Des Wortes reiner Sinn

Globalisierung Robert Kurz untersucht das "Weltkapital"

Wie immer, wenn Robert Kurz ein neues Buch veröffentlicht, ruft es ebenso viele Befürworter wie Kritiker auf den Plan. Während ihn die einen als weltfremden Theoretiker abtun wollen, gibt es auch solche, die in ihm einen neuen Karl Marx herbeisehnen. Die Nürnberger Nachrichten jubilierten schon, mit dem aktuell erschienenen Weltkapital könnte dem Marx´schen Kapital eine Fortsetzung entstanden sein. Dass die Lücke des von Marx nicht mehr vollendeten vierten Teils des Kapitals, der "Darstellung des Verhältnisses von Nationalökonomie, Staat und Weltmarkt auf der Ebene des ›Kapitals im Allgemeinen‹", noch geschlossen werden muss, betont Kurz selbst.

Sein neues Buch zeigt, wie sich aus dem vermehrten Wegfall geschlossener Märkte ein transnationales Weltkapital entwickelte. Die konventionell übliche Investition in Arbeitskraft und Produktionsmittel trat im Zuge einer weltweit deutlich verstärkten Unternehmenskonkurrenz in den Hintergrund, die Spekulation mittels "entsubstanzialisiertem Kapital" (etwa in Hedge-Fonds) an der Börse nahm zu - Finanzwetten gleich, die in Sekunden über Aufstieg oder Ruin einer Firma entscheiden.

Kurz hebt sich in seiner Kritik vom Mainstream der Globalisierungsgegner insofern ab, als er auf der Ebene des kapitalistischen "Betriebssystems" selbst ansetzt. Er betrachtet sich als radikalen Kritiker der weltweiten wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Entwicklung einer neuen radikalen Systemkritik, "die über den zu Ende gegangenen traditionellen Marxismus hinausgehen muss", sei jedoch Bedingung. Kurz zeigt keine Scheu, auf´s Ganze zu gehen - in der Sache gibt er sich unerbittlich. Gleich zu Anfang rechnet er in einem gewagten Rundumschlag mit nahezu allen anderen Globalisierungskritikern ab, die aufgrund ihrer "mehrheitlichen Kritiklosigkeit hinsichtlich der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise als solcher" unweigerlich zu einer Gesellschaft beitragen würden, "die in einer Haltung völliger Distanzlosigkeit zu sich selber intellektuell erstarrt." Und weiter: "Weniger mit Kritikern als mit Hilfsschwestern und Pferdedoktoren am Krankenbett der Weltmarktwirtschaft haben wir es zu tun!"

Dass eine verkürzte Kapitalismuskritik das Gefahrenpotenzial einer Wiederbelebung antisemitischer Ressentiments in sich trage, jene Warnung ist eines seiner Hauptanliegen; es sei nur "ein kleiner Schritt von der Konstatierung der ›Macht des Geldes‹ zu der Identifizierung und Diffamierung einer ›jüdischen Clique von internationalen Bankiers‹." Als strukturellen Antisemitismus charakterisiert er also nicht etwa einen Judenhass, der von einer Gesellschaft bequem auf - nun einmal vorhandene - Abgründe der menschlichen Seele abgeschoben werden könne, sondern einen universellen, aus der individuellen Verarbeitung der vorherrschenden bürgerlich-demokratischen Ideologie selbst entsprungenen Antisemitismus: "Wer vom strukturellen Antisemitismus nicht sprechen will, soll hinfort vom Kapitalismus schweigen."

Natürlich muss es erlaubt sein, den Autor zu fragen, welche Alternativen er anzubieten hat. Zwar hofft er auf eine Weltgesellschaft, die jenseits von "abstrakter Arbeit und Geld, jenseits von Markt und Staat, Ökonomie und Politik, jenseits des geschlechtlichen Abspaltungsverhältnisses" funktioniert, deren konkrete Verwirklichung bleibt aber diffus; Gleiches trifft für die Alternative eines generellen "Bruchs mit dem modernen warenproduzierenden System als solchem" zu. Kurz unterstützend, könnte man Theodor W. Adorno zitieren - dieser antwortete einst in einem Spiegel-Interview auf die Frage: "Was soll man tun?": "Ich kann wirklich meist nur antworten: ›Ich weiß es nicht‹. Ich kann nur versuchen, rücksichtslos zu analysieren, was ist. Dabei wird mir vorgeworfen: Wenn du schon Kritik übst, dann bist du auch verpflichtet zu sagen, wie man´s besser machen soll. Und das allerdings halte ich für ein bürgerliches Vorurteil. Es hat sich unzählige Male in der Geschichte ereignet, daß gerade Werke, die rein theoretische Absichten verfolgen, das Bewußtsein und damit auch die gesellschaftliche Realität verändert haben." Ob Robert Kurz´ Analysen dazu taugen, zu einer bewusstseinsverändernden Kehrtwende - und damit auch zu einer Veränderung der Gesellschaft - beizutragen, muss sich erweisen. Es bezeugt freilich den Traum von einer Globalisierung im reinen Sinne des Wortes: Eine Welt, in der gemeinschaftlich und rücksichtsvoll gehandelt wird.

Robert Kurz, Das Weltkapital. Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems. Edition Tiamat, Verlag Klaus Bittermann, Berlin 2005,
18 EUR


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00:00 03.03.2006

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