Der Wunsch, Tabubrecher zu sein

Gefangener seiner Obsessionen Martin Walsers umstrittener Roman "Tod eines Kritikers"

Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus". Martin Walser lässt diesen denkwürdigen Satz den Schriftsteller Hans Lach in seinem Buch "Der Wunsch Verbrecher zu sein" schreiben. Wenn der Schriftsteller eine seiner Figuren bis auf den Tod zu hassen beginnt, verlässt er das Terrain der Kunst. Denn auf was liefe der vollkommenste Realismus in der Kunst anderes hinaus als auf das Leben? Unausgesprochen schwebt Lachs Erkenntnis über der neuesten Walser-Fehde. Nicht nur in der erbitterten Debatte werden Kunst und Leben wieder einmal umstandslos in eins gesetzt. Auch in Walsers Buch fahnden alle Protagonisten nach den Motiven für den Mord an dem TV-Starkritiker André Ehrl-König. Kriminalhauptkommissar Wedekind beginnt im Zuge seiner Recherchen die Bücher des verdächtigten Lachs zu lesen. Der ratlose Detektiv erhofft sich Motive für den vermeintlichen Mord an dem großen Blitzschleuderer nach dem Verdammungsurteil über Lachs letzten Roman "Mädchen ohne Zehennägel" in der literarischen TV-Sprechstunde. Im Gegensatz zum verflossenen Literarischen Quartett ist diese Sprechstunde eine One-Man-Show auf einem Thron aus Marmor-Imitat. Im Wald der Fiktionen verspricht sich der Kommissar Hinweise auf das Realitätsknäuel, das er entwirren will.
Dieser Kurzschluss von Realität und Fiktion war schon ein Kennzeichen der Debatte um Stephan Hermlin und seine Biographie. Abendlicht, Hermlins Meisterwerk, wurde unter der Ägide des literarischen Radiologen Karl Corino so lange auf seine Realitätshaltigkeit durchleuchtet, bis man ästhetische Modellier- und realistische Biomasse genau auseinanderhalten zu können glaubte. Hier, rief der Kommissar aus Frankfurt an diversen Stellen dann plötzlich mit erhobenem Zeigefinger, lüge der Dichter. Was hätte man sonst von einem großen Schriftsteller erwarten sollen?
Es scheint, dass der Streit um den schreibenden Rhetor vom Bodensee auch eine Wasserscheide markiert. Scheide insofern, als hier die unsichtbare Grenze, die Literatur vom Leben scheidet, kurzerhand für ungültig, zur lächerlichen Petitesse erklärt wird: "Lassen wir das Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang an beiseite" dekretierte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Präventivschlag mit dem Titel Tod eines Kritikers kurzerhand. Wenn es einem passt, wird der ganze - wie gut oder schlecht auch immer geglückte - Konstruktivismus kurzerhand nur zu einem Vorwand erklärt, von so grundlegender Bedeutung wie die Handmaske auf einem Opernball.
Walser selbst nährt mit seiner diebischen Lust an der Uneindeutigkeit das Verschwimmen dieser schmalen, aber entscheidenden Passage. Im Spiegel-Interview bestreitet er - in seiner literarischen Ehre tief gekränkt - jede Ähnlichkeit des Kritikers Ehrl-König oder des Verlegers Ludwig Pilgrim mit Reich-Ranicki oder Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld. Im gleichen Atemzug gibt er mit gespielter Demut zu Protokoll: "Ich habe mich nie für den lieben Gott gehalten, der die Welt aus dem Nichts schafft." Seine Literatur sei "wirklichkeitsgesättigt", fügt Walser hinzu. Und in der Weltwoche geht er noch weiter: "Leidzufügende Vorbilder brauche ich nun mal zum Schreiben. Ich mach´s nie ohne." Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Schriftstellerin(!) Brigitte Hamann dem natürlich ebenfalls tief gekränkten Marcel Reich-Ranicki rät, gegen das Buch zu klagen. Wem nutzt es, der Literatur mutwillig den Freiraum der Lüge zu nehmen? Jedenfalls nicht der Literatur.
Dieser Freiraum muss groß bleiben. So groß, dass darin nicht nur Mordphantasien möglich sind, sondern auch, was aus diesen Phantasien werden kann. "Schöne Literatur muss grausam sein" - mit diesen Worten hat der Berliner Schriftsteller Alban Nikolai Herbst kürzlich die Zumutungen auf eine moralisch saubere und pazifizierte Literatur zurückgewiesen. Dieser Freiraum muss auch so groß bleiben, dass er einen negativen jüdischen Helden enthalten kann. Doch wie macht man das? In Deutschland? Walser war sich dieser Problematik wohl bewusst. Eher beiläufig führt er ein, "dass André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust". Es ist nicht der von der Kritik inkriminierte, angeblich jüdische Dialekt Ehrl-Königs - in Wahrheit ein reines Kunstprodukt. Es ist der perfide Typus, bei dem einem Walsers verwundertes Kopfschütteln, dass er sich wundere, wie dieser Mensch "so grell auf ein Nebenmotiv eingeengt werden kann", wie der reine Hohn erscheint. Ausgerechnet Walser, dem sorgsamen Kalkulator des Symbolischen in der Rede wie in der Schrift. Dieser Walser, nachdem er sorgsam den nihilistischen Sex-Moloch gezeichnet hat, will uns weismachen, es gehe ihm nicht um den Juden, sondern um eine Satire auf die Macht im Kulturbetrieb mit seinem inhaltsleeren Spektakel. Wenn es nur dieses Anliegen gewesen wäre, hätte es der Fratze mit jüdischen Zügen nicht bedurft, die er nach und nach dem eitlen TV-Star auflegt, der die Literaturkritik mit seinem Entweder-Oder so willkürlich vernichtet wie er die Autoren erhebt und fallen lässt. Und auch nicht solcher Plattitüden, dass die Medien "wahrheitsimmun" seien.
Die Entfaltung dieses ästhetischen Typus folgt der diskursiven Salamitaktik wie in der Paulskirchenrede 1998 und dem Streitgespräch mit Gerhard Schröder im Berliner Willy-Brandt-Haus Anfang Mai diesen Jahres: Ein Holocaust-Leugner ist Martin Walser nicht. Aber dass der Holocaust instrumentalisiert wird, dass wir mit seiner Darstellung aus politischen Gründen gequält werden. Das wird man doch noch einmal sagen dürfen! Ein Revisionist ist Martin Walser nicht. Aber dass die Alliierten mit dem Frieden von Versailles Hitler ermöglicht haben. Das wird man doch einmal sagen dürfen! Ein Antisemit ist Martin Walser nicht. Aber dass man auch einmal einen Juden negativ darstellen darf, das wird man doch noch einmal schreiben dürfen!
Erkennt man jene Grenze zwischen Kunst und Leben an, die derzeit mutwillig eingerissen wird, wird man sagen müssen: Mag sein, dass Walsers Rollenprosa den latenten Antisemitismus der Gesellschaft kenntlich macht, nicht zwangsläufig den des Autors. Das Bild des Juden, dem der "Scheißschaum" wie "Ejakulat" um den Mund steht, der nur zersetzen kann, in seiner luziden Boshaftigkeit nur ein Gefäß seines Mentors Rainer Heiner Henkel ist, aber trotzdem die "Umwertung aller Werte" schafft, entsteht in einem Stimmengewirr, das dem Stammtisch nicht unähnlich ist. Man kann sich hinter Rollenprosa aber auch verstecken. Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn sie von einem so "leidzufügenden" Motivfeld umgeben ist.
"Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus". Walser gewinnt seinen Fiesling Ehrl-König so erkennbar aus dem realexistierenden Reich-Ranicki, dass man nicht nur gelangweilt ist. Mit einem ähnlich titanischen Starrsinn wie Botho Strauß gegen Moralverfall und Mediengesellschaft, rennt der Autor Walser gegen zwei deutsche Tabutüren der Literatur: Du sollst den Spieß nicht umdrehen! Du sollst keinen Juden kritisieren! Man hätte eine kunstvolle Allegorie aus dem Stoff Kritiker gegen Autor schmieden können mit einem höheren Ewigkeitswert als diese Schmähschrift. Walser findet mit dem Erzähler, der als Freund des inhaftierten Lach beginnt und sich zum Schluss als der Schriftsteller selbst herausstellt, auch eine ungewohnt raffinierte Erzählsituation, die diese Mordgelüste ventiliert. Doch genau in der äußersten Überdehnung seines Fiktionsmaterials auf das wahre Leben hin liegt die gefährliche Kraft dieses Buches. Literatur ist nicht nur, was geschrieben wird, Literatur ist auch wie sie gelesen wird. Man hat bürgerlichen Politikern vorgehalten, mit Vokabeln von der "durchrassten" Gesellschaft die Denkfiguren der Alt- und Neurechten rhetorisch zu legitimieren. Martin Walser mag sich erlöst wähnen, dass er wieder einmal wagte, was sonst niemand wagte. Doch wer wird sich durch diesen Tabubruch ermutigt fühlen? Ihn imitieren? Den wird es nicht scheren, dass, weil sie so ins Realistische zielt, Walsers Literatur letztendlich tot ist.
Gehört der Mann nun endgültig zu den Neurechten? Keineswegs. Für diese Behauptung bräuchte es mehr Beweismasse als einen missglückten Roman. Elke Schmitter bleibt im Spiegel diesen Beweis schuldig. Denn wenn die antisemitischen Grundmuster, die sie da "aus tiefstem Grund" bei Walser aufsteigen sieht, wirklich aus jenen "Tiefenschichten des Bewusstseins" stammen, kommt es einem doch etwas merkwürdig vor, dass sie in dem langen Oeuvre dieses Autors bislang nun rein gar nicht zu Tage getreten sind. Dasselbe gibt für Thomas Assheuers oder Stefan Ripplingers Versuche, Walsers Symbolik als Beleg für den Kampf des Mannes vom Bodensee gegen die christlich-jüdische Hegemonie zu deuten. Kein Zweifel, dass Martin Walser so etwas wie die Nationalisierung des Diskurses über Deutschland angestoßen hat. Doch wie kam der Umschwung vom analytischen Linksintellektuellen zum wallenden "neuheidnischen" Gefühlspatrioten zustande? Und was sagt er über den Diskurs aus, dem er entstammt? Vielleicht brächte eine Debatte über diesen Umschlagpunkt mehr Licht in einen dunklen Fall als die schneidigen Thesen von Walsers deutschnationaler Kontinuität, vor der die "professionelle" Literaturkritik angeblich das Auge allzu lange zugedrückt habe. Mit dem einfachen Satz "Vier Finger der ausgestreckten Hand zeigen auf uns selbst zurück" hat Bundespräsident Gustav Heinemann in den siebziger Jahren den Versuch kommentiert, das "Phänomen" RAF von der Gesellschaft abzutrennen, in der es virulent wurde.
Walsers Buch ist ein ungeheuerliches Wagnis. Mit einem urdemokratischen Anliegen übrigens. "Ehrl-König war alles durch die Macht" heißt es an einer Stelle im Roman. "Aber er hätte sich, um erfahren zu können, wer er wirklich war, seiner Macht entledigen müssen." Das unsichtbare Machtsystem des Literaturbetriebs, den Abgrund aus Intrige und Übereinkunft, Geld und Geist, dem man selber entstammt, gar seinen Erfolg verdankt, auffliegen zu lassen, dem Kritiker Paroli zu bieten - das alles zeugt von nicht geringem Mut. Jeder, der diesen selbstbezüglichen Betrieb mit seinen Seilschaften, Eitelkeiten und der "Statuskeule" regelmäßig zu spüren bekommt, wird das Motiv des "Nichtmehrdazugehörenmüssens", das Walser dem Schriftsteller Lach unterschiebt, aus tiefstem Herzen verstehen. Doch abgesehen davon, dass in dem Sturmlauf eines hochgestimmten Enthusiasten gegen die Kritik auch eine tief deutsche Abneigung gegen die Distanz der Aufklärung durchscheint. Konterkariert man mit einem die Grenze zur Lächerlichkeit mehr als einmal überschreitenden Hassbild die schrecklichen Vereinfacher der Mediengesellschaft? Das "Tor ins Freie", wie Hans Lach in seinen Aufzeichnungen über die Literatur schreibt, hat Walser mit diesem Buch nicht aufgestoßen. In Wahrheit ist er hier ganz das Opfer seiner Obsessionen. Splendor solis - Sonnenglanz heisst das "saturnische Lieblingsbuch" der Verlegergattin Julia-Pelz-Pilgrim, der leidenschaftlichen Sammlerin mystischer Schriften. Das berühmte Buch der hermetisch-alchemistischen Überlieferung ist eine der mittelalterlichen Handschriften der Alchemie. In ihr wird beschrieben, wie das Opus Magnum, die Selbstwerdung des Menschen oder auch eine chemisch sich vollziehende Gotteswerdung zu erlangen sein soll. Mit Tod eines Kritikers hat Walser aus dem Kothaufen des Literaturbetriebs nicht das Gold der Literatur gemacht. Hoffen wir, dass es ihm beim nächsten Mal wieder so gelingt wie in seinem letzten Roman Der Lebenslauf der Liebe. Und wir nicht sagen müssen: Einen Autor, dessen Ende man für vollkommen gerechtfertigt hielte, das wäre Realismus.

Martin Walser: Tod eines Kritikers. Roman. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 240 S., 19,90 EUR


00:00 14.06.2002

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