Der Zeitungsleser

Kolumne Die Hand, offenbar die rechte, lässt sich dazu benutzen, Worte zu bilden, also tonlos zu sprechen. Die Zeit (25. April) hat Handstellungen ...

Die Hand, offenbar die rechte, lässt sich dazu benutzen, Worte zu bilden, also tonlos zu sprechen. Die Zeit (25. April) hat Handstellungen gezeichnet, die für den, der sie in Buchstaben zu übersetzen versteht, das Wort WUNSCHKIND bildet. Wenn gehörlose Eltern ein Kind bekommen, das normal hören kann - ist es dann das erwünschte Kind?
Dass sich Gehörlose zusammentun und ihre Behinderung zur Voraussetzung einer gesellschaftlichen Sonderrolle, eines speziellen Selbstbewusstseins machen - darin ist die Entwicklung in Amerika deutlich weiter als bei uns in Deutschland, wo die Überzeugung, "behindert ist man nicht, behindert wird man", eine positive Einstellung zur eigenen Behinderung selten mit sich bringt.
Dennoch verbreitet sich auch bei uns die Überzeugung der Gehörlosen, nicht behindert zu sein, sondern sprachlich einer Minderheit anzugehören, die sich ihr eigenes gesellschaftliches Miteinander schafft. Was der Unbehinderte als Behinderung einschätzt, kann dem Behinderten zur Voraussetzung seines Selbstbewusstseins werden.
Im "Wunschkind"-Artikel steht der Satz: "Darf eine behinderte Mutter, die nach einer Pränataldiagnostik Aussicht hat, ein unbehindertes Kind zu bekommen, es deshalb abtreiben?" Es wird keinen Leser geben, der nicht der Überzeugung wäre: Selbstverständlich nicht! Aber dem Zeit-Artikel ist zu entnehmen, dass es (in Amerika) taube Eltern gibt, die es bedauerten, ein normales Kind gezeugt zu haben.
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In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung ist eine Liste der Beliebtheit der Politiker gedruckt. Die Skala reicht von minus 5 (sehr unbeliebt) bis plus 5 (sehr beliebt). An erster Stelle figuriert Fischer, dessen Beliebtheit im März und April unverändert bei 1,9 geblieben ist, während der Bundeskanzler von 1,3 im März auf 1,0 im April zurück ging.
Frau Merkel und Stoiber sind im April auch weniger beliebt als im Monat zuvor, während Schily zwei Punkte dazugewonnen hat. Diese Werte beruhen auf einer telefonischen Befragung von 1.287 wahlberechtigten Deutschen zwischen dem 22. und 25. April.
Deutschland ist immer noch in politische Regionen aufgeteilt, und zwar nicht nur in die der alten und der neuen Länder, sondern auch in Süd und Nord. Während in der früheren BRD die Konkurrenten Schröder und Stoiber einander nahekommen (47 Prozent Schröder, 44 Stoiber), liegt in den "neuen Ländern" Schröder mit 47 Prozent deutlich vor Stoiber.
Wie soll es weitergehen? Bis zur Bundestagswahl kann noch viel passieren. Deutschland ist politisch betrachtet kein still ruhender See.

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00:00 03.05.2002

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