Der würdige Preis

Existenzsicherung Zu niedrige Löhne sind ein fundamentales Problem. Wie gegensteuern?
Der würdige Preis
Zusammen stärker: Kleinbauernkooperativen können bessere Preise erzielen

Foto: Peter Caton

Die Lage der Kakaobäuerinnen und -bauern in Westafrika ist mehr als prekär. Niedrige Einkommen reichen nicht für ein Leben in Würde und machen für viele Familien Kinderarbeit zur einzigen Option. Verschiedene Initiativen und Projekte arbeiten daran, die Situation langfristig zu verbessern. Dabei spielen sowohl Organisationen wie Fairtrade als auch nationale Gesetzgebungen und Impulse aus der Industrie eine Rolle.

Bereits im Juni dieses Jahres unterstützte Fairtrade die Ankündigung der Regierungen von der Côte d’Ivoire und Ghana, den Preis für alle Kleinbäuerinnen und -bauern durch ein staatlich eingeführtes Living Income Differential (LID) ab Oktober 2020 zu erhöhen. Fairtrade sieht dies als echte Chance, um die prekäre Situation der Produzent*innen in beiden Ländern zu verbessern und in Richtung existenzsichernde Einkommen zu transformieren. Zusammen bauen Ghana und die Côte d’Ivoire mehr als 60 Prozent des weltweit benötigten Kakaos an. Fairtrade hat die Einführung des LID durch die Regierungen öffentlich unterstützt. Der Betrag soll zusätzlich pro Tonne Kakao zu zahlen sein und gewährleisten, dass ein höherer Preis bei den Bauern und Bäuerinnen ankommt. Ab Oktober 2020 ist das LID in Höhe von 400 US-Dollar pro Tonne (FOB) für Kakao aus Ghana und der Côte d’Ivoire zusätzlich zum staatlich festgelegten Marktreferenzpreis zu zahlen.

Fairtrade begrüßt den klaren Aufruf der Regierungen von der Côte d’Ivoire und Ghana an die Kakaoindustrie auf dem Weltkakaoforum in Berlin am 23. Oktober 2019. Nachdem die Regierungen eine Überprüfung aller Zertifizierungs- und Nachhaltigkeitsprogramme angekündigt hatten, ist die Forderung der Regierungen nun klar: Die Zahlung des Zusatzbetrags für existenzsichernde Einkommen hat Priorität vor jedem (unternehmens-)eigenen Nachhaltigkeitsprogramm.

Die Zahlung der Fairtrade-Prämie in Höhe von 240 US-Dollar pro Tonne für Gemeinschaftsprojekte der Kooperativen bleibt von den Preisentwicklungen und -regulierungen unberührt. Bis Oktober 2020 galt (Erntezeitraum 2019/2020): Für die laufende Kakaoernte in der Côte d’Ivoire ist für Fairtrade-zertifizierten Kakao ein sogenanntes Differential in Höhe von 235.92 US-Dollar pro Tonne zu zahlen. Denn um exakt diesen Wert liegt der staatliche Preis (2.164,08 US-Dollar/Tonne (FOB)) unter dem Fairtrade-Mindestpreis (2.400 US-Dollar/Tonne (FOB)). Für Ghana kann das zu zahlende Differential nicht pauschal angegeben werden, sondern muss pro Fall ermittelt werden.

Mehr als stabile Preise

Bis Oktober 2020 galt (Erntezeitraum 2020/2021): Ist die Summe aus staatlich festgelegtem Preis plus LID (400 US-Dollar/Tonne) größer oder gleich dem Fairtrade-Mindestpreis, ist kein weiterer Fairtrade-Preisaufschlag erforderlich. Liegt die Summe aus staatlichem Kakaopreis und zusätzlichem LID aber unter dem Fairtrade-Mindestpreis, erhalten die Kleinbauernkooperativen den Fairtrade-Mindestpreis. Der Fairtrade-Standard für Kakao wurde bereits angepasst, um das LID anzuerkennen.

Zusätzlich zur öffentlichen Unterstützung für das Living Income Differential hat Fairtrade bereits weitere wichtige Maßnahmen ergriffen, um den Verdienst der Kakaobäuerinnen und -bauern zu erhöhen. Denn wir stimmen den Regierungen zu: Eine Verbesserung der Lebensgrundlagen im Kakaosektor ist absolut notwendig. Als einziges Zertifizierungssystem, das sich öffentlich für das Recht der Bäuerinnen und Bauern auf ein existenzielles Einkommen einsetzt, wird Fairtrade weiterhin mit Regierungen zusammenarbeiten, um dies zu verwirklichen.

Fairtrade ist das einzige Zertifizierungssystem, das sich auf stabile Mindestpreise konzentriert, und macht als solches bereits einen Unterschied für die Einkommen der Kleinbäuerinnen und -bauern. Dazu gehört auch, dass für Ernten ab dem 1. Oktober 2019 der verbindliche Fairtrade-Mindestpreis – der als Sicherheitsnetz für die Bauern dient – um 20 Prozent erhöht wurde. Zusätzlich zum Fairtrade-Mindestpreis erhalten Genossenschaften, die Kakao zu Fairtrade-Konditionen verkaufen, eine Fairtrade-Prämie von 240 US-Dollar pro Tonne für Gemeinschaftsprojekte. Sie wurde parallel zum Mindestpreis um 20 Prozent erhöht. Im Gegensatz zu anderen Systemen erhalten die Genossenschaften 100 Prozent dieser Prämie. Die Genossenschaften vereinbaren auf der Generalversammlung demokratisch, wie das Geld verwendet wird.

Zusätzlich zu den jüngsten Änderungen von Mindestpreis und Prämie bringt Fairtrade weitere Vorteile: Die Produzent*innen verfügen über 50 Prozent der Stimmrechte im höchsten Gremium der Fairtrade-Bewegung, der Generalversammlung, und bestimmen den Weg des fairen Handels aktiv mit. Die Fairtrade-Standards bieten den Rahmen, damit sich kleinbäuerliche Produzent*innenorganisationen im Sinne ihrer Mitglieder, der Gemeinden und der Umwelt professionalisieren und entwickeln. Dazu trägt Fairtrade zum Westafrikanischen Kakaoprogramm (West African Cocoa Programme) bei, das sich darauf konzentriert, zusammengeschlossene Kleinbäuerinnen und -bauern zu stärken und zu vitalen Organisationen zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder eingehen.

Ein angemessener Preis für Bäuerinnen und Bauern, die in demokratisch geführten Genossenschaften arbeiten, ist die Grundlage dafür, dass Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können und sich das ghanaisch-ivorische Living Income Differential und die Fairtrade-Zertifizierung ergänzen. Fairtrade teilt die Ziele der Regierungen von Ghana und der Côte d’Ivoire, freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit ihnen und ist davon überzeugt, dass die Zertifizierung und Dienstleistungen durch Fairtrade für Kakaobäuerinnen und -bauern in Einklang mit dem Living Income Differential stehen.

Auch die Industrie ist gefragt

Neben der Zahlung des LID umfasst das Projekt Schulungen, die von der Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) und ihren lokalen Partner*innen umgesetzt werden. Schwerpunkte sind nachhaltigere Anbaupraktiken, eine effizientere Bewirtschaftung der Farmen sowie die Verbesserung des Managements der Kooperativen. Hinzu kommt der Anbau weiterer Kulturen wie beispielsweise Cashew-Bäumen, um zusätzliche Einkommensquellen für die Bäuerinnen und Bauern zu generieren. In diesem Zusammenhang tritt die Rewe Group der Competitive Cashew Initiative (ComCashew) bei, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Cashew-Wertschöpfungskette in ausgewählten afrikanischen Ländern erhöhen will.

Aber wie wird ein existenzsicherndes Einkommen überhaupt ermittelt? Die Welt verändert sich rasant. Das betrifft insbesondere Märkte, Handelsbeziehungen und Lebensentwürfe. Die Anforderungen an ein würdiges Leben wandeln sich und müssen immer wieder neu verhandelt werden. Bedürfnisse und die Kosten, um diese zu decken, variieren je nach Land, Region, Lebensumständen und weiteren Faktoren. Vor 20 Jahren hätte kaum jemand behauptet, dass etwa der Zugang zum Internet ein Grundbedürfnis darstellt. Heute ist damit eine Vorstellung von freiem Informationsaustausch und Bildungsmöglichkeiten verknüpft, die eine solche Aussage durchaus rechtfertigt.

Die Berechnung von existenzsichernden Einkommen erfordert zeit- und kostenintensive Feldforschung in unterschiedlichen Regionen. Wie sind die Arbeitsbedingungen, wie gut ist die Infrastruktur ausgebaut, wie viel Einkommen braucht es, um ein würdiges Leben zu führen? Bisher wurden nur wenige Regionen dahingehend untersucht. Die Berechnungen und die Methodik gehen auf das Forscherpaar Martha und Richard Anker zurück, die sich vor allem mit existenzsichernden Löhnen für Arbeiter*innen auf Plantagen befasst haben. Aber umfassende Studien sind flächendeckend logistisch und finanziell kaum zu bewältigen: „Löhne und Einkommen variieren von Land zu Land und zwischen Stadt und Land. Wenn wir nicht über verlässliche Zahlen auf der Grundlage der gleichen Methodik verfügen, ist es schwierig, die Ergebnisse zu vergleichen und zu messen, ob wir Fortschritte machen“, sagt Wilbert Flinterman, leitender Berater für Arbeiterrechte bei Fairtrade International.

Jetzt gibt es einen effizienteren Weg, um die so wichtigen Daten zu ermitteln, die zeigen, wie viel Geld benötigt wird, damit Produzent*innen ein existenzsicherndes Einkommen generieren und Beschäftigte einen angemessen Lohn verdienen können. Dazu werden Referenzwerte eingesetzt. „Die neuen Referenzwerte sind ein wichtiger nächster Schritt in der Arbeit des Fairen Handels zur Messung und Verbesserung der Existenzsicherung für Produzierende auf der ganzen Welt“, sagt Flinterman. „Die Referenzwerte sollen keine vollwertigen Studien wie die von Martha und Richard Anker ersetzen, aber sie können einen globalen Überblick über Hotspots mit niedrigen Einkommen und niedrigen Löhnen liefern, der es dem Fairen Handel dann ermöglicht, Prioritäten zu setzen und Unterstützung zu sammeln, um diese zu bekämpfen.“

Die neuen Werte sind mit den lokal spezifischen Studien zu Einkommen und Löhnen kompatibel, decken ganze Länder anstatt bestimmter Ortschaften ab und berechnen die Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten. Sie werden besonders nützlich sein, um Regionen zu identifizieren, in denen die Einkommen im Vergleich zu den Bedürfnissen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sehr niedrig sind und Beschäftigte mit niedrigen Löhnen kämpfen müssen. „Die neue Methodik könnte die Zahl der Länder, für die glaubwürdige und international vergleichbare Schätzungen der existenzsichernden Löhne und des existenzsichernden Einkommens vorliegen, deutlich erhöhen“, so Martha Anker. „Sie sind in der Erstellung viel kostengünstiger als vollständige Studien, sind aber dennoch international vergleichbar und lassen sich jedes Jahr leicht aktualisieren. Sie werden für viele Entwicklungsländer wertvolle neue Informationen liefern.“

Die ersten Anker-Referenzwerte und Länderprofile werden Burkina Faso, die Côte d’Ivoire, Peru und Ruanda abdecken. Weitere 16 Referenzwerte und Länderprofile werden im Laufe des Jahres veröffentlicht – das bedeutet, dass mehr Fairtrade-Herkunftsländer als je zuvor abgedeckt werden.

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06:00 25.11.2020

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