Der Zug

Von Zagreb nach Sarajevo Eine Fahrt durch Zeiten und Leben. Seit einem Jahr gibt es diese Verbindung. Nach zehn Jahren Pause

Die Türen werden zugeschlagen. Die Leute in den Abteilen taxieren einander. Die Abschiednehmenden draußen haben sich zurückgezogen, bevor der Zug mit seinen vier Waggons den Bahnhof Zagreb verlässt. Er wird zu einer in sich geschlossenen, eigenen Welt. In einigen Stunden wird er die Grenze nach Bosnien-Herzegowina passieren, um durch die Regionen zu fahren, die den bosnischen Serben, Kroaten, Muslimen zugeteilt sind. Die Fahrt wird bis Sarajevo zehn Stunden dauern. Früher waren es sechs. Jeden Morgen um neun Uhr fährt ein Zug in Zagreb, einer in Sarajevo ab.

Im Gang beginnt gleich das Gespräch. Männer um die 50 in der Überzahl. Sie bieten einander Zigaretten an. Aus den Nachbarwagen schlendern einige herüber, bleiben im Gang stehen. Kennen sie sich alle? Mir gegenüber sitzt ein dicker Mann, geradezu rund, sein großer Schädel kahl, er trägt eine dicke schwarze Brille. Auf seinem grauen Sweatshirt steht Le grand mechant look. Die Bündchen an den Ärmeln hat jemand angestrickt, eine erhaltende Frauenhand. Die vier Leute im Abteil schauen stumm hinaus auf die Wohnhäuser, Fabrikgebäude, Werkstätten, die Wiesen, die plötzlich alles ablösen. Zagreb schon vorbei? Die Stadt ist nicht so groß, sagt entschuldigend mein Gegenüber. Wir lachen alle und bestätigen uns gegenseitig, wie froh wir sind, locker und souverän im Zug statt im engen Bus zu fahren.

Der dicke Mann sagt einen kurzen Spruch, der sich reimt. In der Übersetzung ein wenig schwerfällig: "Der Krieg ist niemandem ein Bruder." Die beiden anderen Mitreisenden bestätigen ihn mit der üblichen unnachahmlichen Mimik, einer kaum merklichen Bewegung des Kopfs, einem abschätzig-wissenden Zucken des Mundwinkels. Die Mimik dient mit ihren Nuancen den Männern im Lande verlässlich zur Verständigung, aber auch zum Zurückhalten der eigenen Meinung, wenn es angebracht ist, was wiederum nicht ganz verborgen bleibt. In diesem Zug wird niemand die Kriege rechtfertigen. Es ist wohl eine echte Überzeugung der Reisenden, ohne Doppelsinn. Kein Anlass da, es zu bezweifeln.

Der nächste Waggon ist der Speisewagen, eine Leere. Die abgeschabte metallene Theke wölbt sich in den Raum, ohne Angebote, in der Ecke ein Tischchen, zwei alte Sessel daran, wie aus einem verblichenen Klub. Der Kellner, Chef dieser Einrichtung, kocht Kaffee, verkauft sporadisch Wasser und Bier, beides nicht kalt, der Kühlschrank ist kaputt. Mehr hat er nicht zu bieten. Kein Stück Brot. Die kleine Küche mit einer Elektroplatte wirkt wie ein privater Männerhaushalt. Der Wagen klappert, die Fenster sind zerkratzt, eines ist mit Sperrholz vernagelt. Ich fühle mich sofort wohl. Es ist viel Platz, man kann stehen, wo man will, alle spüren das Komische des Ortes, aber wundern sich nicht. Der Kellner überlässt mir seinen Sessel. Eine breite Flussebene draußen, Weiden, Eichen, Schilf. Unsichtbar irgendwo der Fluss Save.

Auf dem anderen Sessel ein Mann mit fast farblos hellen Augen, glasig starr und doch beobachtend, auf bäuerlich beharrliche Art. In Berlin würde ich leben? Seine Schwester auch, bis vor kurzem, sie sei 1992 als Flüchtling dahin gekommen. Ihre Tochter habe einen Deutschen geheiratet, der Sohn wollte weiter in die USA, sie sei mit ihm vor einem Jahr, nach der Hochzeit der Tochter, dahin ausgewandert, aber bereue es. "Amerika ist schwer." Mit ihm beginnt die Erzählung von den überall verstreuten Leuten, die bis zum Ende der Reise nicht mehr abbrechen wird. Jugoslawen scheinen die ganze Welt zu bevölkern.

Für mich gilt ein neues Muster: man ordnet mich nicht mehr als "Gastarbeiterkind" ein, und niemand mehr lobt mich schulterklopfend dafür, die Sprache "nicht vergessen" zu haben. Jetzt heißt die Information: "Sie lebt in Berlin." An einem Zufluchtsort, aus welchem Grund auch immer. Gut getroffen, bis auf weiteres. In den Gesprächen haben alle Existenzen etwas Vorläufiges. Noch zwei Informationen werden eingeholt: Wo ich geboren bin und ob ich einen Deutschen oder einen Landsmann geheiratet habe, es scheint als Koordinatensystem zu reichen.


Das Abteil nimmt mich freundlich wieder auf, als wäre ich in der Abwesenheit zu einer alten Bekannten der drei Reisenden mutiert. Und der dicke Mann beginnt, von sich zu erzählen: "Ich fahre zu meinem Sohn in Sarajevo, zwölf Jahre habe ich ihn nicht gesehen. Die Enkelkinder habe ich nicht mehr gesehen, zwei Mädchen, sie sind inzwischen fast 20. Und es gibt eine neue Frau, ich kenne sie gar nicht. Die Mutter der Mädchen ist an Krebs gestorben. Im ersten Kriegsjahr. Sie ist im Keller ihres Hauses elend gestorben. Keine Klinik, nein, ach, daran war nicht zu denken. Und so hat mein Sohn wieder geheiratet, er hat gesagt, die Mädchen brauchen doch eine Mutter. Ja. Und auch meine älteste Tochter ist in Sarajevo umgekommen. Nicht gestorben, umgekommen, von Granatsplittern getroffen, gefallen, in den ersten Wochen, als die Kaserne geräumt wurde."

Die Belagerung der großen Kasernen der Jugoslawischen Volksarmee überall im Land und ihre dramatische Auflösung ist eine düstere Geschichte voller Rätsel und Gewalt, auch in Sarajevo. Vielleicht wurde nie eine große intakte Armee in wenigen Monaten auf solche Weise zerrieben und zertrümmert. Sicher wird irgendwann jemand diese Geschichte erzählen. Heute kommt sie nur in Andeutungen vor.

"Jetzt kann ich endlich zu den Kindern fahren. Zuerst ging es nicht wegen des Krieges, und dann - dann hatte ich kein Geld", sagt er und wendet sich den beiden anderen Männern zu, damit sie sein Argument erhärten. Kein Geld. Sie nicken. "Meine jüngere Tochter wohnt bei mir. Wir leben von meiner kleinen Pension." Sie also hat dem Vater die Bündchen angestrickt. "Meine Tochter ist von Beruf Krankenpflegerin, elf Jahre hat sie in einer Klinik gearbeitet, seit 1990 ist sie arbeitslos, zwölf Jahre, länger als die Arbeitszeit in ihrem Leben. An Unterstützung bekommt sie die Krankenversicherung, sonst nichts", erzählt er weiter. Er stammt aus der Stadt Stolac, südlich von Mostar in der Herzegowina, dem kroatisch verwalteten Teil Bosniens. Stolac kenne ich aus Alijas melancholischen Erzählungen, eines Soziologen in Zagreb: dort sind alle Moscheen, eine ganze Anlage, die zu den ältesten in Bosnien gehörte, dem Erdboden gleich gemacht worden. Keine Spur war mehr da. Es hat sich mir eingeprägt wegen der fast lautlosen Erbitterung, mit der Alija von dem Kulturverlust sprach. Eine der Moscheen wurde nun wieder errichtet und gerade eröffnet, erwähnt er diesmal. Ob sich irgendwann der alte Geist wieder in ihr niederlassen wird? Wer weiß. Der dicke Mann will dort, nach den Tagen in Sarajevo, die Gräber seiner Eltern besuchen.

Der Zug fährt nun dicht an der Save entlang, die in Belgrad in die Donau münden wird. Die Ebene beginnt sich zu wölben und aufzuwerfen. An allen heruntergelassenen Fenstern stehen Reisende, die Arme aufgelegt, die Köpfe dem milden Fahrtwind ausgesetzt. Die beiden Mitreisenden arbeiten in Slowenien, stellt sich heraus, wie die meisten Männer im Zug, viele von ihnen auf dem Bau. Von ihren Heimfahrten kennen sie sich, klärt sich der Eindruck vom Anfang der Reise auf. So viel wurde schon erzählt, bevor wir die Grenze erreichen. Sie findet für uns an einem jener Bahnhöfe in der Landschaft statt, zu denen kein Dorf, keine Stadt zu gehören scheint. Eine Stunde Aufenthalt. Die Lokomotive wird ausgetauscht. Zoll- und Grenzbeamte kommen und gehen.

Die beiden Arbeiter aus Slowenien müssen ihre Taschen öffnen. Prijedor in der Republika Srpska ist ihr Ziel. Aus der Stadt wurden im Verlauf des Krieges in mehreren Wellen die Muslime vertrieben. Alle wissen es im Abteil, Emotionen werden nicht verausgabt. In den Dörfern der Umgebung leben weiterhin Muslime, wie auch die beiden. Durchs Fenster sehe ich zu, wie sie draußen zu ihren Söhnen in die Autos steigen. Ist nicht schon ihr Gang ausladender geworden, kaum dass sie den Boden betraten? Kein Blick mehr zurück. Auch für sie ist der Zug sofort eine andere Welt geworden, die man verlässt, ohne sich umzudrehen. Dann hebt ächzend mein Gegenüber seinen runden Bauch und holt belegte Weißbrote, Wasser und eine kleine Schnapsflasche aus dem Gepäcknetz. Wir bereiten unsere Mahlzeit. Er stellt sich vor, war Oberst der Jugoslawischen Armee. Das hätte ich nie vermutet, so weich und gutmütig wie er wirkt. Vielleicht kann er es selbst kaum noch glauben. Er lächelt. Sein Name zeigt die muslimische Herkunft an, Refik S?uko.


Banja Luka, der Zug füllt sich, auch Familien mit Kindern steigen ein, die bisher fehlten. Von hier an wird der Zug als Verkehrsmittel von Ort zu Ort benutzt, anders als in Kroatien, wo er nur den Fremden dient oder jenen Kroaten, die über die Grenze reisen. Banja Luka ist die Hauptstadt der Republika Srpska, die in Bosnien von allen kurz Republika genannt wird, so wie die muslimisch-kroatische Föderation, die den anderen Teil Bosniens abgibt, nur Federacija heißt. Die Stadt galt manchen früher als die am meisten "bosnische", aber ihre Hauptmoschee ist zerstört, Rasen an der Stelle angelegt worden. In der ganzen Republika steht keine Moschee mehr.

Diese beschämenden Dinge spricht niemand im Zug direkt aus, obwohl die Gespräche, die hier schon nach wenigen Minuten Fahrt beginnen, sie umkreisen. "Unser Alptraum" heißt es - nas? kos?mar nach dem französischen Wort cauchemar. Eine Frau in Schwarz ist mit einer so schweren Tasche eingestiegen, dass es mir kaum gelingt, sie wenige Zentimeter zu heben. "Welche Dummheit war das nur! Uns ging es doch gut. Nun sind wir Bettler und leben von humanitärer Hilfe", sagt sie, nachdem auch die neuen Reisenden, dem Ritual gehorchend, bestätigt haben, wie gern sie in diesem Zug fahren. Ein Mann, dessen Krückstock das Abteil halbiert: "Unsere Kinder und Enkel werden es zurückzahlen müssen." Ihn schaudert es beim Gedanken an die schlechten Aussichten für junge Menschen: "Alle sitzen ohne Arbeit herum. Das Land kann doch nicht nur vom Handel leben, wir müssen etwas produzieren." Unter der gegerbten Haut rötet sich sein dunkles Gesicht. Draußen stehen die ausgebrannten Häuser, mit den Spuren von Gewehrschüssen im Putz, mit den Bäumen, die zwischen den geschwärzten Innenwänden hoch wachsen. Und die Rede fließt im Abteil weiter: "Was hat uns der Kapitalismus gebracht?" - "Das ist gar nicht Kapitalismus, das ist das Mafiasystem", mischt sich erstmals eine blondierte Frau ins Gespräch, und alle wenden sich ihr erstaunt zu. "Was ist nur mit uns geschehen?", tönt monoton als Refrain durch die Reden. Ihr Alptraum.

Die ältere Frau möchte die finsteren Bilder vertreiben: "Wir können in unserem Haus das Pfeifen des Zuges hören. Und jedes Mal ist mir so gut zumute, wenn der Zug pfeift. Meine Brust weitet sich. Seit einem Jahr jedes mal. Seltsam, nicht wahr?" Der Oberst erweist sich als kräuterkundig. Die Frauen schreiben Rezepte von ihm auf. Die Strecke zieht sich am Fluss Una entlang, sein Wasser könne man trinken, so sauber sei es, heißt es. Ufer, Bäume mit wenigen gelben Herbstblättern ziehen vorbei, gebührend langsam für ein befriedigendes Betrachten. Alles noch tief grün, es regnete ungeheuer im September. Hügel, Maisfelder, hohe Strohmieten mit Plastikfetzen oben wie Häubchen, manchmal die kleinen, tüchtigen bosnischen Pferde. Und ich möchte wieder einen starken Kaffee mit dem Kaffeesatz in der Tasse trinken.

An Stelle jenes Reisenden mit den sehr hellen Augen hängt im Speisewagen ein Typ schwer im Sessel, Bartstoppeln, die Freizeitkleidung verrutscht, er reißt die Augen auf, und sie fallen ihm wieder zu. Irgendwo habe er zwei Tage gefeiert, lallt er. Mit dem Kellner schaue ich aus dem Fenster: der Fluss Bosna begleitet uns jetzt. Schönes Ufer. Eine Familie hat eine Sandlieferung bekommen, der Sohn schaufelt den sehr weißen Sand vom LKW, seine Frau, Kinder, seine Eltern schauen zu. Das zerstörte Haus steht in einem Garten, daneben der begonnene Neubau. "Die Menschen zerstören, um wieder zu bauen, um dann wieder zu zerstören", sagte der Kellner. Am Rand der Städte sind die unfertigen Neubauten zu sehen: der Betonrahmen wird mit großen roten Ziegeln gefüllt, später verputzt, drei bis vier Stockwerke hoch, die Balkone bleiben noch lange ohne Geländer. Die Stadt Zenica mit der Kulisse eines gigantischen Stahlwerks, kaum noch in Betrieb, zieht vorbei.

Der Betrunkene holt ein dickes Bündel Euroscheine heraus, lauter blaue Hunderter. Woher hast du so viel Geld, frage ich. Der Kellner erklärt: "Ein Händler", und flüstert mir ins Ohr: "Ein Dieb, ein Lump."

Durchs Fenster sehe ich in Zavidovici die Frau in Schwarz aussteigen, die schwere Tasche schlägt an ihre Beine mit Krampfadern. Alle zwei Schritte bleibt sie stehen. Junge Männer ziehen an ihr vorbei, ohne Hilfe anzubieten. Sie guckt nicht nach ihnen, rechnet nicht auf sie.


Bahnhof Sarajevo. Es ist schon dunkel geworden. Der Zug leert sich schnell. Der Oberst beeilt sich nicht. Ich merke, wie er das Aussteigen verzögert und verlasse den Wagen als letzte vor ihm. Langsamen Schritts kommt mir eine Familie entgegen, ein Mann, rundlich, eine Frau, zwei junge Frauen oder eigentlich Mädchen. Sie gehen stumm hintereinander, alle in Gedanken versunken oder ganz konzentriert, ein Mädchen hat die Hände wie zum Beten gefaltet und berührt ihre Stirn. Dann steigen sie ein, und ich sehe vom Bahnsteig aus, wie sie durch den Gang bis zum Vater gelangen, der im Abteil stehend reglos auf sie wartet. Mit ihm wartet der leere Zug. Sie umarmen ihn nacheinander, den Vater, den Großvater, den unbekannten Schwiegervater, fest und ernst. Vielleicht sagen sie gar nichts, so scheint es.

Die Reisereportagen der Autorin werden in den nächsten Ausgaben fortgesetzt.

00:00 25.10.2002

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