Des Körpers dunkler Mantel

In die Tiefe des Raums Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt/Main zeigt, dass eine Welt ohne Schatten eine Welt ohne Geheimnisse wäre

Vor 25 Jahren beklagte Wolf Jobst Siedler in seinem Essay Welt ohne Schatten den Rückgang schattenspendender Bäume. Für das Bürgertum symbolisierte der Baum als kultureller Bedeutungsträger den Glanz einer Epoche. Maler wie Schriftsteller bevorzugten das lichte Grün breitkroniger Bäume, die dämmrigen Halbschatten sorgten für Diskretion.
Platons Höhlengleichnis war der rationalistischen Avantgarde suspekt, die unter dem Slogan Ex oriente lux den Schatten aus Nischen und dunklen Korridoren zu vertreiben suchte. Die künstlich geschaffene Helligkeit machte die Stadt übersichtlich und flach, die poetische Stimmung eines Halbdunkels war einer klaren Raumordnung gewichen: weiße Kuben, die dem gewünschten Hygienestandard entsprachen.
Die mit Gas und Strom erzeugte Helligkeit, die sanfte Angleichung von Tag und Nacht veränderten nicht nur die Arbeitsbedingungen, sie beeinflussten auch das Lebensgefühl, das dem Halbdunkel nicht gewogen war. Die sauberen weißen Städte, gebunden in ein Regelwerk kleinwüchsiger Bäume, umrahmt von geometrisch abgezirkelten Alleen, verkündeten innen wie außen eine neue Ästhetik, die funktionstüchtig, doch ohne Überraschung war. Die Phantasie musste dem Rationalitätsprinzip weichen.
Ist der schwindsüchtige Schatten der Preis für eine künstlich ausgeleuchtete Welt, die den Geheimnissen der Nacht abschwört, um sich der Umtriebigkeit des Vergnügens hinzugeben? Wird der Verlust an schattigen Zonen überhaupt als Verlust bilanziert?
Ganz unspektakulär und mit erstaunlicher Aufgeschlossenheit hat sich das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main dieses unterbelichteten Themas angenommen und seine frisch renovierten Räume in fünf Schattenzonen aufgeteilt. Mit dieser Aufgliederung in fünf Themenbereiche eröffnet die Ausstellung einen unterhaltsamen Diskurs, aufklärend und differenzierend, als eine Schule der Wahrnehmung, die Wissenschaft zitiert und dabei keineswegs vergisst, dass Schatten auch immer Geheimnisse für Architekten und Fotografen bergen.
Die scheinbar vertraute Nähe zwischen Licht und Schatten macht es dem Besucher nicht leicht, seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Schatten zu lenken. Gewiss, die dunklen Straßenschluchten New Yorks gehören zum Weltbild einer Metropole, die langen Schatten im Stummfilm zur Kulturgeschichte des Kinos und die menschenleeren geheimnisvollen Plätze G. Chiricos mit den überlangen Schlagschatten zum surrealistischen Zwischenspiel der Moderne: Weltbilder aus dem Unterbewusstsein, die der Psyche des Menschen bisher verborgen blieben und Anlass boten, über die inneren Abgründe nachzudenken.
Auch davon berichten einige Beiträge im Katalog, der bewusst ein breites kulturelles Spektrum erschließt. Doch die eigentliche Aufklärung und Deutung betreibt die Fotografie, die sich unterschiedlichen Interpretationen von Gebäuden widmet. Für den Wissenschaftler erscheint es banal: Eine Welt ohne Schatten wäre eine Welt ohne Geheimnisse. Platons berühmtes Höhlengleichnis, das der Philosoph Roberto Casati gleichsam als Gedankenmodell in seinem Katalogbeitrag vorstellt, zeigt, dass es sinnvoll und von erkenntnistheoretischem Nutzen sein könnte, über die Unterschiede zwischen Wissen und Wahrnehmung nachzudenken. "Der Schatten hilft uns", so sein Resümee, "die Welt zu rekonstruieren".
Doch das Reich der Schatten hat seine eigene Logik. Schatten, so die Wissenschaft, ist objektiv nichts anderes als ein Mangel an Lichtmenge, was das Auge als ein Oberflächenphänomen registriert. Und obwohl der Schatten wie ein durchsichtiger Schleier auf der Oberfläche liegt, trägt er doch zum Verständnis der dreidimensionalen Welt bei. Als Zonen von geringerer Helligkeit schaffen Schatten somit eine Vorstellung von der Tiefe des Raumes.
Bereits in dem Begriff "Schattenexistenz" wird die Bindung zum Gegenstand deutlich: Seine Konturen umreißen den Körper, liegen wie eine durchsichtige Haut auf der Oberfläche, ohne jedoch die eigentliche Beschaffenheit wiederzugeben. Schatten beunruhigen; flach und körperlos verweisen sie auf das Vorhandensein eines Gegenstandes. Ihre Wirkung wird erst dann verständlich, wenn die Lichtquelle ermittelt und somit eine logische Abfolge sichtbar wird. Die Trinität aus Licht - Schatten - Körper ist für die Klassifizierung eines Gegenstandes wesentlich.
Mitunter sind es die Zeitzeichen, zum Beispiel eines stärker auf Ökologie ausgerichteten Bauwerkes, welche für die Veränderung im Stadtbild sorgen. Die Gebäude werden transparenter; Bauwerke aus Glas und Stahl haben die Massivbauten in den Hintergrund gedrängt. Das künstliche Licht hat seinen Siegeszug bis in die Intimsphäre fortgesetzt. Geblendet von transluzenten Schichten, werden nicht nur Fassaden, sondern auch Räume anders wahrgenommen. Die Raumbilder, die heute die Fotografen den Fachzeitschriften liefern, sind Projektionen von raffinierten Flächen und Texturen, die kaum noch Neugier auf die innere Organisation von Räumen wecken.
Der generelle Verlust von Schatten nivelliert nicht nur die Raumstruktur, er schwächt auch die Vorstellung von räumlicher Tiefe, die untrennbar mit dem Wechsel von Licht und Schattenzonen verbunden ist.
Die Bedeutung, welche die Schatten für historische Architekturentwürfe besitzen, werden nicht nur an den Architekturzeichnungen von Mies van der Rohe, Louis Kahn oder Raimund Abraham deutlich. Sie sind Anweisungen, wie wir räumliche Darstellungen zu lesen haben, eine Art Matrix räumlichen Denkens, welche für die Rezeption architekturgeschichtlicher Phänomene unerlässlich ist.
Das Verhältnis von Masse und Licht war für Louis Kahn ein zentrales Problem seiner Raumschöpfung. Sein Credo: Räume schaffen heißt zugleich Licht schaffen. Zerstört man das Licht, so zerstört man auch den Rhythmus, das heißt, die Musik des Raumes.
Dass die Bedeutung von Schatten von zeitgenössischen Architekten recht unterschiedlich kommentiert und interpretiert wird, belegt eine breite Skala von Fotos, die Rückschlüsse auf die Intentionen der Urheber zulassen. Auch die Architekten haben schnell gelernt, wie man die Hochglanzzeitschriften sachgerecht bedient, doch die geistige Auseinandersetzung mit der Architektur den visuellen Medien überlassen.
Unbestrittener Mittelpunkt der Ausstellung sind die großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Schweizer Fotografin Hélène Binet. Von Le Corbusiers Kloster La Tourette inspiriert, folgt sie beharrlich den Schatten langer, karger Klostergänge, zeichnet harte Schattenkanten auf den Bodenplatten, ist fasziniert von einem kleinen schwarzen Quadrat auf dem Balkon, das sich am Ende der klösterlichen Zelle befindet. Es ist die Zeit, die unendlich langsam über den rauen Putz der kleinen Betonkästen kriecht, ein Versuch der Fotografin, den Bau aus seiner geistigen Bestimmung heraus zu deuten.
Auch die berühmten astronomischen Bauten in Jantar Mantar (Indien), die Le Corbusier für seine plastischen Bauten auf dem indischen Subkontinent adaptierte, erscheinen auf den Fotos als fremdartige, autonome Objekte, deren Ausdruckskraft durch harte Schatten noch gesteigert wird. Ein Weltmodell der Astronomie und doch zugleich ein Riesenspielzeug, dessen steile Treppen als Rampen in den Himmel ragen - geozentrisch angelegt und doch auf die Tiefe des Kosmos ausgerichtet.
Das dritte Beispiel fotografischer Interpretationskunst kann das Niveau der anderen beiden Objekte nicht ganz erreichen. John Heyduks Sprachkunst mag poetisch und verführerisch sein, sein Wohnhaus mit den überdachten Balkonen in Berlin ist es sicher nicht. So steht das triviale Ergebnis des Hochhauses im scharfen Gegensatz zur Fotografin, die sich müht, den Fingerübungen eines Architekten zu folgen, dessen Inspiration mehr im Entwerfen denn im Bauen liegt.
Das vielleicht hintergründigste Spiel zwischen Realitätsfragmenten und Phantasien ist in einem großen abgedunkelten Raum zu finden: Auf einem langen niedrigen Tisch werden geometrische Körper als Bausteine über- und nebeneinander gelegt. Ein sparsames Licht beleuchtet Linien und Kanten - ein endloses Band voller Bildmagie, das höchst anschaulich den Mysterien der Schatten folgt, Raumbild und Körper geheimnisvoll verbindet. Die Schwere der Körper, die räumliche Nähe der Objekte, die dunklen Zwischenzonen und die harten Kanten: Hier wird an einfachen Körpern hohe Anschaulichkeit demonstriert. Eine Inszenierung, die Laien und Fachleute in das bildhafte Denken der Kindheit zurückversetzt, behutsam mahnt, dass es noch magische Dinge gibt, die unsere Phantasie beschäftigen.
Die eigentümliche Schwere dieses Ausstellungsraumes bildet ein korrigierendes Gegengewicht zu der bisweilen allzu leichtfertigen Ästhetik der Fotos, ermöglicht eine Denkpause für die eigene Vorstellung. Eine Zone in der Dämmerung, mit viel verstecktem Aufklärungspotential, ein Schattenreich, das den Traum um die dunkle Seite der Architektur nachhaltig bereichert.

Das Geheimnis des Schattens. Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt/Main noch bis 16. 06. 2002


00:00 31.05.2002

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