Der Wind in den Segeln der Geschichte

Russland Der Schriftsteller Konstantin Simonow und die ersten 100 Tage des Großen Vaterländischen Krieges im Sommer 1941

Unsere Regierung hat viele Fehler gemacht, es gab in den Jahren 1941 bis 1942 Augenblicke der Verzweiflung ... Ein anderes Volk hätte wohl der Regierung gesagt: Ihr habt unsere Hoffnungen enttäuscht, tretet ab... Das russische Volk ist darauf nicht verfallen, es hat auf die richtige Politik seiner Regierung gebaut und Opfer gebracht." - Stalins berühmte Worte vom Mai 1945 waren weniger das Eingeständnis eigener Schuld als Ausdruck des Wunsches, künftig mit keinerlei kritisch-realistischer Sicht auf die Kriegsereignisse behelligt zu werden. Glaubt man russischen Geschichtsnihilisten wie Alexej Basow, so kam die Masse der sowjetischen Militärhistoriker diesem Wunsch des Generalissimus bis weit nach dessen Tode nach. Vor allem die "schreibende Oberschicht" habe stets eine eindimensionale, generalstäblerische Sicht der Dinge propagiert, die keinerlei Raum ließ für das von Stalin und seinen gewissenlosen Handlangern verursachte Leid sowohl des gemeinen Frontsoldaten, als auch der Zivilbevölkerung.

Einer, der wiederum die Eindimensionalität der Basow-These wie kaum ein zweiter nachweist, ist der Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Konstantin M. Simonow (1915-1979). Die Gedichte, Erzählungen und Romane des Stalinpreisträgers thematisieren in endlosen Variationen die komplizierte Balance zwischen moralischer Kraft und professionellem Können an der Front und im Hinterland, im Schützengraben und auf der höchsten Führungsebene als dem entscheidenden Moment militärischer Siege. Von besonderer Eindringlichkeit jedoch sind Simonows, erst 20 Jahre nach dem Tod des Autors erstmals vollständig herausgegebenen 100 Tage des Krieges (*), eine schonungslose Chronik der äußerst tragischen und blutigen ersten Monate nach dem 22. Juni 1941 - niedergeschrieben im Frühjahr 1942 und ergänzt durch umfangreiche Kommentare Mitte der sechziger Jahre.

Panzer aus Marmor

Für Simonow ist klar: Die ersten Kriegsmonate gerieten für die Sowjetunion deshalb zur Katastrophe, weil das Land und seine Armee technisch und psychologisch nur unzureichend auf den Krieg vorbereitet waren. Die Liquidierung des mittleren und höheren Offizierskorps in den Jahren 1937/38 hatte dabei ebenso eine Rolle gespielt wie die Überbewertung des sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrages durch Stalin: Obwohl spätestens nach der Niederlage Frankreichs im Sommer 1940 und der damit verbundenen Freisetzung gewaltiger deutscher Truppenkontingente eine vollkommen neue Lage entstanden war, blieb Stalin davon überzeugt, dass Hitler es niemals wagen würde, mit ihm - einer historischen Persönlichkeit ersten Ranges - ebenso umzuspringen, wie mit den mehr als mittelmäßigen Führern Westeuropas. Gleichwohl warnt Simonow davor, die Ursachen für die Niederlagen der ersten Kriegsphase ausschließlich in den subjektiven Fehlleistungen Stalins zu suchen: "Der Grund unserer Niederlagen war die Summe nicht nur subjektiver, sondern auch objektiver Faktoren: die wirtschaftliche Rückständigkeit des Landes, das rüstungstechnologische Potential Deutschlands, die Kampferfahrung seiner Armee ... Allerdings: was das Moment der Überraschung und das Ausmaß der damit verbundenen ersten Niederlagen angeht, so ist von unten her - von den Meldungen der Aufklärer und Grenzposten über die Berichte der Militärbezirke bis hin zu den Vorlagen des Volkskommissariats für Verteidigung - alles bei Stalin zusammengelaufen und auf dessen felsenfeste Überzeugung gestoßen, allein er und die von ihm für richtig befundenen Maßnahmen könnten die über dem Land schwebende Katastrophe abwenden."

Brennender Junitag

Aus dem Tagebuch von Elena Skrjabina über den 22. Juni 1941 in Moskau: "Molotows Rede (*) klang stockend, hastig, als ginge ihm der Atem aus. Sein ermutigender Aufruf wirkte ganz unangebracht. Mit einemmal hatte man das Gefühl, ein Ungeheuer nähere sich drohend, langsam und benehme einem den Atem. Danach lief ich hinaus auf die Straße. Die Stadt war in Panik. Die Leute wechselten in Eile ein paar Worte miteinander, sie stürzten sich auf die Geschäfte und kauften alles auf, was ihnen in die Hände fiel. Wie von Sinnen irrten sie auf der Straße umher. Viele gingen in die Sparkasse, um ihre Einlagen abzuheben. Diese Welle erfaßte auch mich. Aber ich kam zu spät. Die Kasse war leer, die Auszahlungen waren eingestellt. Alles lärmte, beschwerte sich. Und der Junitag brannte lichterloh, die Hitze war unausstehlich. Jemandem wurde übel, jemand zankte sich verzweifelt. Den ganzen Tag über war die Stimmung unruhig und gespannt. Erst gegen Abend wurde alles seltsam still."

(*) Im Auftrag Stalins hielt Molotow unmittelbar nach Beginn des deutschen Angriffs eine Rundfunkansprache.

Angesichts der Stärke Deutschlands sowie des anfangs katastrophalen Verlaufes des Finnland-Feldzuges 1939/40 dem eigenen Volk zu suggerieren, militärische Siege seien leicht und ohne größere Opfer zu haben, hält Simonow für einen weiteren schweren Fehler Stalins: Während sich die Jungen ganz im Stalinschen Sinne in Hurra-Patriotismus ergingen, hielten es diejenigen, die es besser wussten, für nicht opportun, auch nur ansatzweise über die Hölle des Krieges nachzudenken, geschweige denn, darüber zu reden. Typisch für diese Selbstzensur: die Reaktion des Publizisten und Chalchin-Gol-Veteranen Wladimir Stawskij auf Simonows Vorschlag, als Denkmal für die im Kampf gegen die Japaner am Fluß Chalchin-Gol 1939 gefallenen Rotarmisten einen der dort zerstörten sowjetischen Panzer zu nutzen: "Anstelle eines Denkmals ein zerlöcherter Panzer? Was soll das für ein Symbol des Sieges sein ...? Können wir etwa keinen neuen Panzer aufstellen oder einen aus Marmor?"

In unserer finsteren Zeit

Aber war es nicht jener blinde, irrationale Glaube an die eigene Kraft, der viele Soldaten und Offiziere befähigt hat, die extrem schweren Schläge der ersten Kriegsphase durchzustehen und später die Wende zu erzwingen? Nicht für Simonow: Für die siegreiche Wende im Großen Vaterländischen Krieg gebe es viele Gründe, auch patriotische. Allerdings nicht im Sinne propagandistischer Sprüche, sondern eines Aktes kollektiver Selbstbehauptung angesichts tödlicher Bedrohung. Nicht minder wichtig jedoch, so Simonow, waren qualifizierte Offiziere, für die persönliches und militärisches Pflichtgefühl eine untrennbare Einheit bildeten, die neben umfassenden militärischen Kenntnissen und patriotischen Überzeugungen über die Fähigkeit verfügten, schöpferisch zu denken. Und Soldaten, die motiviert gewesen seien, weil sie wussten, wofür sie kämpften, und ihr Kommandeur ihnen dabei Vorbild war. Laut Simonow fielen solche Militärs nicht vom Himmel - um so verhängnisvoller war die Enthauptung des Offizierskorps Ende der dreißiger Jahre.

"In die Segel der Geschichte darf nur ein Wind blasen: der Wind der Wahrheit. Einen anderen Wind kann und wird es nicht geben. Alles andere ist nicht der Wind der Geschichte, sondern die Zugluft der Konjunktur", schrieb Simonow in den 100 Tagen und wurde diesem Anfang, der sechziger Jahre formulierten Anspruch in beispielhafter Weise gerecht: Ganz bewusst verzichtet er darauf, seine frühen Aufzeichnungen über den Krieg nachträglich umzuschreiben. Für ihn waren sie authentisch, also wahr. Später verfasste Kommentare sollten die ursprüngliche Texte nicht relativieren, sondern konkretisieren. Simonow stand zu dem, was er vor Jahrzehnten in Unkenntnis vieler Fakten niedergeschrieben hatte. Egal wie unzulänglich - es war ein Teil seiner selbst, auf den er nicht verzichten wollte.

Bitterer Geschmack

Aus dem Tagebuch von Konstantin Simonow über den 2. Mai 1945 in Berlin: "Wir hatten die Stadt verlassen und befanden uns auf halbem Wege zum Stab, als wir plötzlich ein rasendes Feuer hörten und sahen. Ringsum erhellten Leuchtspurgeschosse und Granaten den Horizont. Da wussten wir, der Krieg war zu Ende. Nichts anderes konnte dieses Feuerwerk bedeuten. Und plötzlich fühlte ich mich elend. Ich schämte mich vor meinen Begleitern, mußte aber schließlich doch aussteigen. Ich verspürte ein krampfhaftes Zucken in Kehle und Speiseröhre, der Speichel lief mir zusammen, bitterer Geschmack, Galle. Ich weiß nicht wovon. Wahrscheinlich von der Entspannung der Nerven, die sich in dieser unangenehmen Weise äußerte. Während der ganzen vier Kriegsjahre war ich in jeder Lage bemüht gewesen, mich zu beherrschen, und das war mir wohl auch gelungen, doch hier, in diesem Augenblick, als ich begriff, daß der Krieg aus war, erschütterte mich etwas, und die Nerven versagten ..."

Zitiert aus: Konstantin Simonow, Kriegstagebücher, Moskau 1977.

Simonows Wahrhaftigkeit erhebt sein Werk zu einem Erbe, auf das Russlands Streitkräfte heute bei ihrer Suche nach neuen Ufern weniger als je zuvor verzichten können: "In unserer finsteren Zeit", mahnte kürzlich der Präsident der Akademie der Militärwissenschaften, Armeegeneral Machmut Garejew, "in der die für normale Gesellschaften heiligsten und grundlegendsten Begriffe, darunter die Idee der Verteidigung des Vaterlandes, in Zweifel gezogen werden ..., muss die Vorbereitung der Jugend auf den Dienst in den Streitkräften tiefgründiger und überzeugender als je zuvor sein. Im Zuge dieser wichtigen und vielfältigen Arbeit können wir auf neue Simonows nicht verzichten... besonders mit Blick auf die jungen Offiziere."

Die Hommage weist auf einen wunden Punkt. Ein sich auf den Großen Vaterländischen Krieg berufender patriotischer Traditionalismus verliert zusehends seine nationale Verbindlichkeit. Das hat nicht zuletzt die diesjährige Militärparade am 9. Mai, dem Tag des Sieges, auf dem Moskauer Roten Platz erkennen lassen: Die exerzierenden Formationen stark reduziert, keine spektakuläre Militärtechnik, das musikalische Rahmenprogramm profan. Für einige Beobachter Anlass zu der Forderung, künftig auf ein solches Défilé zu verzichten. Der Vorbeimarsch sei nichts weiter als eine immer weiter verblassende Kopie der Siegesparade vom 24. Juni 1945. Das ist nicht nur für die Veteranen ein Sakrileg, sondern auch für die russische Armee, egal in welchem Zustand sie sich befinden mag. Die kollektive Erinnerung an die mehr als 20 Millionen Toten des Großen Vaterländischen Krieges bleibt für den russischen Staat von identitätsstiftender Symbolik.

(*) Konstantin Simonow: Sto sutok wojny. Smolensk, 1999.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 22.06.2001

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare