Der zweite Abzug

Erinnerungssucher Döblin-Preisträger Michael Wildenhain erzählt in seinem Roman "Russisch Brot" über eine Kindheit in Berlin

Erinnerung ist subjektiv. Streng genommen umfasst sie nur Erfahrenes, bestenfalls noch Erzähltes. Bilder, die Eltern und Großeltern vermittelt haben, gehören nur bedingt dazu. Manchmal versuchen wir, Erinnerung aus Vorstellung zu gewinnen, aus dem kollektiven Gedächtnis also, aber ist das Erinnerung? Welche Arbeit muss geleistet werden, damit dieses Gedächtnis als gleichwertiges Fundament für Entscheidungen in der Gegenwart wahrgenommen werden kann?

Russisch Brot ist ein Buch der Erinnerung, das versucht, Erlebtes und kollektives Gedächtnis durch Familiengeschichte zu verbinden. Durch die des Erzählers. Historische Fakten werden voraus gesetzt. Es geht um jene Momente, in denen sich Geschichte und Erinnerung aufeinander beziehen, sich ergänzen oder widersprechen oder gar konträr zueinander empfunden werden und die deshalb lebensentscheidend sein können. Solche Momente gibt es in jüngerer deutscher Geschichte zuhauf. Ihr Aufeinandertreffen ist konfliktbeladen, das Nebeneinander entscheidet über Welten und Weltsichten. Zumal im geteilten Berlin.

Russisch Brot ist ein Buch über das Leben in Berlin und über die Liebe in dieser Stadt. Der Autor, Michael Wildenhain, Ende der fünfziger Jahre in Westberlin geboren, versucht einen Blick auf Ost wie West, vertäut seine Geschichte vor allem bei der vorausgehenden Generation, Mutter, Vater, Tante, einem Freund. Der Erzähler im ersten Teil, Einzelkind, scheinbar zu klein für Liebe und Probleme - man spricht nicht viel, Liebe verbirgt sich - aber auch ausgeschlossen von den Spielen der anderen Kinder, empfindet sich als Suchender: Nach den Geheimnissen der Menschen um ihn herum, des anderen Geschlechts, der Fußballerfolge, der Zeit. Noch ist ihm die gleichaltrige Cousine im Osten der Stadt vertraut. Aber das bleibt nicht so, irgendwann stehen Mutter und er in der Schlange derer, die Passierscheine beantragen müssen, abgelehnt bekommen, neu beantragen.

Er beginnt zu fragen. Nicht nach den Zusammenhängen, die das Leben bestimmen, sondern nach einem Bild. "Am Kopfende des Betts lehnten zwei gerahmte Kunstdrucke ... Aus nicht selten winzigen Teilen" war das Bild "wieder hergestellt worden ... Bevor ich mich hätte beherrschen können, fragte ich meine Mutter: ›Warum redest Du nie?‹" Die Mutter antwortet ausweichend, ohne dem Bild seine Präsenz zu entziehen. Er erlebt einen Vater, dessen Alpträume vom Krieg Angst machen, auch wenn er am Sonntag viel tut, um den Sohn in die Geheimnisse des Fußballs einzuweihen.

Bruchstücke ergeben keine Geschichte. Nicht die des Vaters, nicht die der Mutter. Sie erzählt ihm vor dem Einschlafen von einem Jungen, der eigentlich mutig ist, aber immer wieder als Heulender gehänselt wird. Und der ihr Freund war. Er erfährt vom Großvater etwas über einen Fast-Sohn, den dieser vergöttert, den der Junge aber nicht kennt.

Die Konturen, die den Geschichten einen Rahmen geben, werden lange nur angedeutet. Sie sind wie ein Puzzle gebaut. Stück für Stück wird eingepasst, langsam gewinnen Figuren das Umfeld, das bis in den Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit zurück reicht. Konzentrische Linien um Personen und Ereignisse erzählen von ganz Privatem und dem Interesse des Erzählers daran. Die Kunst des Autors besteht darin, spektakuläre Ereignisse aus der Historie nur anzudeuten. Sie finden statt, natürlich, setzen Kontrapunkte, erzählen vom Weg, der zwischen Erinnerung und Geschichte zurückgelegt wird. Sie ermöglichen die Balance zwischen Erinnertem und dem, was historische Wahrheit ist. "Die Knochen und Schädel in Gruben und Kellern ... Und die Befreier, in zwei Filmen sind das sogar die Soldaten der Roten Armee gewesen ... Ich konnte, als läge ich wieder auf dem Heuboden der Scheune, den Blick nicht von der Leinwand lösen."

Während Mutter und Sohn bei der Grenzkontrolle nebeneinander, aber in getrennten, abgeschlossenen Kabinen darauf warten, die innerstädtische Trennlinie, trotz loser Seite im Pass, endlich überqueren zu dürfen, beginnt die Mutter zu erzählen: Von der eigenen Kindheit, den Bombennächten, dem Tod einer befreundeten Familie, deren überlebender Sohn zu ihnen kommt und der eben jener junge Mann auf dem Foto ist. Er wird ihr Jugendschwarm, ihr Bezugspunkt, ihre große Liebe, die später nirgendwo mehr einen Platz finden wird.

Dass die beiden in Ost und West leben, ist nicht Ursache der Trennung, sondern Folge der Erfahrungen auf einer Flucht, die ohne ihren trotzigen Willen, an der Kinderlandverschickung der Nazis teilzunehmen und den Halbbruder-Freund mitzunehmen, so nicht stattgefunden hätte. Sie fühlt sich schuldig für etwas, was keine Schuld ist. Der Freund fühlt sich schuldig für das, was ihnen auf der Flucht widerfährt, das er nicht verhindern kann, ja, dem er durch eine Geste Vorschub leistet. Unschuldig schuldig. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sich das Paar später sieht, schiebt sich gleich hinter die überbordende Freude des Wiedersehens der Schatten der Erinnerung. Für die Mutter ist die Sicht auf Nachkriegsdeutschland vorbestimmt, bevor sie noch Abstand gewinnen kann. Bilder sind für sie stärker als Gedanken. Sie hat keine Chance auf einen anderen Blickwinkel. Fakten verschwimmen vor Flucht und Vergewaltigung. Sie geht nach Westberlin, dorthin, wo keine Begegnung mit der Vergangenheit zu erwarten ist. Der Freund kann ihre Vorbehalte nicht durchbrechen, er versteht nicht wirklich, warum sie so unüberwindbar sind. Russisch Brot. Honigsüß, aber steinhart.

Als die reale Mauer gefallen ist - Mutter und Vater sind tot -, fragt der erwachsene Sohn direkt nach. Er besucht eben jenen Jugendfreund in seiner Ostberliner Wohnung. "Mein Blick fiel auf eine gerahmte Fotografie ... der zweite Abzug des Bildes, das lange im Schlafzimmer meiner Eltern auf der Nachtkommode stand."

Was kann von einer Liebe bleiben, wenn über 1945 berichtet wird: "Die Männer kamen. Sie rissen die Schranktür auf ... Sie taten mir sehr weh. ›Heul doch, Günni, heul doch schon‹ ... Ich sagte, indem ich den Kopf zum großen Schrank hin bewegte: ›Dort. Ja, da drin. Oben. In einer Mauernische‹." Sätze, die wie ein Blei beschwerter Rucksack auf den Personen hängen, stehen neben wunderbar leicht erzählten Erinnerungen an die Kindheit und den Versuch, über einen See zu balancieren. Es gelingt nie.

Der Autor erzählt eindringlich, schafft eine Atmosphäre, die den Leser herausfordert. Er verkündet keine absoluten Wahrheiten, gibt aber viel Gelegenheit, den Leser in Beziehung zum Erzählten zu setzen. Dass ein Buch, obwohl scheinbar nur Familiengeschichte, Nachdenklichkeit über den Zustand des Landes anstrebt, ist nicht selten. Dass es gelingt, allerdings schon. Erinnerung allein ist keine Gewissheit.

Michael Wildenhain: Russisch Brot. Roman, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 271 S.,
18,50 EUR


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00:00 18.03.2005

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