Der Wind hat sich gedreht

Kubas zweite Ankunft in Lateinamerika Solidarität ist Fidel Castros Lebenssinn

"Er ist einer der größten Idealisten unserer Zeit, und vielleicht ist gerade das seine größte Tugend, wenn es auch seine größte Gefahr gewesen ist", schrieb der kolumbianische Dichter Gabriel García Márquez 1989, zum 30. Jahrestag der kubanischen Revolution, über Fidel Castro. Am 13. August 2006 wird der Comandante en Jefe 80 Jahre alt und muss diesen Tag wegen seiner Erkrankung wohl anders verbringen, als es ursprünglich gedacht war. Ende 2005 sprach Castro in einem Interview mit Ignacio Ramonet, und es ergab sich eine der wenigen Gelegenheiten, öffentlich über seine Nachfolge und das Schicksal der kubanischen Revolution in einer Zeit zu reden, die nach ihm kommen wird.

Die Reise des kubanischen Staatschefs Anfang Juli in das argentinische Córdoba zum Gipfel der MERCOSUR-Staaten(*) war für niemanden mehr eine Überraschung. Auch für das Abkommen nicht, auf das sich die südamerikanische Wirtschaftsorganisation dabei mit Kuba einigte. Ökonomisch hat es wenig Bedeutung; es umfasst kaum 0,17 Prozent des Handels von MERCOSUR. Aber politisch ist es eine wichtige Geste. Der Wind hat sich gedreht. Mehr noch, "es weht ein neuer Wind in dieser Hemisphäre", wie Fidel Castro Ende 2005 kurz nach der Wahl von Evo Morales zum Präsidenten Boliviens feststellte.

Morales, ebenso wie Michelle Bachelet, die neue Präsidentin Chiles, stärken die Phalanx der lateinamerikanischen Länder, die wirtschaftliche Kooperation im Interesse einer regionalen Entwicklung suchen. Zu nennen sind dabei - mit aller Vorsicht und im Wissen um alle Widersprüche, die aus unterschiedlichen nationalen Bedingungen und den Bindungen an die USA erwachsen - vor allem Länder wie Venezuela unter Präsident Chávez, Brasilien, wo seit 2003 "Lula" da Silva regiert, Uruguay mit Tabaré Vásquez und Argentinien seit dem Wahlsieg von Néstor Kirchner. Gerade das Ende des neoliberalen Regimes unter Carlos Menem 2003 in Buenos Aires, nach einem beispiellosen ökonomischen Absturz des Landes, ließ Castro von der Hoffnung auf eine "Globalisierung der Solidarität" sprechen, ein Begriff, den Papst Johannes Paul II. geprägt hatte.

Warum theoretisiert ihr?

47 Jahre sind seit dem Sieg der kubanischen Revolution vergangen. Wie hatte die Welt die Rebellen und vor allem den Comandante en Jefe verwöhnt in den ersten Jahren der Revolution! Jean Paul Sartre, die philosophische Institution jener Zeit, schrieb damals "Es ist für einen Intellektuellen absolut unmöglich, nicht prokubanisch zu sein. (...)Ebenso unmöglich ist es, nicht solidarisch zu sein, mit den Beziehungen, die Kuba mit Lateinamerika zu errichten sucht." Und in Pablo Nerudas Memoiren heißt es "... nun packt plötzlich Fidel Castro, ein Kubaner, den vorher niemand kannte, die Hoffnung an den Haaren oder den Füßen, erlaubt ihr nicht wegzufliegen, holt sie an seinen Tisch, das heißt an den Tisch und in das zu Hause der Völker Lateinamerikas".

Tatsächlich jedoch erlebte Kuba Jahrzehnte der Isolierung auf dem eigenen Kontinent. Da waren der Druck der USA, die Blockade, die Angst der Oligarchien vor dem Beispiel. Aber da war auch die Arroganz des Siegers, des jungen Hitzkopfes, der die richtige Lösung wusste, der selbst traditionelle linke Parteien verspottete, sie sollten doch weniger Zeit fürs Theoretisieren verschwenden und mehr Energie in den praktischen Kampf stecken. Castro war ein radikaler Missionar des Guerilla-Kampfes und das nicht nur, weil er von seinen persönlichen Erfolgen ausging; sondern so waren die Zeiten. Hatten die Dritte Welt und vor allem Lateinamerika nicht die gleichen Probleme wie Kuba unter Batista? Aber so wie Richard Bachs Möwe Jonathan, die unermüdlich trainiert, um schneller und höher zu fliegen als ihre Gefährten und schließlich gerade deshalb vom Schwarm geächtet wird, erging es dem Kubaner auf dem eigenen Kontinent. In der Dritten Welt, in Afrika und Asien, hoch angesehen, zeigte Lateinamerika ihm lange die kalte Schulter.

Naiv hatte Castro 1959 bei seiner ersten Teilnahme an einem Gipfel der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Buenos Aires vorgeschlagen, dass die USA eine Art Marshall-Plan für den Kontinent auflegen könnten - 20 Milliarden Dollar für Arbeitsplätze, Wohnungen, Schulen, Hospitäler. Anderthalb Jahre später warf die OAS Kuba hinaus. Alle Länder des Kontinents - außer Mexiko und Kanada - brachen die Beziehungen ab und schlossen sich der Blockade der USA weitgehend an.

Warum müssen die einen barfuß gehen?

Inzwischen ist Fidel Castro ein häufiger Gast in Lateinamerika. Bei einem Besuch in Kolumbien, dem Land, dessen bewaffnete Guerillas einst auf Unterstützung Kubas zählen konnten, räumte er ein: "In der Vergangenheit glaubten wir, dass die Bedingungen für einen bewaffneten Kampf existierten. Generell glauben wir nicht, dass es heute noch Umstände für diese Art des Kampfes gibt." Die Unerbittlichkeit des jugendlichen Siegers weicht der Mäßigung des Staatsmannes - darauf konzentriert, die realen Möglichkeiten für seinen Traum von sozialer Gerechtigkeit und kontinentaler Integration, wie sie seit den Tagen Simon Bolívars durch die Köpfe der integersten Leute des Subkontinents geistert, zu nutzen und dabei die Erfolge seines Landes und seiner Politik auf die Waagschale zu legen. Erst das ermöglicht einen Ansatz für Bolívars Gedanken von der Stärke, die in der Einheit liegt. Oder eben in der Globalisierung der Solidarität.

Solidarität ist zweifellos Castros Lebenssinn. "Warum müssen die einen barfuß gehen, damit die anderen im Luxusauto fahren können? (...) Warum sollen die einen bitterarm sein, damit andere übertrieben reich sein können?" hatte er als Präsident der Bewegung der Blockfreien 1979 auf der UN-Vollversammlung in New York gefragt. Zu dieser Zeit war der Anspruch, überall in der Welt Guerillaherde zu entfachen, schon der Einsicht gewichen, dass sich Revolutionen nicht einfach exportieren lassen. Er entschied für Kuba, das Wenige, das zur Verfügung stand, mit anderen zu teilen - ohne große Rücksicht auf die materiellen Wünsche seiner eigenen Bevölkerung - und auf die Wirkung des Beispiels zu setzen. Allein die Operación Milagro ist - wie der Name sagt - ein Wunder, ein Wunder für das Ansehen Kubas in Ländern Lateinamerikas, die davon profitieren. Kostenlose Operationen des Grauen Stars in Kuba, ursprünglich nur für Patienten aus Venezuela gedacht, wurden inzwischen für mehr als 170.000 Personen aus 20 Staaten möglich.

Heute schickt Castro seine Ärzte und Lehrer nach Mittel- und Südamerika. Sie helfen unentgeltlich, wo das nötig ist. Sie liefern Leistung gegen Leistung, wenn es so vereinbart ist. Und sie scheinen die besseren Botschafter zu sein. Jedenfalls verhelfen sie dem Mann in Havanna zu einer neuen Rolle in der Region.

Nach Auffassung des Kubaners hat "Lateinamerika für die Unabhängigkeit keine würdige, ehrenhafte Alternative als die wirtschaftliche Integration; anderenfalls findet es in der Welt von morgen keine Position, bleibt es ohne Zukunft." Während die USA über die Freihandelszone ALCA (Área de libre Comercio de las Américas), eine Zusammenarbeit von Land zu Land nach dem Motto "Teile und Herrsche" suchen und sich einen Markt mit 800 Millionen Menschen sichern wollen, hat Castro endlich einen Partner für ein Gegenprojekt gefunden. Und zwar einen reichen Partner. Ein Land, das nicht vom Zucker lebt, sondern vom Erdöl.

Hugo Chávez und Fidel Castro haben 2001 das Gegenprojekt ALBA entworfen, das drei Jahre später mit einem Vertrag zwischen beiden Ländern aus der Taufe gehoben wurde. ALBA, das Kürzel steht für Alternativa Boliviariana para las Américas - "Alba" als Wort bedeutet Morgenröte. Man wird sehen, ob die Symbolik berechtigt ist.

Im Auftaktvertrag zwischen Kuba und Venezuela wurde ein Wegfall der Importzölle zwischen beiden Ländern vereinbart, die Finanzierung von Projekten im kubanischen Energie- und Stromsektor durch Venezuela und - als eine der kubanischen Gegenleistungen - der Einsatz von medizinischem Fachpersonal in Venezuela. Wenig später unterschrieben Castro und Chávez in Einzelabkommen gegenseitige Leistungen beim Aufbau von 600 Diagnosezentren, 600 Ambulanzen und 35 medizinischen Hightech-Zentren für eine kostenlose Betreuung der venezolanischen Bevölkerung. In Kuba, an der Lateinamerikanischen Schule für Medizin, an der bis 2005 bereits 11.000 Studenten aus Mittel- und Südamerika ausgebildet wurden, sollen in den nächsten Jahren 20.000 junge Venezolaner ein Medizinstudium aufnehmen können.

Anfang Mai 2006 hat sich Bolivien dem Projekt ALBA angeschlossen. In Havanna unterzeichneten Castro, Chávez und Morales den "Handelsvertrag der Völker". Danach kann Bolivien seine Sojaproduktion künftig zollfrei nach Kuba und Venezuela verkaufen. Kuba begleicht die Rechnung mit der Leistung von Ärzten und Lehrern. Die Philosophie, Handel durch ein kooperatives Miteinander statt zum Zweck der Gewinnmaximierung zu betreiben, sei - so Hugo Chávez - eine Antwort auf die imperiale Handelspolitik des Nordens.

Inwieweit das auf Dauer tragfähig sein kann, muss sich zeigen. Auch inwieweit die politischen Unterschiede zwischen den jetzt beteiligten drei Staaten solidarisches Handeln wirklich zulassen - Bolivien bleibt auf bilaterale Absprachen mit den USA angewiesen. Als Fidel Castro vor drei Monaten seine Landsleute über die Verstärkung durch den Andenstaat informierte, soll er gesagt haben: "Wer zuletzt lacht, lacht am besten."

(*) Gemeinsamer Markt des Südens; Mitglieder sind Argentinien, Brasilien, Uruguay, Paraguay und Venezuela


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00:00 11.08.2006

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