Der Zar hätte sich amüsiert

Theater Wer ein biederes Bühnenbild baut und diese Oper nicht übergrotesk inszeniert, darf sich über lauen Beifall nicht wundern

Der Revisor stolziert wie ein Pfau, aufgebläht, Schlips auf Halbneune, kreisend mit Fingern und Ellbogen, die Knie gebogen. Ein Narr, seiner Rolle als Machtmensch noch nicht gewiss, der da tänzelt und wogt, ein Pantomimiker in gelbrot gestreiften Klamotten, wie sie Majakowski trug, vor einer die Räume zergliedernden Reliefbühne, die immer schief steht. Die geblendeten Leute, gespannt bis in die Zehnägel, bestaunen diesen Jongleur aus dem Weltzirkus, der angewidert in die Gesellschaft glotzt, in die er zufällig hineingeraten ist. Eine Ballszene, die es gar nicht gibt bei Gogol. Musik schmettert auf der Bühne. Es spukt aus allen Ritzen. Eine wahre Tanzgroteske nimmt ihren Lauf. Alle rennen, stolpern, stürzen auf diesen Galopp, der kein Ende nimmt. Die Protagonisten reden nicht, sie singen. Mit Fistelstimmen, als wären sie nicht bei Sinnen. Und sie müssen natürlich unentwegt gehen. Die Angst treibt sie. Wer mag es sein? Ein Phantom? Oder wirklich ein Revisor, der uns überführt? Wer hat ihn uns auf den Hals gehetzt? Du? Die da? Was ist wichtiger im Theater, als zu wissen, wie man geht. Das aber stilisiert zu tun, überzeichnet, erfinderisch bis zum Exzess, das ist der Revisor, das bildet seine korrupten Typen ab, das charakterisiert die schrägen, kaputten, vor Feigheit berstenden Figuren, den Anwalt, den Lehrer, den Postmeister, den Gesundheitsobmann, die beiden Gutsbesitzer, die Stadthauptmannstochter, deren Mutter, die den von seiner fremdbestimmten Kontrolleursrolle nun gierig Gebrauch machenden Revisor schon bald zu packen kriegt.

Genug der Täuschung. Nichts davon findet sich auf der Bühne des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, wo Gogols Revisor jüngst Premiere hatte. Meyerhold hat es 1926 und 1929 bei seinen Inszenierungen des Revisor so ungefähr gemacht. Es müssen phantastische, durchkomponierte Aufführungen gewesen sein. Radikale Aufführungen, die bloßstellten, was der Gogol-Text vorgibt, die den ganzen Dreck einer Clique von miserablen Machthabern hochwirbeln. Seitenstück dazu war dereinst die Oper Die Nase. Schostakowitsch komponierte sie, als er 20 war. Wer diese Oper nicht militant, übergrotesk auf die Bühne bringt, der sollte es bleiben lassen. Genauso muss der Revisor kommen. Der Zar, beiwohnend der Revisor-Uraufführung in St. Petersburg 1836, soll sich darüber köstlich amüsiert haben.

Der Zar hätte sich auch in Potsdam amüsieren können. Kortschagin, das Faktotum, ist der beste Schauspieler (Helmut G. Fritsch). Er hat fast nichts zu sagen, und wenn, wie am Schluss, als er ankündigt, dass die Stadt nun einen wirklichen Prüfer beherbergen würde, dann liegt in seinen Worten der vielleicht nüchternste Witz, der sich im Revisor denken lässt. Der Schulinspektor Chlopow erhält durch Philipp Mauritz gelegentlich jene fratzenhaften Züge, wie sie Gogol sich gewünscht haben dürfte. Die restliche Personage war allzu sehr auf Situationskomik getrimmt (Inszenierung: Peter Kube). Die kann lustig sein, und war es stellenweise auch. Aber im Revisor ist sie eher unpassend. Da muss es knistern und wirbeln und heiter-makaber zugehen, da muss Erschrecken rein.

Wer indes ein biederes Bühnenbild baut mit Sessel für den dicken Opa und Konsum-Gaststättenstühlen, wer Figuren bloß bürgerlich einkleidet, statt die Körper so grell zu färben, wie es die Tiefseefische tun, wer schlechte, weil blöde, unverfremdete Musik aus Lautsprechern dröhnen lässt, bloß um die Szenen zu trennen, der darf sich nicht wundern über lauen Beifall.

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14:00 10.10.2010

Ausgabe 42/2021

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