Der Zorn des Ängstlichen

Porträt Geschichten aus dem Dunklen: Als Hakan bemerkt, dass er im Kampf keinen Schmerz empfindet, wird er vom Opfer zum Täter. Schluss der Freitag-Serie

Hakan wurde 1968 geboren und wuchs in einer Großstadt an der türkischen Mittelmeerküste auf. Es war die Zeit, als die Türkei von innenpolitischen Kämpfen zwischen Linken, Faschisten und militanten Islamisten zerrissen wurde. Mit acht Jahren wollte er mit Freunden aus einem anderen Stadtteil Fußball spielen. Die Freunde lebten in einem Bezirk, der von den Linken kontrolliert wurde. Plötzlich brauste ein Auto heran und es wurde aus einem Fenster mit einer Maschinepistole auf Hakan und seine drei Freunde geschossen. Einer seiner getroffenen Freunde riss Hakan mit zu Boden. Er überlebte als einziger das Massaker, das die Grauen Wölfe an diesem Nachmittag anrichteten. Zitternd saß Hakan am Boden zwischen den toten Freunden. Blut floss über die Straße, Blut klebte auch an seinen Händen und Kleidern. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Erwachsene aus den umliegenden Häusern kamen. Sie kümmerten sich um ihre toten Kinder, Hakan blieb sich selbst überlassen. Irgendwann stand er auf und wankte nach Hause.

Sein Vater und seine Mutter entstammten zwei seit langer Zeit verfeindeten Familien. Um die Mutter heiraten zu können, musste der Vater sie entführen. Da auf diese Weise vollendete Tatsachen geschaffen waren, trafen sich die verfeindeten Familien zu einem Familienrat und die Großeltern schlossen, um den Frevel ihrer Kinder zu sühnen und die Familienfehde zu beenden, einen Kontrakt. Dieser sah vor, die ersten beiden Söhne aus der illegitimen Verbindung an je ein Großelternpaar abzutreten und dem jeweiligen Enkel den Namen des „feindlichen“ Großvaters zu geben. Auf diese Weise würde „der Feind“ ins eigene Haus einziehen und dadurch seinen Schrecken verlieren.

Hakan erhielt also den Namen des Großvaters mütterlicherseits und wurde seiner Mutter entrissen, als man glaubte, sie habe ihn nun lang genug gestillt. Er wuchs im Haus der Großeltern auf, ging zur Schule und betrachtete die Großeltern als seine Eltern. Erst als er vier Jahre alt war, erfuhr er von der Existenz seiner wahren Mutter, an der die Großmutter kein gutes Haar gelassen hatte. Seither prägte Hakan die Sehnsucht nach der früh verlorenen Mutter, deren Bild zwar verblasst war, die er aber gleichwohl als körperliche Erinnerung in sich trug und die ihm, wann immer ihm Unrecht widerfuhr, in seinen Tag- und Nachtträumen als Retterin erschien.

Zwei Jahre des Glücks

Nach dem Massaker im roten Stadtviertel stand Hakan unter Schock. Er verstummte und zog sich in seine Innenwelt zurück. Nachts träumte er davon, endlos zu fallen. Die Großmutter schickte ihn zum Imam, weil sie davon ausging, dass das Kind verhext worden sei. Als alles nichts half, rief man nach neun Monaten die Mutter zu Hilfe, die inzwischen mit dem Vater nach Deutschland gezogen war und dort zwei Töchter zur Welt gebracht hatte. Der Vater arbeitete in einer Chemiefabrik in Unterfranken, in der Nähe von Aschaffenburg. Als der Hilferuf aus der Türkei eintraf, trat die Mutter mit den Mädchen die Heimreise an, während der Vater in Deutschland blieb.

Die Phantom-Mutter aus Hakans Träumen trat nun real in sein Leben und zog mit den beiden Söhnen und den Töchtern in ein Haus, das der Vater mit dem in Deutschland verdienten Geld hatte bauen lassen. Hakan begann nach wenigen Wochen wieder zu sprechen und blühte unter der mütterlichen Zuwendung auf. Zwei Jahre währte dieses Glück, dann wurde Hakan zufällig Zeuge eines Gesprächs, das die Mutter mit einer Freundin führte.

Die Mutter sprach davon, dass sie zu ihrem Mann nach Deutschland zurückkehren wolle, aber neben den beiden Töchtern nur einen Sohn mitnehmen könne. Sie wisse nicht, wie sie sich zwischen den beiden entscheiden sollte. Die Freundin riet, denjenigen nach Deutschland mitzunehmen, der in der Schule schlechter zurecht käme. Der andere würde in der Türkei seinen Weg finden und könnte in die Obhut der Großeltern zurückkehren. So beschloss Hakan, sich dumm zu stellen. Seine schulischen Leistungen verschlechterten sich rapide, und so durfte er 1979 die Mutter und die Schwestern nach Deutschland begleiten.

Im Alter von elf Jahren lernte er endlich seinen Vater kennen. Der Vater gab dem Sohn als eine Art von Begrüßungsgeld fünf Mark, damit er sich im Supermarkt Süßigkeiten kaufen konnte. Hakan betrat den Laden und stieß in der Obst- und Gemüseabteilung auf Bananen, deren Größe ihn erstaunte. Zu Hause in der Türkei war es üblich, Obst vor dem Kauf zu probieren. Also schälte er eine Banane und biss hinein. Da ihm der Geschmack missfiel, probierte er eine weitere, die ein bisschen reifer war. Das war schon besser, aber noch immer kein Vergleich mit den kleinen, süßen Bananen, die Hakan von zu Hause gewohnt war. Also schälte er eine dritte und probierte weiter. Plötzlich tauchten Mitarbeiter des Geschäfts auf und schoben ihn in einen Kühlraum. Hakan verstand kein Wort Deutsch und wusste nicht, wie ihm geschah. Sie riefen die Polizei und lieferten Hakan zu Hause beim Vater ab. Statt ihn zu verteidigen, war der Vater böse auf ihn und bezeichnete ihn als Dieb.

Hakan wurde in dem unterfränkischen Dorf in die fünfte Klasse geschickt. Die Lehrerin setzte ihn mit vier türkischen Mädchen in die letzte Reihe und forderte die fünf auf, nicht zu stören. Ansonsten kümmerte sie sich nicht weiter um sie. Die Atmosphäre war von Misstrauen und Feindseligkeit geprägt. Schleppten die fremden Kinder am Ende Flöhe in die Schule ein? Die Mädchen wurden aufgefordert, sich ihre Haare abzuschneiden, in denen man einen Nistplatz für Läuse sah. Hakan durfte seine Jacke nicht mit den Jacken der anderen an die Garderobe hängen, sondern hatte sie separat auf einen Schrank zu legen. Man forderte sie auf, keine Zwiebeln und keinen Knoblauch zu essen. Sie würden stinken und sollten gefälligst häufiger duschen. Nach sechs Monaten gab die Schule dem Druck der deutschen Eltern nach und richtete eine eigene Klasse für Türken ein. Zwei türkische Lehrer unterrichteten fortan 25 bis 30 türkische Kinder aus dem ganzen Schulbezirk.

Die Attacken der Mitschüler ließen nun nach, aber außerhalb der Schule stellten ihnen ältere Jugendliche aus dem Ort nach, die sich auf ihren Mofas wie Möchtegern-Rocker aufführten. Sie pöbelten sie an: „Haut ab, ihr Kümmeltürken, verpisst euch, ihr Scheiß-Kanaken“, und verprügelten sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Hakans Vater, der in der örtlichen Chemiefabrik zum Vorarbeiter aufgestiegen war und um seine Reputation fürchtete, ergriff zu Hakans großen Enttäuschung häufig die Partei der anderen und riet dem Sohn zu Zurückhaltung und Anpassung.

Hakan hatte inzwischen in einem Sportverein mit dem Ringen begonnen und war kräftiger und größer geworden. Mit dem Körper- und Muskelwachstum stieg auch sein Selbstbewusstsein. Als sie auf dem Heimweg von der Schule von den Mofarockern wieder einmal beleidigt wurden, rastete er zum ersten Mal in seinem Leben richtig aus. Sein gekränkter Stolz entlud sich in einem ihm selbst fremden, gewaltigen Zorn. Er schlug und trat wie ein Berserker auf einen der Jugendlichen ein und musste schließlich von herbeigeeilten Erwachsenen von dem bereits am Boden liegenden Opfer weggerissen werden. In dieser Situation machte er zwei ihn prägende Erfahrungen: Er empfand in Schlägereien keinen Schmerz und man brachte ihm fortan „Respekt“ entgegen. Der Rollentausch vom Opfer zum Täter wurde für ihn zu einer Art Offenbarung und zur Quelle eines neuen Selbstverständnisses: Hakan, der Ängstliche verwandelte sich in Hakan, den Gefürchteten.

Plötzlich war er in der Schule der Held, alle möglichen Leute suchten seine Nähe und seinen Schutz. Sein neues Selbstbewusstsein strahlte auf die anderen türkischen Schüler aus und sie begannen, gegen ihre als feindlich erlebte Umwelt zurückzuschlagen. Sie brachen in Wohnungen ein, deren Bewohner sie beleidigt hatten. Sie stahlen nichts, sondern kackten auf den Teppichboden und pinkelten in Blumentöpfe. In die Scheißhaufen steckten sie kleine papierene Türkei-Fähnchen, nach dem Motto: „Schönen Gruß von euren Scheiß-Türken!“ An einem rassistischen Bäcker, der ihnen Hausverbot erteilt hatte, rächten sie sich, indem sie im Morgengrauen Waren zerstörten, die man vor der Bäckerei abgeladen hatte.

Ein Schlag am See

Bei einem der nächtlichen Einbrüche in eine Villa stieß Hakan auf die schlafende Tochter des Hauses. Sie schreckte hoch und fragte erschrocken, wer er sei. „Ich bin der Einbrecher“, sagte er und verschwand. Am nächsten Morgen klingelte er und brachte Brötchen zum Frühstück mit. Den erstaunten Eltern stellte er sich als „der Freund“ ihrer Tochter vor. So kam es dann auch: Michaela wurde für die nächsten zehn Jahre seine Freundin.

Die Schulzeit ging zu Ende, und Hakan begann auf Anraten seines Vaters eine Lehre als Stuckateur. Im zweiten Lehrjahr kam es zum zweiten Ausbruch von Hakans Zorns. Mit einem Freund und ihren Freundinnen waren sie zum Grillen an einen Baggersee gefahren. Ein Stück weiter hatten sich die inzwischen älter gewordenen Mofa-Rocker niedergelassen und tranken. Irgendwann wurden sie von der ganzen Gruppe umzingelt und es entwickelte sich nach kurzem Vorgeplänkel eine Auseinandersetzung mit Fäusten, Ketten und Baseballschlägern. Hakan gelang es, einem der Angreifer den Baseballschläger zu entreißen, und er prügelte wie rasend auf die Übermacht der Gegner ein. Wieder kam ihm seine Indifferenz gegenüber körperlichen Schmerzen zugute. Schließlich zogen die Rocker mit Platzwunden und Knochenbrüchen von dannen.

Beide Parteien erstatteten Anzeige bei der Polizei und es kam zu Ermittlungen, die damit endeten, dass Hakan und seine Freunde wegen Körperverletzung angeklagt wurden. Vor Gericht erschienen die Kontrahenten als brave, Schlips und Anzug tragende Biedermänner, die von zwei wild gewordenen türkischen Jungmännern grundlos angegriffen und zusammengeschlagen worden sind. Hakan wurde zur Ableistung von 150 Arbeitsstunden in einer Betonfabrik verurteilt, sein türkischer Freund wurde kurzerhand abgeschoben.

Nach der bestandenen Gesellenprüfung zog Hakan zu Hause aus. Er hatte dem Vater zu Liebe die Lehre absolviert, nun fühlte er sich ihm gegenüber, der ihm bei all den Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre nie schützend beigesprungen war, zu nichts mehr verpflichtet. Die Verurteilung wegen des Grill-Zwischenfalls war die erste in Hakans Leben gewesen und er empfand sie als schreiende Ungerechtigkeit. Er hatte das Gefühl, eine Straftat gut zu haben und beschloss: „Wenn ich nicht mit und in dieser Gesellschaft leben kann, dann eben gegen sie und von ihr.“ In den folgenden Jahren avancierte Hakan zu einer zentralen Figur des organisierten Verbrechens im Rhein-Main-Gebiet.

Inzwischen ist Hakan 42 Jahre alt und hat beinahe die Hälfte seines Lebens in Gefängnissen verbracht. Er spürt das „stürmische Bedürfnis, zurückzukehren zu einem Punkt, der vor der falschen Abzweigung liegt“, wie es bei Robert Musil heißt.

Die Serie Berichte aus dem Dunklen, die mit dieser Folge endet, versammelte in loser Folge Porträts von Menschen, die Verbrechen begangen haben. Die Geschichten versuchten, zeitgenössische Antworten auf die alte Büchnersche Frage zu geben: Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Der Autor Götz Eisenberg arbeitet beim psychologischen Dienst einer Haftanstalt in Butzbach. Namen, Orte und Jahreszahlen wurden vom Autor verändert. Der Erlös der Artikel wird zur Finanzierung von Kulturprojekten im Butzbacher Gefängnis verwendet

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11:50 06.12.2010

Ausgabe 38/2020

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