Kapitale, die ihre heutigen Ausmaße vor allem der Landflucht unter Franco verdankt. Im Supermarkt gekaufte Karohemden wurden ebenso zum Markenzeichen wie sein Pferdeschwanz. Den Kragen trägt er offen, die Krawatte, wenn überhaupt, lose und die Ärmel hochgekrempelt, egal wen er vor sich hat. Sein Gang ist gebeugt, demonstrativ ohne Eleganz. Nüchternheit um jeden Preis, um sich abzugrenzen von einer „Kaste“, der er gleichermaßen Politiker wie Firmenbosse und Medienpromis zurechnet. Für sein erstes Treffen mit Pedro J. Ramírez, dem mächtigen Ex-Herausgeber von El Mundo, wählte Iglesias ein einfaches Restaurant mit Mittagsmenü aus.

Ohne Krawatte zum König

Er wahrt eine kalkulierte Distanz zu den Medien und verweigert sich dem üblichen Spiel der Vertraulichkeiten zwischen Politikern und Journalisten. Er gibt zu, dass er die Bissigkeit einer Presse, der er vorwirft, sich den Mächtigen anzudienen, nicht gut verkraftet. Und es fällt ihm schwer, die Balance zu wahren zwischen seinem Protest-Image und den nun unvermeidlichen Kontakten mit den oberen Zehntausend, sei es der spanische König, den er ohne Krawatte trifft, sei es der Galaempfang von Kinostars, für den er sich eine Fliege umbindet.

Iglesias’ kometenhafter Aufstieg als Streiter gegen die „Kaste“ begann damit, dass er sich an die Spitze einer eher zufälligen Gruppe von Akademikern und Künstlern stellte, die nach politischen Alternativen suchten. Hervorgegangen war sie aus der Bewegung der Indignados, die am 15. Mai 2011 ein spontanes Camp an Madrids berühmter Puerta del Sol errichtet und wochenlang aufrechterhalten hatten. „Sie repräsentieren uns nicht“ war ihr Schlachtruf gegen das Establishment und die Verheerungen der Wirtschaftskrise. Die damalige sozialdemokratische PSOE-Regierung und die konservative Opposition warfen den Indignados eine „rein negative Haltung“ vor und höhnten, die Aufrührer sollten es doch einmal mit echter Politik versuchen.

Genau das taten Iglesias und seine Mitstreiter. Nur wenige Wochen vor den Europawahlen 2014 gründeten sie Podemos und holten auf Anhieb mehr als eine Million Stimmen. Sie sicherten sich fünf der fünfzig spanischen Mandate in Brüssel und ließen die traditionsreiche Izquierda Unida, bisher Heimat der radikalen Linken Spaniens, mühelos hinter sich. Und die Worte des Mannes, dessen Gesicht die Podemos-Plakate trugen, klingen Politikern der anderen Parteien noch heute im Ohr: „Das reicht uns nicht. Ab morgen fangen wir an zu arbeiten, damit wir so bald wie möglich wirklich feiern können: dass dieses Land eine anständige Regierung hat und wir die Kaste entmachtet haben.“

Taktische Irrtümer

Seit jener Wahl ist Iglesias medial allgegenwärtig. Nach wie vor löst er leidenschaftliche Reaktionen aus, auch wenn seine Umfragewerte derzeit schwächeln. Podemos und ihr nahestehende Gruppierungen haben schon die Rathäuser der großen Städte erobert (Madrid, Barcelona, Valencia, Saragossa) und halten 69 der 350 Sitze im Parlament. Nun will Iglesias die Sozialisten bei den Wahlen am 26. Juni als größte Oppositionspartei ablösen. Die Ironie der Geschichte will es, dass der Mann, der 1879 den PSOE gründete, ebenfalls Pablo Iglesias hieß. Die Eltern des heutigen Iglesias bestätigen, dass sie ihren Sohn absichtlich so genannt haben: „Wäre unser Nachname Guevara, würde er Ernesto heißen.“

Geboren 1978, als die heutige spanische Verfassung in Kraft trat, sieht sich Iglesias dem Erbe der progressiven Zweiten Republik (1931 – 1936) verbunden, ebenso dem Vermächtnis der Widerstandskämpfer gegen Franco, zu denen auch seine Großeltern zählten. Iglesias’ Generation will sich mit dem großen „Schwamm drüber“, das nach dem Tod des Diktators die transición zur Demokratie prägte, nicht mehr abfinden.

Freilich kann der Zorn auf die bestehenden Verhältnisse auch zur Achillesferse werden. Der zuweilen obsessiv anmutende Wunsch, den PSOE politisch in den Schatten zu stellen, hat Iglesias nach der Parlamentswahl vom Dezember 2015 zu taktischen Irrtümern verleitet und ihm den Vorwurf der Selbstherrlichkeit eingetragen. Seine unnachgiebige Haltung ist ein entscheidender Grund dafür, dass nach jenem Urnengang keine Regierungsbildung links von der Mitte möglich war.

Die autoritären Anwandlungen des Rebellen erschrecken selbst treue Weggefährten. „Was politische Macht ausmacht, ist die Kraft, seinen eigenen Willen durchzusetzen“, schreibt Iglesias in seinem Buch Machiavelli vor dem Großbildschirm: Kino und Politik. Im Zweifel, glaubt er, sei es in der Politik besser, gefürchtet, als geliebt zu werden. Die Podemos-Basis verbindet solche Haltungen mehr mit der Kaste, die es zu entmachten gilt.

Iglesias nennt seine Mentalität „italienisch“, und auch das Schlagwort „Kaste“ hat er aus Italien mitgebracht. Im sprichwörtlich roten Bologna war er als Erasmus-Student, für seine Doktorarbeit forschte er ein Semester lang in Florenz. Er hat bei den Philosophen Slavoj Žižek und Giorgio Agamben studiert, doch die wichtigsten Anregungen verdankt er dem Kommunisten Antonio Gramsci (1891 – 1937).

Und er hat es verstanden, aus all diesen Quellen für seine Wähler eine verlockend einfache App zu destillieren, mit der sich attackieren lässt, was er „das Regime von 1978“ nennt: die knapp 40 Jahre der Zwei-Parteien-Herrschaft, in denen Spanien seinen Platz in Europa wiederfand. Viele Iglesias-Wähler halten diese Phase durchaus für eine Erfolgsgeschichte, die sich allerdings erledigt hat – nach dem unsäglichen Epilog aus Immobilienblase und Korruption. Aus einem Panorama der Beklommenheit trat ein Outsider namens Pablo Iglesias hervor, der nicht eher ruhen will, bis er selbst Regierungschef ist. Wie immer man dazu steht: Er hat das politische System Spaniens ins 21. Jahrhundert katapultiert.

Bernardo de Miguel schreibt für die spanische Zeitung Cinco Días

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 15.06.2016

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