Derrida und die Zettelwirtschaft

Frankreich Der Biograf Benoît Peeters erzählt mit viel Schwung aus Jacques Derridas Leben, schweigt aber über dessen Philosophie
| Ausgabe 17/2013

Ende der sechziger Jahre gab es nur ein veröffentlichtes Foto des damals gerade berühmt gewordenen französischen Philosophen Jacques Derrida, Fragen zu seiner Biografie lehnte er lange Zeit ab. Später hat Derrida für Bildbände posiert, in Filmen mitgewirkt und ein „Erinnern“, das alles in einem „Idiom“ versammeln würde, zu seiner Sache gemacht.

Aber das geht nicht, und deshalb müssten Biografien, die sich an diesem Ideal messen, gebrochen daherkommen. Derrida nun hatte das „verrückte Verlangen, alles zu sammeln“, er bewahrte Manuskripte, Briefe, Rohentwürfe, Skizzen, einfach alles, auf, „bis hin zu Zettelchen“, die ihm seine Kollegen Bourdieu oder Balibar „an die Bürotür geheftet haben“.

In diesem Wust findet sich auch folgendes Kleinod – Derrida ist da gerade 26 Jahre alt: „Ich bin zu nichts gut“, schreibt er, „außer die Welt auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen (défaire et refaire le monde), wobei mir Letzteres immer weniger gelingt.“ Zum ersten Mal tauchte hier auf, was er später Dekonstruktion nannte, keine Methode sein sollte und ihn zum meistübersetzten französischen Philosophen der Geschichte machte.

Gut vernetzt

Die Beachtung, die Derrida schon früh fand, ging allerdings von den USA aus, wo er regelmäßig gastierte und Seminare abhielt. Verfolgt man seinen Weg zum Weltruhm, so hat Frankreich daran wenig Anteil. Die Hälfte seiner Laufbahn berät er Studenten, die sich auf den Hochschulabschluss „Agrégation“ vorbereiten, für die andere Hälfte findet er auf dem Posten eines Studienprogrammleiters an der sozialwissenschaftlichen Hochschule EHESS Unterschlupf. Nur einmal bewarb er sich auf eine Professur, wo ihm ein heute vergessener Kollege vorgezogen wurde – ein Schock fürs Leben.

1981, Derrida ist 50, veröffentlicht die Zeitschrift Lire eine Liste mit den einflussreichsten Intellektuellen Frankreichs. Michel Foucault steht auf Platz drei, Jacques Lacan ist Vierter, der fast 20 Jahre jüngere Bernard-Henri Lévy wird Neunter. Derrida taucht auf der 36 Personen umfassenden Liste gar nicht auf. Das nagt an ihm. In diesem Jahr wird er von der Regierung Mitterand beauftragt, ein Collège international de philosophie zu gründen, dessen Co-Leitung er nach drei Jahren entnervt aufgibt. Erst am Ende seines Lebens war es Chiracs Außenminister Dominique de Villepin, der ihm – ironischerweise im Ausland – die ersehnte Anerkennung zollte und ihn in eine Reihe mit „ehrenvollen Intellektuellen“ wie „Voltaire, Bernanos, Zola oder Sartre“ stellte.

Dabei ist Derrida in der Pariser Szene, die er als eng, kleinlich und hinterhältig empfindet, durchaus gut vernetzt. Mit Barthes, Blanchot, Boulez, Ricoeur, Foucault, Lacan, Levinas und vielen weiteren Denkern gibt es umfangreiche Briefwechsel, die im Ton meist herzlich, vertraut, zuweilen scharf, manchmal auch unterwürfig sind.

Zu den überraschendsten und schönsten Dingen beim Lesen dieser Biografie gehört, dass man über hunderte von Seiten die innige Freundschaft mit Louis Althusser verfolgen kann. Auf den legendären Marxinterpreten der 68er-Zeit trifft Derrida bereits 1949, beim Eintritt in die École normale supérieure. Zunächst ist dieser sein Mentor in Philosophie, später sitzen sie dort als Kollegen Tür an Tür. Theoretisch haben sie erhebliche Differenzen. Althusser steht für einen Bruch zwischen Philosophie und Wissenschaft, Derrida will ihn einebnen. Politisch stehen beide links, wählen aber unterschiedlich. Derrida wurde 1930 in El-Biar geboren, auch der 17 Jahre ältere Althusser stammt aus Algerien, aber mehr noch verbindet sie eine Neigung zur Depression. Als Althusser in die Psychiatrie eingeliefert wird, besucht Derrida ihn wöchentlich bis zu seinem Tod – Freunden gegenüber konnte Derrida bis zur Selbstverleugnung loyal sein. Das zeigte sich auch in seiner Reaktion, als bekannt wurde, dass sein amerikanischer Förderer, der Literaturwissenschaftler Paul de Man, im Belgien der Nazizeit antisemitische Artikel verfasst hatte.

Benoît Peeters hatte das überbordende, auf Archive in Europa und den USA verteilte Material drei Jahre lang für sein Buch durchforstet. Zu den wenigen dramatischen Momenten im Leben Derridas zählt sein Biograf, dass dieser als „kleiner schwarzer und sehr arabischer Jude“ im vom Vichy-Frankreich verwalteten Algerien für ein halbes Jahr aus der Schule ausgeschlossen wird. Darunter leidet Derrida, zumal er nun in einer jüdischen Schule unterrichtet wird und sich als Jude definieren soll. Und 1981 nimmt er in Prag an einem „Privatseminar“ teil. Wegen angeblichen Drogenschmuggels wird er für 24 Stunden verhaftet – ein traumatisierender Freiheitsentzug.

Aber die wirklichen Sorgen sind die alltäglichen. Sie drehen sich um quälende Aufnahmeprüfungen, entfremdenden Militärdienst, den Ärger mit arbeitgebenden Institutionen. Ausgleich findet Derrida im Privatleben. Fast 50 Jahre ist er mit der Schwester eines Studienfreundes verheiratet, die sich um das Haus in Ris-Orangis bei Paris kümmert, die beiden Söhne erzieht, die Finanzen ordnet und erste Leserin seiner Manuskripte ist. Es gibt noch einen dritten Sohn mit einer Geliebten, über den zu Hause nicht gesprochen wird. Während Derrida als akademischer Außenseiter und Dissident gilt, ist es ihm vergönnt, ein der Zeit entsprechendes bürgerliches Familienleben zu führen.

So weit, so interessant. Benoît Peeters will nun allerdings nicht nur die „Geschichte eines Individuums“, sondern mindestens so sehr auch die „Biografie eines Denkens“ liefern. Erstaunlicherweise will er sich dafür auf die bloßen Umstände der Entstehung dieses Denkens stützen, auf eine Darstellung der Philosophie glaubt er verzichten zu können. Er vertritt also einen Typ von Biografie, die Leben und Werk darstellt und dabei nur beschreibt, wie ihr Denker denkt, aber nicht, was er denkt. Wer Derridas Philosophie kennenlernen wolle, müsse sich eine Einführung besorgen. Bezeichnenderweise lautet die dreiteilige Gliederung seines Werks so: Jackie / Derrida / Jacques Derrida.

Eine solche Fixierung auf die Person rächt sich allerdings nicht nur, weil mit den philosophischen Inhalten sozusagen das halbe Leben Derridas fehlt und die Biografie ein wenig kernlos wirkt. Auch das Individuum Derrida erscheint dadurch simpler gestrickt, als man annehmen möchte.

Gut ablesen lässt sich das am Verhältnis zu Jürgen Habermas, mit dem sich Derrida lange Zeit, wie er sagte, im „Krieg“ befand. Ausgangspunkt war, dass ihm Habermas Mitte der achtziger Jahre eine prekäre Nähe zu Heidegger unterstellte, darüber hinaus kritisierte er, Derrida komme von der Metaphysik der Ursprungsphilosophie nicht los. Für Jahre war dann Funkstille, bis sie sich nach dem 11. September 2001 zu einem gemeinsamen Buch über Philosophie in Zeiten des Terrors verabredeten.

Kein totalisierender Gestus

Und als Derrida kurz vor seinem Tod im Oktober 2004 schrieb, Habermas möge „unsere Hoffnungen noch lange erhellen“, waren seine Anhänger dann doch verwirrt. Beide verbinde doch lediglich ein vordergründig politisches Bündnis, Derrida wolle mit derartigen Aktionen nur seinen Einfluss auf dem deutschen Büchermarkt zurückgewinnen. – Solche psychologisierenden Kommentare muss die Biografie unkritisch stehen lassen, ohne auf die Philosophie einzugehen, kann sie ihnen nichts entgegensetzen. Derrida wird so nolens volens zum Opportunisten.

Ob es tiefere Berührungspunkte gab, könnte nur ein Vergleich der gemeinsamen philosophischen Interessen ergeben: etwa an einer nachhaltigen Überwindung der Metaphysik, an einem nichtfundamentalistischen Begriff der Moderne, am europäischen Verfassungsstaat, an der Religion. Warum diese Reflexion ausbleibt? Das nur auf Französisch erschienene Tagebuch eines Biografen, das die dreijährige Arbeit an der Biografie begleitet, gibt uns da entwaffnende Hinweise: Peeters, ein Spezialist für Biografien, der schon andere Größen porträtierte und sich seit seinen Studientagen mit Derrida nicht mehr beschäftigt hatte, wollte sich dies schlicht nicht zutrauen. Auch musste er, der „Nicht-Derridianer“, die Zeitzeugen bei Laune halten.

Eine Studie, in der Derridas Leben und Denken einander kommentierten, steht also noch aus. Die jetzt erschienene Biografie folgt auf sehr herkömmliche Weise den Stationen des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. Dabei gelingt es ihr immerhin, vielleicht inspiriert durch des Meisters Stil der „Différance“, einen totalisierenden Gestus zu vermeiden. Und überhaupt, dass sie keine weiteren Ambitionen hegt, hat auch etwas Gutes: Benoît Peeters erzählt Derridas Leben so, dass es sich aus der Fülle des dokumentierten Materials auffaltet – und jetzt offensteht für die unterschiedlichsten Lektüren.

Jacques Derrida: Eine Biografie Benoît Peeters Horst Brühmann (Übers.), Suhrkamp 2013, 935 S., 39,95 €

Ulrich Müller-Schöll hat selbst Jacques Derrida übersetzt und war Professor für Philosophie in Addis Abeba

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