Der Zukunft des Rock´n´Roll auf den Fersen

Konzert in Manhattan An den "Strokes" scheiden sich die Geister - eine Erkundungsfahrt in ihrer Heimatstadt New York

Wenn sich New York selbst definieren müsste, so würde die Stadt vielleicht nicht als die schönste der Welt gelten, aber sicher als die aufregendste. Trends werden hier gekürt. Und eine Kunst- und Musikszene, die sich beständig neu erfindet, trägt eben ihren Teil bei zu einer Art urbaner Dauererregung. Gerade mischen fünf junge Musiker, nicht älter als 25 Jahre, diese Szene gründlich auf: The Strokes. Die Schlaganfälle würden sie zu gut deutsch heißen, aber eine tiefere oder gar symbolische Bedeutung weist die Band strikt zurück.

Gleichwohl scheiden sich an ihnen die Geister. Alles nicht echt, sagen die einen, künstlich zusammengestückelt wie seinerzeit The Monkees. Die coolste Band der Welt, heißt es in den trendigen Rockmagazinen wie Spin oder Rolling Stone.

Zwei Jahre ist es her, da gaben die Strokes mit Is this it ein überschwänglich gelobtes, ja als sensationell empfundenes Debütalbum heraus, zweieinhalb Millionen Mal verkauft. Seither müssen sie mit der Bürde leben, die Zukunft des Rock´n´Roll zu sein. Ihre Musik war eine hochkomplexe Angelegenheit. Sie wirkte lässig, unambitioniert, aber mit drei Gitarren zugleich messerscharf verzahnt. Auf alle Fälle unverbraucht, und doch in der Tradition der mittlerweile allseitig geliebten Velvet Underground stehend. Die Melodien wurden rasch Ohrwürmer - schon von daher war es eigentlich kein Punk. Aber live wurde es Punk. Als die Band vor eineinhalb Jahren in Berlin spielte, peitschten sie die elf Songs ihres Albums einfach mit rasender Geschwindigkeit durch, ultralaut dazu. Nach einer dreiviertel Stunde war Feierabend in der Columbia-Halle. Das Licht ging an, alle schienen schwer beeindruckt. Keiner beschwerte sich, für teures Eintrittsgeld fünf New Yorker Schnösel wie im Zeitraffer erlebt zu haben.

Ein paar Wochen ist es jetzt her, da prangten riesige Plakate, stilvoll in Schwarz gehalten, an den New Yorker Hauswänden. Das zweite Album der Gruppe, Room on fire, wurde annonciert, dazu zwei Konzerte im Madison Square Garden, dem Kulttempel der Stadt. Was würde passieren? Flop oder Weiterentwicklung des ungewöhnlich vernetzten Soundgewebes? Natürlich waren die Konzerte seit Wochen ausverkauft, und als zu spät Kommender profitierte ich in letzter Sekunde von nicht abgeholten Tickets. Es schien etwas anachronistisch, dass im Theatersaal des Hauses eine Rockband vor bestuhltem Publikum aufspielen sollte, doch echte Fans harrten natürlich im Innenraumbereich stundenlang stehend aus. Nach zwei eher mediokeren Vorgruppen ging es zur Sache. In bonbonfarbenes Bühnenlicht getaucht, das ab und an von grellweißem Blitzlichtgewitter durchbrochen wurde, trumpften die Strokes auf mit einem Set aus älteren und neuen Liedern - diszipliniert und energetisch gleichermaßen. Julian Casablancas, der Sänger, ließ sich in alter Punkmanier in die Menge fallen und sorgte für eine aufgeheizte Stimmung. Vor Last night sagte er kommentierend, dies meine "fuckin´ for life", also ein Bekenntnis zu positivem Lebensgefühl. Nach knapp einer Stunde war abermals alles vorüber. Es war, als würde man Sekt schlürfen. Lässig mit den Armen winkend, ohne Verbeugung selbstverständlich, verließen die fünf Musiker unter dem Rückkoppelungsgejaule ihrer Instrumente die Bühne. Das war´s. Und wie uncool wäre eine Zugabe gewesen.

Doch was dann passierte, gehört wohl zu den New York-typischen Brüchen. Zum Ausklang des Abends fuhr ich Richtung Avenue B, die einst Iggy Pop mit einem Album-Titel adelte und für ihre schrägen Szene-Läden für Rock´n´Roller aller Couleur und jeden Alters bekannt ist. Die Kneipen waren unschwer daran zu erkennen, dass sich vor ihnen auf der Straße die Raucher versammelten - Usus seit dem gesetzlichen Bannfluch über die Zigarette. Und was musste der enthusiasmierte Neuankömmling erfahren? Man lehnte die Strokes hier total ab, ja man hasste sie regelrecht. In einer der angesagtesten Bars, dem Monitoba´s, das bestückt ist mit unzähligen Fotos der Punk-Ahnen-Galerie, von Boran Jones bis Blondie, würde man ihre Musik nie auflegen. Die Jungs seien Kinder etablierter Eltern, aufgewachsen in Privatschulen und sogar in einem Schweizer Internat, wo sich zwei der Bandmitglieder tatsächlich kennen gelernt hatten, mit 13 Jahren. Also nicht authentisch, hieß es. Sie seien eben eine Up-town-Band, reiche Fürze, schlichtweg zum Kotzen. Sie hätten keine Bühnenpräsenz und beherrschten ihre Instrumente nicht ... Man könnte vermuten, die Szene missgönne der Band ihren Erfolg, und da nützt es auch nichts, dass die Gruppenmitglieder in Interviews immer wieder betonen, sie fühlten sich nach wie vor als ganz normale New Yorker Jungs. Dass die Paranoia, die der Ruhm mit sich bringt, doch nicht so einfach wegzustecken sei, drückt im neuen Album gleich der erste Song aus: I wanna be forgotten schreit da Casablancas der Welt entgegen.

Ein Argument, das man gelten lassen könnte von den Neidern, ist wohl, dass sich die Szene heute tatsächlich in eine andere Richtung musikalisch orientiert: Hardrock sei wieder im Kommen, nicht dieses überintellektuelle Gesäusel mit Texten, die vom eigenen neurotischen Seelenstriptease erzählten. Aber die Strokes wollen und können ihre musikalischen Wurzeln gar nicht verleugnen, und darin liegt in der Tat auch die Crux. In vielen Liedern klingt der Einfluss von Television heraus, der vielleicht einflussreichsten New Wave Band New Yorks Ende der siebziger Jahre. Das vielleicht wirklich Neue an den Strokes ist - je öfter man sie hört - dass sie die Dynamik unserer Zeit erfasst haben in eingängigen Melodien und in einem treibenden, scheppernden Beat, der stets als Subtext im Hintergrund mitschwingt und das Ganze wie einen verhangenen Himmel aufreißt. Der Sound der Band ist ungemein präzise und letztlich doch wahnsinnig ambitioniert.

Einmal wollte ich sie noch hören. Am nächsten Tag gaben sie ein Konzert in Lowell, einer kleinen Universitätsstadt in Massachusetts. Warum nicht in Boston, der nahe gelegenen, viel hipperen Hauptstadt, fragten sich alle. Die Strokes spielten in der Tsongas Arena, einer typisch amerikanischen Mehrzweckhalle mit unsäglich hässlicher Plastikbestuhlung. Wieder kam ich in letzter Minute angespurtet. Ein Polizist, der mich wohl sogleich als Fremdling outete, schenkte mir am Eingang ein Ticket. Schönes, überraschendes Amerika, dachte ich, und nahm die freundliche Geste der städtischen Obrigkeit entgegen, ohne viel zu fragen. Doch die Halle war auch nur zu einem gut Teil gefüllt, und überhaupt fehlte das Prickelnde der New Yorker Atmosphäre. Die Strokes spielten die gleiche Setliste wie am Vortag, und eigentlich spielten sie hier exakt für und mit ihrer Generation. Für das studentische Publikum gab es dabei nichts Sensationelles. Und auch dass Halloween war, beließ die Band in Coolness. Vielleicht war hier das viel typischere Publikum als im ausgeflippten Manhattan.

Vier junge Leute, die mir im Zug gegenüber saßen auf der Rückfahrt, hatten in einer Papiertüte eine Weinflasche versteckt. Sie liebten die Strokes, beteuerten sie, hörten sie über Walkman und zappelten hin und her, als müsste die Party weitergehen. Aber den Korkenzieher hatten sie vergessen. Ich sah ihr Elend und drückte mit meinem Wohnungsschlüssel aus der Richard-Sorge-Straße in Berlin-Friedrichshain den Korken in die Flasche, zum Erstaunen der Vier. Improvisieren muss gelernt sein, sagte ich, und wir lachten.

Mir fiel noch ein, dass uns das mit dem Korkenzieher nicht passiert wäre, wenn wir uns aufgerafft hätten zu irgendeinem Blues-Festival tief in der Provinz, damals.


00:00 21.11.2003

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