Der Zerfall der Ordnungen

Randzonengrenzgänger Dem Komponisten Georg Katzer zum 70. Geburtstag

"Schönheit" und Neue Musik? Solche Konstellation scheint auf den ersten Blick unverträglich, ja für kompromisslose neue Kunst unangebracht zu sein. Zumindest redet man darüber wenn überhaupt nur ungern. "Schönheit" ist eine klassische Kategorie und für eine Moderne untauglich. Neue Musik, welche Anspruch, Strukturfülle, Gedanklichkeit noch nicht abgeschrieben hat, scheint indes Berührungen nicht ganz verdecken zu können. Theodor W. Adornos Diktum, das Ganze sei das Unwahre oder konkreter: dass der lügt oder sich unwahr verhält, der den blühenden Kirschbaum schön findet, spitzt das Problem zu. In seinen Minima Moralia gibt Adorno ohne Kommentar eine treffende Erinnerung wieder: "Früh in der Kindheit sah ich die ersten Schneeschaufler in dünnen schäbigen Kleidern. Auf meine Frage wurde mir geantwortet, das seien Männer ohne Arbeit, denen man diese Beschäftigung gäbe, damit sie sich ihr Brot verdienten. Recht geschieht ihnen, daß sie Schnee schaufeln müssen, rief ich wütend aus, um sogleich fassungslos zu weinen."

Georg Katzer, Mann der Positivität, hat sich mit dem Problem lange beschäftigt und trägt es nach wie vor mit sich herum. Er, der die Wucht der Widersprüche, in und mit denen wir leben, wie die Unwirtlichkeit der Weltmaschine, die schnell und schneller tourt und immer mehr Menschenmaterial ausspeit, nicht wegblendet, weiß um seine Verantwortung als Künstler, obgleich die Jetztwelt ihre Wahrnehmung unterdrückt. Widersprüchlichkeiten, wo immer sie zu Tage treten, sind für ihn unverzichtbarer Kompositionstreibstoff und wesentliche Kompositionskategorie. Generell bewahrt Katzer die Idee einer Musik, welche technisch modern und lebendig, gesten - und sinnreich, heiter und gelassen, innovatorisch und kritisch, ironisch und listig sich darstellen und kommunikativ wirken will. Zuallererst interessiert den Komponisten, wenn aufgestellte Ordnungen zerfallen, wenn Statik und Dynamik einander ablösen, ineinander übergehen, wenn Paarungen wie homogen und heterogen, frei und gebunden, homophon und polyphon, in anderer Art Chaos und Ordnung, Geräusch und Klang, Kontinuität und Bruch in Spannung, "außer Rand und Band" geraten. Im Auskomponieren solcher Widersprüchlichkeiten ist Katzer Dialektiker, einer, der zugleich kritisch umgeht mit historischem und modischem Regelwerk, dessen Musik das additive mit dem evolutionären Element sinnreich verknüpft und dessen späte Werke eher den Zweifel an Evolution, das Verschwinden von Schönheit, die Störung, die Fehlbarkeit, das Niederschmetternde thematisieren.

Parallel zur kompositorischen Arbeit für den Konzertsaal, das Musiktheater und Medien beschäftigt sich Katzer auch mit Elektroakustischer Musik, Computermusik, Multimedia und Improvisation: "Das Mechanistische, Maschinenhafte, Automatenhafte im menschlichen Wesen wie in der Gesellschaft ist für mich ein zentraler Punkt der künstlerischen Beschäftigung."

Nach dem Fall der Mauer hat Katzer dieses Artefakt selber elektronisch auf den Punkt zu bringen versucht. In dem Hörstück Mein 1989. Eine Collage, die Schlaglichter wirft, komponiert als Farce. Komik tritt an die Stelle der Beschwörung von Geschichte. Eine Reaktion, sagt Katzer, kein Stück, das tiefer schürft, dazu hätte es anderer Mittel bedurft. Die Stimme von Honecker ist zu hören, ihre Intonatorik ein Witz schlechthin, Mauerspechte schlagen und schlagen und jubeln ihre Zeit tot.

Von anderem Kaliber ist ein Hörstück mit dem Titel Les Paysages Fleurissants - Laudate. Motoren mit unterschiedlichsten Klirrfaktoren schlagen des öfteren bei Katzer den Grundton an. Was aber passiert, wenn der Otto-Motor eines Kraftfahrzeugs anspringt? Katzers elektroakustische Komposition Les Paysages Fleurissants - Laudate gibt eigene Antworten. Das Startgeräusch löst nämlich ungeahnte, wellenförmig sich ausbreitende Klang-Gewitter aus, gellende Geräusche und angstbesetzte Sirenenklänge markieren Bilder des Chaos, der Katastrophe. Wehe dem! Hoffnung, die große Gebieterin, durfte nicht fehlen. So als sänge sich unterm Himmel der Abendröte eine ins Negativ-Utopische abstürzende Klangarie aus, endet das Werk.

Katzers bisherige Orchestermusikkreationen öffnen den Blick in weiträumige Landschaften. Will man den, der die Welt bereist hat und am liebsten zu Fuß geht, charakterisieren, muss man mindestens erwähnen, dass er ein suchender geistiger Wanderer ist, einer, der sich gern in Randzonen aufhält, wo das Unauffällige, Verschwiegene, Vergessene, Einsame wohnt, der unbekannte Wege und kantige Schründe liebt, die nirgendwo enden, Bahnen jenseits der Zentren in nahen, fernen Landschaften, ein Künstler, der gern auf Grenzlinien balanciert, und seien sie aus Stein, und der es mag, Mauern von uralten Burgen zu berühren und wenn der Himmel blau ist zu tänzeln wie der Harlekin auf dem Drahtseil von Front zu Front. Die uferlosen schmalen Gehege sind für den bescheidenen, sympathischen Mann der eigentlich fruchtbare Ort. Und Katzer ist zugleich ein wirklicher Wanderer, der sich mit vertrauten Menschen gelegentlich ins Auto setzt und einfach losfährt, ohne Ziel, voller Neugier, was ihn wohl erwarten wird, irgendwo an einem stillen Ort mit Seen und Hügeln und Vögeln.

Dem Ideal nach sind Katzers Landschaften intakt, frei und offen in ihrem Werden und Vergehen, so wie es der Naturprozess vorsieht. Real aber sind sie durch universelles Maschinengetös´ zerlärmt und der alle menschliche Kraft der Selbstbefreiung subsumierenden herrschenden Weltmaschine unterworfen. Nicht von ungefähr macht sich der Schmerz darüber in seinen Landschaften vernehmlich, in deren Zentren mit ihren wuchernden Gewässern und hartleibigen Hölzern und singenden Tierherzen und süßsanften Nebeln die Töne und Tonkomplexe ächzen und stöhnen und um Hilfe rufen. Was kann man dieser von Menschen hochgezüchteten und geölten negativen Weltmaschine als Künstler in die Speichen werfen?


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00:00 07.01.2005

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